Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 4. Aus — durch die allgemeine Wählerklasse gewählten Abgeordneten, von welchen 7 auf die rumänische, 7 auf die ruthenische — auf die deutsche, einer auf die polnische und — auf die jüdische Bevölkerung entfallen. Alle gewählten Abgeordneten mit Ausnahme des von den stimmberechtigten Mitgliedern des gr. or. erzbischöflichen Konsistoriums und den Vorstehern der Klöster, zu Dragomirna, Putna und Suczawitza, sowie der drei von der Handels- und Gewerbekammer in Czernowitz entsendeten Abgeordneten werden in national getrennten Wahlkörpern, für welche je besondere Wahlbezirke gebildet werden, gewählt. Fürs Land Tirol. Nach einer wahren Begebenheit. Er stammte mitten aus Tirol. Und dachte streng katholisch, Er wirkte für des Volkes Wohl Und antialkoholisch. Das Volk das solches anerkennt, Entsandte ihn ins Parlament Fürs Vaterland zu wirken. Doch — Wien ist eine böse Stadt Mit mancherlei Gefahren; Der biedre Volksvertreter hat Das an sich selbst erfahren: Da gehn so Mädchen hin und her — Es fällt sogar dem Besten schwer Fürs Vaterland zu wirken. Die Sache wurde sehr fatal Und Schwierigkeiten bot sie, Man fürchtete den Mordskandal Und die verdammten Soci — Auch naht’ das Fest der Frankennot, Das viel Gelegenheiten bot Fürs Vaterland zu wirken. Drum holte man aus Deutsch-Tirol Den Jörg aus seinen Buden, Der zwar nicht gegen Alkohol Doch gegen alle Juden — Und daß kein Jude nichts erfährt Hat er sich gern bereit erklärt Fürs Vaterland zu wirken. Die Hochzeit fand zuhause statt, Die Kirchenglocken schallten Und unser Volksvertreter hat Den Hochzeitsspruch gehalten. „Denkt“, ruft er an den I s e 1 b e r g“ Und strebt, wie unser guter Jörg, Fürs-Vaterland zu wirken Und für das Land Tirol! Beda. Aus dem jüdischen Leben. Die jüdischen Akademiker Sarajevos verbreiteten jüngst folgenden Aufruf: Juden1 Wie die Tagesblätter melden, beabsichtigt eine Budapester Orpheumgeselischaft unsere Stadt dieser Tage mit ihrem Besuche zu beehren. Es ist allgemein bekannt in was für einer Weise bei derlei „Kunstdarbietungen“ das jüdische Familienleben, unsere Sitten und Gebräuche verhöhnt und in den Kot gezerrt werden. Uns ist es darum zu tun, daß diejenigen, die ein Interesse für das Judentum haben, sich über dasselbe an anderer Stelle Informationen holen. Es ist eine traurige Tatsache, daß in Wien, Budapest und den anderen Großstädten es fast durchwegs Juden sind, die an solchen Darbietungen Gefallen finden, noch trauriger aber ist es, daß Viele diese uns entwürdigenden Lügen, diese geistlose und gemeine Persiflage und Karikatur als das wahre Bild des Judentums und jüdischen Lebens ansehen. Wir halten es darum für eine Ehrenpflicht der selbstbewußten Sarajevoer Judenschaft, dieses freche Attentat auf ihr Nationalbewußtsein mit Entrüstung zurückzuweisen und diesen Vorstellungen femzubleiben. Wer sich nicht selbst achtet, ist auch der Achtung der Anderen nicht wert! Die Sarajevoer jüdischakademische Jugend. Die wackeren jüdischen Studenten sind zu diesem Vorgehen zu beglückwünschen. Nur so kann man das jüdische Publikum zur Selbstachtung erziehen. Der Erfolg der Aktion war, daß die „Budapester“ sich auf den Vortrag harmloser Kouplets beschränkte und unter den Besuchern kein Jude zu finden war. Wann werden die Wiener Juden soviel Selbstachtung aufbringen? Abschaffung des „roten Bidets“. Aus Konstantinopel wird uns bgrichtet: Der Großrabbiner Chacham Baschi Nahoum hatte am Donnerstag den 2. September mit dem türkischen Minister des Inneren Talaat-bey eine Unterredung, in welcher die Abschaffung des „roten Billets“ besprochen wurde. Es ist begründete Aussicht, daß diese Frage in kurzer Zeit in einen für die Juden günstigen Sinne erledigt werden wird. Der Minister erklärt nämlich, daß er sich bereits mit dem Mustertarif von Jerusalem diesbezüglich ins Einvernehmen gesetzt habe. Dieser hat sich schon oft in entschiedener Weise für die Abschaffung dieser aus der Zeit des Absolotismus stammenden Maßregel ausgesprochen. Rußlands Geldnot und Rußlands — Juden. Aus Petersburg schreibt man: Es ist seit lange ein offenes Geheimnis, daß die Rücksichtnahme der russischen Regierung auf ihre auswärtigen Anleihen eine wesentliche Rolle in ihrem Verhalten zur Judenfrage spielt. Von besonderem Interesse ist es nun, dies vom Finanzminister Kokowzew offen eingestanden und deutlich hervorgehoben zu sehen. Das jetzt publizierte Journal über eine Ministerberatung vom 22. Juli 1909 enthält hierüber wichtige Angaben, die als Beitrag zur Judenpolitik der russischen Regierung besondere Beachtung verdienen. In der genannten Sitzung wurde über das Aufenthaltsrecht der jüdischen Kaufleute in Moskau, die seit dem Jahre 1899 in der Stadt ansäßig sind, beraten. Zunächst wurde eine schriftliche Meinungsäußerung des Premierministers Stolypin verlesen, der in der Sache einen gemäßigten Standpunkt einnahm und für eine „wohlwollende Behandlung der Frage in der. Grenzen der Möglichkeit“, „mit vornehmlicher Berücksichtigung der Interessen des allgemeinen Kaufmannsstandes“ plädierte. Der Finanzminister Kokowzew und der Handelsminister Timirjasew gingen noch weiter in ihrem Eintreten zu Gunsten der Juden und erklärten, „der Allerhöchste Erlaß vom 3. Februar 1898 ist zumindest nicht klar und bedarf entsprechender Erläuterungen und Ergänzungen. Die Ausführung des darin vorgezeichneten Verfahrens gegen die Juden würde den ohnehin in schwieriger Lage sich befindenden Finanz- und Handelsmarkt schädigen. Eine Liquidierung der großen jüdischen Handelshäuser, deren Umsatz hunderte Millionen Rubel jührlich beträgt, würde nicht nur die Inhaber derselben treffen, sondern auch den mit den Juden durch Handelsbeziehungen verbundenen christlichen Bürgern Schaden bringen. Außerdem würden dadurch viele ausländische Firmen, die den jüdischen Kaufläuten in Moskau Kredit gewähren, Schaden erleiden; eine Ausweisung dieser Juden aus Moskau würde ihren Bankerott verursachen. Und da die Einigkeit der Juden groß ist und sie alle geeigneten Mittel zum Schutze ihrer Interessen anwenden, und eiuen großen Einfluß in den kapitalistischen Ki eisen und der Presse besitzen — würden sie wegen der Ausweisung einer ganzen Gruppe von Juden aus Moskau heftige Angriffe gegen die russische Regierung hervorrufen und der Regierung die Aufnahme einer auswärtigen Anleihe im Bedarfsfälle sehr erschweren.“ Dieses Dokument sollte vor allem der jüdischen, aber auch der nichtjüdischen Finanzwelt beweisen, daß sie bei wirklich solidarischem Verhalten in der Lage wäre, das Los der russischen Judenheit zu bessern und so durch die Macht des Geldes ein wirkliches Werk der Humanität und der Kultur durchzuführen! Eine neue jüdische Kolonie in Amerika. Aus Chigago wird geschrieben: Es ist gelungen, im Staate Georgia eine Landstrecke von 32.400 Acres für jüdische Kolonisationszwecke zu erlangen. Der Boden ist besonders für Anbau von Tabak, Seide und Zucker geeignet. Die Strecke wird von zwei Eisenbahnlinien durchquert, und n ihrer Nähe ist jetzt eine dritte Eisenbahnlinie im Entstehen begriffen. Alliance und Allianz. In einem früheren Artikel (siehe Nr. 33 d. M.) versprachen wir eine kurze Blütenlese aus den jüngsten Heldentaten der Alliance zu geben. Hier ist sie: Am 16. Februar d. J. tagte die Hauptversammlung der Deutschen „Konferenzgemeinschaft“ der Alliance. Dieser wurde der famose Bericht der Inspektoren Dr. Levy und Dr. Porges über die Orientschulen der Alliance vorgelegt. Nach einer ganz flüchtigen Besichtigung hatten die zwei Herren alles in schönster Ordnung gefunden, mußten aber selbst zugeben, daß die Zionisten Recht hätten, wenn sie behaupteten, daß an vielen Schulen der Unterricht im Hebräischen „im Zuschnitt verdorben, in seiner Methode verfehlt und verkehrt sei“. Sie erklärten aber weiter, daß die Alliance kein Geld für Umgestaltung des Hebräischunterrichtes aussetzen könne. In der Hauptversammlung fiel Komm.-Rat Goldberger Uber den „Hilfsverein“ und die Zionisten her und denunzierte diese, daß sie in der Türkei hochverräterische Pläne verfolgten. Das Versprechen Goldbergers, diese Worte in den gedruckten Bericht nicht aufzunehmen, wurde nicht gehalten, ja sie fanden sich sogar im französischen Bericht der Alliance, der einen Monat später erschien. Als die „Welt“ und die „Jüdische Rundschau“ die Angriffe Goldbergers zurückwiesen und ihm voi hielten, wie die höchsten türkischen Würdenträger überden Zionismus dächten, erließ Herr Goldberger ein Manifest, in welchem er seine Kritiker beschimpfte, anstatt sie sachlich zu widerlegen. Auf eine Erklärung, welche der Hilfsverein veröffentlichte, in welcher alle auf diesen bezüglichen Beschuldigungen Goldbergers als unrichtig bezeichnet wurden, fand er überhaupt keine Antwort. Kurz darauf wurde bekannt, daß in den Schulen der Alliance zu Konstantinopel der Unterricht in Hebräisch, der knapp vor der „Inspektion“ eingeführt wurde, schon wieder abgeschafft worden ist. Im Juli wurden von Konstantinopel aus Alarmnachrichten in alle Welt geschickt, so an die „Politische Korrespondenz“ und an den „Jewish Chronicle“, des Inhaltes, daß im Verhältnis der türkischen Regierung zum Zionismus ein ungünstiger Umschwung eingetreten sei. Der „Haolam“ entdeckte den Erfinder dieses Lügenmärchens — er ist ein Zögling der „Alliance“, haßt den Zionismus, sein Vater gibt ein kleines, der Alliance nahestehendes Blättchen in Konstantinopel heraus. Gleichzeitig leistete sich Herr Leven, Präsident der Alliance, beim Empfang der türkischen Parlamentsdeputation einen Ausfall gegen den Zionismus. Die jüdischen Mitglieder dieser Deputation, hervorgegangen aus den AUianceschulen, traten in ihren Reden in Paris und London für die Assimilation ein und sprachen von „unpatritotischen“ und „separatistischen“ Zielen mancher Emigrationsbewegung in bezug auf die Türkei. Diese Fülle von Heldentaten der Alliance weckte auch ihr Wiener Töchterlein, eine ältere, verschlafene Dame, aus dem Schlummer. Herr Dr. Kaminka, ihr Sekretär, veröffentlichte ein von uns zur Genüge gekennzeichnetes Elaborat über die jüdische Emigration, das in dem klassischen Satze gipfelte, „die jüdische Massenwanderung sei weder ungewöhnlich noch beunruhigend“. Das Heil liege in Amerika. Fast zur selben Stunde, in welcher Dr. Kaminka das schrieb, erfolgte die Absperrung Amerikas gegen jüdische Einwanderer. Trotzdem spukt sein Geistesprodukt noch immer in jüdischen Blättern. Nach dem „Jewish Chronicle“ hat der Vertreter der Alliance in New-York Nusim Behar die Maßnahme des amerikanischen Einwanderungskommissärs gebilligt! Wenn das richtig ist, so ist der stärkste Schlag, der das jüdische Volk seit Jahrzehnten getroffen hat, unter dem Beifall der Alliance geführt worden. „Wozu die „Alliance?“, frug kürzlich der Leitartikler des „Frankfurter Wochenblattes“. Darauf geben noch manche gute Juden die Antwort, daß schließlich das Hauptwerk der Alliance anerkannt werden müsse — ihre Schultätigkeit im Orient und in Marokko. Wie wir darüber vom nationalen und politischen Standpunkt denken müssen, ist bekannt. Die Alliance hat mit ihren Schuten die Juden des Orients entjudet, zu Assimilanten gemacht, in Ländern, wo eine Assimilation unmöglich ist, wie in der Türkei, in Persien und Marokko. Sie hat damit, ihre Zöglinge vollkommen entwurzelt und ihre Seele vergiftet. Die Früchte zeigen sich jetzt in der Türkei. Die jüdischen Deputierten, Schüler der Alliance