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Jüdische Zeitung · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 38/39. Prozentsatzberechnungen überhaupt keine Juden oder nur sehr wenige aufnehmen sollen, um Milderung der grausamen Vorschriften. Mit besonderer Härte hat er die bereits vollzogene Immatrikulation mehrerer Dutzend Jünglinge seitens der Moskauer Universität anulliert, so daß sich die Moskauer Universitätsbehörden veranlaßt sahen, an die Betroffenen demonstrative Entschuldigungsbriefe zu schreiben. Und nicht viel besser geht es an anderen Hochschulen zu, so daß der Jammer der zurückgewiesenen jüdischen Hochschulaspiranten überall das gleiche Bild zeigt. Wo aber selbst die Aufnahme durch das Gesetz nicht so behindert wird, da gibt es ein anderes Mittel: die Versagung des Wohnrechts. So sind unter dem Verwaltungsdruck verschiedene höhere Frauenkurse (wie in Charkow, Moskau usw.) in ihren öffentlichen Ankündigungen zu der Erklärung gezwungen, daß das Studium an diesen Anstalten das Wohnrecht nicht involviere. Wie wenige Jüdinnen verfügen aber an und für sich über dieses Glücksprivileg! Und wer schon selbst mit großer Mühe das Wohnrecht für ganz Rußland sich erworben hat, ist dessen nimmer sicher. Ein horrendes Beispiel aus dieser Kategorie haben die jüngsten Tage gebracht. Zahnärztinnen gehören laut dem Gesetz zu den Bevorzugten. Nun fand es die Kiewer Administration heraus, daß eine Zahnärztin Russakowskaja, der die berufliche Praxis keine für den Lebensunterhalt ausreichenden Einnahmen gewährten, sich auch eine Drogerie eingerichtet hatte. Welch schreckliche Sünde, welche „Umgehung“ des Gesetzes! Da begann die Verfolgund der Zahnärztin durch die gewissenhaften Behörden, und das Kreisgericht, das den Wind der Petersburger Zeit genau kennt, entschied mit salomonischer Weisheit, daß eine Zahnärztin nur als solche und einzig undallein in ausschließlicher Ausübung ihres Berufes das allgemeineWohnrecht besitze, obwohl das Gesetz nicht die mindeste derartige Andeutung enthält. Russakowskaja wurde demgemäß aus Kiew ausgewiesen und wird bald eine lange Schar von Leidensgenossen nach sich ziehen. Denn nirgends ist so wie in Rußland der zahnärztliche Beruf überfüllt, nirgends sind so viele Angehörigejdieses Standes genötigt, ein anderes Arbeitsfeld als Neben- oder auch als Hauptbeschäftigung aufzusuchen. Und wieviele Juden haben das ganze zahnärztliche Studium durchgemacht, um auf Grund des Diploms das Wohnrecht zu erwerben und ungestört einer anderen Tätigkeit, wie z. B. essanter. Gordin beginnt sie vom künstlerischen Standpunkt zu sehen. Der Bajazzo ist nicht mehr nur dazu da, die Welt lachen zu machen. Er führt sein eigenes Leben, wird individualisiert. So finden wir z. B. den Bajazzo Schamai im „Jüdischen König Lear“ in „Gott, Mensch und Teufel“ in der Gestalt des Leiser Badchen veredelt wieder. Der Erfolg von „Mirele Efros“ mußte Gordin überzeugen, daß das jüdische Publikum gar kein so dummer Golem wäre, den man nur mit „Jüdischen Konvertiten“, „Schwarzen Juden“, „Wilden Menschen“ und anderen Geschichtem abfüttern müsse, sondern daß es genugsam bildungsfähig sei bessere geistige Nahrung aufzunehmen. Um den heiß ersehnten Erfolg brauchte also Gordin nicht, bange zu sein. Daß er keine ganzen Kunstwerke zu schaffen imstande war, liegt an seinem begrenzten Können. Bei Durchsicht von Gordins besseren Dramen drängt sich der Schluß auf, daß sein Talent nur für Episoden ausreichte. Ueberall nehmen die Seitenfiguren und Episoden einen so breiten Platz ein, daß sie die Hauptpersonen und die eigentliche Handlung überwuchern. Zu der Beschränktheit seines künstlerischen Vermögens kommt noch ein zweiterUmstand, seine Kräfte zu lähmen. Wer Gordins Stücke im Buch und auf der Bühne aufmerksam studiert hat, muß bald einsehen, daß Gordin überhaupt nur Rollen ■schreibt Neben dem Publikum verlangen auch die dem Privatlehrerberufe, nachgehen zu können! Jetzt wird die hohe Polizei allen jüdischen Zahnärzten rücksichtslos zurufen: Schuster, bleib’ bei deinem Leisten, ganz gleich, ob sie nur ihr Auskommen dabei finden oder daran zugrunde gehen. Und das schlimmste an dieser Erscheinung ist die Kontrolle, die die russische Polizei von jetzt ab über die berufliche Tätigkeit von Zehntausenden ausüben soll. Bislang war die Obrigkeit außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons angewiesen, ihre Argusaugen auf die sozusagen bevorrechteten jüdischen Handwerker zu richten, ob sie nicht noch Nebenarbeiten ausführen. Diese obrigkeitliche Mission hat den Handwerkern, auch denen, die das Gesetz einwandfrei auf ihrer Seite hatten, unendliche Schikanen in Sachen des Wohnrechtes und der Polizei reichliche Einkünfte verschafft. Jetzt sollen auch anderen privilegierten Kategorien, wie z. B. die zu zeitweiligem Aufenhalte außerhalb des Territorialghettos zugelassenen Angestellten von Kaufleuten erster Gilde, kontrolliert werden, ob sie nur den Geschäften ihrer Prinzipale nachgingen oder Allotria treiben, Bibliotheken besuchen, schriftstellerisch sich betätigen und dergleichen mehr. Beim geringsten Verdacht, daß die Handelsfirma, und sei es auch nur zu vorübergehendem Aufenthalt, als Deckmantel benutzt werde, sollen die Schuldigen sofort abgeschoben werden. Ueberhaupt hat die Polizei die blinde Rücksichtslosigkeit, gegenüber den Juden bei der Durchführung aller unzähligen Beschränkungen zum Prinzip erhoben. Seit zwei Dezennien lastet über den russischen Juden ein seinem Charakter nach vorsintflutliches Gesetz, wonach die Verwandten eines jeden von ihnen, der sich der Wehrpflicht entzogen hat, mit der Strafe von 300 Rubeln zu belegen sind. Der unschuldigste und notleidendste Jude wird seiner letzten Habseligkeiten beraubt, wenn jemand aus seiner Familie vor Erreichung des militärpflichtgen Alters auswandert und sich nicht rechtzeitig zum Heeresdienst meldet Mit Hilfe eines solchen Gesetzes hat der Fiskus insbesondere nach den großen Auswanderungsjahren aus der ärmsten jüdischen Masse viele Millionen herausgepreßt. Nie ist jedoch auch auf diesem Gebiete mit größter Härte verfahren worden, wie im laufenden Jahre. Neulich wußte sogar die Presse aus Lodz über einen Fall zu melden, in dem die schlecht informierte Obrigkeit bei den Eltern eines Einjährig-Freiwilligen die Strafsumme eintreibt und dabei die Adresse der zu Be- Schauspieler Berücksichtigung. Bei Goldfaden mußten die Schauspieler sp ielen, was er geschrieben hat. Gordin dagegen schreibt, wäsdieSchauspielerspielen wollen. Gewöhnlich fertigt er Stücke für sogenannte „Stars“ an, sodaß sich der Inhalt hauptsächlich um eine Person 'drehen muß. Merkwürdigerweise erhalten aber die Mitspieler keinen geringeren Platz. Die Ursache hiervon ist zum Teil auch äußerer Natur, indem alle zur Schauspielertruppe gehörenden Mitglieder mit Rollen bedacht werden müssen. Der Personalstand der Truppe bedingt die Güte der Stücke. Zum Beweise dessen führe ich an, daß Gordin im Jahre 1904, wo er selbst Theaterdirektor war, seinen „Unbekannten“ gedichtet hat, ein Stück ohne zentrale Figur und ohne Inhalt, ein Episodendrama müßte man sagen, wenn es diese Gattung gäbe. Er hat es nicht für einen bestimmten Star, sondern für die eigene Truppe benötigt, in der er zur Vermeidung von Unzuträglichkeiten jeden einzelnen zufriedenstellen wollte. Ihrem Wunsche nach erscheinen die Hauptfiguren als Verkörperungen guter Sitten, Rechtschaffenheit, Klugheit, Scharfsinn, Bescheidenheit usw., kriegen Haut und Knochen, stolzieren auf der Bühne mit zur Schau getragenem Selbstbewußtsein umher, um das Volk mit einer süßlichen Moral zu erquicken, ähnlich wie bei Goldfaden. Dazu versteht sich der Autor keineswegs, um der Masse zu schmeicheln, die ja gewöhnlich sehr sittlich tut und strafenden nur vom angeblich flüchtigen, in Wirklichkeit, wie gesagt, dienenden Sohn zu erfahren vermag. Und selbst diese Kuriosität ist nichts neues und hat im Leben der russischen Juden nicht wenige Analogien aufzuweisen. Trotzdem so die nur zum Teil charakteristischen Schläge tagtäglich . auf die russischen Juden mit aller Gewalt niedersausen, hetzt gerade jetzt die gesamte reaktionäre Presse mit einer Wut, daß man glauben müßte, das Schicksal Rußlands sei nur von der Bedrückung der Juden abhängig. Keine Nummer von den echtrussischen Blätter ohne spaltenlange Ausführungen antisemitischen Kalibers! Ueberall Juden, Juden und nur Juden! Als ob die Welt voller Juden wäre! Als dann die Beschränktheiten und Banalitäten über dieses Thema gar zu schal wurden, bot ihnen eine „sensationelle“ Mitteilung einen besonders günstigen Stoff. Danach hieß es, daß der Premier eine jüdische Deputation empfangen und ihr einige Erleichterungen in Aussicht gestellt hätte, falls die jüdische Jugend von jeglichen revolutionären Ben Strebungen sich lossagen sollte. Da entbrannte erst der Kampf gegen die Juden auf der ganzen reaktionären Linie. Zwar erklärte das offizielle Informationsbureau mit großer Hast die welterschütternde Nachricht als erfunden, aber die Tatsache ließ sich nicht leugnen, daß Stolypin „privatim“ gegenüber einer jüdischen Abordnung die ketzerischen Ansichten, übrigens nur einen Abklatsch von Plehwes wiederholten Erklärungen, geäußert hat. Der erwünschte Anlaß ist also geblieben. Wie? Wenn die Juden in ihrer politischen Betätigung sich „bessern“ sollten, würden ihre Beschränkungen gemildert werden? Ein Jude kann sich nicht bessern, darf sich nicht bessern! Also schreit der tonangebende Verkünder des „Rußland für die Russen“, der berüchtigte Menschikow, und mit mehr Gift und weniger Redensarten schreiben es die anderen nach. Ströme von Tinte ergießen sich gegen die Juden, und diese wissen es nur zu genau, daß die echtrussischen Ströme von Tinte in Rußland nur gar zu leicht in Ströme von Elendstränen und Blut sich verwandeln können. Ungemein groß ist darum die Unruhe, die sich der gesamten russischen Judenheit bemächtigt hat. Denn die sich um sie immer düsterer verdichtenden Wolken durchdringt nicht ein einziger Lichtstrahl. Ignotus. derartige Vorführungen mit stürmischen Beifall lohnt; es ist ein Zugeständnis an die Schauspieler, welche die Wirkung kennen und an den Komplimenten des Publikums ihre Eitelkeit befriedigt sehen wollen. So muß sich Gordin anstrengen, und den Fluß seiner Fantasie in vorschriftsmäßige Richtungen zu lenken. Er kann sich seinem Stoff gegenüber nicht unbefangen verhalten. Er gehört ihm nicht mit Leib und Seele. Er bleibt mit ihm sozusagen' nie allein. Immer treten die Schauspieler zwischen ihn und sein Thema, wodurch er es nicht nach dem ihm immanenten Leben entwickeln kann. Ein solcher Zwang müßte auch den größten Dichter leistungsunfähig machen. Infolgedessen ergibt sich als Resume: Gordins Neuerung, die Einführung des Menschen, hätte ein vielversprechender Fortschritt für die Entwickelung des jüdischenDramas werden können, der aber erstens durch die Schranken seines Talentes, zweitens durch allzu großeNachgiebigkeitgegenPublikum und Schauspieler aufgehalten wurde. Diese Verhältnisse wurden zum Fluch für all die, welche sich an Gordins Beispiel gebildet haben. * * * [Druckfehlerberichtigung. Im zweiten Kapitel ist auf Seite 3 in der ersten Spalte statt „Nachdrücklichen“ „Nachdenklichen“ zu lesen.]

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