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Jüdische Zeitung · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38/39. . JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 Aus dem jüdischen Leben. Der Führer der antisemitischen Dumapartei. Aus Petersburg wird gemeldet: In Kursk ist gestern der Führer der Antisemitenpartei in der Duma und Leiter der antisemitischen Bewegung in Rußland, Graf und Kammerherr Wladimir Dorrer, gestorben. In der Geschichte der jüngsten Judenverfolgungen in Rußland hat Graf Dorrer eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Gleich nach dem Oktobermanifest, das auch den Juden die Gleichberechtigung gewährte, entfaltete Graf Dorrer, damals Adelsmarschall von Kursk, in der Gesellschaft, in Regierungskreisen und selbst am Zarenhofe eine beispiellose Agitation gegen die Juden. Er organisierte eine Antisemitenpartei, die, mit reichen Geldmitteln versehen, den russischen .Volksverband in der Veranstaltung von Pogroms unterstützte und die Annullierung vieler judenfreundlicher Verfügungen herbeiführte. Zum Abgeordneten der dritten Duma gewählt, stellte sich Graf Dorrer an die Spitze der antisemitischen Elemente der Duma, hielt Agitationsreden gegen die Juden und entfachte den Haß der Bureaukratie gegen das jüdische Element. Es ist ein offenes Geheimnis, daß es Graf Dorrer war, der es vermochte, den Zaren zu bewegen, die von Stolypin gleich nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten geplanten Erleichterungen für die Juden zu verwerfen. Seit Monaten krank, hörte Graf Dorrer dennoch nicht auf, die antisemitische Bewegung im Zarenreiche zu leiten. * * * Jüdische Tagesferienkolonien. Aus Hamburg wird geschrieben: Die allgemein anerkannte Notwendigkeit, möglichst allen Schulkindern eine Ferienerholung zu ermöglichen, hatte die Zion. Frauenvereinigung auch in diesem Jahre veranlaßt, wieder eine Tagesferienkolonie für jüdische Kinder einzurichten. Es gelang, das Unternehmen mit 70 Kindern im schulpflichtigen Alter durchzuführen, ln zwei reservierten Straßenbahnwagen fuhren die Kinder täglich nach Neumühlen, dem herrlichen Ausflugsort an der Unterelbe, wo dieselben mit Milch, Brot und Eiern versorgt wurden. Unter der vorzüglichen Aufsicht einer angestellten Dame, der eine Anzahl gewissenhafter, liebevoller Helferinnen zur Seite standen, genossen die Kinder unter Spiel und Gesang alle Freuden, die das Leben der Natur dem Stadtkind bietet. Auf Wunsch konnte ein Teil der Kinder durch das freundliche Entgegenkommen des „Vereins zur Speisung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder“ in der Speisehalle Kohlhöfen Mittagessen erhalten. — Die Veranstalterinnen waren bemüht, durch mancherlei Anregungen, wie z. B. durch Verlosen von Erzählungen, Verschenken von jüdischen Büchern, Bildern u. dergl. in den Kindern die Liebe und Begeisterung für das Judentum zu erwecken. Die Frauenvereinigung beabsichtigt, das so sehr im Aufblühen begriffene Werk immer weiter zum Wohle der jüdischen Jugend auszubauen und in den weitesten Kreisen das Interesse zu dieser Sache wachzuhalten und neu zu wecken. Es wäre dringend an der Zeit, daß auch in Wien endlich an die Etablierung derartiger jüdischer Tagesferienkolonien geschritten werde. * * * Die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee. Diese Kolonie erfreut sich nach wie vor einer starken Besetzung. Die in der Zahl von 80 bis 90 Mann ständig die Anstalt frequentierenden Kolonisten finden dort Obdach, Verpflegung und Arbeitsverdienst. Jetzt beim Herannahen des Winters ist der Vorstand dafür besorgt, auch den vielfach in unzulänglicher Kleidung eintretenden Schützlingen warme Wintersachen zu beschaffen. Ein Fonds für •derartige Ausgaben ist aber nicht vorhanden. * . * Erste Jahresversammlung der jüdischen Farmervereinigung Amerikas. Diese findet in New York vom 2. bis 7. Oktober a. c. statt. Die Tagung wird umfassen: 1. Eine Versammlung von Delegierten der 25 Vereinigungen Jüdischer Farmer Amerikas. 2. Einen Farmerkongreß, bei welchem 500 jüdische Farmer der benachbarten Farmer anwesend sein werden. 3. Eine Ausstellung von landwirtschaftlichen Produkten jüdischer Farmer, wobei mehr als 100 Preise zu vergeben sind. 4. Ausstellungen der Baron Hirsch sehen Landwirtschaftsschule in Woodbine der „Nationalfarmschule“ Pensylvania, dem Cornell Agricultural College, sowie von den Landwirtschaftsschulen verschiedener Staaten Amerikas. Wie man sieht, ein stolzes und reiches Programm, das auf die Stärke und Tüchtigkeit der jüdischen Landwirte Amerikas die erfreulichsten Schlüsse ziehen läßt. * * * Pogromdrohung. Im Städtchen Nowo-Wileisk bei Wilna soll jetzt eine katholische Kirche errichtet werden. Ein dafür tätiger Stadtverordneter hat den dortigen Rabbiner aufgefordert, für diesen Zweck unter den Juden Gelder zu sammeln, da sonst ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung veranstaltet würde. Der fromme Held fügte noch hinzu, daß auch der Geistliche gegen ein derartiges „Strafgericht“ nichts einzuwenden hätte.- In Deutschland zeichnen bekanntlich „vorurteilslose“ Juden unter dem gelinderem Zwange des „noblesse oblige“ häufig namhafte Summen für Kirchenbauten. Die Pässe jüdischer Reisender in Rußland. Aus New-York wird geschrieben: „Die Frage der Anerkennung von Pässen jüdischer Reisender in Rußland, die zuletzt im Frühjahr d. J. auf dem Kongreß erörtert wurde, scheint neuerdings infolge einer Verordnung des Präsidenten Taft wieder in Fluß kommen zu sollen. Gelegentlich der Abreise des neu ernannten amerikanischen Gesandten W. W. Rockhill nach St. Petersburg ergriffen einige angesehene Vertreter der amerikanischen judenheit die Initiative, die Regierung auf den Fortbestand der schon mehrmals auf diplomatischem Wege gerügten Ausnahmebestimungen gegen amerikanische Staatsbürger jüdischen Glaubens bei ihren Reisen innerhalb Rußlands hinzuweisen. Der Präsident verfügte daraufhin, daß der Gesandte sogleich nach seiner Beglaubigung mit aller Entschiedenheit auf eine gleichmäßige Anerkennung aller Pässe der amerikanischen Regierung hinzuwirken und sich zu diesem Behufe durch die jüdischen Vertreter in die Materie einführen zu lassen habe. Nunmehr ist Mr. Rockhill mit dem einschlägigen Material versehen an den Ort seiner neuen Tätigkeit abgereist. Die Intransigenz, mit der die amerikanische Regierung diese gerechte und für das nationale Ansehen so wichtigen Bemühungen betreibt, im Verein mit dem Anleihebedürfnis des russischen Staatsäckels dürfte den Schritten einigen Erfolg versprechen.“ Bekanntlich bestehen für die deutschen und österreichischen Untertanen jüdischen Glaubens die gleichen schmachvollen Ausnahmebestimmungen, ohne daß sich die Regierungen zu irgend welchen Vorhaltungen bewogen fühlen. Konstantinopel. Der Sultan hat dem jungen jüdischen Komponisten Lam aus Nikolajeff (Rußland) die goldene Medaille Bos-Ar verliehen. Herr Lam hat durch den Chachambaschi dem Sultan eine ihm gewidmete Komposition zugestellt. An die Hohe Pforte sind mehrfach derartige Widmungen gelangt; aber bisher ist nur der Hofsolist Selueli durch eine goldene Medaille ausgezeichnet. Lam hat seine Musikstudien in Leipzig absolviert. Außer zahlreichen Kompositionen hat er auch bedeutende musik-theoretische Werke verfaßt und ist auch hervorragender Klaviervirtuose. Agrarreform und Judenfrage. Aus Petersburg wird geschrieben: Daß zwischen der Agrarreform und der Judenfrage in Rußland ein inniger Zusammeuhang bestehe — ist zwar für gewöhnliche Sterbliche nicht recht einleuchtend; es bildet jedoch die neueste Entdeckung der „gelehrten“ Politik der offiziösen „Rossia“, die das Bedürfnis empfindet, die angebliche Unmöglichkeit einer auch nur geringfügigen Verbesserung der von ihnen selbst als „Unmoral“ bezeichneten jüdischen Lage aus „wirtschaftlichen Gründen“ zu beweisen und herzuleiten. Bekanntlich besteht die von der russischen Regierung inaugurierte „Agrarreform“ vornehmlich in der Abschaffung der Dorfgemeindewirtschaft. Die Kleinbauern sollen selbständig gemacht werden und zu diesem Zwecke durch Vermittelung der Agrarbank Land auf Abzahlung erhalten. Die „Rossia“ behauptet nun, die Aufhebung des jüdischen Ansiedelungsrayons würde den Juden die Möglichkeit geben, sich auf dem Lande niederzulassen, bei den Bodenankäufen eine Vermittlerrolle zu spielen und die Bodenpreise in die Höhe zu treiben. Dadurch würden die Bauerninteressen großen Schaden erleiden. Es müsse daher jede Aenderung in der rechtlichen oder, richtiger desagt, rechtlosen Lage der Juden bis zur endgültigen Durchführung der Agrarreform unterbleiben. Es gehört nicht viel nationalökonomische Gelehrsamkeit dazu, um die Unhaltbarkeit dieser „Theorie“ zu erkennen und nachzuweisen. Zunächst ist die Beschränkung des Wohnrechtes iür Juden im Zarenreich eine doppelte: Juden dürfen in den Dörfern auch des Ansiedelungsrayons nicht wohnen* und sie besitzen kein Aufenthaltsrecht in sämtlichen innerrussischen, außerhalb des Ansiedelungsgebietes gelegenen Gouvernements, also auch injden Städten derselben. Sodann besteht ein besonderes Verbot von Landerwerb durch Juden. Beim Fortbestehen dieses Verbotes wäre ja die „Befürchtung“ der „Rossia“ jedenfalls grundlos, auch wenn den Juden das Aufenthaltsrecht auf dem Lande zum Zwecke von Handelsbetrieb und gewerblichen Beschäftigungen wewährt würde. Aber abgesehen von alledem ist die ganze „Theorie“ von der Bodenverteuerung durch Juden nur ein Abschreckungsmittel, an das die gelehrten Herren der „Rossia“ wohl selbst nicht glauben. Denn tatsächlich sind die Bodenpreise durch die Agrarbank selbst in die Höhe gebracht worden. Bekanntlich verlangten die Kadetten noch in der ersten Duma den staatlichen Zwangsankauf des Großgrundbesitzes zu kleinen Preisen. Die Regierung trat jedoch dem entgegen mit der Motivierung, man habe kein Recht, die Großgrundbesitzer materiell zu schädigen und ihnen das Land zu kleinen Preisen wegzunehmen. Die Agrarbank zahlt selbst und berechnet den Kleinbeuern solche hohe Bodenpreise, daß die Bauern die beträchtlichen Abschlagszahlungen meistensteils nicht zu leisten vermögen und ihrer Selbständigmachung bisher nicht um einen Schritt näher gekommen sind. Das ist auch in maßgebenden Kreisen offen zugestanden worden, und man sieht dort ein, daß das ganze bisherine Verfahren der „Agrarreform“ ein verfehltes ist. Die unparteiischen, wirklichen Kenner der einschlägigen Verhältnisse behaupten mit Recht, daß i eine Vermittlertätigkeit von Juden bei Bodeneinkäufen sicherlich zur Verbilligung der Bodenpreise und zum größten Vorteil für die Bauern führen würde. — Bei den „patriotischen“ Sozialpolitikern der „Rossia“ überwiegt aber der „Patriotismus“ das soziale Wissen und Gewissen. Palästina. Die technische Erschliessung des jüdischen Ansiedlungsgebietes.311) Referat, erstattet in der Versammlung der Allg. Jüd. Kolonisations-Organ., Berlin, 22. Mai 1909. Von Kultur-Ingenieur J. Treidel, Haiffa. I. Bodenentwässerung. In der subtropischen Zone, wo ich seit circa 11 Jahren im jüdischen Ansiedlungsgebiete tätig bin, hat die Bodenentwässerung eine weit größere Bedeutung für den Staatshaushalt, als in der gemäßigten Zone, obwohl auch dort ihre Wichtigkeit nicht zu unterschätzen ist. In der gemäßigten Zonne bezweckt die Trockenlegung feuchter und sumpfiger Niederungen die Verbesserung minderwertiger Böden und die Gewinnung neuer Kulturflächen. Dieselben Vorteile machen sich auch für die Kolonisationsgebiete der subtropischen Zone geltend, dazu kommt aber noch — und das ist zweifellos das Wichtigste — die Verbesserung der sanitären Bedingungen der von der Drainage betroffenen Gegenden und ihrer Nachbargebiete. Eine alte Erfahrung lehrt, daß Sümpfe und feuchte Niederungen in den Subtropen Fieberherde sind. Die moderne Forschung schreibt die Uebertragung und Verbreitung des Malariabazillus der Anophelesfliege zu, die ihre Brutstätten in den sumpfigen und feuchten Niederungen und stehenden Gewässern hat. Nimmt man durch Drainage dem Insekt die Lebensbedingung, so verschwindet erfahrungsgemäß die Malaria. Das stets wirksame Mittel zur Austrocknung der Sümpfe und feuchten Böden ist die Drainage vermittels offener Gräben oder Drain- *) Wegen Raummangels verspätet. (Anm.d. R.)

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