Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 IÜD1SCHE ZEITUNG. Nr. 38/39 Mesopotamien die Araber mit Geld und Waffen versehen und zuni Aufruhr gereizt, ühi das Khalifat an einen arabischen Fürsten oder an den Khedive ,zü bringen. Dadurch käme der Ktialif direkt unter britisches Protektorat, was eine ungeheure Mächtverstärküng Englands und eine Festigung seiner Besitzungen in Afrika lind Asien, in denen insgesamt 80 Millionen' Mohammedaner wohnen, mit sich brächte. Ein weiteres Ziel Englands, einen Verbind ungsstreiferi zwischen Aegypten und Indien zu gewinnen, erfordert gleichfalls eine Politik, die durch Aufstachelung der Araber die Türkei zum Zerfall bringt Rußlands Ziel ist der Besitz Konstantinopels und die Vorherrschaft am Balkan. Wurde in den Zeiten Ignatiews durch Nährung der panslawischen Bewegung am Balkan, durch Befreiung der Balkanslaven und Erlösung Bulgariens, wie Serbiens von der griechischen Kirche dieses Ziel zu erreichen gesucht, so arbeitet Rußland jetzt in geschickter Weise daran, die griechische Kirche mit der bulgarisch-nationalen wieder auszusöhnen, was nach den itetzten Nachrichten zu schließen, nach denen der ökumenische Patriarch in Konstantinopel wieder von den Bulgaren als religiöses Haupt anerkannt werden soll, gelungen zu sein scheint Rußland wäre natürlich der Protektor der vereinigten griechisch-orthodoxen Kirche am Balkan und hätte den Panhellenismus, bisher den größten Feind der slawischen Aspirationen am Balkan, nun auch vor seinen Wagen gespannt Sicherlich ist in der Entente Rußlands mit England eine Einigung in der Frage der Orientpolitik enthalten. Die von England veranlaßte Zurückziehung der internationalen Truppen von Kreta, sowie die Äufrollung der Dardanellehfrage seitens Rußland beweisen, daß beide Mächte der neuen Türkei absichtlich Schwierigkeiten bereiten wollen. Wir Zionisten wünschen gewiß, daß die Integrität der Türkei gewahrt bleibe und ihre Umwandlung in einen freiheitlichen und auf demokratischer Basis regierten Staat mit möglichster Autonomie der nationalen Gruppen, gelinge und so reibungslos als möglich vor sich gehe, immerhin heißt es auch für uns, in politischen Dingen nüchtern zu bleiben und uns nicht allzusehr von Ideologien leiten zu lassen. Betreiben wir unbeirrt unser Kolonisationswerk in Palästina und nehmen wir sonst eine vorsichtige, zuwartende Haltung ein. Für die Juden der Türkei gilt dasselbe. .Das allzu laute Sichvordrängen der assimilatorischen Juden bei allen jungtürkischen Aktionen, wie es vornehmlich die jüdischen Abgeordneten praktizieren, wird sich auf jeden Fall, auch wenn die Jungtürken siegreich bleiben, bitter rächen. Das ist aus der jüngsten politischen Geschichte der Jüden unschwer zu deduzieren. Ä.Bm. Die Enqüüte des galizischeii Landesäüssehusses. Eine Rundfrage; Wie unseren Lesern bekannt ist, hat sich die „Jüdische Zeitung“ in Sachen der angekündigten Enquete des gaiizischen Landesausschusses über die Notlage der gaiizischen Juden mit einer Rundfrage an den jüdischen Klub und zahlreiche nichtjüdische und jüdische führende Persönlichkeiten gewendet. Es wurden insbesondere folgende Fragen, gestellt: 1. Welche Bedeutung ist der Aktion des gaiizischen Landtages überhaupt beizumessen? 2. Welcher Erfolg ist insbesondere von der Enquete zu erwarten? 3. Welche Mittel wären Ihres Erachtens die einzig geeigneten, uni der gaiizischen Judennot entgegehzuwirken? Wir veröffentlichen die Antworten in der Reihenfolge, in welcher sie bei uns einliefen.*) V. Dr. Leon Kellner, o. ö. Universitätsprofessor, Czernowitz: 1. Welche" Bedeutung ich der Aktion des gaiizischen Landtages beimesse? Die denkbar größte. Die bloße Tatsache, daß sich die maßgebenden Politiker Galiziens dazu herbeilassen von Judeririot zu sprechen, das Vorhandensein der Judennot zuzugestehen, die Jüdennot zur öffentlichen Diskussion zu stellen ist eine außerordentliche Ueberraschung, geradezu ein Markstein in der Entwickelung des Verhältnisses zwischen Christen und juden in Galizien. Ganz abgesehen von weiter zurückliegenden Jahrzehnten, da die Juden für die herrschenden Kreise „unaussprechlich“ waren in dem Sinne wie der Glaubenseiferer Gladstone den Türken unaussprechlich fand, ganz abgesehen von diesen noch immer nicht ganz überwundenen Zeiten, hat bis vor Kurzem das Wort „Judenfrage“ bei den Christen in Galizien ausschließlich die Bedeutung gehabt: „Wie werden wir die Juden los?“ Die Gebildeten, national-ökonomisch Geschulten, die einen gewissen Grad von geschichtlichem Sinn besaßen und sich mit Tatsachen abzufinden verstanden, meinten, wenn sie von der Judenfrage sprachen: „Wie können wir uns der Juden erwehren?“ Daß es eine Judenfrage in einem andern Sinne geben könnte, diese Mög- *) Bisher wurden die Aeußerungen der R.-Abg. Dr. Eugen Lewickyj und Prof. Dr. Artur Mahler, des Mitgliedes des zionistischen Aktionskomitee Herrn Adolf Böhm (Wien) und des Advokaten Herrn Dr. I. Kohn (Sereth) veröffentlicht. lichk'eit lag außerhalb Ihres geistigen Gesichtsfeldes Deshalb bin ich von der bloßen Tatsache, daß der galizische Landtag die Jüdennot, ä; h. die judienfrage im Sinne der Jüden studieren wolle, aufs angenehmste ubörfasthh Ms: Sßrfcht sich in diesetn Schritte, bewußt oder unbewußt, die Erkenntnis aus, daß die jüdische Bevölkerung Gäliziens dicht Temer äls Luft, als ni'cht existierend betrachtet :WerÜfcn könne; daß eä nicht ^möglich Sei, idas-Jchristiicrte. Galizien zu heben und gleichzeitig das -jüdiibhe Im Sühipfe'zu lasset). - < Wären die Ansichten meiner Vorgänger nicht so zürückhältend mißtrauisch ausgefallen, so würde ich nicht zögern viel weiter zü gehen und den Schritt des gaiizischen Landtages als den Anfang einer neuen besseren Zeit für meine Glaubensgenossen in Galizien, für Galizien überhaupt zu bezeichnen. Mir scheint, die politischen Köpfe Galiziens fangen an zu begreifen, was die verantwortlichen Kreise Deutschlands, der deutsche Kaiser an der Spitze, schon Seit geraumer Zeit wissen, - daß die Juden in der Gesamtheit eine soziale Arbeit verrichten, auf die keine Gesellschaft, am allerwenigsten eine ökonomisch so| rückständige Gesellschaft, wie es die galizische ist, ohne schweren Schäden verzichten kann. Damit kommen wir zum zweiten Punkt der Rundfrage. 2.) Die Enquete wird lehren, was wir im Ganzen schon jetzt wissen, daß Hunderttausende von Juden im Elend leben, weil sie die natürliche Funktion, um derentwillen sie vor Jahrhunderten als Hochwillkommene Gäste ins Land kamen, nicht erfüllen können, weil sie durch Haß, Hetze und blinde Vorurteile verhindert werden, ihren Beruf zum Nutzen der Gesamtbevölkerung auszuüben. Die beste Verwertung der eigenen Produktion, die vorteilhafteste Versorgung mit den Produkten der Fremde — diese Aufgabe hat, die geschichtliche Entwickelung den Jüden in Galizien zugewiesen, und hoch ist keine andere Bevölkerungsschichte auch nur annähernd in der Lage, ihnen diese Füiiktiön abzunehmen. Der ganze Handel Galiziens, soweit er auf natürlichen Bedingungen ruht, soweit er nicht künstlich mit schweren Kosten in politischenTreibhäusern gezüchtet wird, liegt in den dazu berufenen jüdischen Händen. Daß dieser Handel nicht doppelt so groß, nicht doppelt so einträglich ist, das ist die Schuld der christlichen Bevölkerung, die von geistlichen Politikern und politischen Geistlichen dazu erzogen wird, im Handel eine Ausbeutungsmaschine jüdischer Erfindung zu sehen. Ein Beispiel für viele. In Galizien wie in der Bukowina ist es ein tägliches klägliches Schauspiel, daß Bauer und Bäuerin mit ein paar Eiern, einem Huhn, einem Liter Milch oder Bohnen aus dem Dorfe nach der entfernten Stadt wandern um dort die kostbare Ware direkt an den Konsumenten zu verkaufen. Dem Juden, der die verschiedenen Artikel im Dorfe selbst aufkauft, wird schlauerweise nichts hergegeben, denn er will ja einen Vermittlerverdienst ergattern. Nein 1 Der Bauer schanzt sich diesen Verdienst durch direkten Verkehr mit dem Konsumenten — er hat von den Da sind zunächst die religiösen Feste unmittelbar als nationale empfunden und gefeiert. „Sabbat und Feste“ gelten gleichsam für Gläubig und Ungläubig. Aber immer ist in ihnen eine andere Weihe als an unseren „Sonn- und Feiertagen.“ Wie so oft historisches Erinnern an altpalästinensischen Stätten so unmittelbar jedem Besuchenden sich aufdrängt, so sind auch die Feste einfach in fast kontinuierlichem Zusammenhang mit einer durch Jahrtausende entfernten Geschichte empfunden. Manche haben wieder einen neuen nationalen Sinn wie die Makkabäertage und das Passachfest. Oder auch solche Feste, welche hier- .zulande fast verschollen sind wie der fünfzehnte Tag des Schewat werden geradezu Hauptfeste der Jugend. Es ist letzteres der „Neujahrtag der Bäume“, welchen die Schuljugend durch Pflanzung junger Baumschößlinge begeht. Ueberhaupt haben die Kinder, die am unmittelbarsten des heuen Lebens teilhaftig sind, weil sie in ihm erwachsen, die innigste und schönste Beziehübg zü diesen unseren neuen Festen. Es ist die feinste und die echteste nationale Empfindung, die hur in Natur und Freiheit gedeihen kann. Da ist ferner der Lag B’omer ein spezifisch palästinensisches Fest, schon seit ehedem mehr rein volkstümlichen als religiösen Charakters. Da entzünden sie in Galiläa große Freudenfeuer an dem Grabe des heiligen Simon ben Jochai, und in Je-: rusalem strömt alles, was nur zum Volke , gehört — mir dieses einzige Mal im Jahre — hin zu den Hügeln um das Grab Simons des Gefechten, wo auch der vergrabenste Talmudjünger einen Schimmer reiner Fröhlichkeit empfängt. Die Halbfeiertage bringen zahlreiche Gäste in die Kolonien, von Jaffa nach Jer'usalem, von Jerusalem nach Jaffa. Da gibt: es dilettantische Theater- und Konzertveranstaltungen, welche in Ermanglung von Theater und Oper mitunter ganz riesige Volksmengen anziehen. Und welcher Durst nach derartigen Anregungen und Vergnügungen besteht, beweist z. B. die Tatsache, daß ich im vorigen Jahre einer Aufführung eines Gordin’sehen Stückes beiwohnte, welches bis fünf Uhr morgens währte. Es liegt oft etwas Kindliches in solchen Festesausbrüchen, die mitunter spontan erfolgen mitunter erst nach langer, ungeheuer ernst betriebener Vorbereitung. Was ein jüdisches Volksfest ist und sein könnte, kann vielleicht nur in Palästina empfunden werden. Was hier bei anderen Völkern und auch da nur in ihrer reinen Unberührtheit, das ist dort gleicherweise unmittelmar lebendig. Frohe Gesänge tönen zwischen grünen Feldern, und der Abend ist selbst mitunter wie ein kleines Fest. Aber der wirklichen Festesfeiern sind oft nur allzuviele. Und wiederum kann man nur schwer jene Jubelstimmung schildern oder nachfühlen, welche z. B. einen Bialik auf seiner Palästinareise von Ort zu Ort umfing. Unvergessen wird mir auch der Eindruck bleiben, den ich am ersten Abend, den ich in Jerusalem zubrachte, beim Einweihungsfeste des Bet-Am erhielt. In Rechobot, der fortgeschrittensten und gesündesten der größeren jüdischen Kolonien, vereinigt an jedem Pessachfeste in den Halbfeiertagen ein großes Volksfest viele Hunderte,’ selbst Tausende von Besuchern. Da entfalten sich frohe körperliche Kräfte in regem Wettspiel; Laufen, Reiten, Ringen und