Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38/39 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Wanderlehrern Nationalökonomie gelernt! — selber zu. Dafür hat er einen halben Tag verloren und — Ironie des Schicksals! — den Vermittlerverdienst trägt er mitsamt dem Erlös in die jüdische Schenke. Das ist Volkswirtschaft, daß ist Volksbeglückung! Kehren wir vom banausischen Einzelfall zu den höheren Gesichtspunkten zurück. Galizien bedarf jetzt mehr als je der kommerziellen Erfahrung und Tüchtigkeit, das Land schreit nach Unternehmungsgeist, es hat eine fast unbegrenzte Verwendung für Kapital; will sich die christliche Bevölkerung endlich doch entschließen die Erfahrung, den Unternehmungsgeist und das Kapital der einheimischen Juden bona fide zum gemeinsamen Wohle anzurufen? Sie trete zusammen, die notwendige, die höchstwillkommene Enquete; man höre Alt und Jung, Arm und Reich, ohne Unterschied des religiösen und politischen Bekenntnisses; man lasse sich Zeit in die Tiefe und Breite zu gehen; und vor allen Dingen: man gebe der Redefreiheit den weitesten Spielraum. Wissen wollen wir, woran wir sind. Heraus mit der Wahrheit über die Judennot in Galizien, gleichviel ob sie den Juden oder Christen oder beiden zur Last fällt. Kennen wollen wir die Krankheit des Landes, der jüdischen Bevölkerung! 3. Ob sich dann der Doktor Allwissend finden wird, um das soziale Uebel zu heilen? Es wäre übereilt, jetzt schon Vermutungen darüber anzustellen. Wenn von der Judenfrage im allgemeinen gesagt werden kann, daß sie nicht einer Lösung, sondern einer ganzen Reihe nach Himmelsstrich und Geschichte verschiedenartiger Lösungen bedarf, so gilt dies ganz besonders von der Judenfrage in Galizien. Verbauerung, Erziehung zum Handwerk, Aufklärung, Auswanderung, Genossenschaftswesen, Hebung des Kreditwesens — diese und viele ändere Mittel sind hundertmal von den verschiedensten Seiten vorgeschlagen worden: Die Enquete soll uns sagen, wie es um die Judennot bestellt ist, dann wollen wir über die Heilmittel beraten. Und noch ein Wort zum Schluß. Meine Vorredner bringen der Enquete geringe Hoffnungen und den Einberufern noch geringeres Vertrauen entgegen. Umso notwendiger ist die Enquete. Wenn die Oeffentlichkeit einmal die Wahrheit über die Judennot in Galizien erfahren hat, wird die Oeffentlichkeit dafür sorgen, daß die angeregte Aktion nicht im Sande verlaufe! VI. Dr. Alfred Lanzer, Obmann des jüdischen Nationalvereines für Oesterreich: Die an mich gerichtete Frage nach dem Erfolge in der Bedeutung der vom galizischen Landesausschusse veranstalteten Enquete verträgt nur dann eine meritorische Erörterung, wenn derselben nicht die k o n k r e t e, vielmehr eine ideale Enquete zugrunde gelegt wird, denn es würde ein Zeichen geradezu unglaublicher Naivität bedeuten, wenn man — mit Rücksicht auf die Seite, von welcher die Anregung zu dieser Enquete ausging — von dieser Veranstaltung die Förderung der Erkenntnis der wahren Ursachen des Judenelends Galiziens und der Mittel zu seiner Linderung ernstlich erwarten wollte. Ich lege daher der sachlichen Erörterung Ihrer Rundfrage die modifizierte Anfrage zugrunde, welche Bedeutung eine Enquete über das Judenelend Galiziens erlangen könnte. Eine derartige objektive Enquete nun könnte nach meiner Ansicht eine Wirkung ausüben, welche sie weit über den Rahmen einer provinziellen Kundgebung zu heben vermag. Das grauenvolle Bild des Judenelends, welches vor den Augen der Kulturvölker aufgerollt würde, wenn man der Wahrheit nahekommen wollte, würde das Märchen vom jüdischenReichtum und von jüdischer Geldgier vernichten. Was unserer Propaganda bisher nur in unzulänglicher Weise gelang, das müßte der objektiven Statistik gelingen. Mancher Fremde würde dem Volke der Armut und des Elends seine Sympathie zuwenden, welche er bisher dem Volke mit dem legendären Erwerbssinne versagte. Diese Enquete würde aber auch eine zweite Legende zerstören, die Legende von der Abneigungderjuden gegen manuelle Arbeit; denn sie würde erweisen, wie viele'Juden ihren Unterhalt durch die schwersten körperlichen Arbeiten verdienen und wie eine noch weit größere Anzahl diese Arbeiten verrichten würde, wenn sie nicht von jeder Arbeitsgelegenheit durch Hindernisse ferngehalten wäre, welche dem Gebiete ökonomischer Verhältnisse ferne liegen. In dritter Linie müßte eine derartige Enquete in unanfechtbarer Weise die Eigenart des Judenelends für absehbare Zeiten feststellen; sie müßte beweisen, daß das Judenelend nicht nur das Produkt wirtschaftlicher Verhältnisse darstellt, die ja zu allen Zeiten und bei allen Völkern wirkten, daß die Judennot vielmehr ihre spezifischen Züge durch Elemente unmaterieller Natur erhält. Der gemeinsame Kampf ums Dasein, der sonst mit seiner Gleichartigkeit der Mittel selbst nationale Gegensätze zu überbrücken vermag, erweist sich als machtlos, wenn er die Kluft zwischen Juden und anderen Nationen überbrücken soll. Gerade diese Wirkung der Enquete würde von unseren Gegnern im eigenen Lager am schwersten empfunden werden; denn sie müßte ihre letzte Hoffnung auf die Rettung der Assim i lation durch die nivellierende Wirkung gleicher wirtschaftlicher Verhältnisse zerstören. Nur in einer Richtung würde selbst diese ideelle Enquete den Erwartungen, welche die Initiatoren der gegenwärtigen Enquete hegen, entsprechen; sie müßte zweifellos die Unzulänglichkeit der Landesmittel klarlegen und für die gegenwärtigen Machthaber Galiziens eine genügende Entschuldigung schaffen, wenn sie auch weiterhin dem wachsenden Judenelend als einem unabwendbaren Ereignisse bewegungslos zu sehen. Die gegenwärtigen Machthaber Galiziens werden die Judenfrage in Zukunft aus dem Bereiche der Landesfrage einfach ausschalten, ohne jedoch den guten Willen und den Mut zu besitzen, mit der Judenfrage als einer wirklichen und echten Reichs frage an die Pforten unsereres Zentralparlaments zu pochen. So wird denn unserem Volke nichts anderes übrig bleiben als der Appell an unsere eigene Kraft, um das furchtbare Judenelend Galiziens zu lindern, und diese Stärkung des Solidaritätsgedankens würde ich als wertvollste Errungenschaft der Enquete betrachten. Den Weg der Hilfe zeigt uns das wirtschaftliche Programm des „Jüdischen Nationalvereins“, welches die Gründnng wirtschaftlicher Organisationen auf genossenschaftlicher Basis, die Förderung industrieller Unternehmungen, die Beseitigung der gewerberechtlichen Hindernisse, wie des Befähigungsnachweises, des Konzessionszwanges etc. fordert. Im Rahmen dieses Vereinsprogrammes liegt auch die Oeffnung der Beamtenlaufbahn für die jüdische Intelligenz und die Errichtung jüdischer Bauernwirtschaften, welche beiden Postulate, speziell für Galizien eine große Bedeutung beanspruchen können. Alle diese Maßregeln vermögen wohl die Judennot zn lindern; allein wir müssen daran verzweifeln, sie in absehbarer Zeit zu beseitigen. VII. Dr. Nathan Birnbaum, Czernowitz: Ueber die Beweggründe, welche die maßgebenden Kreise des galizischen Landtages veranlassen, eine Aktion gegen die Notlage der galizischen Judenheit einzuleiten, würde sich ja allerlei sagen lassen. Aber immerhin ist es wertvoll, daß das jüdische Elend in Galizien offiziell zugestanden wird. Dies fühlt z. B. die polnische Volkspartei sehr gut, und daher ihre feindselige Haltung gegen die Aktion, daher ihre Drohungen gegen die Enquete. Mehr als diesen platonischen Wert kann ich allerdings der geplanten Aktion und Enquete nicht zusprechen. Und dies aus zwei Gründen: Erstens, weil die Sache von Leuten ausgeht die im besten Falle gar kein Verhältnis zu ihr haben. Ich ziele damit nicht etwa speziell auf die „polnisch“ gesinnten Juden ab. Im Gegenteil; ich will annehmen daß wenigstens sie mit hinlänglichem Ernst an die Sache gehen. Aber ich glaube, daß sie auf die praktisch Ergebnisse den allergeringsten Einfluß haben werden. Man wird sie reden lassen, zuletzt aber wird geschehen, was sich aus der kühlen Indolenz der Machthaber des unglücklichen Landes ergibt und ergeben muß, nämlich nichts oder soviel wie nichts. Es ist doch auch ganz unmöglich, daß diese Herren, die es ihren bäuerlichen Volksgenossen gegenüber so ziemlich an aller Fürsorge mangeln lassen, sich gerade den Juden gegenüber plötzlich zu einer Art tätiger Reue bekehren sollten. Insoferne wird ja auch die empörende Stellungnahme der polnischen Volkspartei einigermassen verzeihlich. Das jüdische Elend in Galizien ist sicherlich ein qualifiziertes, aber umsomehr gilt für dasselbe was für das übrige Elend im Lande gilt: Es nährt sich von der Mißverwaltung, insbesondere von der völligen Unfähigkeit der Herrschenden, eine auch nur einigermassen befriedigende wirtschaftliche Umsicht zu entfalten. . . Turnen. Dieses Jahr hat ein junger Knabe den Sieg im Wettreiten davongetragen. Kaum steigert sich aber je die Festesfreude zu solcher Reinheit, als wenn eine neue Kolonie eingeweiht wird. Fühlt ihr dies, was es heißt, ein neues Stück Boden, Leben und Zukunft einem Volke zu eigen zu machen? Das sind Feste, wo die Berge selbst und der Himmel Zeugnis stehen einem Akte der Befreiung. Und wir wissen dann, daß wir nur dort wirklich frei sind, freier als an irgend einem Punkte der Erde. Der Spruch. Von Hugo Salus. Sie sprach — wenn dieser tiefe Orgelton Noch Sprache heißt —: »Sag*, warum dankst du mir? Ist nicht die Liebe selbst Geschenk und Lohn? Und, daß ich lieben darf, wem dank’ ich’s? Dir!“ Da war mir so: weit über Meer und Land Trug uns ein Engel bis zu Zions Tor. Sie aber hielt die Bibel in der Hand Und las mir mild die heiligen Sprüche vor. Junge Harfen“, Jüdischer Verlag. Prinzessin Sabbat. Ein Krakauer Bild von Otto A b e 1 e s. Die Prinzessin Sabbat ist eine Fee aus dem Morgenlande und sie liebt den Hochsommer. Wenn die Mauern der alten Schul vollgesogen sind von Sonnenstrahlen, daß sie bis in den Morgen vom blauen Dämmer umflossen bleiben, wenn die Amsel vom steilen Dach der Reb Eisik-Synagoge mit süßen Liedern den Abend beschwichtigt, wenn die Schwalben melodisch über den Wellen der Weichsel kreisen und ihre Schwingen kühlen — dann liebt sie doppelt diese alte, treue Stadt und schmückt sich auf den Höhen Wawel zum fröhlichen Rundgang durch die Gassen. Eben hat man erst die Stuben geschmückt und die Leuchter angesteckt. Matt und kühl flimmern noch die Lichter. Die weißen Linnen auf den Tischen sind noch in rosiges Zwielicht getaucht und gleichen unaufgeblühten Knospen. Die Männer sind, in fürstliche Seide gehüllt, feierlichen Schrittes der Prinzessin entgegengezogen und nur die Frauen und Mädchen blieben zurück. Sie sitzen beim Tisch und träumen über das Andachtsbüchlein hinweg in den Schein der Kerzen hinein, oder sie lehnen in friedlicher Muße im Fensterrahmen. Von Zeit zu Zeit blicken sie aber alle auf und wenden lauschend den Kopf, ob nicht schon draußen in der Gasse die Schritte der lieben Sabbatbraut hallen. Herrlich still ist’s in der Krakauergasse. Die unzähligen Firmentafeln verschwimmen im Abend und nur hie und da, wenn sich eine Kerze zum Fenster hinausneigt, damit der holde Gast den Weg nicht verfehle und auch ja nicht vergesse, über die alte Holztreppe auch zu ihr hinaufzusteigen, nimmt man für Augenblick das jüdische Kaufmannsschild des Pelzhändlers gewahr,