Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 38-39 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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CHE ZEITUNG NITTM.-JLEDI50O DRGRN Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteijähr. Mk. 3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Wien, Mittwoeh den 15. $eptember 1909. III. Jahrgang. Nr. 38/39. Die dieswöchentliche Nummer erscheint als Doppelnummer. Die nächste Nummer erscheint der Feiertage wegen am 29. September. Allen unseren Lesern und / Ge sinnungsgenossen entbietet die besten Glückwünsche zu 5670 pueti Die „Jüdische Zeitung“. AUS DEM INHALTE: Die Schwierigkeiten der neuen Türkei. Von A. Bm. Die Enquete des galizischen Landesausschusses. Von Prof. Dr. Leon Kellner Dr. Adolf Lanzer und Dr. Nathan Birnbaum. Rosch-Haschonoh. Von Moses Waldmann. Parteinachrichten. Fünf Millionen. Krpngnjfür Palästina. Zur Katasterfrage. Von Dr. Meyer-Ebner. Golusblüten. Zum Prerauer Studententag. Von Dr. K. Aus der russischen Folterkammer. Aus dem jüdischen Leben. Zum IX. Kongreß. Die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Von Dr. Treidel. Zeitschriften- und Bücherschau. Feiertage im heiligen Lande. Von Ernst Müller. Der Spruch. Gedicht von Hugo Salus. Prinzessin Sabbat. Von Otto Abeies. Schauturnen. Gedicht von Beda. Das jüdische Drama. Von David Pinski. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Die Schwierigkeiten der neuen Türkei. Als ich vor Monaten jn diesem Blatte davor warnte, sich bezüglich der politischen Entwickelung der Türkei ajlzu großen Hoffnungen hinzugeben, und ^uf die enormen Schwierigkeiten hinwies, ipit welchen das neue Regime zu kämpfen fiaben wird, blieb ich im zionistischen Lager vollkommen isoliert. Heute dürfte schop ein ziemlicher Teil unserer Partei ähnlich denken, wie ich, obzwar noch nicht einmal ein kleiner Teil der latenten Probleme akpt geworden ist. Knapp nach dem Erscheinen jenes Artikels ereignete sich die Kontre-Revolution vom 13. April, bei der die Stärke der reaktionären Elemente und die Schwäche des Parlamentes zutage trat. Es folgte die grausame Unterdrückung der Kontre-rRevolution durch zwei jungtürkisch gesinnte Armeekorps, gekrönt durch die Absetzung und Einkerkerung Abdul Hamids. Die Verfassungskämpfe hatten mit einer kompletten Militärdiktatur ihr vorläufiges Ende gefunden, deren erste Tat es war, täglich öffentliche Massenhinrichtungen von Offizieren, hohen Würdenträgern etc. zu veranstalten. Aber auch dieses Säbelregiment ruht auf sehr schwachen Füßen. Es stützt sich nur auf die 3 europäischen Armeekorps, während die Haltung der asiatischen und des tripolitanischen Korps in künftigen Verfassungskonflikten sehr zweifelhaft ist. Ueberdies wurde die Disziplin auch der treuen Korps aufs schwerste dadurch erschüttert, daß Hunderte von Offizieren, die unter dem alten Regime vorschriftswidrig schnell befördert wurden, nunmehr degradiert werden. Von dieser Maßnahme wurden auch Offiziere betroffen, die, wie Mahmud Muktar Pascha, Stützen des jungtürkischen Komitees sind. Das neue Gesetz, nach dem Nichtmohammedaner künftig zur Armee rekiutiert werden, hat ebenfalls Mißstimmung ins Heer getragen. Ist die Macht der jungtürkischen Diktatoren nicht allzu stark fundiert, so sind die Schwierigkeiten, welche sie zu besiegen hätte, ganz enorme. Hatte sich die türkische öffentliche Meinung mit dem endgiltigen Verlust Bosniens und Ostrumeliens abgefunden, so ist die Kretafrage wieder wach geworden und hat mächtige Erschütterungen zur Folge. Es ist angesichts der zweideutigen Haltung der Mächte und der Gärung in Griechenland mehr als zweifelhaft, ob der Verlust Kretas selbst durch einen siegreichen Krieg aufzuhalten ist. Die Annexion Kretas durch Griechenland wäre ein vernichtender Schlag für das jungtürkische Regime. Außerdem hat schon der bisherige Konflikt eine gefährliche Spannung zwischen den Türken und den das Reich bewohnenden 2 Millionen Griechen zur Folge gehabt. In Mazedonien erheben die verschiedenen Völkerschaften wieder ihr Haupt, Albanien steht im hellen Aufruhr und Jemen, das seit Jahrzehnten rebellische Stammland der Araber, ist im Begriffe, sich völlig loszureißen. Mekka, mit dessen Besitz das Khalifat untrennbar verbunden ist, wird durch die Erhebung in Jemen bedroht und die Araber erinnern die islamitische Welt daran, daß das Khalifat von den Türken nur usurpiert ist, nach der heiligen Lehre aber nur einem Araber, vom Stamme Quraisch, den der Prophet angehörte, gebührt. All diese Wirren sind nicht zufällige, sondern sie sind eine Folge der nationalen und konfessionellen Verhältnisse im Reiche, die ich in jenem Artikel skizziert hatte. Außerdem werden die Unruhen von den eroberungssüchtigen Mächten geschürt, vor allem von Rußland und England. Letzteres hat von jeher in Arabien selbst und in Feste in Palästina. Von Ernst Müller. Es gibt in Palästina Feste der Alten und der Jungen. Die uralten, aus verborgenen Ursprüngen eingesetzten Weihetage des Jahres und die Lebensfeste der Jugend. Wer das religiös-jüdische Leben in allen Farben und Formen kennen lernen will, kann dies in Palästina, das zwei Jahrtausende lange Sehnsuchtsziel des Gebetes war. Bei den Besten, welche dahin wanderten, war dies keine starre Tradition, sondern eine urheimliche Ueberzeugung. Sie starben da in stiller Befriedigung des eigenen, mitlebend den tiefen Fall des Volksdaseins. Gerade das äußerlich Religiöse ist allerdings wieder im Bunde mit dem Leben korrumpiert, aber trotzdem blieb es innerer Quell des Lebens. Aus so vielen Ländern die „Zerstreuten des Golus“ in das Land des tiefsten jüdischen Schmerzes kamen, so viele Färbungen des religiösen Lebens dürften sie auch mitgebracht haben. Dazu gibt es noch Chässidim, Karäer, Kabbalisten. Es gibt allerdings Feste, welche gerade in der engen und gefühlsweichen Sphäre des Ghetto ihre heimliche Farbe bekommen haben, so Purim und das Chanukkahfest. Diese Weihe des Leides scheint in Palästina nicht gegeben zu sein. Die Lichtlein flammen nicht in frommer Winterstube, und das Purimfest, das ich in Jerusalem sah, verlor sehr viel durch eine humorlose, ganz auf gewisse Absichten hinzielende Maskenschwärmerei. Andrerseits sind die drei Jahresfeste wohl auch im Bewußtsein der dem Naturleben Entrücktesten enger demselben angepaßt als irgendwo. Die Gebete um Tau und Regen haben nur hier einen Sinn, Schewuot ist wirklich das Erntefest, und ich beobachtete, wie auch die Getreideernte der Fellachen gerade in die Zeit dieses Festes fiel. Aber auch die hohen Feste, Rosch-haschonoh und Jom-Kippur erlangen gleichsam eine andere Naturfarbe, wenn sie nicht wie bei uns auf dem Lande mit dem herbstlichen Blätterfall oder in der Großstadt mit der Rückkehr vom Landaufenthalte zusammenfallen. Die Sonne, welche gerade in diesen Monaten brütend und segenslos, wenn auch noch immer hell und gleichförmig über verdorrtes Gelände herabscheint, stimmt zu den Vergänglichkeitsgedanken des Lebens im anderen Sinne ebensosehr, wie das Nebeln und Rieseln unseres Herbstes. Natürlich vergißt der fromme Palästinenser in keinem seiner Bräuche, daß er auf dem Boden der alten Heiligtümer steht. Dies hat seinen Einfluß auch auf die Feste, deren Mussaph-Hauptgebet z. B. von den Frömmsten an der Klagemauer verrichtet wird. Und diese vereint besonders in der Nacht des neunten Ab eine große Klagegemeinde, die gar nichts mehr von individueller Trauer an sich trägt und nur selber wie eine unbewußte traurige Volksruine anmutet. Es gibt aber auch Feste der Jugend. Im Allgemeinen hängt bei den Kolonisten das religiöse Moment gleichsam nur locker dem nationalen an. Das Heilige ist bei ihnen das Leben selbst und die Freude seines Werdens. Mag daraus einst etwas Höheres, Schöpferisches werden! Heute vereinigt ein unmittelbar patriotisches Gefühl Freund und Gegner.