Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38/39 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 11 kommt. Besonders günstig sind die Juden in Bezug . auf Geisteskrankheiten, die durch Alkohol verur- I sacht werden, gestellt, was eine Folge der allgemein anerkannten jüdischen Nüchternheit ist. „Die Juden haben förmlich einen angeborenen Widerwillen gegen Unmässigkeit“ ist die allgemeine Meinung. Betrübend ist, daß sich unter den Juden die Trinksitte einbürgert. Erwähnenswert ist, daß bei den algierischen Juden 17‘67° des Krankenmateriales Alkoholiker sind! Hingegen ist die Neigung der Juden zum Selbstmord viel größer als bei anderen Völkern; doch trifft diese Tatsache nur für die westeuropäischenjuden zu. DerVerfasserziehtauchdie Kriminalität bei den Juden zum Vergleiche heran. Dabei ist die große Anzahl der Bestrafungen wegen Beleidigung auffallend. Die Häufigkeit dieses Deliktes leitet der Verfasser aus der psychischen Eigenart der Juden her, die sich in Lebhaftigkeit des Wesens, in Gestikulationen, Wortschwall, im Schreien und leichter Erregbarkeit äußert. Allgemein bekannt ist die vom Verfasser konstatierte Disposition der Juden für psychisch-n e rvöse Erkrankungen. Die Ursache dieser Erscheinungliegt nicht so sehr in den Nachwirkungen des Ghettos als in „dem großen Wettrennen im Kampfe ums Dasein“, das mit der neuen Aera der Judenemanzipation begonnen hat. Im Streben nach Erwerbung von Bildung und Besitz, setzte sich die „seit langem aufgespeicherte Spannkraft zu plötzlich in kinetische Energie um; der Uebergang war zu schroff, als daß er ohne Schaden von statten gehen konnte“. „Wenn nicht die Zeichen trügen“, schreibt der Verfasser, „ist in letzter Zeit ein kleiner Rückgang der Geisteskrankheiten bef den Juden zu bemerken.“ Im Schlußkapitel versucht der Verfasser eine Prognose zu stellen. Er erwähnt das Streben der Juden zum Ackerbau zurückzukehren, was für die Gesundung des jüdischen Nervensystems von großer Bedeutung wäre. Hingegen erscheinen ihm die Erschütterung des Familiensinnes und die sich einbürgernde Trinkunsitte für die jüdische Psyche bedrohlich. Der Schluß der Broschüre sei seiner Gefühlswärme und seiner stolzen Zuversicht wegen vollständig wiedergegeben. Es heißt dort: „. . . . Der alte Stamm hat im Laufe seiner wechselvollen Geschichte schon manchem Sturm getrotzt und sich immer im Kampf gegen feindliche Gewalten zu halten gewußt, immer war es der Wille, der ihm die Kraft gab, seinen Platz zu behaupten, derselbe eiserne Wille, der das jüdische Volk zu allen Zeiten befähigt hat den Kampf mit dem Schicksal aufzunehmen, dem es vielleicht, wenn wir Chamberlain folgen wollen, seine Stellung in der Weltgeschichte verdankt. Dieser Wille ist zweifellos auch noch jetzt vorhanden, der Wille zum Leben, zur Selbsterhaltung. Das jüdische Volk hat die Anregungen, die ihm zur Erhaltung seiner selbst gegehen worden sind, jeder Zeit freudig ergriffen und aus ihnen Nutzanwendung gezogen. Dieser Wille zeigt sich in der Gegenwart in allen Bestrebungen, die auf die Kräftigung und Stählung des Körpers hinzielen, die eine gesunde zweckentsprechende Lebensweise für das Haupterfordernis eines leistungsfähigen Geistes erachten; denn nur, wer das Uebel in der Wurzel angreift, wird es besiegen; nur von der physischen wird die psychische Regeneration des jüdischen Volkes zu erhoffen sein“. W. * * ♦ Eingesendete Bücher. (Die Redaktion behält sich eine Besprechung der hier angeführten Bücher vor.) Schalotn Asch, Bilderausdem Ghetto, Berlin 1907, Verlag S. Fischer, zweiteAuflage. Edmund Edel, Der Witz der Juden, Berlin 1909, Verlag von Louis Lamm. Lic. Dr. Hugo Greßmann, Palästinas Erdgeruch in der israelitischen Religion, Berlin 1909, Verlag von Karl Curtius. Dr. S. Funk, Diejuden in Babylonien, 200—500, II. Teil, mit einer Karte von Babel. Berlin, 1909, Verlag von M. Poppelauer. Wünsche zum jüdischen Neujahr in Versen und Prosa. Prag 1909. Druck und Verlag von Richard Brandeis. Vereinsu. Versammlungs- Nachrichten. Abituriententag 1909. Das Programm des bereits vor längerer Zeit angekündigten jüd. Abituriententages 1909, welcher am 14. Okt. d. J, im großen Saale des Hotel Zentral stattfindet, wurde vom vorbereitenden Komitee folgendermaßen festgesetz. 1. Eröffnungsansprache. 2. Referat des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Max Bernhardt; „Altes und neues Judentum“. 3. Referat des Dr. Fritz Löhner (Beda) „Die Aufgaben der jiid.-akademischen Jugend“. 4. Rezitationen vorgetragen von Herrn S. Strauß. An die Referate können sich Debatten knüpfen. Im Interesse des Gelingen dieser agitatorischen Veranstaltung ergeht an alle Gesinnungsgenossen der Appel, für den Abituriententag kräftigst zu agitieren. Anmeldungen und Zuschriften sind zu richten an die jiid.-akad. Verbindung „Kadimah“ IX., Porzellangasse 36, welche den Abituriententag veranstaltet. * * * Der Jüdische Nationalverein veranstaltete Mittwoch den 8. und Donnerstag den 9. September zwei sehr gut besuchte Versammlungen in P r e r a u und L e i p n i k, in der Dr. H. Kadi sch über die politische Lage in Oesterreich und die Juden referierte. In beiden Versammlungen trat die fortschreitende Nationalisierung der Juden deutlich zu Tage, wofür der Beitritt von zirka 40 neuen Mitgliedern ein drastischer Beweis ist. In der nächsten Nummer folgt ein ausführlicher Bericht. Jüdischer Nationalverein. Sonntag den 19. September Abend i/. 9 freie Vereinsverammlung in Ungar. - Brod, Hotel Smetana. — Tagesordnung: Die Juden und die österreichische Nationalität e n f r a g e. Referent: Dr. H. K a d i s c h. Troppau. Die Ferialvereinigung „Jüdischer Hochschüler“ gibt hiemit das Ergebnis der Chargenwahlen für das kommende Semester, wie folgt bekannt: — iur. Bruno Singermann X phil. Josef Kaßler XX phil. Alfred Lammel XX :. Prerau. In Anwesenheit von mehr als 400 Personen, der verschiedensten politischen Parteirichtung und nationalen Zugehörigkeit, haben der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich“ und das mähr.-schles. zionist. D.-K. als Veranstalter einer Versammlung unstreitbar großen Erfolg errungen. Nach einigen einleitenden Worten des Herrn D r. A1 f r e d L ö w, die in eine ernste Mahnung an die anwesenden Juden, endlich Umkehr zu halten, ausklangen, ergriff der tschechische Redner des Abends, Herr Dr. Ludwig Singer, Prag, das Wort zu seinem Referat. Er skizzierte in formvollendeter Weise die triste Gesamtlage der Juden, die in ihrer Konsequenz zum Zionismus führte, und ihn heute, angesichts der erhöhten Aussichten einer Kolonisation in Palästina, zu einem sehr realisierbaren mache, wies auf die Unmöglichkeit einer Massenassimilation hin, die er unter Berufung auf Prof. Krejci als unethisch erklärte, und verkündete die Heimstättegründung in Palästina, an welcher die Zionisten trotz aller Verleumdungen in unerschütterlicher Treue festhalten, als einzig mögliche Lösung der Judenfrage. Herr Dr. Hermann Kadisch, der Redner des jüdischen Nationalvereins, besprach die politische Situation in Oesterreich. Als Ursache des Niederganges des Parlamentarismus bezeichnete er die von den national-chauvinistischen Parteien Oesterreichs bis zum Siedepunkte geschäftsmäßig betriebene Nationalitätenhetze, die jede ernste sozialreformatorische Arbeit unmöglich mache, und trat mit begeisternden Worten für eine Verfassungsrevision im Sinne eines weitgehenden Selbstbestimmungsrechtes aller Völker, die Juden inbegriffen, ein. Die Versammlung, die sich infolge der Hanswurstiaden eines nicht ganz nüchternen Redakteurs der hiesigen tschechischen Lokalpresse, der erst durch das einmütige Veto der Versammlung zur Raison gebracht werden mußte, zu einer äußerst bewegten gestaltete, klang nach den forschen Worten des lebhaft begrüßten Herrn Dr. Fritz Löhner, der unsere lieben Assimilanten zerfaserte, zu einer Demonstration für den jüdischnationalen und zionistischen Gedanken aus, die durch die überaus sympathische Haltung der Vertreter der verschiedenen politischen Richtungen eine angenehme Steigerung erfuhr. Nach einer Replik der beiden Referenten auf die Anwürfe der Sozialdemokraten und tschechischen Assimilanten, wurde die Versammlung in später Nachtstunde geschlossen. Dem Jüdischen Nationalverein traten 30 Mitglieder bei. H. M. Proßnitz. (Ferialverein jüdischer Hochschüler „Giskalah“. Die am 4. d. M. zu Gunsten des jüdischen Studentenheimes veranstaltete Unterhaltung erbracnte den Beweis, daß unser Bemühen in der jüdischen Bevölkerung Teilnahme für die Interessen der jüdischen Jugend zu erwecken, schon ansehnliche Erfolge gezeitigt hat. — Bei der, der Veranstaltung vorausgegangenen Subskriptionen konnten wir die Wahrnehmung machen, daß an manchen Stellen, die uns früher vollständig unzugänglich waren, der Sache der jüdischen Studentenschaft wohlwollendes Interesse entgegengebracht wird. Auch der Besuch der Veranstaltung war ein sehr erfreulicher. Das Programm fand allgemeinen Beifall. Gg. Herr Alfred W e i n r e b vom Budweiser Stadttheater rezitierte in formvollendeter Weise als Prolog „Das jüdische Studentenheim“ von Beda und fesselte auch durch andere glänzende Rezitationen. — Frl. Else Schwarz erfreute das Publikum durch den virtuosen Vortrag einiger Klavie: piecen. Frl. Ilka Rappaport aus Olmütz, die in zuvorkommenster Weise ihre Kunst in den Dienste der guten Sache gestellt hat, entzückte durcn meisterhafte Liedervorträge und erntete großen Beifall, Die Gg. Herr Dr. Jul. Korner und Herr Wilh. Lösegeld sangen vom Frl. Elsa Schwarz begleite, in vorzüglicher Weise ein Duett aus den „Lustigen Weibern von Windsor“. — Den Schluß des Programmes bildete die Aufführung zweier Einakter, zu deren Gelingen die Dame Olga Löw, Gg. Herr Alfred W e i n r e b und Gg. Herr Robert Kien durch ihr flottes sicheres Spiel in hervorragender Weise beitrugen. — Ein Tanzkränzchen beendete das wotilgelungene Fest. Dem jüdischen Stndentenheim in Wien wurde das Reinerträgnis von K 200 zugeführt. Iglau. Die Chargenwahlen der jüd.-akad. Ferialverbindung „H a s m o n ä a“ in Iglau, ergaben folgendes Resultat. Ing. Alfred W o 1 f f (Makkabäa, Wien) x; jur. Ernst Sommer (Makkabäa, Wien) xx, Fx; jur. Robert O f f e r xxx. Friedek. Am 25. August fand auf der Bude der jüd.-akad. Ferial-Verbindung „Hasmonäa“ ein öffentlicher Diskussionsabend statt, an dem Bb. jur. Fritz Singer über „Synthetischen Zionismus“ referierte. An den Vortrag, der seitens der zahlreich erschienen jüdischen Bürgerschaft sehr beifällig aufgenommen wurde, schloß sich eine rege und interessante Debatte. Leipnik. Donnerstag den 9. d. fand in unserer Stadt eine Versammlung des „Jüdischen Nationalvereines fürOesterreich“ statt, jn welcher Gg. Herr Dr. Kadisch über „jungösterreichische und jungjüdische Politik“ referierte. Die glänzenden Ausführungen des Redners, veranlaßten einen großen Teil der Versammlungsteilnehmer, ihren Beitritt zum „Jüdischen Nationalverein“ anzumelden. Der günstige Erfolg dieser Versammlung ist ein Beweis dafür, daß unsere jüd. Bürger doch nicht so tief in der Assimilation stecken, um nicht für aktuelle jüdische Fragen ein lebhaftes Interesse empfinden zu können. F. R. Radautz. Am 5. d. M. fand Uber Einladung des „jüdischen Nationalvereines“ in Radautz eine zahlreich besuchte Volksversammlung statt. Nach Anhörung des lichtvollen Referates des Herrn Dr. Mendel Kinzbrunner wurde folgende Resolution zum Beschlüsse erhoben. Die am 5. d. tagende jüdische Volksversammlung spricht sich für den nationalen Kataster aus und fordert die jüdischen Landtagsabgeordneten und in erster Reihe Herrn Dr. Straucher als Führer der Bukowinaer Judenschaft auf für eine der Zahl der Intelligenz und der Steuerleistung der jüdischen Bevölkerung angemessene Vertretung Sorge zu tragen. Gleichzeitig spricht sie Herrn Dr. Straucher und allen anderen Männern, die sich um die Anerkennung der jüdischen Nationalität und Schaffung eines nationalen Katasters verdient gemacht haben, Dank und Anerkennung aus.“ Sereth. (Musikalisch deklamatorischer Vortagsabend) Samstag, den 28. August 1909 veranstaltete der hierortige Verein Poaie-Zion im Vereine mit dem Damenvereine einen musikalischdeklamatorischen Vortragsabend mit anschließenden Tanzkränzchen, der einen glänzenden Verlauf nahm. Die Räumlichkeiten des Bierpalastes waren durch die Präsidentin Frl. Uosa Stettner schön dekoriert worden. Nach einer Begrüßung durch den Obmann des Vereines, Herrn Emil W indisch, hielt Herr Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) seinen Vortrag über „die Tragik des jüdischen Volkes“. Seine glänzenden Ausführungen übten auf die Zuhörerschaft eine mächtige und nachhaltige Wirkung. Hierauf folgten abwechselnd Musikvorträge (Violine mit Klavierbegleitung) und Deklamationen. Violine spielte mit viel Fertigkeit Herr Jurist Pariser; Herr cand. ing. Lakner hatte die Klavierbegleitung inne. Den deklamatorischen Teil besorgten die Herren Jurist S. G e w ü rz und Jurist Ch. Kraft. Sämtliche Vortragende ernteten reichen Beifall. Hierauf wurde recht flott bis zum frühen Morgen getanzt. — Das Reinerträgnis fällt dem Arbeits- Iosenfonde des obgenannten Vereines zu. — Die Veranstalter können mit den Verlauf des Abends und mit dessen Erfolg zuirieden sein. Andrychöw. Am 28. v. M. fand hier der erste zionistische Abend statt, der sowo'hl einen moralischen und künstlerischen, als auch relativ bedeutenden materiellen Erfolg hatte. Mit Ausnahme ganz weniger Familien war der Abend von allen jüdischen Mitbürgern besucht. Es gelangten Chorlieder zum Vortrage, Novellen wurden verlesen und Ge dichte von Rosenfeld, Reisen, und Börries v. Münchhausen rezitiert. Zu den schönsten Momenten des Abends gehörten die Klaviervorträge der Virtuosin Frl. Mela Neuger, welche auch eine eigene Komposition — Variationen über das Lied „Zuasz ty ten kraj“ — spielte. Der Reingewinn von K 239’42 fließt bis auf K 65, die dem jüdischen Frauenverein, dem jüdischen Krankenverein und den Stadtarmen gewidmet sind, dem Nationalfonds und anderen zionistischen Zwecken zu. Liste der Ueberläufer. (Vom 8. September bis 15. September 1909.) Friederike Löhri, 1890, ledig, Schauspielerin, XVIII. Höhnegasse 19 a. Bernhard (Bela) Török, 1879, Wien, ledig, Kaufmann, I. Elisabethstraße 24. Helene Grosz, 1882, Lukovistye, ledig, Private, V. Margaretenstraße 67. Ettel Freide Rabinowicz, 1885, Boryslaw (Gal.), ledig, Hilfsarbeiterin, V. Hauslabgasse 37. Elsa Langfelder, 1888, Wien, ledig, Private, III. Parkgasse 6. Hugo Feldbauer, 1883, Wien, ledig, Vertreter, III. Löwengasse 5. Otto Oesterreicher, 1860, Pardubitz (Böhmen), Beamter, IX. Pramergasse 8.