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Jüdische Zeitung · 1909-09-10 · 37 (10.9.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 se? — ganz unkommentierten Bericht über diese jüngste Affaire gebracht. Dagegen aber hat das „Neue Wiener Tagblatt“, das „demokratische Organ“, in seiner Nummer vom 1. September 1909 ein recht umfangreiches Interview mit dem in Karlsbad weilenden ungarischen Abgeordneten Theodor Grafen Batthyany gebracht, in welchem derselbe seiner schmerzlichen Verwunderung darüber Ausdruck gibt, daß die 15 Millionen nicht magyarischer Angehörigen der heiligen Stefanskrone nicht mehr gewillt erscheinen, die magyarisierende Adelsoligarchie in gewohnt unterwürfiger, duldsamer Schweigsamkeit zu ertragen. Nach den Ausführungen des Herrn Grafen ist Ungarn geradezu der klassische Boden für nationale Betätigung und Bewegungsfreiheit, zumindest — da guckt ein kleiner Pferdefuß hervor — im Vergleiche zum Königreiche Rumänien. Denn dort werde alles auf das Aergste geknechtet und unterjocht, was nicht mit der herrschenden Nation und ihrer Regierung in ein Horn stößt, Magyaren und — wieder der kleine Pferdefuß — Israeliten. In der Nummer des „Neuen Wiener Tagblattes“ vom 3. September 1909 polemisiert nun Dr. Vajda, einer der Führer der ungarländischen Rumänen, unter Anführung äußerst drastischer Beispiele gegen die Auslassungen des Grafen Batthyany. Graf Batthyany verteidige einen ganz verlorenen Posten, seine Ausführungen widersprächen direkt den Tatsachen, die Nationalitäten in Ungarn seien in Wirklichkeit nichts anderes als recht- und schutzlose Sklaven. Uns Juden können solche Auseinandersetzungen im allgemeinen ganz kalt lassen. Es kann doch wohl keinen Trost gewähren, daß es auf Gottes weiter Welt nochtjandere Nationen gibt, die nicht auf Rosen gebettet sind. Wir haben so viel für uns selbst zu sorgen, daß es geradezu als wahnwitzige Selbstlosigkeit erscheinen würde, wollten wir uns auch noch für Andere ins brennende Feuer stürzen. Was uns an dieser Zeitungspolemik Interesse, eminentes Interesse, abgewinnen muß, ist die Antwort des Führers der „verfolgten“ Rumänen in Ungarn auf die Behauptung des Grafen Batthyany, die Rumänen mögen vor ihrer eigenen Türe kehren und an die Knechtung der Magyaren und Juden in Rumänien denken. Dr. Vajda macht es sich ganz leicht! Seine Widerlegung ist von lapidarer Kürze: „In Rumänien wird niemand seines Glaubens wegen verfolgt „auch der Jude nicht!“ Man ist ja gewöhnt, im politischen Leben die Wahrheit nicht allzu häufig und unverhüllt zu Gesicht zu bekommen. Aber solch geschwollene Backen dürfte diese Dame denn doch nicht gar zu oft davon getragen haben, wie durch die ihr jetzt von Dr. Vajda .versetzte Maulschelle. Einige Tage nach der eingangs erwähnten kleinen Judenhetze in Rumänien, „dem aufstrebenden Kulturstaate an der unteren Donau“, wagt es ein im öffentlichen Leben stehender Mann, der oft mit dem Brustton der Ueberzeugung von der Rednertribüne des ungarischen Parlamentes herab und in unzähligen Volksversammlungen gegen die Knechtung und Unterdrückung gedonnert hat, der sich rühmt, als Preis in seinem Kampfe gegen Unduldsamkeit und Terrorismus zahlreiche Gefängnisstrafen davongetragen zu haben, zu behaupten, daß die rumänischen Juden nicht verfolgt werden. Die deutsche Sprache und ein Dutzend anderer Sprachen sind zu arm, um eine solche Verdrehung und Entstellung der Wahrheit richtig zu bezeichnen! Zu einer Zeit, da der Boden von Falticeni gerötet ist von vergossenem jüdischen Blute, da die offenen Wunden der Gequälten kaum noch notdürftig verbunden JÜDISCHE ZEITUNG. sind, wagen Sie’, zu behaupten: „In Rumänien wird der Jude seines Glaubens wegen nicht verfolgt“. Wohl geben -Sie ja : indirekt zu, daß man die Juden in Rumänien verfolgt, Sie läugnen nur, daß die :„Stammeszugehörigkeit“ das Motiv der Hetzen sei. Was also ist es dehn? Ist es der große Reichtum an Grund und Boden, da man unseren rumänischen Brüdern auch nicht das kleinste Stückchen Erde— die Grabstätte vielleicht ausgenommen — ihr Eigen nennen läßt? Sind es die angehäuften Schätze an Gold und Edelgestein, da 99 Hundertstel dieser Aermsten aller Armen buchstäblich am Hungertuche nagen? Oder ist es gar der hervorragende politische Einfluß der rumänischen Juden, der anderen machthungrigen Patrioten ihre Betätigung zum Wohle ihres Vaterlandes unmöglich macht? Armer Dr. Vajda! Aber noch ärmeres rumänisches Volk Ungarns, wenn dieser Dr. Vajda der Rufer im Streite für dein Recht und deine Freiheit ist! Arme „liberale Israeliten,, Oesterreichs, wenn Euer Organ, das „Neue Wiener Tagblatt“, es wagen darf, eine solch’ frivole Entstellung kritik- und . widerspruchslos Euch vorzusetzen! Unbesprochen aber darf eine solche Glorifizierung der Warheit von Dr. Vajdas Gnaden nicht bleiben. Höre es Juda! Juble und jauchze! Was du bis nun von dem unerträglichen Lose deiner rumänischen Brüder gehört, ist Lüge! Was von dem vergossenem jüdischen Blute in der rumänischen Folterkammer gesagt und geschrieben wurde, ist eine Ausgeburt krankhafter Fantasie! Laß Palästina Palästina sein! Auf! Gürte deine Lenden und wandre,-wandte ins neu entdeckte gelobte Land Rumänien! J. L. Von der Woche. (Die „Neue Freie Presse“ hetzt weiter. — Redlich in Linz. — Die Wahlreform in der Bukowina.) Die „Neue Freie Presse“ hetzt weiter Der unselige Nationalitätenkampf hat bereits ein Todesopfer gekostet. Der unglückliche junge Lehramtskandidat — ein völlig Unbeteiligter — muß noch nach seinem Tode zu den eklen Wühlarbeiten Benedikts herhalten. „Der junge Mann hatte glühende Wangen und leuchtende Augen, das Herz war ihm voll und in seinem jungen Kopf wogten die Gedanken über das Gehörte. Zweiundzwanzig Jahre alt, den ersten Jünglingsflaum auf den frischen Lippen, den kecken Kalabreser auf den blonden Locken . . .“ So schreibt der Sonntagsschmock. Dafür wurde ein offiziöser Bericht, wonach der bedauerliche Unglücksfall durch den Sturz eines Pferdes entstanden sein soll, einfach unterschlagen, obwohl er sonst überall erschien. Merken die Juden noch immer nicht, wie die assimilatorische Presse den Judenhassern in die Hände arbeitet? * # * Wo man hingreift, gerät einem die klebrige Gestalt des getauften Reichsratsabgeordneten Dr. Redlich zwischen die Finger. Eigentlich geschiehts unseren Juden recht Jeder erinnert sich noch, wie dieser Mann in die Politik eingeschmuggelt wurde. Anläßlich der mährischen Landtagswahlreform einigten sich die Gödinger Juden — die quasi ein jüdisches Mandat zu besetzen hatten — auf den Gödinger jüdischen Fabrikanten Redlich. Als schon die Wahlkampagne im vollsten Gange war, erklärte plötzlich der allmächtige Fabrikant, er verzichte zugunsten seines getauften Bruders. Die Juden waren anfangs verdutzt, aber schließlich warer„frei¬ Nr. 37 sinnig“, überdies Professor und Millionär dazu, und so ließen sich die Gimpel fangen' Inzwischen hat er sich zum Hausjuden der Christlichsozialen ausgewachsen. Dä dies aber den „Völkischen“ zu stark in die Nase ging und er übrigens auch zeitweise zeigen will, wie kerndeutsch er noch immer ist, fuhr er zum deutschen Abgeordnetentag nach Linz und brach für Unter-Themenau eine Lanze. Es lag ein ganzer Komplex von Fragen vor, die zur Verhandlung kamen, aber gerade Jossel Redlich, der einzige Jiidenstämmling am Parteitage, — dazu noch einer von denen, die man doppelt so lieb hat, wenn sie nicht da sind — geraderer mußte für den deutschen Charakter des ,;Stammlandes“ eintreten. Jüdische Kaufleute von Göding, Bisenz und Nikolsburg: Der Mann richtet Euch mit Wollust zugrunde! Der Wahlreformentwurf für die Bukowina liegt nunmehr vor. Er wurde bekanntlich deshalb mit großer Spannung erwartet und in unseren Spalten wiederholt diskutiert, weil er die j ü d i s c h e N a t i o n anerkennt. DerEntwurf behält die Kurieneinteilung bei, wählt aber als neue Grundlage für dieZusammmensetzung der Wahlkörper den nationalen Kataster. Für dieruthenische und rumänische Nation ist die Abgeordnetenquote bereits festgesetzt, während bezüglich der Deutschen und Juden mangels einer endgültigen Vereinbarung der Entwurf noch L ü c k e n aufweist. Wir zitieren die wichtigsten Bestimmungen des Entwurfes, den § 3, aus welchem hervorgeht, daß die Anzahl der von den Deutschen und den Juden zu wählenden Abgeordneten nicht kumu lativ, sondern für jede der beiden Nationen gesondert festgesetzt wird. Die Befürchtung,, daß für Deutsche und.Juden eine gemeinsame Quote vorgeschrieben sei, über deren Aufteilung sie sich dann intern zu einigen hätten, erweist sich also glücklicherweise als unbegründet. § 3. des Entwurfes. Der Landtag besteht aus neunundfünfzig Mitgliedern, nämlich: a) dem gr. or. Erzbischöfe und Metropoliten in Czernowitz; b) dem Rektor magnificus der k. k! Franz Josefs-Universität in Czernowitz; c) aus siebenundfünfzig gewählten Abgeordneten und zwär: 1. Aus dreizehn Abgeordneten des großen Grundbesitzes, von. welchen drei auf den geistlichen und zehn auf den weltlichen großen Grundbesitz entfallen. Von den drei auf den geistlichen großen Grundbesitz entfallenden Abgeordneten haben einen die stimmberechtigten Mitglieder des Bukowiner erzbischöflichen Konsistoriums, sowie die Vorsteher der Klöster zu Dragomirna, Putna und Suczawitza, zwei Abgeordnete, die mit den höheren Weihen versehenen Kleriker der Bukowina Erzdiözese und zwar einen die rumänischen und einen die ruthenischen wahlbevollmächtigten Kleriker zu wählen. Von den zehn auf den weltlichen großen Grundbesitz entfallenden Abgeordneten sind vier von den wahlberechtigten rumänischen, vier von den wahlberechtigten polnischen und zwei von den übrigen wahlberechtigten Großgrundbesitzern zu wählen. 2. Aus Abgeordneten der durch die Wahlordnung bezeichneten Städte, sowie der Handels- und Gewerbekammer. Von den — Abgeordneten der Städte entfallen einer auf die, rumänischen einer auf die ruthenische,—auf die deutsche — auf die jüdische Bevölkerung. 3. Aus — Abgeordneten der übrigen Gemeinden des Herzogtums Bukowina, von welchen 7 auf die rumänische, 7 auf die ruthenische, — auf die deutsche, — auf die jüdische Bevölkerung entfallen.

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