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Jüdische Zeitung · 1909-10-01 · 40 (1.10.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 40 seinen Hintermännern vergessen. Wir werden dafür'sorgen, daß eine mächtige Woge von Empörung und Volkswut die Volksverräter von der Bildfläche des jüdischen Lebens wegschwemme. Der Name Kuranda aber wird von allen gutgesinnten Juden nur mit Abscheu genannt werden. Und wenn man in kommenden Zeiten von der Epoche des Assimilationsjudentums berichten wird, so werden Kuranda und sein ruchloser Schritt als die Symptome des tiefsten moralischen und nationalen Verfalls des dekadenten Mauscheltums gelten. Die Enquete des galizischen Landesausschusses. Eine Rundfrage. Wie unseren Lesern bekannt ist, hat sich die Jüdische Zeitung“ in Sachen der angekündigten Enquete des galizischen Landesausschusses über die Notlage der galizischen Juden mit einer Rundfrage an den jüdischen Klub und zahlreiche nichtjüdische und jüdische führende Persönlichkeiten gewendet Es wurden insbesondere folgende Fragen gestellt: 1. Welche Bedeutung ist der Aktion des galizischen Landtages überhaupt beizumessen? 2. Welcher Erfolg ist insbesondere von der Enquete zu erwarten? 3. Welche Mittel wären Ihres Erachtens die einzig geeigneten, um der galizischen Judennot entgegenzuwirken? Wir veröffentlichen die Antworten in der Reihenfolge, in welcher sie bei uns einliefen.*) VIII. Maxim Anin: Wenn ein Parlament eine Enquete über irgend eine Frage veranstaltet so bedeutet dies jedenfalls, daß die Frage äußerst akut ist und gebieterisch eine Lösung verlangt Wenn solch eine Enquete von einem Landesausschuß in Oesterreich, dem Lande des ohnmächtigen Parlamentarismus und der bureaukratischen Ohnmacht, einberufen wird, und dabei noch das Gebiet des Nationalitätenproblems berührt, dann weiß ein jeder: das wird im besten Falle zur Aufklärung der Frage, seiner Ursachen und Lösungsmöglichkeiten beitragen. Wenn ferner eine derartige Enquete über die galizische Judennot, eine Frage, über die man so viel spricht und „konferiert“ und für die man so wenig tut veranstaltet wird, dann will das sagen: Die Not schreit zum Himmel und man muß wenigstens vorspiegeln, etwas tun zu wollen. Und wenn schließlich diese Enquete vom (hermaphroditischen) „Juden- Polen“ beantragt wird, so sage ich mir: „Cherchez la . . . demagogie 1“ Sie wollen nicht die Wahrheit über die Judennot wissen und noch weniger etwas von Bedeutung zu ihrer Beseitigung unternehmen. Und sollte die geplante Enquete (auch nur in minimaler Dosis) etwas Positives zur Hebung des ökonomischen, sozialen und kulturellen Niveaus des galizischen Judentums beitragen, so wird das m. E. ein unbeabsichtigtes Resultat einer beabsichtigten Farce sein. Im ganzen und großen erinnert mich diese Enquete an die „Assifeis“ (Versammlungen) der kleinen jüdischen Städtchen in Rußland, die in der Regel — fast ausnahmslos — mit einem klassischen Beschlüsse enden — nämlich: in nächster Zeit eine „Assife“ zu berufen . . . Wollen wir aber die mögliche Bedeutung der gegebenen Enquete, ihren eventuellen Erfolg, sowie die Motive ihrer Veranstaltung beiseite lassen und die Frage (in ihrer Allgemeinheit) kurz betrachten: Welche Bedeutung könnte man überhaupt einer derartigen Aktion zuschreiben und was könnte *) Bisher wurden die Antworten folgender Autoren veröffentlicht: R.-Abg. Dr. Eugen Lewickyj, R.-Abg. Prof. Dr. Arthur Mahler, Adolf Böhm, Mitglied des Großen zionistischen Aktionskomitees, Dr. J. K o h n, Prof. Dr. Leon Kellner, Alfred Lanzer, Obmann des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“ und Dr. Nathan B i r nba u m, (Mathias Ach er). auf solchem Wege überhaupt erreicht werden? Und zwar möchte ich mich nach den allgemeinen Ausführungen meiner Vorgänger in dieser Rundfrage auf die Frage beschränken: Was hätten die arbeitenden Klassen des galizischen Judentums von einer derartigen Veranstaltung im besten Falle zu erwarten? Es ist heute allgemein anerkannt, daß die schöpferische und organisatorische Tätigkeit des menschlichen Bewußtseins nur dann fruchtbar und erfolgreich in den Gang des sozialen Lebens mitwirkend eingreifen kann, wenn sie die objektiven Tendenzen der Wirklichkeit sich zur Richtschnur nimmt. Hier liegt eben die Demarkationslinie zwischen Utopismus und Realismus. Der Utopist wie der Realist gehen beide von der Unh_.ltbarkeit des Status quo, vom objektiven Objekte des Seienden und Seinsollenden aus. Aber während der erstere das Seinsollende sich aus seinem eigenem Kopfe, aus seinen objektiven Wünschen und Anschauungen konstruirt, baut der letztere die Zukunft aus den "objektiven Elementen der Wirklichkeit, die er blos t zweckmäßig zu kombinieren und seinem Ideale dienstbar zu machen sucht. Was lehrt uns nun die jüdische Wirklichkeit in' Bezug auf die Lebensverhältnisse und Entwicklungsmöglichkeiten der jüdischen arbeitenden Klassen? Ueber die Entwicklungstendenzen des jüdischen Arbeiterlebens in Rußland hatte ich die Gelegenheit an einem anderen Orte ausführlich zu sprechen*). Nun sind aber meines Erachtens in sozial-ökonomischer Hinsicht die Lebensbedingungen der breiten jüdischen Volksmassen in Galizien im Großen und Ganzen dieselben, wie in Rußland. Hier wie dort stehen die jüdischen Handwerker und Kleinhändler vor dem äußerst akuten Problem der „Nichtproletarisierung“. In dem Maße nämlich wie die Entwicklung des Kapitalismus einerseits und die erfolgreiche Konkurrenz der entsprechenden sozialen Schichten der anderen Nationen anderseits das jüdische Kleinbürgertum immer intensiver zum Uebergange in die Reihen des — in sozial-progressiver Hinsicht — höher stehenden industriellen Proletariats stoßen, wächst die Möglichkeit dieses Ueberganges in keiner Weise in derselben Progression. Das ist eberi' eine jener tragischen Kollisionen des jüdischen Lebens, die] ihren Ausdruck findet — einerseits in der wachsenden Auswanderung und anderseits in der erschreckenden Zunahme des Pauperismus und des Typus „Luftmensch“. — In dem Maße aber, in welchem der Proletarisierungsprozeß im jüdischen Leben doch vor sich geht, vollzieht er sich hauptsächlich in der Form der Hausindustrie. Der Uebergang des Handwerks zu den höheren Formen des industriellen Kapitalismus geschieht nämlich in doppelter Weise. Der eine Weg führt das Handwerk mit dem technischen Fortschritte und der wachsenden Produktivität der Arbeit zur F abrikindustrie. Das ist der gesunde Entwicklungsgang, der ein — technisch und sozial — festgefügtes industrielles Proletariat erzeugt. Für seinen organisierten Kampf und seine schöpferische soziale Tätigkeit ist ein weitestes Feld geöffnet. Mit ihm als mit einer bedeutenden politischen Kraft haben die Machthaber der Staaten ernst zu rechnen. — Der andere Weg führt zur Hausindustrie, die finanziell, nicht aber technisch, als modern kapitalistische Produktionsform erscheint. Dieser Weg ist in der Regel der einzige, der denjenigen Schichten der Handwerkerklassen offen steht, die in den Endstufen des Produktionsprozesses, also in der Produktion von Konsumtionsgütern, beschäftigt sind. Und unter diese Kategorie fällt bekanntlich der überwiegende Teil des jüdischen Handwerks. Inwiefern es also dem jüdischem Handwerker schon gelingt, -sich den Anforderungen des modernen Kapitalismus anzupassen, geschieht dies, wie gesagt, fast ausschließlich in der Form der Hausindustrie — welcher Uebergang unter das doppelte Joch des unmittelbaren Arbeitgebers und des mittelbaren kapitalistischen Unternehmers kaum als Besserung der sozial-ökonomischen Lage des jüdischen Handwerks angesehen werden kann. Der ungenügenden Proletarisierung des jüdischen Kleinbürgertums entspricht also die unzureichende Industriealisierung des jüdischen Proletariats. *). „Sozialistische Monatshefte“ 1908 N. 24 und 1909 N. 4. So gilt für den überwiegend großen Teil des jüdischen Proletariats das, was Mehring in Bezug auf Weitling gesagt hat: „Er war Proletarier, blieb aber noch Handwerksgeselle ... Da es ihm möglich war, die proletarische Revolution nur von ihrer negativen Seite kennen zu lernen, so war er gezwungen, ihre positive Seite aus seinem eigenen Kopfe zu erfinden“.*) Auch der jüdische Sozialismus hat zum Bedauern seinen Silz mehr im Kopfe und Herzen des jüdischen Arbeiters, als inseinen sozial-ökonomischen Positionen. Die materiellen und kulturellen Bedürfnisse des jüdischen Proletariats stehen in schroffem Widerspruch mit der äußerst begrenzten Möglichkeit ihrer Befriedigung, mit den engen Rahmen, welche die ungesunde sozial-ökonomische Basis seinem Emanzipationskampfe stellt. Und das Bedenklichste ist, daß die zunehmende Industrialisierung derjenigee Länder, wo die Juden leben, nicht im Stände ist, diese Sachlage wesentlich abzuändern. Die jüdischen Arbeiter sind hauptsächlich in denjenigen Arbeitszweigen beschäftigt, wo die individuellen Eigenschaften des Arbeiters vor allem in Betracht kommen und wo sie deshalb die Konkurrenz von Seiten der sich intensiv proletarisierenden nichtjüdischen Bauernmassen stand halten können.**) Gerade aber in der modernen Industrie, wo die Maschine vorherrscht, treten die individuellen Eigenschaften des Arbeiters in den Hintergrund. Sobald man in irgend einem Arbeitszweig von der manuellen Produktion zur maschinellen übergeht, werden die jüdischen Arbeiter in der Regel durch nichtjüdische ersetzt. So wird auch von allen unbefangenen jüdischen Oekonomisten die traurige Tatsache konstatitiert, „daß der industrielle Aufschwung von einem Zufluß der nichtjüdischen Bevölkerung zur industriellen Tätigkeit begleitet wird, während er auf den professionellen Bestand der jüdischen Bevölkerung keinen Einfluß ausübt“***). Die Industrialisierung des Landes ist also jedenfalls nicht dasjenige Mittel, welches die genannten Anomalien des jüdischen Lebens endgültig beseitigen könnte. Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir hier im einzelnen alle dauernd und zeitlich wirkenden Ursachen dieser Erscheinung betrachten. Die allgemeine historisch bedingte sozial-ökonomische Rückständigkeit der Juden, der Antisemitismus in allen, seinen mannigfaltigen Aeußerungen, der Chauvinismus des nichtjüdischen Bürgertums, die Assimilationsbestrebungen der jüdischen Großindustriellen, diese und eine Reihe anderer Faktoren innerhalb und außerhalb des jüdischen Lebens verursachen die Isoliertheit der breiten jüdischen Volksmassen mit allen ihren Folgen. Ihren letzten Grund haben die meisten dieser Faktoren in der Hauptanomalität des jüdischen Daseins — in der Exterritorialität der jüdischen Nation. Hieraus ergibt sich als einzig mögliche radikale Lösung der Judenfrage — der galizischen, natürlich nicht ausgenommen — die Schaffung eines territorial-autonomen jüdischen Gemeinwesens auf demWegederplanmäßigen Organisierung und Konzentration der jüdisches Wanderung. Nur das kann die spezifisch jüdische Not an der Wurzel untergraben. Ich will damit keineswegs behaupten, daß es gegenwärtig keine Mittel zur Linderung der Judennot in Galizien gibt. Im Gegenteil — hier mehr als irgendwo. Die Erkämpfung — Hand in Hand mit den übrigen unterdrückten Nationen der Monarchie — des möglichen Maximums national-autonomer Rechte, die Ausbildung der sozialen, politischen professionellen etc. Organisationen der arbeitenden Klassen, die Entwicklung des Volksschulwesens usw., das sind alles gewiß Mittel zur Hebung der verzweifelten Lage des galizischen Judentums. Jedenfalls aber erhellt aus dem geschilderten objektiven Entwicklungsgang der jüdischen Oekonomik ohne weiteres, daß alle diese Mittel im allgemeinen nur als Palliative angesehen werden können und daß insbesondere die Idee der „Fabrikation“ e:nes jüdischen Industrieproletariats aus den zahlreichen Cadres der „Luftmenschen“ in den sozialökonomischen Verhältnissen der jüdischen Diaspora *) Fr. Mehring, „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ (russiche Ausgabe) Bd. I. p. 111-115. **) Vgl. B. Bruzkus. Der professionelle Bestand der jüdischen Bevölkerung Rußlands (russisch). Petersburg 1908. p. 47—50. ***) Ibid. p. 59.

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