Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-09-03 · 36 (3.9.1909) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438256--1382-2440972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 36 Seite 5 Zionisten selbst fehlt, weil wir uns im Zustande des Marasmus befinden. Wird in Palästina wirklich gearbeitet werden, so bekommen wir das wirksamste Agitationsmittel; wird in Konstantinopel die Erwerbung von Sympathien für den Zionismus vorwärts schreiten, so bekommen wir das beste Propagandamittel; wird die Energie der Leitung sich fühlbar machen, so steigert sich sofort ins hundertfache die Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Zionisten. Das alles steht für uns außer jedem Zweifel, denn es bewahrheitet sich im Leben auf Schritt und Tritt. Also die Frage der materiellen Mittel darf den IX. Kongreß nicht davon zurückhalten, die Reorganisation unserer Zentralleitung vorzunehmen. Die werden sich schon finden, die müssen gefunden werden, denn es handelt sich um die ganze Weiterexistenz der zionistischen Bewegung, wie sie von Herzl geschaffen wurde. Gibt es geeignete Männer, die diese Arbeit unentgeltlich leisten wolllen und können, um so besser. Aber prinzipiell sollen wir uns nicht mit den philantropischen Gesellschaften vergleichen, denn die zionistische Organisation ist keine philantropische, sondern auf Selbsthilfe beruhende jüdische Gemeinschaft. Deshalb kann auch die Arbeit der zionistischen Leitung als Amt und nicht bloß als Ehrenamt betrieben werden. Wir meinen ja nicht, daß an dem jetzigen Zustande des Zionismus nur die gegenwärtige nicht leitende Leitung Schuld ist. Die Ursachen sind viel tiefer und wurzeln im allgemeinen Zustande unseres Volkes, denn ein gesundes Volk findet immer die entsprechenden Führer. Aber deshalb dürfen wir nicht fatalistisch werden und alles vom Zufall erwarten. Und die erste aktive Leistung muß eben sein: Reorganisation der Zentralleitung, die wenigstens energisch den vom Kongreß ausgearbeiteten Arbeitsplan durchführen wird, die der Masse als Beispiel der Hingabe an das zionistische Ideal voranleuchten soll. Eine solche Leitung hatten wir seit dem Tode Herzls nicht. Aus dem jüdischen Leben. Galizische Humanität. Ueber einen empörenden Vorfall berichtet das „Lemberger Tagblatt“ : Am Theodora-Platz in Lemberg beging ein verrückter Jude, namens Fischl Schiammer einen Selbstmordversuch und wurde von der Rettungsgesellschaft in die Beobachtungsstation des Lemberger allgemeinen Spitales transportiert, wo man jedoch den Kranken wegen angeblichen Platzmangels, nicht aufnehmen wollte. Anstatt den unglücklichen Juden in ein anderes Spital zu transportieren lagerte man ihn wie einen Warenballen im Spitalhof ab und überließ ihn seinem Schicksale. Trotzdem der wahnsinnige Kranke sich auf dem schmutzigen Hofe herumwälzte und entsetzlich schrie, nahm sich seiner niemand an. Erst als viele Passanten intervenierten, ließen sich die Spitalsdiener herbei, den Kranken in das Polizeikommissariat zu schleppen, wo der menschenfreundliche Rat erteilt wurde, ihn in eine Synagoge zu führen, Erst infolge der entschiedenen Intervention eines Beamten überführte man den Kranken in das Irrenhaus. Der ganze Vorfall ist symptomatisch für den Geist, der in der polnischen Gesellschaft herrscht. Ein jüdischer Dumakandidat für Petersburg. Aus Petersburg wird geschrieben: In den hiesigen Kadettenkreisen wird eine Kandidatur des bekannten Jüdischen Rechtsanwalts O. O. Grusenberg an Stelle des auf Verlangen des Justizministers von der Duma ausgeschlossenen Petersburger Abgeordneten Koljubakin ernstlich in Betracht gezogen. Ursprünglich war Kuttler als Kandidat für die Ersatzwahl in Aussicht genommen. Die radikalen Wähler wünschen aber die Aufstellung eines radikaleren Kandidaten und haben sich entschieden für Grusenbergs Kandidatur ausgesprochen. Seine Wahl in die Reichsduma würde für die russischen Juden von großer Bedeutung sein. Grusenberg ist ein hervorragender Jurist, glänzender Redner und mutiger Kämpfer für Recht und Fortschritt. Er erfreut sich allgemeiner Achtung und Popularitüt und ist besonders unter den Juden sehr beliebt und hochgeschätzt. Kiew. Auf eine Anfrage des Rektorats des hiesigen Polytechnikums, ob Juden zu der in diesem August stattfindenden Aufnahmeprüfung zugelassen werden können, erwiderte der Handelsminister, daß in diesem Jahre überhaupt keine Juden in dieser Hochschule Aufnahme finden können, da die Prozentnorm daselbst bereits erreicht ist. Dreißig Juden, die im Jahre 1907 eine Realschule absolviert und bisher im hiesigen Polytechnikum noch keine Aufnahme gefunden haben, erklärten sich solidarisch, daß sie; falls ihnen auch in diesem Jahre die Pforten des Polytechnikums verschlossen bleiben sollte, aus Verzweiflung Selbstmord begehen müßten. Militärexzesse gegen die Juden in Rumänien. Bukarest, 1. September. Wie der „Adeverul“ meldet ist es in Falticeni zwischen dem Militär und den dortigen Juden zu schweren Exzessen gekommen. Zwischen einer vom Hauptmann Poppowici kommandierten Abteilung von zwanzig Soldaten und jüdischen Bürgern von Falticeni kam es auf der Straße zu einem Konflikt, in dessen Verlauf vier Juden, namens Nathan Tuchner, Adolf Rec her, Josef Holowici und Israel Wolnea, zu Tode mißhandelt wurden. Der Kriegsminister wurde telegraphisch verständigt und ordnete eine sofortige strenge Untersuchung an, deren Ergebnis noch aussteht. Eine jüdische Deputation bei Stolypin. Aus Kowno wird geschrieben: Gelegentlich seiner Anwesenheit in unserer Stadt empfing der Premierminister Stolypin eine jüdische Deputation in freundlichster Weise und hörte aufmerksam ihre Begrüßungsansprache an, worin sie die gegenwärtige Lage der russischen Juden berührte, ln seiner Erwiderung drückte der Premierminister seine Ueberzeugung aus, daß sich die Lage der Juden in Rußland allmählich bessern werde. Es sei aber unbedingt erforderlich, daß die Juden ihren „Kurs“ in der inneren Politik ändern. . . . Die Juden, so meinte Stolypin, müßten in ihren Handlungen „vorsichtiger“ sein; dadurch würde auch die Lösung der schweren Judenfrage erleichtert werden. . . . Es ist das alte Lied: Die Juden müßten „patriotischer“ sein. Der russische Premier scheint aber übersehen zu haben, daß Pogrome und barbarische Entrechtung nicht gerade besonders geeignet sind, als Erziehungsmittel zum Patriotismus zu wirken. Brief aus Galizien. (Von unserem Korrespondenten.) Lemberg, den 30. August 1909. Die Macht der Tatsachen spricht eindringlicher als laute Beteuerungen und heiße Schwüre. Deshalb sind die Assimilanten in Galizien trotz ihrer Quertreibereien und Verleumdungen der zionistischen Bewegung, Verspottung der Zionisten und ihres ganz unsinnigen weitschallenden Gekläffs doch auf den Aussterbeetat gesetzt. Jahrelang versuchten sie die polnische Gesellschaft über die wahre Stärke und den Einfluß der zionistischen Partei in Galizien hinwegzutäuschen, ln ihren Blättern nannten sie die Zionisten: „Unreife Elemente“, in politischen Konventikeln bezeichneten sie uns als „Horde“ und „abenteuerlustige, einflußarme Desperados“, gaben sich als die alleinigen Wortführer und Vertrauensträger der jüdischen Bevölkerung aus. Lügen haben aber kurze Beine. Zuerst kamen die Reichsratswahlen im Jahre 1907 und die 30.000 abgegebenen zionistischen Stimmen, bewiesen, daß die Stellung der Assimilanten untergraben ist. Dann kam das Sternbach’sche theologische Seminar! Einmütig erhob sich die gesamte jüdische Bevölkerung gegen diese Assimilantengründung und der Plan des theologischen Seminars fiel ins Wasser. Schließlich erfolgte die Ersatzwahl in Böbrka und 90 Prozent der jüdischen Wähler stimmten für den zionistischen Kandidaten. Die Assimilanten erlitten in der öffentlichen Meinung Niederlage auf Niederlage. Sie änderten daher ihre Taktik. Sie begannen nun einen Kriegszug gegen die zionistische Presse. Das „Lemberger Tagblatt“, der „Wschöd“ und die „Jüdische Zeitung“ waren die Zielscheibe ihrer wütenden Angriffe. Doch anstatt dem Zionismus zu schaden, nützten sie ihm, da die öffentliche Meinung durch das schrille Assimilantengeschrei erst recht auf den Zionismus aufmerksam wurde und seine Berechtigung erkannte. Das Gekläff nützte also wieder nichts! Sie versuchten nun den Zionisten mit „Argumenten“ beizukommen, die in ruhiger, sachlich dünkender Art vorgebracht wurden. Ein Beispiel hiefür ist der Leitartikel des „Dziennik polski“ vom 25. August 1909, in welchem „die neueste Phase der zionistischen Landespolitik“ behandelt wird. Die darin aufgestellten Behauptungen sind — wie es nicht anders zu erwarten ist — einfach erlogen. So heißt es darin, daß der „Jüdische Klub“ im April dieses Jahres offiziell das Postulat der nationalen Autonomie für die Juden verwarf. An anderer Stelle wird ein im „Lemberger Tagblatt“ seinerzeit erschienener, mit dem Vermerk, daß die Redaktion mit den Ansichten des Autors nicht übereinstimme, versehener Artikel von M. Kleinmann, welcher ein absolutes Bündnis mit den Ruthenen verlangte, zitiert und als offizielle Meinung der zionistischen Partei hingestellt. Man erkennt also, daß die Waffen, deren sich die Assimilanten bedienen, Lüge und Verdrehung sind. Der Hauptschlag gegen die Zionisten soll aber die vom Landesausschusse ein'oerufene Enquete werden. Nun verlautet es ausdrücklich, daß die Enquete überhaupt nicht stattfinden wird, trotzdem bereits Einladungen ausgeschickt werden. Freilich beschränkt sich der Kreis der Eingeladenen auf lauter Moschkos! Man kann sich also lebhaft vorstellen, von welchem Geiste die Beratungen getragen sein werden. Gewiß ist es, daß die Enquete den rostigen Schild der galizischenAssim ilanten nicht blank scheuern wird. Ihr Maß ist voll. Was sie unternommen haben, ist bisher immer noch im Sande verlaufen. Gewöhnlich hat sich nach langem Reden und Projektemachen keine Hand gerührt, um das Beschlossene in Tat umzusetzen. Zumeist sind gesammelte Fonds solange unbenützt liegen geblieben, bis sich mitleidsvolle Männer fanden, welche sie in Besitz nahmen. Da wir schon davon reden, sei hiermit an das ehrenwerte Komitee, welches die Sammlungen für das „Theologische Seminar“ leitete, die Frage gerichtet, was mit den gesammelten Geldern ungefähr 50.000 Kronen — geschehen ist oder geschehen wird. Sind sie etwa zur Unterstützung der Nonnenklöster bestimmt, welche Judenmädchen der alleinseligmachenden Kirche zuführen? Die Ziele der Palestine Land Development Cy. Anläßlich der Ausgestaltung der PLDC. zu einer Jüdischen Ansiedlungsgesellschaft für Palästina versendet die Leitung einen Prospekt, dem wir bezüglich der beabsichtigten Unternehmungen folgendes entnehmen. a) Bodenerwerb. Die PLDC. unterhält juristische und agronomische Beamte in Palästina und kann dadurch verhältnismäßig leicht die Schwierigkeiten des Landerwerbs überwinden. Sie will größere Landstücke, sobald sie aus arabischen Händen günstig angeboten werden, erwerben, um sie im Verlauf von einigen Jahren durch jüdische Arbeiter unter der Leitung eines Agronomen in Kultur zu bringen, sie mit Straßen und Brunnen zu versehen und dann an Juden weiterzuverkaufen. b) Parzellierung für eigene Rechnung. Vorbildlich sind für sie bei ihrer Tätigkeit die Methoden, welche in den östlichen preußischen Provinzen die deutsche „Landbank“, die polnische „Bank Ziemski“ und die preußische Ansiedlungskommission bei der Ansiedlung von Bauern befolgen. Allein die Ansiedlungskommission hat in der Zeit von 1886 bis 1907 353.383 Hektar ( zirka 4,000.000 Dunam) Land für 306 Millionen Mark von Großgrundbesitzern erworben und auf diesem Lande bisher mehr als 12.000 Bauernwirtschaften neu geschaffen. Aber auch die Polen haben, obwohl sie natürlich auf den Widerstand der preußischen Regierung stießen, Tausende neuer Wirtschaften begründet, und diese Leistung verdient um so größere Bachtung, als sic mit relativ geringen Mitteln (die zwischen 1890 und 1905 gegründeten polnischen Pazellierungsgenossenschaften hatten im Jahre 1905 ein Kapital von nicht mehr als 2,160.000 Mark) zustand gebracht ist. Die Erfahrungen, welche all diese zwecks Schaffung neuer Bauernwirtschaften gegründeten Institute, insbesondere die preußische Ansiedlungskommission, während einer zwanzigjährigen Tätigkeit erworben haben, die genaue Beobachtung aller Zustände und Verhältnisse in den neu gegründeten Bauernkolonien haben eine Parzellierungswissenschaft entstehen lassen, die dem Ziele dient, auf die bestmögliche Weise eine standesbewußte, wirtschaftlich starke bäuerliche Bevölkerung und zahlreiche, mit den vollkommensten wirtschaftlichen Wohlfahrtseinrichtungen ausgestattete Gemeinwesen (Kolonien) zu schaffen. Die Umwandlung vom Großgrundbesitz in bäuerliche Dörfer ist ein Prozeß von einiger Dauer. Die Ansiedlungskommission beginnt nicht sofort, nachdem sie ein Gut erworben hat, mit der Parzellierung. Das Gut wird vielmehr zunächst im Aufträge der Kommission von einem Verwalter weiter bewirtschaftet, der zugleich die not-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.