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Jüdische Zeitung · 1909-09-15 · 38-39 (15.9.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
38-39 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 38/39 Die einen schwelgen im Glücksgefühl des eigenen, nationalen Katasters und glauben, mit dem Kataster beginne ein neues, goldenes Zeitalter für die Juden in der Bukowina, die anderen haben schlaflose Nächte, denn sie sehen mit geübtem Prophetenauge die nahende Katastrophe, die der „Katasterwahnsinn“ heraufbeschwört, sie erblicken schon die hochaufgerichteten Ghettomauern und die Scheiterhaufen und wollen mit Titanenkraft sich gegen die Landtagsparteien, die Regierung und gegen die verblendeten Glaubensgenossen stemmen, um ganz allein dieGesetzwerdung dieses „Wahnsinns“ zu verhindern. Mich will bedünken, daß wir Juden keine Veranlassung haben, für den Kataster geradezu zu schwärmen, denn er wird eine wesentliche Besserung in Politik und Wirtschaft nicht zur Folge haben unddie überschwänglichen Hoffnungen enttäuschen. Aber noch viel mehr hat der Unrecht, der die für die Juden der Bukowina zweifellos kommende wirtschaftliche Katastrophe auf das Konto des erst zu schaffenden Katasters setzen zu müssen vermeint. Wird der Landtag ein Wahlrecht schaffen, welches nationale Territorien zur Grundlage hat oder wird er die Wahlen nach dem nationalen Kataster vornehmen lassen, der Effekt wird derselbe sein. Die Juden werden in jedem Falle ihren Einfluß auf die Wahlen einbüßen und den Einzug nationalantisemitischer Ultras in den Landtag nicht hindern können. Wohl aber hat der Kataster den Vorteil, daß er uns den gesetzlich festgelegten Einfluß in der Landstube gegen jede Anfechtung sichert. Der Kataster macht es auch unmöglich, daß wir uns in die Wahlstreitigkeiten der Nationen einmischen und mit jeder Wahl uns Antisemiten einhandeln (siehe Fall Widmann-Keschmann, Aurel v. Onciul- Popovici u. dgl. m.). Und schließlich der jüdische Kataster wird nur jüdische Juden wählen, denen der Zionismus mehr ist als ein „Traum“ und das jüdische Volk mehr als „eine zur Konfession aufgedonnerte Nation.“ Ich glaube aber auch, daß der ganze Streit müßig ist. Wir Juden sind die Letzten, die in der Katasterfrage ein entscheidendes Wort zu sagen haben. Wenn die Regierung (Wien) und die anderen Nationen den Kataster wollen, dann mag ein jüdischer Journalist — er mag sich sogar einbilden, ein politischer Koulissenschieber zu sein — seine Hemdärmel aufkrempen und in seine Hände spucken, er wird die „Katasterkatastrophe“ nicht aufhalten. Und wenn die Regierung den Kataster nicht will, dann werden alle Resolutionen jüdischer Katasterversammlungen nichts helfen, dann werden auch die patriotischen Bemühungen jüdischer Journalisten überflüssig sein. Es ist also ganz müßig, für oder gegen den Kataster zu streiten. Aktuell wäre die Diskussion — nicht der Streit — wenn die Regierung die Juden in die fremden Kataster einreihen wollte, also unsere volkliche Existenz negieren und unser Recht auf eine besondere Vertretung bestreiten würde. Sehr schwierig wäre die Frage, wenn Deutsche und Juden in einen Kataster wählen sollten. Aber zur Diskussion dieser Fragen wird es nicht kommen. Ich vermute, daß Einflüsse außerhalb der Bukowina den Kataster in Wien zu Falle bringen werden. Die österreichische Regierung hat kein Interesse an der Petrifizierung exklusiver Gruppen, wie es die Nationen sind. In Mähren war es die ultima ratio, da hat sie in den säuern Apfel gebissen. Sie hat keine Sehnsucht nach einem katastrierten Oesterreich. Die maßgebenden Polen in Galizien dürften auch keine Katasterschwärmer sein. Der Bukowinaer Kataster wird aller Wahrscheinlichkeit nach fallen. Das wissen unsere Katastergegner, die hinter Regierungstüren schnüffeln, ganz gut und darum wollen sie, die gewöhnlich nach rückwärts gewandte Propheten sind, auch einmal die Rolle der Seher in die Zukunft spielen. Auch die Pose der Volkserretter vor Katastrophen ist schön und kann nützlich werden. Den Beifall des israelitischen Bildungspöbels hat man ja schon, wenn man gegen das „Ghetto“ zu Felde zieht, den Dank der „Konfession“ will man sich verdienen. Zum Schlüsse noch eine Bemerkung. Wer im Zionismus nichst mehr sieht als eine Humanitätsbewegung, die den Vertriebenen Israels eine Heimat schaffen soll, der wird seinen Schekel zahlen und Shares zeichnen, dabei aber auch mit Dr. Schlesinger in Schwechat den Czechen die Köpfe einschlagen, weil sie' in deutsches Gebiet eindringen. Nach dieser Auffassung kann man Zionist und Deutscher mosaischer Konfession sein, kann man auch die ersten Versuche einer jüdisch-politischen Betätigung verhöhnen. Kann man — wenn man es für anständig hält. Aber wenn man Zionist ist, wie wir es meinen, wenn Zionismus wirklich „Traum und Hoffnung des Lebens“ ist, dann kommt man logisch und schrittweise auch zum Begriffe der jüdischen Nation (sui generis). Wenn man weiters der Ueberzeugung sein muß, daß der Zionismus bestenfalls nur eine Teillösung der Judenfrage ist u. zw. erst in schwer absehbarer Zeit, dann muß man logischer Weise auch zur Erkenntnis kommen, daß das jüdische' Volk im Exil sich die besten Lebensbedingungen zu schaffen bemüht sein muß, d. h. jüdische Realpolitik treiben. Ein Zionist und national Drama geschrieben. Dramenschriftsteller wird Gordin erst in Amerika und zwar jüdischer. So kommt er, in russischer Kultur erzogen und mit den Kunstbegriffen der modernen Literatur bewaffnet, in unser Lager. Aber wie Goldfaden setzt er sich den Erfolg um jeden Preis zum Ziele und berechnet kühl, was in den Augen des Publikums Gunst erlangen könnte. Er hat nichts von dem Dichter an sich, der nur um seiner selbst willen seine Innenwelt in Form von Kunstwerken nach außen projizieren muß. Gordin macht in der ersten Epoche seines Schaffens die Mode mit, indem er sich nach Goldfaden richtet, wie der Lehrling nach s e i n e m M e i st e r. Genau wie bei Goldfaden sind auch bei ihm die Unterhaltungselemente Ernst, Komik und Gesang nicht verbunden. Man könnte das eine oder andere fortlassen, ohne dem Ganzen Schaden zu tun. Von allen Stücken, welche er bis „Mirele Efros“ geschrieben hat, ist „der jüdische König Lear“ das populärste zu nennen. Und gerade in ihm erkennt man am klarsten, die Merkmale von Goldfadens Schule . . . Auch „Mirele Efros“ ist nach demselben Schema gebaut . . . Die Goldfadensche Technik lastet wie Ketten auf Gordins Händen und zwingt von Anfang an ein ganzes Wesen in fremde Gefolgschaft. Er hat lange Zeit Angst, den Weg des Erfolges zu verlassen. Dennoch bringt er etwas noch nicht Dagewesenes in das jüdische Drama hinein. Nicht als Verfasser, Bearbeiter und Uebersetzer von Stücken wie „die schöne Mirjam“, „der schwarze Jude“, „Gebrüder Surje“, „der Bastard“, „der Gason“ und vieler anderer, die sogar tiefer als Lateiners Machwerke stehen. Als geistiger Vater dieser Stücke hätte er mit den im zweiten Kapitel genannten Schundschreibern besprochen werden müssen und dürfte keine Ausnahmssteilung für sich beanspruchen. Aber zum Glück hat er noch andere Stücke geschrieben wie „Mirele Efros“, „Gott, Mensch und Teufel“, „die Kreutzer-Sonate“, „der Unbekannte“, die, wenn man will, halbe Kunst, aber doch schon Kunst sind. Bewußt oder unbewußt strebt Gordin in ihnen nach den höchsten Zielen der Kunst, „deren unmittelbarer Zweck“, um mit Johannes Volkelt*) zu reden, „in der allseitig erschöpfenden Darstellung des Menschlich-Bedeutungsvollen besteht, die das Menschliche in seinen wesentlichen Formen und Stu- *) Aesthetische Zeitfragen. Vorträge von Johannes Volkelt, Professor der Philosophie an der Universität in Leipzig. München, 1895. gesinnter Jude geht die Wege — sie mögen dornig sein — die wir wandeln. Gewiß herrscht noch viel Unklarheit im jüdischen Lager, gewiß ist vieles nicht reif und auf jüdische Verhältnisse nicht anwendbar, aber in Oesterreich, namentlich im Osten ist eine jüdisch-politische selbständige Betätigung möglich und zu empfehlen. Zu diesen Schlüssen sind 999 von 1000 Zionisten gelangt. Denkt man aber anders, dann heraus mit der Sprache. Ehrlich und offen! Vielleicht haben die alten, vielgeschmähten Assimilanten recht! Gut, auch die ersten Assimilanten haben es gut gemeint, sie glaubten dem Volke in ihrer Weise zu dienen, man wird mit einem ehrlichen Verfechter der Assimilationsidee noch immer diskutieren können. Aber man darf keine „Falschmeldungen“ treiben, man darf nicht bei den Zionisten — also den Nationaljuden eingeschrieben sein, und jede jüdischpolitische Betätigung mit schlechten Witzen verhöhnen. Man darf auch nicht blos Kritik üben, man muß wenigstens sagen, was man an Stelle der persiflierten jüdischen Politik setzen will. Irren wir, — wir sind ja Menschen, die von ihrer Unvollkommenheit überzeugt sind — gut, wir nehmen Rat von jedem an, der es besser zu wissen meint, aber sagen muß er es, ehrlich und ohne Rückhalt. Das ist meine Meinung. („Czernowitzer Tagblatt“.) Golusblüten. Die „hohen Feiertage“, das ist die Zeit, wo der Kai aus Baden und Vöslau zurückkekrt, wo die Zylindermänner plötzlich Juden werden. Man kann es eigentlich nicht begreifen, was die Leute in den Gottesdienst treibt. Wahrscheinlich ist es Angst vor dem lieben Herrgott. Wie weit schon die Entartung gediehen ist, kann man aus verschiedentlichen Ankündigungen und Straßenplakaten entnehmen. Köstlich ist eine Annonce des „Prager Taglatt“ welche bekannt gibt, daß „einige noch nicht bezogene Herren- und Damensitzkarten im Tempel der Geistgasse zum allgemeinen Verkaufe gelangen“. Nur hereinspaziert meine Herren! Am Jom Kippur wird’s besiegelt. . . Noch weit amüsanter ist ein Plakat, das allenthalben in der Leopoldstadt klebt. Die betreffende Affiche, die ein Bethaus anpreist, schließt mit den Worten: „Für einen guten Vorbeter ist bestens gesorgt“. Das klingt ganz so wie die Fußnote bei einem angekündigten Backhendelfestessen in einem Praterwirtshaus: „Für die Verabfen, nach seinen heil- und unheilvollen Kräften, nach seinen Kämpfen und Versöhnungen zusammengefaßter und ausgeprägter zur Darstellung bringen soll, als es uns das gewöhnliche Leben zeigt, die, — mag sie sich Anmutiges oder Furchtbares zum Gegenstand nehmen, — uns überall das Menschenschiksal nach irgendeiner interessanten, auf die großen Züge des Lebens bedeutsam hinweisenden Seite anschaulich machen will“. Der Mensch ist also die Basis, auf der ein Dichter sein Werk aufbauen muß, der Mensch, in dessen Innerem der Verlauf seiner Erlebnisse beschlossen ist, der Mensch, den der Dichter, will er ihn kenntlicher machen, nur in den Brennpunkt rücken, in außerordentliche Situationen versetzen muß, wo sich die Tiefen des Charakters enthüllen, die Schwingen der Seele entfalten können, wo sich das Schicksal offenbart und entscheidet. Goldfaden und seine Schüler haben von dieser Technik nichts gewußt. Und wenn sie ihnen bekannt war, haben sie sich nicht darum geschert. Sie konnten überhaupt noch keine zur dramatischen Verarbeitung taugliche Menschen erfassen. In ihren Stücken zappeln Marionetten, ausgenommen bei Goldfaden, dessen humorvolle Karrikaturen die Bedeutung von Satiren auf das jüdische Leben gewinnen. Die übrigen vermögen nicht einmal das. Sie können nur Vorgänge und Begebenheiten

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