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Jüdische Zeitung · 1909-10-01 · 40 (1.10.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 40 ist ja begreiflich, daß der Sammeleifer für den populären Nationalfonds leichter ahgefacht werden kann, als für eine Pärteisteuer, die, bei uns wie in allen anderen Parteien, nur wenige begeistert entrichten. Aber es muß der Masse der Zionisten durch ihre Führer begreiflich gemacht werden, wie wichtig bei uns Juden das organisatorische Moment ist Der Zionismus will schaffen, was dem jüdischen Volke zu einem normalen Leben fehlt — die Organisierung ist dazu nicht nur ein Mittel, sondern sie hat auch einen selbständigen Wert. Im Judentum führt die Differenzierung bis zur Zersplitterung, die Individualisierung bis zur Uneinigkeit. Juden zu organisieren ist daher eine schwere Aufgabe. Sie ist aber die wichtigste: Denn erst muß durch Zusammenschluß aus den Einzelkräften die Volkskraft zusammengeschweißt werden, ehe sie nutzbringende Arbeit verrichten kann. Die Schekelorganisation ist eine so wenig starre, eine so lose, daß es nicht schwer sein kann, auch das bis zur Unmöglichkeit differenzierte jüdische Volk mit ihr zu umspannen. Jeder Zionist führe sich die Wichtigkeit der Organisierungsarbeit vor Augen und er wird zum eifrigen Schekelsammler werden. Parteinachrichten. Die .politische Lage der österreichischen Juden. ' Ueber dieses Thema referierte Gg. Dr. Hermann Kadisch, Montag den 27. d., in einer im III. Wiener Gemeindebezirken abgehaltenen Versammlung deS jüdischen Nationalvereines.;' Einen großen Teil der Ausführungen des Referenten und der Redner, die sich an der Diskussion beteiligten, war dem Wahlreformentwurfe für den Bukowinaer Landtag gewidmet In scharfen Ausdrücken wurde die volksverräterische Haltung der assimilatorischen Abgeordneten Kuranda und Löwenstein gebrandtmarkt, sowie die ruchlosen Intriguen der „Neuen Freien PreSse“ in dieser Frage gegeisselt. Auch die ' unsinnigen, von totaler Unkenntnis und seniler Borniertheit zeugenden Ausführungen des volks- und lebensfremden Herrenhäuslers Gomperz, der in der anmaßenden Weise eines von seinem Volke längst losgelösten egoistischen Millionärs zum jüdischen Kataster „Stellung genommen“, fanden gebührende Verurteilung. Zum Schlüsse wurde folgende .Resolutian einstimmig angenommen und die Abhaltung von mehreren großen Versammlungen, die sich mit dem Bukowinaer Wahlreformentwurf befassen werden, angekündigt. Die Resolution lautet: Die heutige Versammlung erklärt einhellig, daß die angestrebte Reform des Landtagswahlxechtes in der Bukowina, nach welcher die Juden als Nation eine selbständige Vertretung auf nationaler Grundlage gesichert werden soll, die -einzige Lösung darstellt, welche der Gerechtigkeit und dem tatsächlichen Bedürfnissen der Juden ■entspricht * * * Reichsratsabgeordneter Dr. Mahler vor seinen Wählern. Am Anfänge des Monates September hat Abgeordneter Dr. Mahler in einigen Orten seines Wahlkreises, wie Trembowla, Jagielnica und Czort- •kow, Wählerversammlungen, respektive Vertrauens- •männerversamtnlungen abgehalten. In Trembowla wurde der als 1 ‘/.stündige Rechenschaftsbericht mit lebhaftem Beifall zur Kenntnis genommen und auf Antrag des Vorsitzenden dem Abgeordneten und dem gesamten jüdischen Klub Dank und unbedingtes Vertrauen votiert — In Jagielnica gestaltete sich die Anwesenheit des Abgeordneten zu einer gemeinsamen und imposanten Kundgebung der Ruthenen und Juden. — In Czortkow wurde eine Vertrauensmännerversammlung abgehalten. Von Czortkow aus begab sich Abg. Dr. Mahler nach Suczawa und Radautz, wo an zwei aufeinanderfolgenden Tagen große Versammlungen stattfanden. * * * Unser treuer Gg. Arthur Ottenfeld, Tierarzt in Zacha bei Prag, ist vor einigen Tagen im Alter von 30 Jahren gestorben. Der Verblichene war einer der. ersten Zionisten in Böhmen und hat viele Ortsgruppen ins Leben gerufen. Hervorgehöben sei, daß ihm der 'erste Zionverein in Karlsbad sein Dasein verdankt ,Gg. Ottenfeld war Mitglied der Wiener „Libanonia“, die er seinerzeit in eine zionistische Verbindung umwandelte. Die Partei wird dem Verstorbenen ein dankbares Angedenken bewahren 1 _'! Der Fortschritt in Mähren. Mit welchem Erfolge die jungjüdische Aufklärungsarbeit, wenn sie systematisch in Wort und Schrift ■ betrieben wird, werben kann und daß sie gerade in den gemischtsprachigen Gebieten der Monarchie — angesichts des zunehmenden Nationalitätenhaders und ,Antisemitismus — notwendig ist, haben die letzten sechs Versammlungen des „Jüdischen Nationalverjeins“ in Mähren“ bewiesen. Die Juden; .die durch die politische Entwicklung in Oesterreich gezwungen wurden, sich allmählich von den' fremdnationalen Parteien zurückzuziehen und derzeit parteiobdachlos sind, können und müssen gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte durch eine ununterbrochene Agitationsarbeit auf Grund eines jüdisch-demokratischen und sozialösterreichischen Programms gewonnen und durch den „Jüdischen Nationalerem“ organisiert werden. Die so organisierten Juden werden auch von den fremdnationalen Parteien deutscherund tschechischer Nationalität als keine quantite negligeabel, sondern bei entsprechender Aufklärung als willkommener Bundesgenosse betrachtet werden. Und auch dafür lieferten die Versammlungen des „Jüdischen- Nationalvereines“ in Mähren, besonders die in Prerau und Ung.- Brod glänzende Beweise.; Die anwesenden Tschechen aller Parteischattierungen (mit Ausnahme vereinzelter tschechischradikaler Chauvinisten) begrüßten äußerst sympatisch das jungjüdische Programm und knüpften daran den einen Wunsch: die Juden mögen in der Zukunft mehr als bisher der tschechischenSprache sich bedienen undihre Kinder auch in dieser unterrichten lassen. Eih Wunsch, der recht und billig ist, sieh mit der Pflege^ der deutschen Sprache sehr ■wohl vereinbaren läßt und das jüdischnatiönaleGlaubensbekenntnisinkeinerlei W e i s e t a n g i e!r t. “ Dieses selbst würde von keiner Seite angegriffen. Selbst die „Lidowe Noviny“, das Organ des Abg. Dr. Stränsky, wußte gegen die vom ^jüdischen Nationalverein“ in B i s e n z abgehaltene Versammlung und die dort vorgebrachten Beweise für die Richtigkeit* des jungjüdischen Programms nichts vorzubringen.. Die „Lidowe Noviny“ verschwieg daher ' den Namen des „Jüdischen Nationalvereins“, des-Referenten und die in Bisenz gehaltenen Reden, "um sich damit zu begnügen, ihren Lesern mitzuteilen, die deutschen Juden hätten im tschechischen Bisenz eine die Tschechen beschimpfende Versammlung abgehalten, während in der Tat dieser verlogene Bericht nur die Bemäntelung des skandalösen Exzesses war, der sich in der Zertrümmerung von — Fensterscheiben äußerte. Eine treffende Wiederlegung dieser von den Chauvinisten aller Zungen beliebten Methode der Berichterstattung enthielt der „Rovnost“, des Organes der tchechischen Sozialdemokraten, die sich auch in Prerau sehr konziliant verhielten und durch deren Intervention dort die Abhaltung eines deutschen Referates ermöglicht wurde, welches ein tschechischnational-sozialer Chauvinist als eine Provokation im tschechischen’Prerau erklärte! Immer und überall zeigt es sich, daß nicht die Massen des jüdischen Volkes oder der anderen Nationalitäten, sondern nur die Assimilanten sowie jene fremdnationalen Chauvinisten unsere Gegner sind, deren Bundesgenossen in den meisten Fällen die Assimilanten bilden. Der Chauvinismus ist unser Hauptfeind, der Chauvinismus, der bei allen Völkern der Monarchie den Antisemitismus züchtetund nährt,im „deutschen“LeipnikunserePlakate herunterreißt, im „tschechischen“ Prerau ein deutsches Referat verhindern will und im „tschechischen“ Bisenz den Mob zum Einschlagen der Fensterscheiben des Vereinslokales mobilisiert. Das nationale Pfaffentum aller Zungen, welches den hehren nationalen Gedanken prostituiert, das nationale Gefühl in die abscheuliche Fratze des nationalen Fanatismus und Bestialismus entstellt, ist nicht besse sondern ärger als das klerikale. Gleich ihm huldigt es der mittelalterlichen Devise: Cuius regio, illius religio. Das Majoritätsprinzip, das an und für sich ein reaktionäres ist und die Vergewaltigung der Minoritäten bedeutet, kann in nationaler Hinsicht keine Anwendung finden, am wenigsten im Völkerreiche Oesterreich. Dieses Staatswesen schließt vollkommen seiner ganzen, Existenzbedingung, sowie seiner Existenzberechtigung das nationale Herrschaftprinzip aus, welchesder-Ursprung und die nie versiegende Quelle aller staatsrechtlich - nationalen-Kämpfe im Donaureiche bildet. Dieses Prinzip, welches mit der unnatürlichen Zweiteilung des Reiches begann und immer nur mit zwei Reichshälften statt zehn Völkern rechnet, die Volksinteressen, denen der Länder unterordnet, von deutschen, tschechischen, polnischen, italienischen und magyarischen. Städten und Ländern faselt, mit vollständiger Ignorierung der anderssprachigen Minoritäten, ist für diese im allgemeinen und für dieJuden insbesondere, die überall eine Minorität bilden, unakzeptabel. Diese pseudonationale Politik führt dazu, daß man in Prag die Deutschen, in Wien die Tschechen, in Lemberg die Ruthenen, in Graz und Triest die Slowenen, in Ungarn gar alle Nichtmagyaren, überüllaber diejudenlür „Gäste“ erklärt, als heimatlose Fremdlinge und Staatsbürger 2. und 3. Klasse betrachtet. Gegen diese reichsfeindliche, freiheits- und kulturmörderische Politik, die zur Schließung des böhmischen Landtages ebenso wie zur akuten jetzigen Krise in Zis- und Transleithanien führte, muß auf der ganzen Linie mit der Devise der nationalen Auton o m i e der Kampf eröffnet werden. In Mähren begann man zwar die nationale Autonomie zu verwirklichen, man blieb aber - auf halbem Wege stehen und ging einfach über die jüdische Nation zur Tagesordnung über, so daß uusere mährischen Brüder politisch vollkommen kalt gestellt sind und jeder wirklichen jüdischen Vertretung ermangeln. Aber gerade diese gewaltsame Erdrosselung der bewußt jüdischen Politik hat den mährischen Juden die Augen geöffnet. Es s. ist ^symptonjäjjsch,. daß an' dem Tage des. Massenaufmarsches, der deutschen und tschechischen Nationalen nachUnterthemenau (bei Lundenburg) das Gros der Juden weder da, doch dort teilnähmen, sondern im „J üdischen Nationalverein“ in Lundenburg massenhaft erschienen. Es geht also vorwärts in Mähren, hoffentlich bald in Gesamtösterreich! Dr. K. Aus dem jüdischen Leben. Folgen der Taufbewegung. Die in jüngster Zeit in auffallender Weise zunehmende Taüfbewegung unter den Juden Rußlandshat, wie aus Petersburg berichtet wird, eine ganz, eigenartige soziale Notlage der jüdischen Frauen, gezeitigt. Sehr häufig kommt nämlich der Fall vor,, daß, wenn ein verheirateter Jude zum Christentum Übertritt, die Frau ihm nicht in den neuen Glauben folgen will, sondern dem Judentum treu bleibt. Bis vor kurzem pflegte nun der russische Synod in solchen Fällen selbst darauf zu achten, daß ein Verheirateter jude nur dann in die russischorthodoxe Kirche aufgenommen werde, wenn er seiner im Judentum gebliebenen Frau den in jüdischen Gesetzen vorgeschriebenen Scheidebrief überreicht hatte. Vor kurzem erließ nun der Heilige Synod eine Verordnung, wonach verheiratete Juden ohne Rücksicht auf das Schicksal ihrer jüdischen Ehegattinnen in die russische Kirche aufgenommen und ihnen die Bewilligung zur Eheschließung mit einer Christin auch ohne vorherige rituelle Scheidung von der jüdischen Frau erteilt werden kann. „Die Angelegenheit der jüdischen Frau“, heißt es lakonisch, „haben die Rabbiner zu ordnen.“ Die Rabbiner können aber nichts „ordnen“, da sie an die Vorschriften der jüdischen Ehegesetze gebunden sind und einer solchen unglücklichen Frau nur nach vorangegangener ritueller Scheidung die Bewilligung zu einer zweiten Ehe erteilen dürfen. Auf diese Weise wird die „Verlassene“ eines solchen gewissenlosen Täuflings dem größten Elend, oft auch der Schände preisgegeben. Abgesehen hiervon, ergreift ein solch treuloses Individuum gerne die

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