Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 37 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE. ZEITUNG. Nr. 37 schwimmen überall obenauf, sind damit am besten Wege, ihre Konnationalen ins Verderben zu bringen, sie treiben zudem eine antijüdische Politik, sind Assimilanten ärgster Sorte. Demjenigen aber, der vielleicht unsere Meinung als „Parteistandpunkt“ bezeichnen wollte, bringen wir in Erinnerung, was ein unparteiischer jüdischer Historiker, ein Nichtzionist, Prof. Philippson in Berlin, vor nicht zu langer Zeit (Oktober 1907) über die Allianceschulen gesagt hat: „Wie kommt es, daß trotz der seit Dezennien bestehenden Schulen die Juden im Orient in dem gleichen Zustand sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verbleiben? Und das, während die christlichen Elemente, die Armenier und zumal die Griechen, infolge ihrer ausgezeichneten — Unterrichtsanstalten in glänzendem Aufstieg begriffen sind? Freilich passen die christlichen Anstalten ihre Unterweisung verständnisvoll den Anschauungen, Ueber 1 i ef erungen und Bedürfnissen ihrer Zöglinge an und nötigen diesen nicht eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, oft geradezu antijüdische Kulturweise auf. Man sehe die unsäglich verkommenen und schmutzigen Trödler, Hausierer, kleinen Handwerker und Vermittler der Ievantinischen und ägyptischen Städte und überzeuge sich da, wie wenig das Eziehungswerk der Alliance gewirkt hat.“ Das ist die Folge des philantropischen Systems. Man wendet Millionen auf, um einzelnen Individuen zu helfen, für die Masse des Volkes hat man damit nichts, absolut nichts getan. Im jüdischen Volke ist aber das Bewußtsein dessen, was ihm not tut, erwacht. Die Alliance wird den unbeugsamen Willen der Nation bald spüren. Sie wird sich entweder zu modernen sozialen und nationalen Methoden bekehren oder vom Schauplatz der jüdischen Geschichte verschwinden._ Zeitschriften und Bücherschau. ln der „Wahrheit“ (Wien) vom 3. September bespricht J. Mendel die vom galizischen Landesausschusse angekündigte Enquete über die galizische judennot. Wir zitieren die markanteste Stelle: „Die Enquete ist ein Werk — Humbug sagt man im Lande — des berüchtigten Herrn Löwenstein; sie ist ein Ueberbleibsel der Vorbereitungen zu den Reichsratswahlen, ein lästiges Anhängsel, das man los werden möchte. Aber, wäre auch dies nicht der Fall, wäre die Enquete keine leere Zeremonie, wäre sie der sichtliche Ausdruck eines Strebens, sich mit der jüdischen Lage ernstlich zu beschäftigen, so könnte das Resultat nur die Schaffung neuer Prämien - - natürlich aus jüdischen Geldern — für Volksverrat sein; mehr ist nach Lage der Dinge fast logisch unmöglich. Wäre aber die Enquete nicht von Polen berufen, wäre sie ein ernster philantropischer oder sozialpolitischer Versuch, zu helfen, so müßte sie, wie alle früheren Hilfsaktionen, kläglich scheitern. Wieviel Federn haben sich schon nicht mit diesem Problem beschäftigt, wieviel Kraft und Geld wurde und wird unnütz vergeudet. Ich weiß, daß mein Artikel die Herren, auf die es ankommt, nicht erreichen wird, und daß, wenn einer von ihnen von demselben zufällig Kunde erhalten sollte, er für den Verfasser nur ein Achselzucken übrig haben wird. Das darf mich aber keine Minute abhalten, bei Gelegenheit die alte Wahrheit zu wiederholen. Alle Enqueten, alle Hilfsaktionen leiden an einer verfehlten Methode. Wieviel Gutes könnte der Hilfsverein für galizische Juden in Wien stiften, wenn er diejenigen um Rat fragen soll, für die er wirken will, und nicht die Kahals-Juden. Wieviel Gutes könnte die „Alliance“ auf pädagogischem Gebiete stiften, wenn sie nicht in den alten ausgetretenen Bahnen wandeln sollte. Wiviel Herrliches hätte erreicht werden können, wenn man dem galizischen Hilfsverein in Kolomea unter die Arme gegriffen hätte; man tat das nicht, umgekehrt, man behandelte ihn feindlich, bis er zusammenbrach. Auch der Landtags- Enquete müßte es so ergehen: Es werden kommen die Reichen, die Kahal-Moschkes, die Wucherer und Blutsauger, die Pfaffen und ihre Trabanten. Werden sie diesen Opfermut besitzen, zu sagen: „Czcigodni panovvie! Wir sind an allem Unheil schuld, wir demoralisieren das Volk, wir rauben es aus, wir verkaufen und verraten es, wir halten es im Finstern, wir saugen sein Blut, wir sind die Pestbeulen des leider schon angefaulten Organismus; wir haben — ihn -- es materiell und geistig heruntergebracht; wir sind Hyänen, wir verhindern jede Besserung; wir sind Verräter; wir sind ärger als Pfefferkorn, Menelaus, Tiberius, Alexander. Wollt ihr das galizische Judentum retten, rottet uns aus mit der Wurzel, verbrennt auch unsere Asche: vielleicht werdet ihr noch etwas retten können?“ Sie werden so nicht sprechen, die „echten Juden“; sie werden heucheln und lügen und nur darauf lauern, ob nicht etwas, ein Aemtchen, Geschäftchen, für sie zu ergattern sei; sie werden die Vertrauensmänner, die Auskunftsgeber, die Verwalter und Kontrollore stellen; sie werden bleiben, was sie waren: die Führer, Verführer, Verkäufer und Verräter der’ armen, beihörten Massen. Es ist schmerzlich, über seine Brüder solche harte Worte öffentlich zu verkünden, sie sind mit Herzensblut geschrieben, aber es muß sein“. Man sieht, wir stehn mit unserere Skepsis gegenüber dem Werke Löwensteins nicht einzig da. „Jednosc“, Löwensteins Leibblatt, wird bei dieser neuen starken Dosis außer Rand und Band geraten. Es hat schon nach der Lektüre unseres auf die Enquete bezüglichen, Leitartikels („Ein Ereignis“, Nr. 34 der „J. Z.“); mit Händen und Füßen ausgeschlagen. Wer sich überzeugen will, in welche ohnmächtige Wut die polnischen Isrealiten geraten, wenn sie die Wahreit hören, der lese den Artikel „Verkehrte Logik“ in Nr. 35 des zitierten Blattes. Der „Wschöd“ Lemberg Nr. 35, veröffentlicht einen Artikel üder die planmäßige Zurücksetzung jüdischer Schüler an den galizischen Mittelschulen und bezeichnet als Hauptsache die antisemitische Wirksamkeit des Vizepräsidenten des galizischen Landesschulrates Domborsky. Das „Lemberger Tagblatt“ berichtet über die offene rassen-antisemitische Haltung der allpolnischen Presse in der letzten Zeit. Es sei daran erinnert, daß die jüdischen Abgeordneten Dr. Gold und G o 11 „Allpolen“ sind. Auch wird die Tätigkeit der galizischen „Liga zur Förderung des Gewerbes“, beleuchtet, welche ausgesprochen antisemitisch ist und direkt zum Boykott der jüdischen Kaufleute aufforderte. Der „Fraind“ Nr. 182, bringt die Nachricht, daß das hebräische Tagblatt in Warschau „Haboker“ und das jüdische Taglatt „jüdische Zeitung“ in Wilna ihr Erscheinen eingestellt haben. „Unser Leben“ Warschau 25 August, kritisiert die Vorbereitungen zum nächsten „Kulturkongreß“, der von den Hebraisten einberufen ist und spricht ihm die Berechtigung ab, sich den „stolzen Namen“ „Kulturkongreß“ beizulegen. Das „jüdische Wochenblatt“ New-York 20. August, veröffentlicht an leitender Stelle ein Interview mit dem Rabbi Meir aus Saloniki über den „Zionismus und die Jungtürken“. Rabbi Meir rät den Zionisten, unbekümmert um verschiedene Strömungen ihr Kolonisationswerk fortzusetzen und die einwandernden Juden zur Annahme der türkischen Staatsbürgerschaft zu bewegen. Sport-Klub Hakoah. Der in Bildung begriffene jüdische Sportklub hat in. der „tole,n Saison“ sich sehr lebenskräftig und ersprießlich betätigt. Die Statuten des jungen Vereins, der Mitte September seine konstituierende Versammlung abhält, sind bereits von der n. ö. Statthalterei genehmigt, zwei komplette Fußballmannschaften trainieren jeden Dienstag, Donnerstag und Sonntag nach 5 Uhr abends nächst der Reichsbrücke und die Leitung unter dem Präsidium Dr. Fritz Löhners schickt sich anrSektionen für Laufen, Leichtathletig und Schwimmen ins Leben zu rufen. Die Mitglieder, meist junge, begeisterte Sportsfreunde, erhoffen für den Saisonbeginn einen starken Zuwachs für ihren Klub und werden nach der Generalversammlung sich mit ihrem schönen Programm jüdischer Körper-Renaissance an die Oeffentlichkeit wenden. Es wäre aufs wärmste zu begrüßen, wenn die jüdischen Kreise dieser hoffnungsreichen, prächtigen Gründung ■ moralische und materielle Unterstützung zuteil werden ließen. Eventuelle Anmeldungen, Anfragen, Zuschriften und Subventionen sind zu richten an Herrn S. Weinberger, Beamter, II., Rembrandtstraße 19. Vorträge über jüdische Kunst. Herr Prof. Dr. Max Eisler, A. H. der „Makkabäa“, Wien, wird Ende Oktober d. J. in Wien zwei Vorträge über „Jozef Israels und die jüdische Kunst“ halten. Die jüd.-akad. Verbindung „Makkabäa“ hat das Arrangement dieser Abende in die Hand genommen und ein studentisches Exekutivkomitee gebildet. Für das bürgerliche Ortskomitee werden namhafte Persönlichkeiten herangezogen. Von diesen Vorträgen, für die in Böhmen und Mähren bereits eine sehr lebhafte Anteilnahme zu verzeichnen ist, verspricht sich die „Makkabäa“ für die jüdische Kunst im Allgemeinen und für die Partei im Speziellen große Erfolge. Die P. T. Gesinnungsgenossen werden höflichst ersucht, schon jetzt für diese Vortragsabende in ihren Kreisen lebhafte Propaganda zu machen. Briefsendungen und Anfragen sind an Jüd.-akad. Verb. „Makkabäa“, Wien, I. Parkring 10, Cafe Gartenbau, oder Max Pollak, Wien, III/2 Löwengasse 29 zu richten. Vereinsu. Versammlungs- Nachrichten. Wien. Der äkad. Verein „Jordania“ ist bereit, Kollegen aus der Bukowina, welche in Wien die Hochschule zu besuchen beabsichtigen, Aufschluß in Studienangelegenheiten zu erteilen. Diesbezügliche Anfragen mögen an die Leitung, Verein jüd. Hochschüler aus der Bukowina, „Jordania“ in Wien, IX. Wasagasse 25/7, gesendet werden. Wien. (Poale-Zion, Allg. jüd. Arbeiterverein.) Samstag, den 11. d. M. findet ln unserem Vereinslokal, CafeStephanie, II. Stephaniestraße 2 eine Versammlung statt, in welcher Gen. phil. Michael Kohn über das Thema: „Nationalitätenproblem in Oesterreich“ referieren wird. Beginn 8Uhr abends. Freie Diskussion! Gäste Willkomm e n. Bielitz. Die zionistischen Abiturienten von Bielitz-Bialaveranstalten Sonntag, den 19. Septem b e r einen Festkommers mit anschließendem Tanzkränzchen. Da bereits hervorragende Kunstkräfte ihre Mitwirkung zugesagt haben, dürfte der Abend einen guten Besuch aufzuweisen haben. Das Reinerträgnis fällt dem Jüdischen Studentenheim in Wien zu. Bielitz. Samstag den 28. August veranstaltete die jüd.-akad. Ferialverbindung „Emunah“ im „Schwarzen Adler“ einen Unterhaltungsabend mit anschließendem Tanzkränzchen. Der starke Besuch der Veranstaltung ließ erkennen, welcher Beliebtheit sich die „Emunah“ bei der Bielitzer jüdischen Gesellschaft erfreut. Herr cand. phil. Leo Fink eröffnete den Abend. Herr cand. med. Rud. R o s n e r hielt die Festrede. Daran schloß sich ein äußerst reichhaltiges Programm, das von den Mitgliedern der „Emunah“ bestritten wurde. Die trefflichen Rezitationen entfesselten stürmischen Beifall, ebenso eine zur Aufführung gebrachte Bieroper. Ein Teil des beträchtlichen Reinerträgnisses fließt auch dem jüdischen Nationalfonds zu. Vöslau. Samstag, den 21, v. M, fand in der Waldandacht, nächst Vöslau, eine von den zionistischen Studenten Vöslaus veranstaltete Damenkneipe statt. Nach einer beifällig aufgenommenen Tendenzrede des Gg. Hugo Boyko gab Herr AIbach a r i eine sehr interessante Schilderung seiner Palästinareise. Nach ihm sprach HerrRappaport von der zion. Jugend. Nach einem Damentoast das Gg. Wolf und einigen Solovorträgen beschloß ein Tanzkränzchen den Abend. Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Die Vertreter der J. A. V. „Makkabäa“ Herr Max Pollak und Herr Josef Berger, der „Unitas“ Herr Sternfeld, der „Zephira“ Herr Böhm haben sich, teils durch ihre Vorträge, teils durch Organisation des Festes um dieses große Verdienste erworben. Mauer bei Wien. Ain 21. August 1. J. veranstaltete die zionistische Ferialgruppe in Mauer zugunsten des jüdischen Nationalfonds eine Akademie. Das Programm, das von jungen Gesinnungsgenossen und -genossinnen bestritten wurde, war sehr reichhaltig und fand beim Publikum lebhaften Beifall. Um das Gelingen des schönen Festes haben sich insbesondere die beiden Leiter Herr Stefan M os c ä r i und Herr Theodor S u ß m a n n verdient gemacht, denen ein rühriges Komitee zur Seite stand, bestehend aus den Damen: Mizi Deutsch, Etelka Deutsch, Sophi Eisenstädter, Irene M os c ä r i, Irma M o s c ä r i, Jella S u ß m a n n, Johanna Sußinann nnd den Herren: Oskar Bauer, Ludwig Deutsch, Isidor KI a b e r, Rudolf Lamp 1, Siegfried Sußmann, Erwin W e 11 w a r t h. Nach der Akademie folgte ein Tanzkränzchen. Göding. Nachdem sich bei der in der in Kostei stattgefundenen Versammlung, die gemeinsam mit dem Jüd. Nationalverein veranstaltet wurde, bei der Bevölkerung lebhaftes .Interesse kundgetan hat, beschlossen wir mit einer planmäßigen jüd.-nationalen Agitation, durch populäre Vorträge einzusetzen. Sonntag den 5. September, hielt unser Bb. cand. phil. Oskar S a b 1 einen Vortrag Uber „Jesajas und seine nationale Mission“, dem ein zahlreiches Publikum beiwohnte. An den Vortrtg schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der sich unter anderm der Herr Rabbiner Hofmann beteiligte. — Sonntag, den 12. September findet in Göding ein Vortrag unseres Bb. Teller statt über: „Heine a 1 s J u d e“. Ort: Bude. Proßnitz. Sonntag den 22. veranstaltete der jüd. Turnverein Proßnitz, ein Schauturnen, welches einen würdigen Verlauf nahm. Von den auswärtigen Turnvereinen waren der Brünner und Boskowitzer jüd. Turnverein vertreten. Imposant war die Ruhe, mit welcher die einzelnen Riegen ihre turnerischen Uebungen unter der vortrefflichen Leitung des Herrn Honig vollführten. Hervorzuheben ist die Damensonderriege mit Ihrer Vorturnerin Fr. Irene L ö w, sowie die schwedischen Freiübungen der gesamten Damenriege. Ein besonderes Lob verdient Herr Gg. Kien mit seiner Knabenriege, welche durch die sollene Genauigkeit und Präzisität ihrer Freiübungen und Pyramidenbildungen den Beifall aller Anwesenden fand. Am Abend fand ein animiertes Tanzkränzchen statt, welches die Jugend bis spät nach Mitternacht beisammen hielt. — Ein gutes Zeugnis für die Beliebtheit des Turnvereines war der zahlreiche Besuch der Proßnitzer jüd. Gesellschaft. Theodor Huber.