Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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ONr.i*) :inüD'iS6Hif!2erröNG. Seite 5 eine schädlicheUtopie ist, die die jüdischen Volksmassen von den wahren historischen Ursachen ihrer Not ablenkt. Das jüdische Freiland — als Endziel und die Selbstätigkeit des jüdischen Volkes — als Mittel, — das ist in. E. der einzige Weg der galizischen, wie der allgemeinen Judennot ein Ende zu machen. Heine im Grabe spricht: Hammonia, du schöne Stadt An der lieben Nordseeküste, Wie hast Du Deinen Sänger blamiert! Du magst nicht meine Büste. Es ist bei Dir wohl ein Prinzip, Und trifft nicht mich alleine, Denn Deine Töchter und Jungfräulein, Ach Gott, auch sie haben keine! 0, Herr Senator Don Quichotte, O, Bürger Sancho Pansa, Ist das der alte, freie Geist Der alten, freien Hansa? Seit wann ist Hamburg so devot Und handelt nur mit stillem, Ergebenem Untertanenverstand Genau nach Gottes Willem?*) Der Deutsche will die Juden nicht Und nennt sie Hunde und Säue, Doch ihre Lieder singt er gern — Das nennt man germanische Treue. Mein guter Campe bleibt allein Als Gönner der schönen Künste — Er hat an mir genug verdient, Drum würdigt er meine Verdienste. Doch ein Gedanke tröstet mich Und freut mich immer wieder — Sie haben ihre Siegesallee Und ich mein Buch der Lied er. Drum dreh’ ich mich im Grabe um, Doch keineswegs vor Schrecken — Jetzt kann mich der ganze Hamburger Senat Nie mehr aus dem Schlafe wecken! Beda. Der neunte Kongreß. Von Adolf Böhm, Wien. I. Programm und Leitung. Die wichtigsten Fragen, welche den nächsten Kongreß beschäftigen werden, sind in diesen Blättern schon von verschiedenen Seiten erörtert worden. In nachfolgenden Zeilen will ich mich bemühen, möglichst objektiv über den Stand dieser Fragen zu referieren und anschließend meinen Standpunkt zu entwickeln. 1. Programm. Von einer Seite wird behauptet, das Baseler Programm sei nicht mehr zeitgemäß, die Forderung einer „öffentlich-rechtlich“ gesicherten Heimstätte könnte von der Türkei als eine Bestrebung angesehen werden, die auf eine Lostrennung eines ihrer Teile abzielt. Eine solche Auffassung wird ihr von den jüdischen Assimilanten ihres eigenen Landes, insbesondere den jüdisch-türkischen Abgeordneten, und jenen des Auslands, vor allem den Häuptern der Alliance, Leven und Goldberger, suggeriert. Speziell sei Punkt 4 der Erläuterungen zum Baseler Programm, der von der Einholung der Zustimmung der Großmächte handelt, gefährlich und zu streichen. Pasmanik geht so weit, daß er das Programm völlig ändern und an seine Stelle setzen will: „Der Zionismus erstrebt die *) ER von Gottes Gnaden. soziale und kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina.“ Dagegen sind andere Gruppen, vor allem die deutsche Landsmannschaft, unbedingt für strikte Aufrechthaltung des Programmes, da nach ihrer Auffassung mit dem Begriffe der Autonomie der Zionismus stehe und falle. Ohne diese wäre er nichts anderes als eine Kolonisationsbewegung, wie jene der Assimilanten. Ich glaube, in der Verschiedenheit der Auffassung zeigt sich neuerlich der Unterschied von Ost und West. Die Westjuden legen das Hauptgewicht auf die formalen Rechtsverhältnisse, den Ostjuden ist das innere jüdische Leben die Hauptsache. Ich kann mich der deutschen Auffassung nicht anschließen und halte die Einwendungen gegen die Pasmaniksche Formel für unrichtig. In dieser ist ja das nationale Moment enthalten. Es gibt nichts national Höheres als die nationale Renaissance. Selbst die politische Autonomie kann als eines der Mittel, welche zu dieser nötig sind, darunter subsummiert werden, genau so wie umgekehrt im Begriffe der gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk die Vorstellung eines freien nationalen Lebens eingeschlossen liegt. Ich glaube, daß wir das Baseler Programm, und zwar nur den Satz von der Heimstätte, beibehalten können. Die „Erläuterungen“ sind laut § 1 des Organisationsstatutes ohnehin kein integrierender Bestandteil des Programms. Denn in dem „öffentlich-rechtlich“ liegt a priori noch kein Angriff gegen die Integrität der Türkei, da eine nationale Autonomie und — sobald wir eine überwiegende Volkszahl in Palästina haben werden — selbst eine territoriale Autonomie nur im Wege des innertürkischen „öffentlichen Rechtes“, d. h. des türkischen Staatsrechtes, gewährt werden kann. Um aber andere gewiß auch herauszulesende Deutungen unmöglich zu machen, ist es unbedingt nötig, daß der Kongreß deklariere, der Zionismus strebe seine.Ziele nur im Rahmen des integren türkischen Reiches an. Das ist nicht nur erforderlich, um in der Türkei jedes Mißtrauen gegen uns zu beseitigen, sondern auch, um den Assimilanten jede weitere Denunziation unmöglich zu machen. 2. Leitung. Noch mehr als überdas Programm schwanken die Ansichten über die Leitung. Soweit das Palästinaressort in Frage kommt, gibt es nur eine Stimme des Lobes, aber über die Zentralleitung in Köln differieren die Meinungen ganz beträchtlich. Der eine Teil der Organisation, vor allem England, dann Deutschland sowie auch das nordwestliche Oesterreich (Böhmen und Mähren) sind mit der Kölner Zentralleitung sehr zufrieden, der andere Teil, und zwar vornehmlich der Osten, Galizien, Rußland und zum Teil auch Wien, ist es nicht. Um kein Mißverständnis hervorzurufen, betone ich: Es fällt niemand ein, die Verdienste Wolffsohns, seine tiefinnerste zionistische Ueberzeugung und sein redliches Streben anzuzweifeln. Unbestritten ist vor allem sein Verdienst, der Bewegung über die schreckliche, chaotische Zeit vom siebenten bis zum achten Kongreß hinübergeholfen zu haben, wie es kaum ein anderer vermocht hätte. Aber es handelt sich nicht um Personen, sondern um das System. Die westlichen Gesinnungsgenossen haben die Leitung monopolisiert und sie wird jetzt nach ihrem Sinne geführt: in der Form bureaukratisch-absolutistiscb, dem Inhalt nach erschöpft sie sich in einer Fortsetzung der diplomatischen Methode. Dadurch ist nach Ansicht der Ostjuden jedes innere Leben aus der Bewegung geschwunden, kein Strom der Wechselwirkung flutet zwischen der Leitung und den jüdischen Massen, all die Probleme der inneren Lage der Ostjuden — man denke nur an die Migrationsfrage — lösen bei der Leitung keine Aktion aus. Sie müßte aber in allen jüdischen Volksfragen die Führung übernehmen, der Zionismus müßte überall als Sachwalter des jüdischen Volkes auftreten, dann würde er reißenden Anhang finden, dort, wo es noch jüdische Massen und jüdisches Leben gibt. Indes geht gerade dort die Organisation unleugbar zurück, während zur selben Zeit der Nationalfonds infolge seiner selbständigen, tüchtigen Leitung gerade aus dem Osten die größten Summen zieht. Die Verlegung der Zentralleitung und der Sitzungen des AC. nach Köln, des Kongresses in den extremsten Westen (Haag, Hamburg) gegen die Proteste von Wien, Galizien und Rußland, all das wirkt ausschaltend auf den Einfluß der Ostjuden. Ich halte die einseitige Regierung des Zionismus nach den Bedürfnissen und Anschauungen der Westjuden für einen Selbstmord der Bewegung. Für mich ist die Frage der Leitung keine Personenfrage, sondern das Problem, wie die Anschauungen und Bedürfnisse der Ostjuden in der zionistischen Bewegung wieder zur Geltung gebracht werden können. Ich schlage vor: 1. Verlegung des Sitzes der Leitung nach Berlin, wo mindestens drei Mitglieder des AC. ihren Wohnsitz nehmen müssen. 2. Mindestens drei Vertreter der Ostjuden (Rußland, Galizien) müssen im EAC. Platz finden. 3. Unsere Vertreter in Konstantinopel und Jaffa werden ins EAC. gewählt, was dem Charakter unserer Bewegung entspricht und unseren Sachwaltern in den wichtigsten Orten mehr Ansehen, Einfluß und Machtvollkommenheit schafft. 4. Ressortteilung und Besoldung nach den Vorschlägen Pasmaniks. Eventuelle Anstellung besoldeter Ressortsekretäre, insbesondere für Agitation. Diese Lösung ist keine ideale, aber vorläufig die einzig zweckdienliche. Das Komitee wird zwar zu groß, durch die Ressortteilung ist aber dafür gesorgt, daß es trotzdem leistungsfähig wird. Speziell das Ressort für Agitation wird eine rührige Tätigkeit entfalten müssen. Während jetzt an die Landsmannschaft ewig nur Zirkulare gehen, müßte der Sekretär für Agitation fortwährend auf Reisen sein, die Verbindung der Zentrale mit den Gliedern lebendig erhalten, selbst agitieren und organisieren, die aktuellen Fragen des jüdischen Lebens studieren etc. Ich glaube, daß niemand gegen diese Lösung gewichtige Bedenken haben kann. Sie hat bereits die Zustimmung vieler Aktionskomiteemitglieder gefunden und wir hoffen, unseren Vorschlag ohne große Kämpfe durchzubringen. Schekeltage. Am 15. Oktober endet der Termin zur Ablieferung der Schekel für dieses Jahr. In Oesterreich sind bisher die Eingänge verhältnismäßig schwach gewesen. Man sollte meinen, daß die mächtige Ausbreitung, welche die zionistische Idee in der letzten Zeit erfahren hat, und der Anreiz, der darin liegt, daß man heuer das Wahlrecht zum Kongreß mit der Zahlung der Schekel erwirbt, einen stark erhöhten Schekeleingang bringen mußte. Der bisher nicht allzu große Erfolg kann nur darin seine Ursache haben, daß nicht genügend Sammler tätig sind. Schuld daran ist jeder einzelne Zionist, denn jeder einzelne hat die Sammelpflicht. Man mag die ganze Schekelorganisation als glücklich gewählt oder als verfehlt ansehen, jedenfalls ist sie sehr leicht zu handhaben und durch sie lassen sich auch die entferntesten Anhänger der Bewegung erreichen und sammeln. Die Tage bis zum 15 Oktober müssen für jeden Zionisten Schekeltage sein. Es