Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 41 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 IÜD1SCHE ZEITUNG. Seite 3 eigene inbegriffen, freizugeben, nicht gangbar erscheine. Er könne sich aber dem Vorwurf nicht aussetzen, „Wahlghetti“ geschaffen zu haben. Damit war die Aauienz zu Ende. * * * Memorandum. An seine Exzellenz den Herrn Minister des Innern. Im Namen des „jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“ als politischer Vereinigung aller zionistischen Organisationen West-Oesterreichs erlauben sich die Gefertigten in Sachen der für den Landtag. der Bukowina, vorgeschlagenen, jüdischen WahLkurie nachstehendes Memorandum zu überreichen. Seit der letzten Wahlbewegung datiert der Ruf der jüdischen Wählermassen, insbesondere in Galizien und der Bukowina, nach Erlösung aus dem beängstigenden Kampfgewühl der verschiedenen nationalen Parteien durch Schaffung jüdischer Wählerkreise. Die Juden? in ihrer erdrückenden Mehrheit die treuesten Staatsbürger, haben als feststehende' Tradition die Erkenntnis erworben, daß die nationalen Kämpfe auf ihrem Rücken ausgefochten werden und daß die Formen dieser Kämpfe umso unleidlicher werden, je bedeutsamer es den nationalen Parteien erscheint, jüdische Wähler zu gewinnen. Daher das Drängen der jüdischen Wählermassen nach einem Zustand, der es ihnen erlaubt, ohne Einflußnahme auf die Interessensphäre anderer Nationen ihre eigenen politischen Rechte ausüben zu können. Dazu kommF noch, das einzelne Juden in diversen nationalen Lagern stehend mit Rücksicht auf ihre nationale Zugehörigkeit Anfechtungen ausgesetzt sind, welche sie durch überlaute Betonung des nationalen Bekenntnisses zu entkräften suchen. Daher rührt es, daß — während die jüdische Masse insbesondere in nationalen Dingen am reserviertesten sich verhält — einzelne jüdische Individuen an der Spitze des nationalen Chauvinismus schreiten und zu nationalen Exzessen Anlaß geben, an deren Folgen in erster Linie wir Juden und nicht zu allerletzt das allgemeine Staatswohl zu leiden haben. Das hier Gesagte gilt, wenn möglich in noch höherem Maße, für die in jüdischen Händen befindliche fremdnationale Presse; durch schmetternde Fanfaren eines blindwütigen nationalen Furors sucht sie ihre vielfach angezweifelte Legitimation als Führerin im Streite zu erweisen. Diese Umstände haben sämtliche politische Kreise in der Bukowina dazu geführt, anläßlich der bevorstehenden Aenderung der Wahlordnung für den Landtag auch den Juden eine nationale Kurie einzuräumen um so den Juden im Wege Rechtens zu gewähren, was dieselben via facti schon lange besessen haben. Da nämlich die Juden als ausschließliche Städtebewohner bisher immer mit den gleichfalls lediglich die Städte bewohnenden Deutschen im Lande zusammen gewählt und sich mit denselben über den Aufteilungsschlüssel bezüglich der Mandate jederzeit geeinigt hatten, so wurde an der Hand des bisherigen Zustandes bald eine Einigung über die beiden Gruppen einzuräumende Mandatsanzahl herbeigeführt, während die letzte Auseinandersetzung zwischen den Interessenten den Unterhandlungen bis zum Zusammentritt des Landtages Vorbehalten blieb. Jedoch kurz vor Festsetzung des ewigen Landfriedens für das Land Bukowina erschollen die bekannten Fanfaren: die national-chauvinistische Presseverkündet, die Regierung wolle der Gesetzwerdung durch Verweigerung der Vorlage zur allerhöchsten „Wir leben hier in der Fremde“, begann er. „Sehen Sie, ich bin sehr gesellschaftlich und habe keinen Verkehr“. Wissen Sie warum? Weil die galizischen Juden zerstreut sind. . . Ich habe mir aber vorgenommen die Galizianer zu organisieren. Schauen Sie sich die russischen Juden an! Die haben ihre Vereine und wenn einem Russen etwas fehlt, wird er unterstützt. Wer tut etwas für mich, wenn ich hungere? Nun sehen Sie einmal: Wenn der Verein gegründet wird, habe ich Beschäftigung. Ich werde Sekretär dieses Vereines sein. Später werden wir ein Jargonblatt herausgeben und ich werde für dieses Blatt schreiben. . . Als Wieseltier sah, daß ich seine Worte nicht ernst nehme, wurde er erregt. „Sie glauben nicht, daß es mir gelingen wird“? schrie er. „Ich bin nur ein kleiner Israel, aber Sie sollen sehen, daß ich es durchsetzen werde. Ueber alle großen Männer wurde zuerst gelacht und gespottet. . .“ Als er eines Tages vor einer Gruppe galizischer Studenten sein Programm entwarf, gab es eine unliebsame Szene. Der Student Markus Grünbaum nannte ihn einen Egoisten, dem es nicht um das Wohl der galizischen Juden, sondern um seine Versorgung zu tun war. „Das fehlte noch, daß wir in unseren Reihen Parasiten großziehen“, rief ihm Grünbaum zu. Sanktion ein unübersteigbares Hindernis bereiten. Obgleich der Weisheit einer hohen Regierung ein solches herostratisches Beginnen nur zumuten kann, wer geneigt ist anzunehmen, eine kaiserliche, königliche Regierung habe als ihren Wahlspruch die Devise erwählt, alle zentrifugalen Kräfte des Staates zu entfesseln und einen Kampf aller wider alle entbrennen zu lassen, drängt uns die rege Besorgnis und berechtigte Herzensangst weiter Kreise unserer Volksgenossen dazu, den Versuch einer Verwirrung der öffentlichen Meinung und einer Verleitung der öffentlichen Gewalten schon im Keime zu ersticken. Nicht vergeblich haben die Hunderttausende unserer Volksgenossen mit ihren in diesem Hause niedergelegten Unterschriften dokumentiert und dann durch Entsendung der mit zirka 40000 jüdischer Stimmen in den Reichsrat gewählten Abgeordneten laut verkündet, daß sie nicht mehr Spielball und Zankapfel aller Parteien sein wollen und sich berufen fühlen, unter eigener Flagge an dem Wohle des Staates und des eigenen Volkes mitzuwirken. Speziell in der Bukowina war es der politischen Haltung der Juden zu danken, daß keine Nation im Lande ein wesentliches Uebergewicht über die anderen erhielt; so haben es die Juden als mäßigendes Element bewirkt, daß in dem Lande, in welchem auf dem kleinsten Räume die größte Anzahl verschiedener und nicht geradezu friedfertiger Nationalitäten wohnt, diese im ungetrübtesten und dauerhaftesten Frieden miteinander gelebt haben. Diese auf österreichischem Boden ungewohnte und mehrfach von allerhöchster Stelle als Muster hingestellte Idylle sollte eine hohe Regierung zu stören gewillt sein in einer Weise, die nicht nur allen Begriffen des Rechtes, sondern auch allen Forderungen politischer Vernunft geradezu Hohn sprechen würde? Denn während jeder polnische oder rumänisch fühlende Jude der Bukowina sich als vergewaltigt fühlen müßte, wenn er, wie verlautet, zwangsweise der deutschen Volksgemeinschaft zugesellt würde, wäre dem jüdischen Volksganzen im Lande ein Existenzkampf um die primitivsten politischen Rechte aufgezwungen, dessen Konsequenzen weder für 'das Land noch für den Gesamtstaat förderlich sein könnten. Angesichts so wichtiger politischer und Staatsfragen wird wohl die Erörterung des Problems, ob die Juden auf Anerkennung als Nationalität im allgemeinen Anspruch machen können, kaum einen nennenswerten Raum einnehmen. Wer die jüdischen Massen im Osten kennt, wird diese Frage überhaupt nicht verstehen, denn ein Versuch, die Juden des Ostens dem deutschen oder rumänischen, ruthenischen oder polnischen Volke anzugliedern, würde in den betreffenden Ländern bloß ein herzliches Lachen auslösen. Allein sogar die dünne Schicht der jüdischen Intelligenz, speziell in der Bukowina, hat die Frage nach ihrer nationalen Existenz bejaht, wie dies die akademischen Behörden in Czemowitz zu erhärten vollauf Gelegenheit hatten. Schließlich vermag kein Argument die nationale Sonderstellung der Juden im Lande Bukowina sicherer zu erweisen als der Inhalt des dem Landtage demnächst zur Beratung vorzulegenden Wahlgesetzentwurfes. welcher im Einvernehmen mit allen Parteien die jüdische Kurie geschaffen hat. Die Juden sind in Galizien und in der Bukowina seit altersher ansäßig und wo die ältesten Dokumente der politischen Existenz dieser Länder Erwähnung tun, wissen sie auch vom Wirken und Leiden unseres Volkes zu erzählen. Sicher steht fest, daß das jüdische Volk in verhältnismäßig großer Zahl diese Länder besiedelt hat in dem Zeitpunkt, als das Banner unserer ruhmreichen Monarchie auf diesem Boden aufgepflanzt worden war. Die Juden haben für und für zu Nutz und Frommen dieser Länder, des Gesamtstaates und Wieseltier suchte sich gegen diesen Vorwurf zu verteitigen. „Soll ich verhungern, weil Sie keine Parasiten großziehen wollen“? schrie er im Eifer. „Was schadet es Ihnen, wenn ich dabei mein Auskommen finde? Wie lange kann man denn kämpfen? Man ist ja nur ein Mensch.“ Er ließ sich von niemand einschüchtern und teilte jedem, der es hören wollte, seinen Plan mit Mit der Zeit erlangte er die Fähigkeit aus Gesichtern und Namen Landsleute zu erkennen und kein Galizianer hatte jetzt Ruhe von ihm. Endlich war er soweit, daß er die konstituierende Versammlung einberufen konnte. . . Nachtigall hatte für dür den Abend auch sein Wohnzimmer zur Verfügung gestellt, aber das „Frühstückzimmer“ genügte vollkommen, denn es stellten sich nur sehr wenige Teilnehmer ein. Da waren einige Hausierer und einige Handwerker, ein halbes Dutzend Srudenten und einige Handlungsgehilfen — im Ganzen kaum 30 Personen. Wieseltier ging aus und ein und begrüßte die Ankommenden. Bald reichte er einen Bekannten die Hand, bald klopfte er einem anderen vertraulich auf die Schulter, als wenn er sagen wollte: „Nun ist er da der große Tag“! Ihn genierte die kleine Zahl der Anwesenden nicht. Zur festgesetzten Stunde, zog er seine Rede, die „an die galizischen der Dynastre gewirkt. Sie hoifen, daß dies nicht zu ihren Ungunsten in die Wagschale geworfen wird in dem schicksalsschweren Momente, da es die Aufrabe dieser hohen Regierung ist, den im Landtag der Bukowina beschlossenen Gesetzentwurf, der auch eine jüdische Kurie enthält, der allerhöchsten Sanktion zu unterbreiten. (Folgen die Unterschriften.) * * Nachrichten aus der Bukowina. Jüdische Volksversammlung in Sadagora. Vor einer mehr als tausendköpfigen Versammlung, die Sonntag, den 3. d. in Sadagora unter freiem Himmel stattfand, erstattete Abg. Dr. Strauc h er den Rechenschaftsbericht über seine parlamentarische Tätigkeit und referierte unetr stümischem Beifall eingehend über die;Landtagswahlreform. Als zweiter Referent sprach Gg. Dr K a ß n e r, der die triste Lage der Bukowiner Judenschaft schilderte und die Maßnahmen zur Behebung der judennot des Landes darlegte. Nach einer inhaltsreichen jüdischen Ansprache des Gg. Löbel Taubes wurden mehrere Resolutionen angenommen, die den jüdischen Kataster verlangen, dem Abg. Dr. Straucher Dank und Vertrauen votierten, den Abg. Kuranda und Loewenstein die Entrüstung und das Mißtrauen aussprachen und die ruthenischen Verbündeten zur Unterstützung der Juden aufforderten. * * * Der Jüdische Nationalverein in Czernowitz. Der Jüdische Nationalverein in Czernowitz hielt Sonntag, den 3. d. seine Generalversammlung ab, welche einen schönen Verlauf nahm. Selbstredend ist unter den verschiedenen politischen Fragen auch die Reform der Landtags-Wahlordnung zur Sprache gekommen. Der Nationalverein billigte alle vom Dr. Straucher unternommenen Schritte und forderte zu energischem Vorgehen auf. Die Wahlen in die Vereinsleitung ergaben folgendes Resultat: Obmann: Dr. Straucher Stellvertreter: Dr. Max Diamant und Dr. Berthold Frucht; Schriftführer: Oberoffizial Georg Haller und Dr. S. Kassner; Kassier: Herr Max Seidmann. Außerdem wurden in den Vorstand gewählt: Dr. Ch. Kuisbrunner, Redakteur L. Taubes, Kultusrat Moses Oehlgiesserund Advokat Dr. Fischer. * * * Delegiertentag der BukowinaerKultusgemeinden. Sonntag den 10. d. findet im jüdischen Nationalhause zu Czernowitz eine Versammlung von Delegierten aller Bukowinaer jüdischen Kultusgemeinden zur Beratung gemeinsamer national-jüdischer Angelegenheiten statt. Von der Woche. Der abgeänderte Entwurf. Der Entwurf der Landtagswahlordnung für die Bukowina, der die gesonderte jüdische Kurie enthielt, ist bereits abgeändert und soll schon dieser Tage von der Zentralregierung herablangen. Der Permanenzausschuß des Landtages wird sogleich Juden Wiens“ gerichtet war, aus der Tasche und begann zu lesen. Erst sprach er mit zitternder Stimme; dann wurde er mutiger und sparte keine Töne. Er seufzte und weinte. Bei manchen Worten konnte er die Augen rollen und seine Stimme wurde drohend. Wenn er hebräische Sätze zitierte, blickte er triumphierend auf seine Zuhörer. . . Er wurde immer begeisterter, je länger er sprach. Die Rede enthielt alles, was Wieseltier sonst im Gespräche vorzubringen pflegte. Kein Zwischenruf störte ihn, und als er geendet, lohnte ihn reicher Beifall. Die Diskussion begann und einige junge Leute meldeten sich zum Wort. Im Ganzen und Großen hatte Wieseltier einen Erfolg zu verzeichnen — aber aus der Vereinsgründung wurde vorläufig nichts. Man beschloß einen politischen Diskussionsabend zu gründen und an zwei bestimmten Tagen in der Woche bei Nachtigall zusammenzukommen. . . * * Mit dem Frühstückszimmer“ ging jetzt eine große Veränderung vor. Es kamen viele junge Leute und sie saßen bis spät in die Nacht beisammen. Man sprach über nationale Erziehung und über die Zukunft des jüdischen Volkes. Es fanden Vorträge über hebräische Literatur und über die Kolonisation Palästinas statt. Wo es sich um den Glauben han-