Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 40 (1.10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nfitidnrl-jledgiihes drgun Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 40. Wien, Freitag den 1. Oktober 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der Kampf um die jüdische Kurie. Von der Woche. An den Pranger! Die Enquete des galizischen Landesausschusses. Von Maxim A n i n. Heine im Grabe spricht. Gedicht von Beda. Der IX. Kongreß. Parteinachrichten. Der Fortschritt in Mähren. Die galizische Landtagswahlreform und die Juden. Aus dem jüdischen Leben. E. M. Lilien. Von Otto Abeies. Schekeltage. Juden Oesterreichs! Der Wahlreformentwurf für den Landtag in der Bukowina sieht neben den andersnationalen auch einen gesonderten jüdischen Kataster vor. Die Gesetzwerdung dieses Entwurfes würde endlich den 100.000 Juden dieses Kronlandes eine gerechte Vertretung und einen ihrer Stärke entsprechenden Einfluß im Lande sichern. Nun soll durch schamlose Quertreibereien der assimilatorischen Juden, des „Deutschen“ Kuranda und des „Polen“ Löwenstein, diese unbedingt nötige und für alle Nationen der Bukowina heilbringende Neuerung unterdrückt werden. Juden .Oesterreichs 1- Vereinigt—Eucfc*4tt.. einer großen' Abwehraktion, um den heimtückischen Anschlag des Geschäftsisraelitentums zu parieren 1 Veranstaltet Versammlungen! Erklärt Euch mit den kämpfenden Brüdern in der Bukowina solidarisch! Beweiset der Regierung, daß. die Juden Oesterreichs einig sind in der Forderung nach Anerkennung ihre Rechte als Volk! Zeiget, daß Ihr die ruchlose, denunziatorische Aktion des Kuranda und Löwenstein einmütig verdammet! Juden Oesterreichs! Erhebet Euch wie ein Mann! Es gilt die mannhafte Abwehr eines tuchlosen Volksverrates, es gilt die Erreichung unseres heiligsten Rechtes! In Wien wird in der nächstens Woche eine große Protestversammlung stattfinden. Ort und Zeit werden bekanntgegeben werden. Der Vorstand des „Jüdischen Nationalvereines für Oesterreich“. Der Kampf um die jüdische Kurie. Die fünf Völkerschaften, welche die Bukowina bewohnen, haben Frieden geschlossen. Durch Einführung nationaler Wahlkurien soll jedem Volke eine seiner numerischen Stärke entsprechende Vertretung im Landtag gesichert werden. Der beschränkte Untertanenverstand sollte glauben, daß die Regierung, deren wichtigste Aufgabe es ist, unter den Nationen Oesterreichs Frieden zu stiften, es mit Freude begrüßen mußte, daß sich wenigstens in einem Kronland der Monarchie die Völker verglichen haben, so daß sie unter den von ihnen abgeschlossenen Pakt nur ihr Siegel zu drücken brauchte. Statt dessen verlautet aber, daß auf Betreiben von Löwenstein und Kuranda Bienerth nicht gewillt ist, diese seine Pflicht zu tun, sondern daß er auf Ausmerzung der jüdischen Wahlkreise dringen will. Noch sind das nur Gerüchte, wenn auch in sehr bestimmier Form, aber umso notwendiger ist es, mit aller Kraft gegen eine derartige Nichtachtung der jüdischen Volksrechte die Stimme zu erheben. Die Regierung möge sich von den Hausjuden nicht täuschen lassen: Es handelt sich absolut nicht um einen Handstreich einiger Zionisten, sondern um den Willen der gesamtenjüdischenBevölkerung der Bukowina, um ihr Recht der Selbstbestimmung und die Erfüllung ihrer berechtigten Ansprüche. Die jüdische Wahlkurie ist an sich keine jüdischnationale oder zionistische Einrichtung, wie Moriz Benedikt es darstellt, um die Sache zu verwirren. Wenn unter den jüdischen Wählern die Assimilanten in der Mehrheit sein werden, dann werden auch in der jüdischen Kurie Assimilanten ä la Kuranda gewählt werden. Die jüdische Kurie soll nur im Interesse aller Juden, ob Zionisten oder Assimilanten, den Juden eine ihrer Volkszahl entsprechende Vertretung sichern und dem schmachvollen Zustand ein Ende machen, daß durch Wahlkreiseinteilungen und Wahlpraktiken die Juden um ihre Vertretung geprellt werden, ja sie sich sogar in jüdischen Wahlkreisen Antisemiten als Vertreter aufdrängen lassen müssen. Daß die christlichsoziale Regierung Bienerth-Weißkirchner nicht viel Lust hat, den Juden ihre primitivsten Rechte zuzuerkennen, mag man begreifen, daß aber jüdische Vertreter es sind, welche die antisemitischen Minister dazu antreiben, die Rechte der Juden zu schmälen, das muß als nackter Volksverrat gebrandmarkt werden! Was haben die Löwenstein und Kuranda übrigens mit Angelegenheiten der Bukowina zu schaffen? Sie behaupten, es gäbe keine jüdische Nation. Dann ist aber Kuranda ein deutscher, Löwenstein ein polnischer Abgeordneter. Siewollensja selbstso! Ihre „Konnationalen“, die Polen und die Deutschen, haben sich aber in der Bukowina bereits mit der jüdischen Kurie versöhnt. Was will also der galizische Pole und der Wiener Deutsche? Wieder zeigt es sich, daß die Assimilanten die Störer des nationalen Friedens sind, daß sie die Völker, denen sie sich assimilieren wollen, gegeneinander und vor allem gegen ihre eigenen Stammesgenossen hetzen. Das ist nichts Neues. Daß aber die Regierung als Störenfried des nationalen Friedens debütieren wollte, das wäre der Bankerott österreichischer Staatskunst. Der Moment ist äußerst kritisch. Der Kampf um die jüdische Wahlkurie in der Bukowina ist von entscheidender Bedeutung für die österreichischen Juden. Wird sie errungen, dann ist die Bahn geebnet, namentlich für die noch viel wichtigere Wahlordnung in Galizien. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Kräfte aufs An unsere Leser! In der nächsten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ beginnen wir mit der Veröffentlichung der Novelle „WESTJUDEN“ von Ben David. Damit kommen wir dem häufig geäußerten Wunsche nach, dem Leserkreise nebst dem ständigen Feuilleton, das wir auch weiter beibehalter, auch durch Publikation größerer schöngeistiger Arbeiten Anregung zu bieten. Es freit uns, diese tiefsinnige Dichtung eines bekannten Wiener Autors (dessen Anonymität gewahrt sein soll) erworben zu haben. Die Novelle schildert in Form von Briefen zwschen zwei jüdischen Studenten in Wien unc Prag die Not und das Glück der jungen Menschen, in welchen nach den Irrwegen einerunseligen Assimilation der Frühling der jüdischen Renaissance zu wirken beginnt. Das Seelenleben dieser jugendist durchaus künstlersch und oft ergreifend gestaltet. Das nachdenkliche Buch wird viele Freunde haten und allen willkommen sein. E. M. Lilien. (Zur Ausstellung seiner Werke im Kunstsalon Heller.) Es sei gestattet, von dieser dankenswerten Ausstellung der Zeichnungen Lilien s nicht mit jener kühlen Ruhe zu sprechen, die dem Kritiker geziemt. Lilien ist Fleisch von unserem Fleische und er ist unsere Musik. Er rückt unsere Schönheit in die Sonne, das lebenatmende verjüngte Antlitz unseres Volkes, das sich uns nach unendlichen Irrwegen entschleiert hat. Dazu kommt, daß unser Zeichner auch ein Dichter ist. Wie ein begeisterter Rhapsode trägt er von einer Höhe herab seine Lieder vor. Er hat eine starke Stimme und was er singt, ist gewollt und bewußt. Jüngst hat ein ausgezeichneter Kenner der bildenden Künste, der zufällig auch Politiker ist, Friedrich Naumann, in seinem neuen Buche „Form und Farbe“ von Max Lieb ermann gesagt: „Er fühlt den Tritt des Pferdes, als ob er im Pferdekopf säße. Die Welle ist ihm kein Theater, sondern ein natürlicher Vorgang, den er selber hervorruft. Mir ist es, als spräche jemand den Namen Spinoza. Auch Liebermann ist Jude, wie Spinoza. Und was Spinoza uns gebracht hat, den Gedanken der Einheit von Bewußtsein und Erscheinung, das zeigt Liebermann nicht in Worten, sondern dargestellten Erscheinungen, in die sich sein Bewußtsein hineingeschoben hat. Er malt mit dem Gehirn. Sein Auge ist Organ eines Geistes, der eine Art Spinoza ergeben würde, wenn es ihm gefallen hätte, sich auf Begriffsverarbeitungen zu legen.“ Aehnliches gilt von dem Zeichner Lilien. Auch sein Auge schaut nicht von ungefähr und gibt ahnungslos wieder, was sich in ihm spiegelt. Er ist kein naiver Künstler wie Mozart, Schwind, Gottfried Keller, Detlev von Liliencron. Auch sein Auge ist »Organ eines Geistes“, auch bei ihm schiebt sich sein Bewußtsein (ein starkes Bewußtsein!) in den Gegenstand der Darstellung hinein. Der Autor des Vorwortes zum Ausstellungskatalog meint ganz irrig — und wohl auch recht oberflächlich — daß der Geist, der aus Liliens Kunst spreche, seiner „Zugehörigkeit zu einer Partei“ entspringe.