Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG. NT. 38/39 Seite 10 röhren. Die Trockenlegung der Sümpfe vermittels Anpflanzung von Eukalyptusbäumen hat trotz des hohen Kostenaufwandes dieses Verfahrens nicht immer den gewünschten Erfolg gezeitigt. Kleinere Sumpfgebiete findet man an der syrischen Küste überall, wo das Meeresufer eine entwickelte Dünenbildung aufweist und wo die Dünenkette den Abfluß der im Winter sich reichlich bildenden Regenmengen verhindert. Diese Linie kleinerer oder größerer Sumpfgebiete läßt sich von Gaza südlich bis zum Promontorium-Album nördlich verfolgen. Weitere Sumpfbildungen und nasse Böden, die zum Teil im Sommer austrocknen, findet man in den Mulden der großen Ebenen, z. B. in der Battof-Ebene, der Ebene jesreel, im nordöstlichen Winkel der Saron-Ebene, in der Einsenkung zwischen Libanon und Antilibanon, der sog. Beka’a, und vor allem im obere.« Jordantale, der sogenannten Hule- Niederung. Das Sumpfgebiet der Hule umfaßt einen zusammenhängenden Komplex von circa 18.000 ha, der für die Winterkultur wegen der Bodennä.se fast unbrauchbar ist und nur zum Teil mit Sommerger beide angebaut werden kann. Mit verhältnismäßig geringen Kosten könnten die sämtlichen Sümpfe und feuchten Niederungen trocken gelegt und die Malaria aus Palästina und Syrien verbannt werden. Die durch die Trockenlegung gewonnenen Ackerflächen könnten die Kosten der technischen Arbeiten reichlich bezahlt machen. II. Bewässerung. Die Irrigation oder Bodenbewässerung vermag die Erträge bis aufs 10 fache zu vermehren. Man hat in dem benachbarten Egypten mit Hilfe der Bewässerung Baumwolle anbauen können. Diese Kultur wurde so lohnend, daß die Fellahen einen Reingewinn von über 500 M. pro ha erzielen konnten. Die Bodenpreise stiegen daher in wenigen Jahren, dank der Bodenbewässerung von 150—200 M., pr. ha auf 4000—10.000 M. pr. ha. Durch die Möglichkeit der künstlichen Wasserzufuhr wird der Ackerbau viel unabhängiger von der Unregelmäßigkeit des Regenfalles. Der Landwirt hat es dann in der Hand, die Bodenfeuchtigkeit so zu regulieren, daß die Pflanzen weder dürsten noch an überreicher Wasserzufuhr zu leiden haben. Unter künstlicher ßewässerung kann man Orangen, Citronen Granatäpfel und andere Baumarten kultivieren. Aber auch Weizen und Gerste geben auf bewässertem Boden viel sicherere und reichere Erträge als auf trockenem Boden, vor allem aber ist es der Mais, die Luzerne und die Baumwolle, drei äußerst lukrative Kulturen, die bei künstlicher Bodenbewässerung angebaut werden können. Die in den letzten Jahren von dem Bankhause Soursokin Beyrout angestellten Versuche zum Anbau von Baumwolle haben nachgewiesen, daß diese Kultur in Palästina und im südlichen Syrien eine große Zukunft hat. Im nördlichen Syrien und Karomanien hat die Deutsch-Levantinische Baumwollgesellschaft die dortige Bevölkerung zum Anbau von Baumwolle mit Erfolg ermutigt. Die Wasserbeschaffung ist in vielen Teilen Palästinas, wie im Jordantale, der Kison-Ebene und im östlichen Teile der Ebene Jesreel nicht schwer, da dort reichliche Quellen und Bäche zu Verfügung stehen. Dagegen muß in der Saron-Ebene und im Küstengebiete das Wasser durch Bohrungen oder Tiefbrunnen erschlossen und durch Pumpwerke zu Tage gefördert werden. Diese Art der Wasserbeschaffung ist zuweilen kostspielig, hat sich aber in den meisten Fällen als lohnend herausgestellt. Auf der Basis dieser Bewässerungsart hat sich die ganz bedeutende Orangenkultur in Jaffa und Petach-Tikwah entwickelt In Egypten hat sich ein besonderer Geschäftszweig herausgebildet, der darin beruht, daß Wasser gebohrt, gefördert und den Feldern der einzelnen Fellahen zugewiesen wird. Der Preis des Wassers wird pr. m3 oder pr. Feddan und Saison berechnet. Mehrere Gesellschaften arbeiten auf diese Weise und bezahlen den Aktionären hohe Dividende. Es besteht kein Zweifel, daß solche Gesellschaften sich ein hohes Verdienst um die Förderung der Bodenkultur erwerben, obwohl sie in erster Linie ihren eigenen Vorteil im Auge haben, und es wäre sehr wünschenswert, wenn die Initiative zu derartigen Unternehmungen auch für Syrien und Palästina ergriffen würde. Ich halte es noch für angebracht, ein viel verbreitetes Vorurteil gegen die Bodenbewässerung vorzubringen. Man findet nicht selten die Ansicht vertreten, daß mit der Bodenbewässerung auch die Malaria einkehre. Diese Auffassung hat aber nur dann eine Berechtigung, wenn die Bewässerung schlecht durchgeführt wird und wenn infolge unvernünftiger Anordnung des Grabensystems Wasserlachen und kleine Sümpfe entstehen. Hat man es mit einem sehr durchlässigen Bodep zu tun, so liegt diese Gefahr kaum vor, ist der Boden aber zäh und schwer durchlässig, so lpuß an das Bewässerungssystem ein Drainagesysfenj angeschlossen werden, so daß das Wasser auf und in der Erde in steter Zirkulation bleibt. (Fortsetzung folgt) Zeitschriften und Bücherschau. Unser Zentralorgan „Die Welt“ (Köln) fordert im Leitartikel der Nr. 37, es sei die größte Energie aufzuwenden, daß der IX. Kongreß zahlreich besphjckt werde. Wie unsere Leitung den Kongreß für Dezember nach Hamburg einberufen konnte, trotzdem sie es für nötig hält, daß dieser erste zionistische Kongreß nach der Neugestaltung in der Türkei gut besucht sei, ist unerfindlich. Wschpd, Lemberg, Nr. 37, 10. September. Der Leitartikel befaßt sich mit der von vielen Gesinnungsgenossen angeregten Aenderung des Baseler Programms. Er verwirft entschieden jede Aenderung. — Unter dem Titel „Boruch dajan emet“ wird in einer Notiz dem „Dziennik polski“, der einige Monate hindurch den Assimilanten gehört hat und nun wieder christlich-antisemitisch wurde, ein launiger Nachruf gehalten. Rasswjet, Petersburg, Nr. 35, 13. September 1909, befaßt sich im Leitartikel mit der von französischen und englischen Publizisten und Juristen gegründeten „Liga zum Schutze der unterdrückten Nationen“ und bespricht im weiteren Verlaufe die Stellung des Judentums in der Sozialdemokratie, indem er an die in der „Jüd. Zeitung“ geäußerten Ansichten anknüpft. — A. Jakoblewicz bespricht das „sephardische Problem“ in der Türkei und beklagt den assimilatorischen Zug der sephardischen Sphären, den er auf die Rechnung der Allianz setzt. Seine Hoffnung auf den endgültigen Sieg des nationalen Gedankens stützt sich auf die sephardische Jugend, welche den Zionismus begeistert aufgenommen hat. L’Aurore, Nr. 12, 12. September regt die Gründung einer jüdischen Bibliothek in Konstantinopel an. La Nation, Saloniki, Nr. 13, 3. September 1909. Dieses vornehme einflußreiche Organ der Salonikier Juden verlangt im Leitartikel die Einberufung eines Kongresses der ottomanischen Judenheit und regt die Gründung einer Organisation der Juden in der Türkei an. „Wie sollen wir diese Organisation schaffen?“ fragt der Leitartikel und antwortet darauf: „Wir müssen uns auf einem Kongresse versammeln! Mögen sich Delegierte aus allen Städten beteiligen und die Mittel zu unserer Kräftigung und Vereinigung finden!“ Frajnd, Petersburg, Nr. 190, berichtet, daß der neue Botschafter der Vereinigten Staaten in Rußland, der Ende September seinen Posten antritt, als einen Punkt des neuen russisch-amerikanischen Vertrages die Anerkennung der Freizügigkeit amerikanisch-jüdischer Staatsbürger in Rußland verlangt. Unser Leben, Warschau, Nr. 205, 13. September, berichtet, daß die jüdischen Fabrikanten im Gouvernement Witebsk und Wilna sukzessive die jüdischen Arbeiter durch christliche ersetzen. Diese Erscheinung findet im Verhalten der österreichischjüdischen Unternehmer Rothschild und Gutmann ein Gegenstück. Jednosc, Lemberg, Nr. 37, 10. September, druckt den famosen Vortrag des Dr. Kaminka von der Wiener Israelitischen Allianz über „Jüdische Emigration“ nach. Diese Tatsache ist die beste Kritik des Vortrages. Denn würde in ihm nicht der Geist bedingungsloser Assimilation leben, so wäre er nie in die „Jednosc“ gekommen. Die Geistesstörungen bei den Juden. Eine klinisch-historische Studie von Dr. Max Sichel; Leipzig M. W. Kaufmann 1909. Im Vorworte bemerkt der Verfasser, daß die Untersuchung der Geisteskrankheiten vom rassenbiologischen Standpunkte allgemein üblich ist und daß die Juden, welche „bei jahrhundertlangem Zusammenleben mit anderen Völkern, ohne deren Religion und Gebräuche anzunehmen“ größtenteils ihre Eigenart bis in die Gegenwart hinein bewahrt haben, für eine derartige Untersuchung ein „denkbar günstiges Objekt“ darstellen. Die Studie ist in drei Abteilungen gegliedert. Im ersten, dem historischen Teile, werden die heiligen Schriften des jüdischen Volkes auf ihren medizinisch-wissenschaftlichen Inhalt geprüft. In erster Reihe wird auf die Rolle hingewiesen, welche diesbezüglich der Alkohol spielt. Belege liefern der Pentateuch, die Reden des Propheten Jesaia, das Buch Daniel und das Buch der Könige. Die Prophetie und ihre Wirkung wird als Folge einer Massensuggestion aufgefaßt. Der Talmud bietet ziemlich reiche Ausbeute. Endlich werden noch in den Schriften Rabbi Maimuns alle Äußerungen heryorgesucht, die für den Psychiater Interesse haben. Die Erscheinungen der Sabbatai Zewi und anderer Mystiker bringt der Autor mit dem Auftreten psychischer Epidemien in Verbindung. Der zweite Teil befaßt sich mit der Statistik der Geisteskrankheiten in Deutschland und dem perzentuellen Anteil der Juden an ihnen. Der Verfasser hat sich zum Zwecke der Ermittelung von entsprechenden Daten an alle Anstalten für Geisteskranke in Deutschland mit der Bitte gewendet, ihm den Krankenstand vom 1. August 1908 mitziiteilen. Von 460 Anstalten, an welche die Rundfrage gerichtet, war, liefen 395 Antworten ein. 342 Antworten konnten verwertet werden. Aus den Angaben ging heryor, daß sich am betreffenden Tage 116,010 geisteskranke Personen in den Anstalten befanden, darunter 2766 Juden, und zwar 1386 Männer und 1380 Frauen. Die Juden machen in Deutschland 1 “/„ der Bevölr kerung aus, zu den geisteskranken Änstaitsinsaßen stellen sie aber mehr als das Zweifache. Auffallend ist, daß unter den Kranken das weibliche im Gegensatz zu den nichtjüdischen Geistesgestörten dem männlichen Geschlechte an Zahl gleichkommt. Der Verfasser kommt zum Schlüsse, es stehe unzweifelhaft fest, „daß sich zur Zeit prozentual weitaus mehr jüdische Geisteskranke in den Anstalten befinden, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht.“ Damit ist aber der Meinung des Verfassers noch das Üeberwiegen der Geisteskrankheiten bei den Juden in Deutschland noch lange nicht bewiesen, denn eine Reihe schwerwiegender Bedenken mahnt einem vorschnellen Urteil gegenüber zur Vorsicht. Als Bedenken erscheinen dem Verfasser erstens die Tatsache, daß in der Summe der Geisteskranken nur die Zahl der Insassen nicht aber die fluktuierende Zahl der Aufgenommenen und bald Entlassenen berücksichtigt ist. Als zweites die Tatsache, daß die Juden, die in Deutschland sozial höher stehen als. der Durchschnitt der nichtjüdischen Bevölkerung, in höherem Maße das Bestreben haben; psychisch kranke Angehörige aus ihrer Mitte zu entfernen. Weiters ist zu berücksichtigen, daß die jüdischen Kranken einen durchschnittlich längeren Anstaltsaufenthalt aufweisen als die Nichtjuden. Dieser Umstand wirkt auf die zahlenmäßige Berechnung des Bestandes an einem gewissen Termin zu Ungunsten der Juden ein. Ein weiterer Faktor, welcher die Zahl, der Kranken zu Ungunsten der.Juden verschiebt, ist die Tatsache, daß die Juden fast ausschließlich Städtebewohner sind und ihnen daher die Inanspruchnahme einer Krankenunstalt viel leichter fällt. In den Städten sind darum auch die Nichtjuden zumeist in demselben Maße an den Psychosen beteiligt, wie die Juden. Folgende Aufstellung bestätigt die Richtigkeit dieser Bemerkung. Dei prozentuale Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung beträgt in Berlin 4‘8, an den Geisteskranken 3'4, in Leipzig 43, an den Geisteskranken 1*5, in Breslau 4‘3, an den Geisteskranken 4fi. Dieser Ausgleich ist eber auf die große Zahl der bei Nichtjuden vorkommenden Psychosen, die durch Alkohol verursacht werden, zurückzuführen, welche Erscheinung bei den Juden nur sehr selten vorkommt. Auf Grund dieser Erwägung scheut der Verfasser aus der verhältnismäßig höheren Zahl der geisteskranken Juden den Schluß zu ziehen, daß die- Psychosen bei den Juden häufiger sind als bei Nichtjuden und stützt seine der allgemein verbreiteten Anschauung von einer stärkeren Inklination der Juden zu Geisteskrankheiten entgegengesetzte Meinung, auf ähnliche Ansichten anderer Forscher, wie Damerow, Tigges, Ziehen, Rieger Sioli. Im statistischen Teile sind auch die Verhältnisse in Rußland um Oesterreich berücksichtigt. In Rußland bilden die Juden 4i3% der Bevölkerung und stellen 4'23% zur Anzahl der Geisteskranken. In Oesterreich betrug im Jahre 1906 der perzentuelle- Anteil der Juden an den Geisteskranken 2-7%, an der Gesamtbevölkerung dagegen 47%. Doch können alle diese statistischen Angaben nicht zur Grundlage irgend welcher Schlüsse dienen, da außerdem noch, viele andere Momente in Betracht gezogen werden, müssen. Der klinische Teil befaßt sich mit den Arten, der bei Juden vorkommenden Geisteskrankheiten,, welche der Reihe nach angeführt und auf die Häufigkeit und Erscheinungsform bei den Juden untersucht werden. Der Verfasser meint, daß „bei den Juden atypische Bilder Vorkommen, die sich in keine der bekannten Formen einreihen lassen“. Progressive Paralyse, die früher bei Juden infolge der unter ihnen geringen Verbreitung der Syphilis selten war, ist jetzt leider häufiger zu beobachten, doch fehlt bei jüdischen Frauen diese Krankheitsform fast vollständig, was nach des Verfassers Meinung „zweifelsohne aus dem hohen sittlichen Niveau der jüdischen Weiblichkeit entspringt“. In bezug auf organische Hirnerkrankungen, Psychosen des Seniums, manischdepressives Irresein und dementia praecox unterscheiden sich die jüdischen Geisteskranken von den nichtjüdischen nicht. Zum angeborenen Schwachsinn stellen die Juden ein sehr hohes Kontingent. Eine Abart dieser Krankheitsform, die amaurotische Idiotie,, scheint nur bei Juden vorzukommen. Auch zu den Hysterischen stellen die Juden ein hohes Kontingent,, während die Epilepsie bei den Juden selten vor-