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Jüdische Zeitung · 1909-10-01 · 40 (1.10.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
40 (1.10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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, Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 40 äußerste angespannt werden müssen. Wirid die jüdische Kurie nicht bewilligt, dann Obstruktion im Czernowitzer Landtag, Straßendemonstrationen, Volksversammlungen im ganzen 'Lande! Obstruktion im Reichsrat an Seite der slavischen Union! Die 4 Abgeordneten des Jüdischen Klubs müssen beweisen, daß sie dasselbe können, was anfangs der Neunziger Jahre 2 Sozialisten im: österreichischen Parlament' vermochtenT Die Resonanz in den jüdischen Volksmassen wird nicht ausbleiben. Von der Woche. „Das Wahlghetto“. Die „N. Fr. Presse“ ließ sich am 25. September aus Czemowitz mitteilen: Die Regierung habe den Wahlreformentwurf Hormuzakis, über den wir unsere Leser wiederholt informiert haben, abgelehnt. Die Zurückweisung sei insbesondere deshalb erfolgt, weil die Regierung einen besonderen jüdischen Nationalkataster nicht zugestehen wolle. Die Juden sollen mit den Deutschen einen gemeinsamen Kataster erhalten. Es scheint natürlich ausgeschlossen, daß sich die Regierung ausdrücklich in dieser Weise erklärt haben sollte. Wenn ihr auch der Entwurf nicht paßt, so wird sie sich wohl hüten, eine derart reaktionäre, grausam ungerechte Motivierung, die rundweg erklärt, daß sie nicht gesonnen ist, einem Teil ihrer Untertanen sein primärstes nationales Recht zu billigen, öffentlich kundzutun. Da war eben für die gestrandeten deutschnationalen Juden der Wunsch Vater des Gedankens 1 Daß diese kategorische „Regierungserklärung“ aus der Redaktionsstube Benedikts stammt, der es für dringend nötig erachtet, den ihm so gefährlichen Zionismus aus der Welt zu schaffen, geht aus dem Sonntagsartikel „Das Wahlghetto“ hervor, den sich die „Neue Freie'Presse“ bei dem Herrenhausmitgliede Th. Gomperz verschrieben hat, und der bei allen modernen Juden ein wahrhaft homerisches Gelächter auslöste, was hoffentlich den bekannten Griechenforscher nicht unangenehm berühren wird. Was ist dem alten Herrn eingefallen? Er will den Zionismus mit „einem Worte entschiedener Abwehr in das ihm gebührende Dunkel zurückscheuchen“? Lieber Herr Hofrat, da hätten sie früher aufstehen müssen 1 Jetzt wo bereits 33000 jüdische Wähler, trotz der ärgsten Bedrängnis ihrer Peiniger, zionistische Abgeordnete gewählt haben, jetzt, wo der „Jüdische Klub“ im Parlamente wirkt, läßt sich „das Wahlghetto“ nicht einmal von Ihnen „mit einem Worte der Abwehr“ vernichten. Sie haben ein Jahrzehnt modern jüdischer Entwicklung verschlafen, wie alle begüterten Juden, die sich noch heute den Luxus erlauben dürfen, sich alsDeutsche Tschechen, Polen usw. aufzuspielen, sie haben übersehen, daß einerseits, die durch die jüdische Renaissance bewirkte Emanation der breiten jüdischen Volksschichten, anderseits der furchtbare nationale Boykott, der doch immer nur ein Boykott der Juden ist, die von Blättern ä la „Neue Freie Presse“ in fremdnationale Politik hineingejagte Judenschaft zur einzig natürlichen, bewußt jüdischen . Volkspolitik erzogen hat und es scheint Ihnen zu entgehen, daß diese Politik der Juden, welche uns unbedingteNeutralität in dem bitteren österreichischen Nationalitätenhader vorschreibt, von den Aufrichtigen und Modernen aller Völker gebilligt und anerkannt wird. Da Sie sich nicht die Mühe nehmen, Ihre Leugnung der jüdischen Nation zu begründen, haben wir weiter keinen Anlaß, Sie zu widerlegen und betonen nur: Wenn sie in dem Organe der jüdischen Kapitalisten, das erst jüngst wieder durch seine schmähliche Nationalitätenhetze die Juden unsäglich geschädigt hat, gegen die natürliche bewußt jüdische Politik die „weitverbreitete chauvinistische Ueberreizung des Nationalgefühls“ ins Treffen führen, so machen sie sich unendlich lächerlich. Wenn Sie aber ungemein naiv konstatieren, daß durch das „Wahlghetto“ die „derzeit einigermaßen brüchig gewordene deutschliberale Wählerschaft eine Einbuße an Mandaten erleiden werde“, so sagen wir aufrichtig: Das wäre ein großer Segen für beide Teile: Für das deutsche und für das jüdische Volk in der Bukowiua! * * * Der „Bund“ auf dem Reichenberger Sozialistentag. Der „Jüdische Arbeiterbund Rußlands“ hat sich durch Frau Schönberg auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie Oesterreichs, der dieser Tage in Reichenberg abgehalten wurde, vertreten lassen. Frau Schönberg feierte die Stellung der österreichischen Sozialdemokratie zur Nationalitätenfrage, die in Rußland vorbildlich wirkte. Es ist bekannt, daß das frühere — jetzt verleugnete — nationale Programm der österreichischen Sozialdemokratie, die nationale Autonomie von den Nationalitäten Rußlands mit Feuereifer aufgegriffen wurde — auch von den Jüdischnationalen des Zarenreiches. Trotzdem ist es direkt komisch, wenn gerade eine Bundistin das Nationalitäten-Programm der Sozialdemokratie Oesterreichs feiert. Denn diese anerkennt alle Nationen Oesterreichs, nur gerade die jüdische nicht! Weiß Frau Schönberg aus Warschau nichts davon, daß die Daszynski’s und Konsorten sich mit Gewalt dagegen wehren, eine jüdische Nation innerhalb der sozialdemokratischen Organisation anzuerkennen, und daß sie die jüdische Sozialdemokratie Galiziens in die Reihen der polnischen pressen? Daß sie also in ihrer eigenen Domäne ihr Programm vom Rechte und der Selbständigkeit jeder Nation nicht durchführt? Weiß sie nicht, daß deshalb die jüdischen Wähler Krakau’s Herrn Daszynski fallen ließen? Wir können nicht annehmen, daß der Bund das nicht weiß. Wenn er als sozialdemokratische Partei den Reichenberger Parteitag begrüßen ließ, so ist das verständlich. Daß aber seine Abgesandte Nein! Eine Bewegung hat diesen | Künstler geschaffen: die jüdische Renaissance, jenes unwägbare, merkwürdige Phänomen, das dasjudentum köstlich durchflutet und welches die Sehenden der anderen Völker allmählich an uns*zu beachten, ja zu bewundern beginnen. Diese fortschreitende Verjüngung des jüdischen Volksstammes und ihre reifste Frucht, die zionistische Bewegung, hat mit den landläufigen „nationalen Parteien“, auf die das erwähnte Vorwort anspielt, wohl nur ein winziges Endchen gemein. „Sie ist weiter und tiefer angelegt, als nationale Bewegungen zu sein pflegen, ursprünglicher und tragischer. Ihr Inhalt ist national; aber ihre Form ist übernational. Der Ideenkomplex, den sie erzeugt hat, gehört dem Denken der Menschheit an. Und die Befreiung, die sie meint, rührt an das große Symbol der Erlösung*). Darum braucht der Verfasser der Einführung zum Ausstellungskatalog um die Entwicklung des Meisters nicht besorgt zu sein. In ihm hat sich die jüdische Re- *) Dr. Martin B u b e r: „Das jüdische Kulturproblem und der Zionismus.“ naissance zur Weltanschauung verdichtet. Er wird überall seine ureigene Note hintragen, mag er auch nichtjüdische Gegenstände künstlerisch darstellen. Und gerade dies ist unsere Freude, unser Stolz. Ein jüdischer Meister zeichnet die Gedichte D’Annunzios und Wildenraths, dichtet den „Zug der Christen mit dem heiligen Feuer aus der Grabeskirche in Jerusalem“, wird das neue Testament illustrieren, und bleibt, was er ist: der jüdische Künstler. Dem Besucher der Ausstellung sei geraten, die aufliegenden Bücher „Juda“ von Börries Freiherr von Münchhausen und Morris Rosenfelds „Lieder des Ghetto“ (übertragen von Berthold Feiwel) aufzuschlagen, bevor er die ausgehängten Zeichnungen, Radierungen und die drei Künstlerdrucke betrachtet. Er wird viel Ursprüngliches und Eigenartiges bewundern dürfen. Im Buche „Juda“ findet sich jene vielgerühmte Umrahmung, die aus zahlreichen jüdischen Charakterköpfen besteht. Jede Stirne, jedes Augenpaar hat seine eigene Geschichte, jeder Mund spricht seine gesonderte Sprache. Dann das dornenumrankte Greisenantlitz vor den Pyramiden, Jesajas vor Jerusalem — seine Rede just die Haltung der Sozialdemokratie in der Nationalitätenfrage feierte, daß ist ein .Verrat am jüdischen Nationalismus. Wir machen die jüdisch-proletarischen Parteien Rußlands auf diese Haltung des Bundes aufmerksam. Es bewahrheitet sich doch immer wieder,: daß er nur einem Zwang gehorcht, wenn .er sich, jüdischnational geberdet, seine Führer aber nach; wie vor Assimilanten reinsten Wassers sind.; * * *; Pogromgerüchtei- <- - — - Aus Rußland kommen böse Pogromgerüchte und wir wagen es nicht, die bezüglichen Nachrichten unseren Lesern zu vermitteln, weil noch immer nichts Authentisches verlautet. Eine Mitteilung der Alliance Israelite Universelle vom 23. Sept. 1909 datiert, erklärt auf Grund telegraphischer Berichte aus Kiew, daß diese Nachrichten unzutreffend seien. Allerdings besagt das betreffende Zirkulare Hur, daß keine „schweren Störungen“ vorgekommen sind. Da heißt es also in Hangen und Bangen zuwarten, bis Westeuropa erfahren wird, was sich dort drüben ereignet hat. Jedenfalls werden wir scharf beobachten müssen, ob wirlich irgend ein unlauteres, frivoles Gelichter den Teufel an die Wand gemalt hat. Wir hoffen, daß sich der nachstehende Bericht des gut informierten „Hilfsvereines der deutschen Juden“, bewahrheitet. „Am 23. August, 10 Uhr abends ertönten auf dem Wall der Vorstadt „Slobodka“ Hilferufe. Es stellte sich heraus, daß eine Gruppe des Kiewer „Verbandes der russischen Völker“, 15 an der Zahl, mit dem berüchtigten Nicolai Pawlowsky (mit dem Beinamen Woron) an der Spitze, auf dem Wall erschrenen waren und mehrere Juden aus der Slobodka zu prügeln anfingen. Unter anderen wurden David Blachmaen und Moses Stellbaum durcbgeprügelt. Indem die Hooligans sich mit Erbitterung auf das Publikum warfen, riefen sie: „Da habt ihr die Gleichberechtigung“. In einer Drogenhandlung wurden drei Personen, die bei der Prügelei zu Schaden gekommen waren, die nötige Hilfe erwiesen. Als, durch die Rufe der Geschlagenen herbeigelockt, die Polizei erschien, beeilten sich die Hooligans zu verschwinden. Einige der Hooligans wurden von den Geprügelten nach einer in der „Kiewekaja Iskre“ erschienenen photographischen Aufnahme als Mitglieder der Kiewer Kampforgdnisation erkannt. Irgendwelchen nennenswerten Umfang haben die Ausschreitungen nicht angenommeg, jedoch entstand begreiflicherweise eine große Panik. * * * Die Enquete des galizischen Landesausschusses in polnischer Beleuchtung. Mit einer Ausnahme haben sämtliche bisherigen Antworten, die wir über die galizische Enquete erhielten, skeptisch zu ihr Stellung genommen. Wie wichtig diese Haltung war, erhellt aus den Indiskretionen, welche das christlichsoziale polnische Organ „Glos Narodu“, wahrscheinlich zum großen Aerger der polnischen Machthaber, begeht. Das Blatt drückt, die Flamme nieder und in sein Kleid sind Herzen gewirkt — das Knabenbild zu Morris Rosenfelds „Mein Kind“ — eine Dichtung für sich — nicht zuletzt die grandiose Illustration zum „Sturm“ lassen es begreifen, daß sich dieser Mann an das große neue Werk „Die Bücher der Bibel“, das bei George Westermann in Braunschweig in zehn Bänden erscheint und das er mit Zeichenschmuck versieht, wagen durfte. Die Bilder an den Wänden zeugen für die höchstpersönliche Kunst und für^das gereifte Können des Meisters. Er zeichnet seine Bibel. Sein Hauptzug dünkt uns de prachtvolle Darstellung einer urkräftijen Männlichkeit zu sein. Wie hat coch Lilien1 M o s e s gestaltet! Der junge Mases: Ein Jüngling, wie aus Erz gegossen; das Auge von mächtigen Brauen übersciattet, das Haupt vornüber geneigt, gleichsan von der Last eines unbändigen Willenf gedrückt. Moses vor dem Dornbusch :Die Stimme des Herrn wirft ihn nicht zu Boden. Klaren Auges blickt er in das flammende Geäst. Wie ein König steht er vor den Herrn der Heerscharen. Moses am Berge Sinai: Die

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