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Jüdische Zeitung · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr- 38/39 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite / reichung anerkannt vorzüglicher Getränke ist bestens gesorgt“. Jgnseits der Leitha hat sieb wieder ein jüdischer Magyare unsterblich gemacht. Es ist der frisch geadelte Baron Deutsch de Hotvan (!). Der frischgebackene Aristokrat, welcher Oberstudiendirektprdes Budapest er jüdischen Lehrerseminars ist, nahm die Gelegenheit seiner Erhebung in den Ritterstand wahr, um seiner Geburtsstadt eine — katholische Kirche zu spenden! Jedenfalls in einer Zeit, in welcher der berüchtigte Hirtenbrief des Großwardeiner Bischofs Lanyi „gegen das unsichere Element der freimaurerischen Judenheit“ erging und im ungarischen Grenzpolizeibezirk Bartfeld alle Juden ausgetrieben werden, deren Geburtsschein nicht in ungarischer Sprache geschrieben ist, ein sehr angebrachtes Geschenk eines Juden füF die magyarische Christenheit. Zum Prerauer Studenten- Man mag darüber geteilter Meinung sein, ob und wie weit die Studentenschaft sich im politischen Leben betätigen soll, darüber aber, daß den absolvierten Akademikern, den Intellektuellen, die Führung und Hanptarbeit in der jungjüdischen Gruppe obliegt, kann es nur eine Meinung geben. Diese intellektuelle Führung wird man ja bei den nationalen Bewegungen aller Völker gerade in Oesterreich beobachten und speziell bei den Juden, deren alte Generation in anderen Traditionen, im Zeichen einer anderenWeltanschauung,als es die unserige ist, heranwuchs, kann naturgemäß nur die Jungmannschaft, die junge Intelligenz, die Vorkämpferin unserer Moderne sein. Zu diesem Zwecke ist ihre Ausbildung in allenihTVolk sowie dieModerne überhaupt berührenden Problemen unbedingt erforderlich und unaufschiebbar. Nur auf diese Weise können wir die notwendigen Redner, Agitatoren und Organisatoren erhalten, die eine auf festen Grundlagen basierende, Gesamtösterreich umfassende jüdische Volksbewegung ins Leben rufen und auch für die Dauer konservieren. In Oesterreich ist dies ferner nur dann möglich, wenn zu allen die jüdischen Volksmassen bewegenden nationalen sowie ökonomischen Zeit- und Streitfragen des Tages Stellung genommen und gezeigt wird, daß das jungjüdische Programm in keiner Frage versagt, sondern auf jede eine befriedigende Antwort erteilt. Diese Erkenntnis der umfassenden Arbeit, die in unserem Volke geleistet werden muß und an der in ansehnlichem Maße zu partizipieren, die schildern, dazu noch solche, welche niemals passiert sind, oder je passieren könnten. Gordin dagegen leitet eine neue Epoche ein, indem er „Menschen“ auf die jüdische Bühne bringt. Fast in jedem seiner späteren Dramen werden wir mit Individalitäten bekannt, die der Wirklichkeit entnommen sind und denen Leben eingehaucht ist, auf deren weitere Entwicklung, auf deren letztes Schicksal wir gespannt sind. Das ist Gordins vorzüglichstes Verdienst um das jüdische Drama. Aber seine künstlerischen Mittel reichen nicht aus, Gordin kann zwar Charaktere einführen, aber nicht durchführen. Er kann zwar Menschen in ihrer Lebendigkeit schildern, aber im Gang der Handlung ihre Eigentümlichkeiten sich entwickeln zu lassen, reicht seine Kraft nicht aus. Ich kenne keine Gestalt in seinen Stücken, die er erschöpfend durchgeführt hätte, wäre ihr Schicksal für das Ganze von noch so großer Bedeutung. Nur „Mirele Efros“ ist eine Ausnahme. Außer ihr ist ihm keine Gestalt gelungen. Das Gesagte gilt selbstverständlich nur für die Stücke nach „Mirele Efros“, das einen Wendepunkt in Gordins Schaffen darstellt. In den mir bekannten Stücken b i s „Mirele Efros“ hat er menschenmögliche Charaktere nur angedeutet In ihnen fehlt noch der „menschliche“ erste Akt. Gordin Aufgabe unserer Jungmannschaft ist, kam am Prerauer Studententag deutlich zum Ausdrucke, Alle die von den Gg. Stern, Kohn und anderen gehaltenen Referate, sowie die vom Studententag angenommenen Resolutionen beweisen, daß unsere Studenten sich allmählich bewußt werden der] neuen Aufgaben der zionistischen Bewegung im allgemeinen pnd der jüdischen Volkspolitik insbesondere. Wir wollen an dieser Stelle uns nur auf Wiedergabe des Inhaltes jener Resolution beschränken, welche mit besonderer Rücksicht auf den zunehmenden Nationalitätenhader und des Antisemitismus eine intensive innerpolitische Betätigung der österreichischen Juden für ein Gebot der Notwendigkeit erklärt und die Studentenschaft auffordert, alle diesbezüglichen Bestrebungen des „Jüdischen Nationalvereins“ durch Anwerbung von Mitgliedern und Veranstaltung von Versammlungen in allen Orten Mährens und Schlesiens tatkräftigst zu fördern. Außer einem Referate über die jüdische Volkspolitik standen auf der Tagesordnung auch die Fragen der Ausbildung der jüdischen Studenten, der Kultur und Kunst. War das Referat des Gg. Stern eine treffende Charakteristik der speziellen studentischen Aufgaben, 50 bot der Vortrag des Gg. Kohn über die Motive des Zionismus eine interessante Zusammenfassung aller der Gründe der Unmöglichkeit der Assimilation und der vielen Aufgaben, die die jüdische Renaissancebewegung zu lösen hat. Gg. Kohn sagte diesbezüglich unter anderem: „Ich abstrahiere ganz und gar von anthropologischen, historischen und antisemitischen Gegengründen. Ich sage nur, Volksverrat im Frieden ist unethisch, um wie viel mehr erst im Kriege; und wir stehen im Kampfe. Im Kampfe gegen Verwandte — und Verwandtenkrieg sagt Karl Lamprecht, der Meister der modernen Historie, ist viel ärger, als Krieg gegen Fremde — im Kampfe oder wenigstens im Streite mit Nichtjuden. Ist es da vom rein menschlichen Standpunkte nicht unmoralisch, sein Volk, aus welchen Gründen immer - und es sind meistens leider sehr wenig ideale Gründe — zu verlassen, zu verraten? Schon regt sich eine neue Kultur. Stolz können wir sein auf die Dichtungen Morris R o s e n f e 1 ds der bereits in alle Kultursprachen übersetzt wurde, und die herrlichen NaturschilCerungen eines Asch können selbst einen Vergleich mit Stifter aushalten. Per e t z feine Psychologie, Sc h o 1 o m Alech e ms gesunder Humor, P i n s k i s treffliche Milieuschilderungen, Gordins echte und wahre dramatische Kraft, R e i s e n s Lyrik, sie wären nichts? In unserem literarischen Uebergangsstadium ist das sogar sehr viel, freilich leider sehr wenig bekannt, selbst unter Juden. Und wie erhebt sich nicht die hebräische Sprache in verjüngtem Gewände! Sehen wir nicht auch da, ich möchte sagen, fast täglich neue Männer auftreten, die in höchst modemerWeise singen und sagen. Wir sind ist durch sie den Schundschreibern noch nahe verwandt. So z. B. im „Wilden Mann“ . . . Mehr Menschliches finden wir schon im „jüdischen König Lear“, der aber auch noch im Stil der Schundschreiber geschrieben ist. .. Erst in „Mirele Efros“ gelingt es Gordin, die Hauptfigur über den ersten Akt hinaus durchzuführen. Er führt sie in diesem Falle allerdings nicht richtig ein. Er stellt sie uns in unmöglichen Umständen vor, nur um einen Bajazzo nach Goldfadens Manier zu haben. Aber bald vergessen wir es. Die Handlung steigt von Akt zu Akt. Die Ereignisse werden gewichtiger und Mirele wächst vor uns. Immer mehr Züge ihres Charakters werden sichtbar — bis zur zweiten Szene im vierten Akt. Dort opfert Gordin wieder die Kunst der Posse. Nach „Mirele Efros“ schafft Gordin weitere Dramen mit „menschlichen“ ersten Akten, welche die Möglichkeit zur Durchführung enthalten. Jedoch die geweckten Hoffnungen erfüllen sich nicht. Vom zweiten Akt an treten dann umso stärker Motive mit rein theatralischen Effekten, ohne aus der Exposition die notwendigen Folgerungen zu ziehen, hervor, wie z. B. in „Gott. Mensch und Teufel“ oder in der „Kreutzer-Sonate“ . . . Und doch gehören diese beiden Stücke zu Gordins besten und erfolgreichsten. Was in ihnen fehlerhaft ist, ja noch auf der untersten Stufe unserer neuen Kultur. Die Renaissance beginnt erst; wenn wir daraus auf die Zukunft schließen dürfen, dann gehen wir wirklich einer goldenen entgegen. Jüdischer Geist im jüdischen Herzen, das sei Lösung für uns Zionisten. Zu der äußeren Freiheit endlich auch die innere; die Verbindung jüdischen Geistes mit europäischer Kultur, ohne Nachteil für den ersten ... Ich bin weit davon entfernt, Chauvinismus zu predigen; im Gegentheil, nil huinani a me alienum puto, aber ebenso stark nil judaici. Nicht durch jüdische Brillen alles sehen, sondern sub specie aeternitatis. Gerade wir Zionisten müssen uns von anderen Bewegungen und Geistesrichtungen das Beste nehmen, es verarbeiten, es in uns befestigen, aber so, daß wir dadurch nicht geschwächt, sondern gestärkt werden. Wir müssen nationale Toleranz immer und immer Wieder predigen . . . Der Zionismus ist keine Partei, er ist das Judentum in seiner Evolution. Nur wer den Zionismus so erfaßt, kann und wird jedweder Assimilation mit Stolz entgegentreten: Dem Zionismus gehört die Zukunft, der Jugend gehört die Zukunft, folglich muß die J u g e n d zionistisch sein oder sie wird überhaupt nicht jüdisch sein.“ Man kann konstatieren, daß dieses Referat in Prerau bei allen Teilnehmern ein freudiges Echo fand. Es ist zu wünschen, daß unsere Studentenschaft, von solchen Grundsätzen geleitet, an ihre Ausbildung und späterhin an die ernste Arbeit schreitet. Dann wird sie die Bahnbrecherin für die Renaissance unseres jüdischen Volkes werden: Per asperaadastra! Dr. K. Aus der russischen Folterkammer. Petersburg, den 9. September. Seit achtundzwanzig Jahren ist das Leben des russischen Volkes, von kurzen Intervallen abgesehen, ein beständiger Kreislauf: Pogrom und Gesetzesbeschränkung, Gesetzesbeschränkung und Pogrom. Allein schon lange haben es die russischen Juden nicht so bitter gehabt, wie in den letzten Monaten. Die alten und ältesten Ausnahmebestimmungen werden ausgegraben, aufgefrischt und mit kosakischer Rücksichtslosigkeit und spitzfindigen Kommentaren zur Anwendung gebracht. Senat und selbst die lokalen Gerichte tun sich mit der Polizeiadministration zusammen, um jede Beschränkung zu potenzieren und bis zur Absurdität durchzuführen. Daß der Unterrichtsminister Schwarz mit besonderem Eifer das Seinige tut, um die Juden aus allen Bildungsstätten auszuschalten, wie wäre es bei der bekannten Gesinnung des Mannes anders möglich? Vergebens appellieren verschiedene Hochschulen, die laut seinen hat er in den anderen nicht besser gemacht. Ueberall sind die Hauptcharaktere unausgeführt. Jegliche Steigerung fehlt. Was Gordin in „Mirele Efros“ gelungen ist, gelingt ihm nie wieder. Trotz alledem ist Gordin nach „Mirele Efros“ ein anderer. Es scheint, als ob dieses Stück seine Schaffenskraft von einem bändigenden Zauber befreit hätte. Gordin geht mit einem Mate eigene Wege. Wenn er auch noch Stücke wie „Die schöne Mirjam“, „Der Gaon“ und „Der Bastard“ schreibt und ganz im Geiste der Schundschreiber bearbeitet, so nehmen sie sich nunmehr wie Zufälligkeiten und Verirrungen aus. Gordin wendet sich nach „Mire 1 e Efros“ ganz und gar von Goldfaden ab. Gesang und Musik müssen zwar noch aus alter Gewohnheit bleiben, sie werden sogar manchmal gewaltsam mit dem Inhalt verbunden. Aber Gordin versucht eine öftere Rechtfertigung, Motivierung für sie. Er findet mehr oder weniger natürliche Verbindungen oder Uebergänge. Auch die komische Figur fehlt noch nicht. Doch ist sie schon seltener ein solcher Appendix wie in früheren Zeiten. Sie verwächst mehr mit dem Inhalt. Ihre Beziehungen zu den anderen Gestalten, insbesondere zur Hauptperson, sind nicht mehr so problematisch wie ehemals. Außerdem wird sie inter*

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