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Jüdische Zeitung · 1909-09-10 · 37 (10.9.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. III. Adolf Böhm, Mitglied des zionistischen Aktionskomitees : Um überflüssige Wiederholungen zu vermeiden, bemerke ich, daß ich in der Beurteilung der Enquete die Meinung des Abg. Dr. Lewickyj vollinhaltlich teile. Ihre Veranstaltung hat nur den Zweck, die Stellung der Assimilanten unter den Juden zu stärken. Sie wird keinerlei positive Leistungen im Gefolge haben. Zu Punkt 3.) Ihrer Anfrage bemerke ich folgendes: Die Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens ist von vornherein eine prekäre, weil das Land noch tief in der Agrarwirtschaft — uud zudem in einer solchen mit sehr ungesunden Bodenbesitzverhältnissen — steckt. 86°/o der christlichen Bevölkerung Galiziens, gegenüber 50 “/• in Mähren, 40 "/• in Böhmen und 25 in Niederösterreich sind nach der Reichszählung von 1900 in der Landwirtschaft tätig. Die Juden, welche 12 % der galizischen Bevölkerung ausmachen, kommen aber vornehmlich für Handel und Handwerk in Betracht, welche angesichts dieser Verhältnisse keinen großen Spielraum haben. Wir dürfen uns daher keinerlei Täuschung hingeben, daß noch auf lange Zeit hinaus ein gewisser Perzentsatz der jüdischen Bevölkerung. Galiziens zur Ab- und Auswanderung gezwungen sein wird. Angesichts der sukzessiven Absperrung sämtlicher Immigrationsländer ist für die galizisch-jüdischen Auswanderer die zionistische Arbeit zur Schaffung einer Heimstätte in Palästina von unmittelbarster Bedeutung. Die Not der zurückbleibenden jüdischen Bevölkerung kann nur im Wege einer allgemeinen Hebung des Landes und einer spezifischen jüdischen Hilfspolitik gelindert werden. Was die Hebung des Landes betrifft, so ist es der Mangel eines kräftigen und zahlreichen Bauernstandes, welcher Galizien zu einer so traurigen wirtschaftlichen Lage -verurteilt Ueber ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche ist Großgrundbesitz, der übrige Teil furchtbar zersplittert Alle Mittel, welche zur Hebung des Landes vorgeschlagen werden, vor allem die Industrialisierung, können nicht helfen, wenn dieses Grundübel nicht auf dem Wege einer planvollen inneren Kolonisation behoben wird. Im Jahre 1905 wurde zwar ein galizisches Rentengütergesetz beschlossen, solange aber die heutige Landtagsmajorität herrscht wird dieses Gesetz zu nationalen Kampfzwecken (Polonisierung Ostgaliziens) und Rangierung verschuldeter Landjunker mißbraucht werden. Das primäre Erfordernis für jede wirtschaftliche Hebung des Landes ist daher die Erkämpfung eines Regimes nationaler und sozialer Gerechtigkeit, liegt also durchaus auf politischem Gebiete, ein Gesichtspunkt, den ich nicht scharf genug betonen kann und der, wie ich weiter unten ausführe, auch für die spezielle jüdische Hilfsaktion Geltung hat. Gewiß sind für diese ökonomische und soziale Maßnahmen nötig. Von den ersteren, namentlich stürzt heraus, die Kinder entfliehen, nur eins ist zum Unglück hängen geblieben. Der Gärtner reißt ihm die Mütze vom Kopf, und der Junge steht da und weint; er hat Angst, nach Hause zu seiner Mutter zu gehen. Die Kühe kehren von der Weide zurück, der Hirt spielt auf seiner Pfeife. Die Bürger erheben sich und führen ihre Tiere in den Stall. Von irgendwo läßt sich eine Harmonika vernehmen, das ist Stefan, der einzige Nichtjude der Gasse, der seinem Mädchen Liebeslieder spielt und die Töne der Hermonika vereinigen sich mit der klagenden Weise des Frommen zu einer traurigen, herzbewegenden Melodie, die fern im Gäßchen ertrinkt. Liebe, liebe Sommerabende in der Schulgasse! Fern dort in der Richtung des schwarzen Weges zum Friedhof lustwandeln die höheren Schüler des Bethauses in ihren leichten Sommerröcken auf und ab; dort promenieren auch die wohlhabenden Töchter in ihren leichten Kattunkleidchen. Die Jünglinge auf der einen, die Mädchen auf der anderen Seite. Wirft ein Jüngling einen verschämten Blick hinüber, mit den Augen der Notwendigkeit wirtschaftlicher Organisierung, Schaffung von Kreditkassen etc. wurde schon so viel gesprochen, daß ich darüber nichts neues sagen kann. Von den letzteren will ich nur die Vorschläge erwähnen, die auf eine Verbesserung des Berufsaufbaues der jüdischen Bevölkerung Galiziens abzielen. Sie werden ja einiges nützen, aber ich halte nicht viel davon. Die Juden in Galizien, in ansehnlicher Zahl zu Bauern zu machen, könnte nur im Wege der Besiedlung größerer Komplexe erfolgen, denn kleine jüdische Bauernansiedlungen inmitten der christlichen Landbevölkerung könnten sich kaum halten. Zu solchen Aktionen, gehört aber eine Summe von Geld, Energie und Willenskraft, wie sie meiner Ansicht nach im Golus vom Volke kaum aufgebracht werden kann. Ebenso glaube ich (nach den Erfahrungen in Rußland, New-York und London zu schließen) nicht, daß die jüdischen „Luftmenschen“ völlig zu Industriearbeitern gemacht werden könnten. Viel wichtiger, als wirtschaftliche und soziale Maßnahmen ist für die Juden Galiziens die Führung einer richtigen Politik. Schreitet ihre politische Organisation fort, so können sie angesichts der nahezu gleichen Volkszahl von Polen und Ruthenen und der bei ihnen stark entwickelten Intelligenzschicht ein äußerst wichtiger politischer Faktor im Lande werden. Dadurch werden sie sich auch eine bedeutend bessere wirtschaftliche und soziale Position erobern. Sie werden zunächst erzwingen, daß ihnen ein perzentueller Anteil an den Beamtenstellen in der Landesverwaltung und in den Städten eingeräumt wird. Dies ist ungemein wichtig wegen der Unterbringung der v.on den Juden stark produzierten Intelligenzler, ferner zum Zwecke einer gerechteren Handhabung der Gesetze gegenüber den Juden und zur Hebung ihres Ansehens. Sie werden ferner der Benachteiligung, welche die Juden durch die Feindseligkeit der Landesregierung erfahren, ein Ende machen. Was das heißt, möge das Faktum illustrieren, daß durch die Monopolisierung des Salzhandels 5000 jüdische Familien brotlos gemacht wurden und im Branntweinhandel weiteren 30.000 jüdischen Familien dasselbe Schicksal droht Durch die politische Organisation und die mittels derselben erzielten Erfolge würde sich das nationale Selbstgefühl des Volkes heben, die niederdrückende, dumpfe Resignation aus den Gemütern verschwinden, der Wille zum Leben erwachen und damit erst die psychologischen Voraussetzungen einer Regeneration auch auf wirtschaftlichem Gebiete geschaffen werden. Nach außen würde die Wirkung eine äußerst günstige sein und wenn auch der Antisemitismus nicht schwinden wird, so werden sich die Juden doch Achtung und Beachtung erzwingen, besonders wenn sie die Schädlinge in ihrer eigenen Mitte rücksichtslos bekämpfen und eine demokratische Politik machen werden. Das nächste politische Ziel muß der eigene jüdische Wahlkataster für alle Wahlen sein, um den Juden in den Stadtrepräsentanzen und im Landtag eine ihrer Volkszahl entsprechende Vertretung zu sichern, das fernere Ziel ist die nationale Autonomie. seine Braut suchend, von der er das Verlobungsgeschenk, eine goldene Uhr, auf der Weste trägt, dann schämt er sich und sein Herz klopft ihm . . . Will ein Mädchen schüchtern ein Auge auf die Jünglinge richten, um ihren Bräutigam herauszufinden, so tut sie es verstohlen vor ihren Freundinnen, ihr Herz pocht im stillen und ihr dünnes Mieder bewegt sich . . . Liebe Sommerabende in der Schulgasse! Jetzt sind wir aber in den „drei Wochen“, das Liebesspiel ist verboten und aufgeschoben bis zum Sabbath des Trostes. Nur die Nebel, welche das Städtchen in liebe traurige Geheimnisse einhüllen, halten es wach; das Gäßchen schmiegt sich an den Nebel, der Nebel an das Gäßchen, und in der Stille weben sie geheimes Liebesspiel; die Düfte wehen von den Feldern herüber und erfrischen das Herz, die Brust weitet sich, es wird einem so leicht, so lieb, so süß, und man sehnt sich so, geliebt zu werden. Ach, lieber Vater im Himmel 1 Liebe Sommerabende in der Schulgasse, wer euch besaß, wer euch verlor ... 1 Nr. 37 Zur Erkämpfung dieser Postulate muß die jüdische Partei sich mit allen Elementen verbinden, die ähnliche Ziele haben, sie darf um keinen Preis in einen verderblichen Opportunismus verfallen und wegen kleiner Tageserfolge das Prinzip opfern. Ich glaube, daß jeder andere Weg, die Lage der galizischen Juden zu verbessern, ein völlig aussichtsloser ist. IV. Advokat Dr. Isaak Kohn, Sereth. Ich will mich bemühen meine Ansicht über diese Frage sine ira et odio, so objektiv als nur möglich auszusprechen. Da muß ich denn gleich von vorneherein bemerken, daß Objektivität in diesem Falle sehr schwer fällt, wenn in Betracht gezogen wird, daß die Not, der gesteuert werden soll, jeder Schilderung spottet. Hier bewährt sich der alte Erfahrungssatz, daß die Wirklichkeit die kühnste Fantasie überbietet. Max Nordau schrieb unlängst, Alexander und Napoleon würden als Romanfiguren jedem Leser ein ungläubiges Lächeln ablocken. Wenn man einem Westeuropäer das unbeschreibliche Elend von Hunderttausenden Judenfamilien in Galizien wahrheitsgemäß schildern wollte und ihm sagen würde, daß es in diesem Lande Familien von sechs bis acht Mitgliedern gibt, die in einem elenden Loche ohne Luft und Licht hausen und froh und glücklich sind, wenn der Ernährer 6, schreibe sechs Kronen wöchentlich erwirbt, er würde sagen: „welche Uebertreibung!“ Und dennoch ist dem so. Wie kann nun ein Jude, wenn er über diese in der Welt ohne Beispiel dastehenden Zustände schreiben soll, objektiv sein? Daß sich die Machthaber Galiziens endlich aufgerafft haben, dieser Frage ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, ist höchste Zeit. Fast muß man ihnen das historisch „zuspät“ zurufen. Angesichts der Behandlung aber, die den Juden in Galizien durch die Polen zu Teil wird, muß ich den Ernst und den guten Willen der polnischen Machthaber den Juden in der Tat zu helfen, stark in Zweifel ziehen. Denn vor Allen drängt sich die Frage auf: wieso ist gerade die Not der jüdischen Bevölkerung des Landes so groß geworden, daß das Landesparlament eine besondere Aktion einleiten muß, um Mittel und Wege zur Hilfe zu suchen? Die Juden sind ja nach der offiziellen Statistik P o 1 e n. Allerdings mosaischen Bekenntnisses, aber der Nationalität nach Polen. Die Zugehörigkeit zu einen anderen Religionsbekenntnis kann doch nicht für „Volksgenossen“ von so unheilvollem Einflüsse sein, um die inferiore wirtschaftlichn Lage der Bekenner dieser Religion zu erklären. Dieses Argument liegt umso näher, als doch die jüdische Religion ihren Söhnen Genügsamkeit und Bescheidenheit als Haupttugenden, „Schlemmerei“ aber als todeswürdiges Verbrechen bezeichnet und die Ehrfurcht des Talmud vor ehrlicher Arbeit so weit geht, daß er sagt: „Es ist besser sich mit einem Aas zu beschäftigen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als zu betteln“. Warum sind also doch diese nüchternen, genügsamen, arbeitswilligen Menschen wirtschaftlich so heruntergekommen? Die einzig ehrliche und wahre Antwort ist: weil ihnen gerade um ihres Judentums willen die Arbeits- und Erwerbsmöglichkeit auf fast allen Gebieten menschlicher Tätigkeit (ich will mich euphemistisch ausdrücken) von ihren andersgläubigen „Volksgenossen“ erschwert wird. Die Wahrheit dieser Behauptung ist für jedermann, der Land und Leute in Galizien kennt, unumstößlich und braucht nicht bewiesen zu werden; immerhin aber mögen hier einige Illustrationsfakta Platz finden: Von den sogenannten geistigen Berufen sind den Juden nur noch die freien Berufe: Advokatur und Heilkunde, zugänglich, wenngleich auch diese Gebiete durch die Konkurrenz nichtjüdischer Berufsgenossen bedeutend eingeengt sind. Es ist traurig aber wahr, daß sich selbst Juden im Bedarfsfälle viel lieber an nichtjüdische Advokaten und Aerzte wenden, weil sie von der zumeist zutreffenden Voraussetzung ausgehen, daß den Nichtjuden von den maßgebenden Behörden und Aemtem ein größeres Entgegenkommen und mehr Rücksicht erwiesen wird als den Juden. Was aber die Aemter betrifft, so sind vor allem sämtliche Landesämter, deren Vergebung dem Landesausschusse obliegt, vollständig judenrein. Nicht viel besser verhält es sich bei den staatlichen

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