Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38/39 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Unser Schicksal ließ uns nie restlos | leben; auch in den glücklichsten Tagen unserer Geschichte nicht. Wir konnten nie ausarten und entarteten darum nicht. Wir lebten in Mühe und Arbeit und schleppten unsere Tage in Sorge und Qual; Machtgefühl ließ uns nie den Kamm schwellen. Wir konnten drum nie hochmütig werden. Immer blieb noch etwas in uns unverbraucht, unvergeudet. Ein Rest von latenter Kraft; ein Grundstock von Lebensenergie fürs ganze Volk. So war’s seit jeher. In der letzten Zeit aber arteten viele aus und es kam die Entartung. Wir waren einst das „Volk des Buches“, nun sind wir ein Volk der Bücher; wir hatten einst ein Ideal, nur haben wir Ideale; in unserer tiefsten Not nährten wir eine große Hoffnung, nun haben wir Hoffnungen. Das Einfache, Großzügige unserer Propheten wandelte sich in die Vielfalt des Uebermodernen. Viele fragen uns, warum wir unseres Judentums froh sind. Die Antwort lautet: Weil’s in uns ist und wir in ihm sind. Nicht kindischer Stolz und Rassehochmut spricht aus unserer Volksliebe und Treue. Wir fragen nicht, ob unser Volk gut oder schlecht ist;wir fragen nicht, ob’s Vorzüge oder Fehler hat. Wir gehen unseren Weg, weil wir nicht anders können. Viele sagen, die Juden seien noch immer das „hartnäckige, verbissene, trotzige Volk“ von dazumal. Nicht nur Haß und Mißgunst sondern auch „wohlmeinende Freundschaft“ sehen die jüdischen Fehler in’s Riesenhafte vergrößert und dichten uns noch obendrein Fehler an, die wir nicht habend Sie glauben, daß wir vor unseren Fehlen erschreckt, mutlos die Hände in den Schoß legen und uns von unserem Volke trotzig abwenden werden. Verfehlter Glaube! Wenn wir nicht unserem Volke treu sind um seiner Vorzüge, so wollen wir uns mühen und arbeiten um seiner Fehler willen! Am Roschhaschonoh wird uns das Wunder unseres Bestandes sinnfällig. Ob wir gläubig sind oder nicht — einerlei! Aus den Schofartönen sprechen Jahrtausende und heiliger Schauer erfaßt uns! Geloben wir, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis wir wieder versammelt sind auf eigener Scholle und der Schofarton von Gau zu Gau schallend, Kunde von Freiheit bringt und unsere Neujahrsfreude sich in Vorahnung kommender glücklicher Tage einstellt! — Moses Waldmann. Parteinachrichten. Die Schekeltage. Der IX. Kongreß ist einberufen. Die Wahltermine sind festgesetzt. Bis zum 15. Oktober d. J. müssen die Schekelsammlungen überall abgeschlossen sein. Die selbstverständliche Pflicht aller Organisationen und Gesinnungsgenossen ist es jetzt, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß der IX. Kongreß eine würdige Demonstration des jüdischen Volkes werde. Zu diesem Zwecke haben wir ein Mittel: Mit verdoppelter Kraft, mit unermüdlicher Hingabe müssen überall unserer Sache Freunde gewonnen, muß in der ganzen Welt die Anzahl der Schekelgelder vermeh.it werden. Sammelt Schekel! Das ist der Ruf, der jetzt an alle Gesinnungsgenossen ergeht. Unsere großen Feiertage stehen vor der Tür, rufen uns mit machtvollen Tönen die Erinnerung an jene Zeit wach, da wir noch als einiges Volk im eigenen Lande lebten. Arbeiten wir, daß eine solche Aera wieder erscheine! Benutzen wir die Muße der Festtage, um in ihnen unsere Idee stärker und mächtiger zu gestalten. An allen Orten sollen jetzt Versammlungen abgehalten werden, Kundgebungen zum Zwecke der Einziehung des Schekels, zum Zwecke der Vorbereitung des Kongresses. Unablässig soll in diesen Tagen der zionistische Gedanke propagiert, soll der Schekel gesammelt werden. Keine Gelegenheit bleibe unbenutzt, kein Gesinnungsgenosse bleibe untätig! * * * Der IX. Kongreß! Der IX. Kongreß findet vom 26. bis 31. Dezember 1909 (14. bis 19. Tebeth 5670) in Hamburg in den Räumen des Konzerthauses statt. Die Schekelsammlungen müssen überall bis zum 15. Oktober 1909 beendet sein. Die gesammelten Schekelgelder müssen bis zum 31. Oktober 1909 nach Köln oder an die Zahlstellen des J. C. T. überwiesen worden sein. Die Wahlen zum Kongreß sollen in der Zeit vom 1. bis 7. November 1909 stattfinden. Die Protokolle über die erfolgten Wahlen müssen spätestens bis zum 30. November 1909 in den Besitz des Zionistischen Zentralbureaus in Köln gelangt sein. Proteste gegen vorgenommene Wahlen sind sofort nach der Wahl gleichzeitig bei der Landsmannschaft und beim Aktionskomitee mit ausführlicher Begründung einzureichen. Nach dem 30. November einlaufende Proteste können nicht berücksichtigt werden. Die Formulare für die Protokolle über die Wahlhandlungen können von uns in beliebiger Anzahl bezogen werden. Zionistisches Zentralbureau, Köln. The Palestine Land Development Company Limited. Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die statutarische Generalversammlung der Palestine Land Development Company Limited am 28. September 1909, um 5 Uhr nachmittags, im Berliner Bureau der Gesellschaft, Berlin W, Bleibtreustraße 34/35, stattfinden wird, zwecks Entgegennahme des statutarischen Berichtes (wovon eine Kopie einem jeden Aktionär vor der Versammlung zugesandt werden wird) und zwecks Erledigung aller andern Geschäfte, welche auf einer solchen Versammlung durchgeführt werden müssen. 10/12 Walbrook, London E. C., den 6. September 1909. Im Aufträge des Direktoriums: H. N e u m a n n, Sekretär. 5 Millionen Kronen für Palästina. Ein Vorgehen, das lebhaft an die Sammlung des „Zweimillionen-Roseggerfonds“ erinnert, ist von einem energischen Zionisten, Mr. Simon Goldmann in St. Louis, zwecks Aufbringung bedeutender Summen für Palästina, inauguriert worden. Er veröffentlichte unter dem Titel: „Eine Million Dollars für Palästina“ eine Flugschrift, in welcher er die Juden Amerikas zu größeren Spenden zwecks Landkaufes in Palästina auffordert. Der jüngste in New-York abgehaltene Zionistenkongreß beschäftigte sich mit der Frage, ob nicht die Organisation als solche die Sammlungen offiziell übernehmen soll. Schließlich wurde ein Komitee für die Sache eingesetzt und Mr. Goldmann zum Präsidenten der zionistischen Palästinakommission Amerikas gewählt. Die bisherigen Erfolge Goldmanns sind recht befriedigend. Unter dem Titel Ha’achuzas wurden bereits in St. Louis, New-York und Brooklyn Gesellschaften gebildet. Im ganzen ist die Gründung von 20 Korporationen mit je 50.000 Dollars Kapital, in Anteilen von 200 Dollars — zusammen also 1 Million Dollars — geplant. Ein erstklassiger Agronom soll als Sachverständiger nach Palästina entsendet und ein tüchtiger Geschäftsführer engagiert werden. Das Palästinakomitee soll die Oberaufsicht führen. Da die Landwerte in Palästina fortwährend steigen, wird das Unternehmen auch vom geschäftlichen Standpunkte aus reüssieren und die Shares werden Dividende abwerfen. Zur Katasterfrage. Von Dr. Mayer Ebner, Czernowitz. Ueber die Katasterfrage ist in jüdischen Kreisen ein grimmiger Streit entstanden. G o r d i n bringt in dieser Hinsicht schon etwas Neues. Gordin steht im größeren Teil seiner Dramen rein inhaltlich turmhoch über Goldfaden und seinen Nachäffern. Der von ihm gewählte Stoff erweist sich, von seiner Behandlung natürlich abgesehen, immer interessant. Aber in anderen Beziehungen weicht er, wenigstens in der ersten Periode seines Schaffens, von seinen Vorgängern nicht ab. Man behauptet, Gordin habe ungefähr siebzig Dramen geschrieben. Der weitaus größte Teil seiner bedeutenderen Dramen ist mir wohlbekannt. Die übrigen, welche der Vergessenheit anheimgefallen sind, oder den ominösen „Professor Jakobi aus London“ zum Verfasser haben, betrachte ich für meine Untersuchung als belanglos. Mein Urteil wäre, hätte ich auch diese gelesen, gewiß nicht anders ausgefallen. Ich will ja auch nicht jedes einzelne seiner Stücke analysieren und kritisieren, sondern nur seine Stellung in der Entwicklung des jüdischen Dramas kennzeichnen. Auch was Gordin vor siebzehn Jahren, bevor er nach Amerika gekommen ist, bedeutet hat, weiß ich nicht. Denn er erregte in der russischen Literatur, I in der er sich bis zum vierzigsten Lebensjahr bewegt! hat, keinerlei Aufsehen und er hat auch kein russisches Sie marschieren auf und marschieren ab Und halten kerzensteil — Und schwingen die Keulen und drehen den Stab, Eins — zwei, drehen den Stab Und rufen donnernd „Heil!“ Ringsum staunt stumm das Publikum Und jede Wange glüht — Sie gehen wieder ringsherum, Links — rechts, ringsherum Und singen das Bismarklied. Da ruft ein Herr am hohen Reck: „Kriemhild muß zur Mama! Der Alarich sagt: Onkel Robitschek, Ma—xi Robitschek Aus Holleschau ist da!“ Beda. Das jüdische Drama. Ein Ueberblick über seine Entwicklung. Von David P i n s k i, New-York.*) Autorisierte Uebersetzung von N. J a a r i. (Nachdruck verboten.) III. Jakob Gordin. Wenn wir uns die Stücke, die Goldfaden und seine Schüler geschaffen haben, vergegenwärtigen, müssen wir ob ihrer Inhaltslosigkeit staunen. Sie sind niedriger als Großmuttergeschichten, die heilige Einfalt und Volkstümlichkeit besitzen. Jene rühren uns durch die Naivetät, die glaubt, was sie erzählt. In den Schundstücken aber stößt uns die Geschmack- und Talentlosigkeit ihrer Verfasser ab. Ich habe schon im ersten Kapitel gesagt, daß bei ihren Stücken von Handlung keine Rede sein kann, daß da etwas ohne Zusammenhang, ohne Verknüpfung der Teile, ohne jedweden Sinn vorgemimt wird, daß sich der ganze Inhalt in etliche Lieder auflöst, welche gewissen komischen, richtiger klownischen Szenen zuliebe zusammengestoppelt sind. *) Siehe das Feuilleton der Jüdischen Zeitung“ vom 6. und 20. August 1909.