Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438256--1381-2440971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 JÜÖISCHE ZEITUNG. vom „Kunstwart“ eingehend gewürdigt wurde und dem erst jüngst Hermann Bang im „Leipziger Tagblatt“ mit Bezug auf seine Behandlung des jüdischen Problems einen tiefinnigen Aufsatz widmete, verdammt Herr Oblomow-Großmann mit orientalischer Leidenschaft — weil das Büch kein Wiener, sondern ein Leopoldstädter Roman sei. Er läßt sich übrigens an anderer Stelle sehr ärgerlich darüber aus, daß in letzter Zeit so viel jüdische Stoffe literarisch verwertet werden. Ja, Herr Oblomow, das jüdische Problem wird immer brennender und wir raten Ihnen, die Konjunktur zu benützen. Sie haben einen Redaktionskollegen Scherman, der natürlich „Alfred Engel“ heißt und das Jüdeln in der „Arbeiterzeitung“ nur deshalb so lächerlich zu machen versteht, weil er hübsch lange Kommis am Kai war. Wir schlagen nun vor: Herr Oblomow-Großmann, setzen Sie sich Herrn Schermann-Engel gegenüber und konterfeien Sie sich gegenseitig lebensgetreu ab! Aber genau! 1 Sie werden einen literarischen Bombenerfolg haben. * * * Annonce: Im Sonntagsblatte der „Neuen Freien“ fanden wir folgende liebliche Annonce: 45jähr. k. k. Beamtenswitwe, Wienerin, jugendliche anmutige Erscheinung (Jüdin i m t o 1 eranten Sinne des Wortes), mit 9jähr. befähigten Knaben, bittet durch Ehe trautes Heim Herrn von 45 bis 60 Jahren in gesicherter Position. Nichtanonyme Anträge unter u. s. w. Wer meldet sich? * * * Einen ganzen Strauß von Golusblüten bieten wir tieferstehend: Eine Tabelle derjenigen die sich anno 1907 taufen ließen. Der Wißbegierige mag die statischen Daten, die dem Matrikelamt der Wiener israelitischen Kultusgemeinde entstammen, zu Gemüte führen Und darüber bachdenken, warum sich bloß 5 Fabrikanten und, ach i nur eine Schriftstellerin haben taufen lassen. Er mag lächelnd konstatieren, daß man die Mädchen auf transito läßt, weil man nicht wissen kann, wie man sie unter die Haube hringt und daß dann plötzlich um das 24. Jahr herum die Tauferei beginnt, wenn man unbeschrien einen christlichen Schwiegersohn ergattert hat Wir stellen keine Betrachtungen an. Es nützt nichts. Wir sind die 603 Täuflinge ex 1907 ja doch nicht los geworden . . . 1 Alter d. Aus- | getretenen *5 c 1 weiblich 1 1 Berufsart der Ausgetretenen männlich weiblich 15 io £7 Advokaten . . 8 Dienstboten . 1 20 33 44 Aerzte . . . 14 Hilfsarbeiterin- 24 41 55 Oefftl. Beamte 20 nen .... 17 30 90 74 Private „ 43 Lehrerinnen . 7 35 58 45 Fabrikanten . 5 Ohne Beruf*) . 221 40 35 29 Handelsangest 21 Sängerinnen . 9 45 23 19 Hilfsarbeiter . 9 Schneiderinnen 15 Ingenieure u. Schrifstellerin- 50 Chemiker . . 15 nen .... 1 6 3 Journalisten . 9 Verkäuferinnen 19 55 Kaufleute . . 35 9 10 Lehrpersonen 6 60 — 2 Ohne Beruf . 65 Privatiers . . 6 65 4 — (Meister) Professionisten . 4 70 2 2 Gehilfen . . . 12 Rechtspratikt 11 2 Studierende . 30 sm. 313 290 Summe . 313 Summe . 290 *) Meistens verheiratet, ohne selbständigen Beruf. Ein Buch über das Rassenproblem. Im Oktober wird im Verlage der Hof- und Universitätsbuchhandlung Wilhelm Braumüller ein Buch über „Das Rassenproblem, unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage“ von Dr. I g n a z Zo 11schan, erscheinen. Soviel uns bekannt ist ist das Buch eine auf jahrelange Forschungen gestützte Originalarbeit über die jüdische Rassenfrage, welche auf Grund streng wissenschaftlicher Untersuchungen zu Schlüssen kommt, die uns ein wertvolles Material bietün würden, um den Argumenten des Rassenantisemitismus entgegenjreten zu können.. Nach der, Aufnahme, die das Werk bei jenen. Fachleuten gefunden hat, die es bereits vor der Drucklegung gelesen haben, ist anzunehmen, daß es auch in den weitesten Kreisen Aufsehen erregen wird. Zum IX. Zionistenkongreß; Diie Frage der Leitung. (Von Dr. Daniel Pa s m a n i k). H. In einem unserer vorigen Atikel schrieben wir, es sei endlich ein klarer Arbeitsplan anzustreben und die Garantie zu schaffen, daß er auch ausgeführt werde. Diesen Arbeitsplan haben wir uns zu entwerfen bemüht,*) wobei wir immer von den gegebenen Kräften ausgingen, ohne uns optimistischen Illusionen hinzugeben. Wir schilderten nur das, was jetzt von uns gemacht werden kann und muß. Aber alle Arbeitspläne haben absolut keinen Wert, solange die Exekutive ungeeignet ist. Man täusche sich nicht: nicht das Parlament, sondern die vom Parlament ausgehende Regierung schafft das reale politische Leben jedes gegebenen Momentes. Umsomehr bei uns, die wir keinen ständigen Reichstag oder Nationalrat besitzen, und deren gesetzgeberische Versammlung nur einmal in zwei Jahren während 3—7 Tage beisammen ist, spielt die Exekutive, d. i. das Engere Aktionskomitee, die Hauptrolle. Von ihm hängt alles ab: Initiative, Richtung und die Tätigkeit selbst. Seitdem wir Herzl verloren haben, leben wir in einem Provisorium. Provisorisch war das vom 7. Kongresse gewählte Engere Aktionskomitee, wobei man sich bemüht hat die widerspruchvollsten Elemente in einen Wagen einzuspannen, was eben dahin führte, daß sich der Wagen nicht vom Flecke rühren konnte; provisorisch war auch das dreigliedrige Engere Aktionskomitee, denn hauptsächlich wollte man damals nur einen Versuch machen- Wolfsöhn verlangte, man solle ihm Kredit für zwei Jahre schenken, er werde dann beweisen. — Es handelt sich da nicht um Persönliches und wir wollen keinem nahe treten, sondern es handelt sich um die Interessen der ganzen zionistischen Bewegung und da können wir leider nicht allzu salonmäßig verfahren, sondern müssen die Wahrheit, so wie sie ist, heraussagen. Die Wahrheit aber ist: mit Ausnahme des Palästinaressorts, das unter der Leitung Warburgs steht, wurde vom E. A. C. während der letzten zwei Jahre wenig getan. Es kam von ihm weder ein befruchtender Gedanke> noch eine auslösende Tat. Im Grunde genommen sagen wir da nichts Neues, sondern sagen offen heraus, was alle Zionisten ohne Ausnahme denken und, in Privatgesprächen auch sagen. Aber man geniert sich öffentlich herauszutreten, um den Feinden ja nicht ein Vergnügen zu machen. Nun ist aber der Zionismus keine Wohltätigkeitsgesellschaft, in der man alles geheim halten und glatt ablaufen lassen kann; derZionismus ist eine demokratische gesellschaftliche Bewegung, in der alles an den hellen Tag kommen muß, und wo man nicht immer die Dinge mit weißen Handschuhen anfassen kann. Da muß man grob werden und einfach sagen; wir brauchen neue Leute in die Zentralleitung. Wohl können wir keine Genies bestellen oder wählen: die kommen und imponieren von selbst, ohne gesucht und gewählt zu werden. Aber wir können und müssen in die Zentralleitung solche Leute wählen, die den Zionismus nicht im Nebenamt betreiben, sondern für die er der eigentliche Sinn und Inhalt ihrer Existenz ist; solche Leute, die den Geist ihrer Zeit voll erfassen und bis in seine Konsequenzen entwickeln können; die den Willen besitzen, diesen Geist zu verwirklichen, in die lebendige Tat umzusetzen; und schließlich solche Leute, die durch ihr Beispiel auf die Masse anregend und zündend wirken. Solche Leute besitzen wir in unserer Organisation und die müssen in die Zentralleitung kommen. Vor allem müssen wir darauf bestehen, daß sich die Zentralleitung nicht in eine Provinzstadt vergräbt, sondern sich inmitten eines jüdischen Zentrums befinden soll. Unter den gegebenen Ver- *) Siehe Nr. 34. hälthissen, wo. Rußland nicht in Betracht kommt kann es sich nur um zwei Städte handeln: um Wien oder Berlin. Wir pefsörilich wären für B e r 1 i n, eine Stadt, die fast im Zentrum der Weltjudbnheit steht, die große jüdische Organisationen besitzt; iii der viele potentielle Möglichkeiten jüdischen Schaffens vorhanden sind: Köln als Sitz der zionistischen Zentralleitung ist ein Unsinn, oder aber ein Symbol des kleinstädtischen Charakters der ganzen Bewegung. Damit muß ganz radikal gebrochen werden, wenn wir nicht einfach einen Selbstmord begehen wollen. Diese selbstverständliche Förderung wird auch von werten zionistischen Kreisen unterstützt. Wie soll aber die Zentralieitung zusammengesetzt sein? Unter den gegebenen Verhältnissen müssen wir leider auf die Persönlichkeit, die eigentlich in sich die ganze Leitung unserer Bewegung verkörpert, verzichten. Momentan besitzen wir sie nicht und durch Wahl kann sie nicht gemacht werden. Wir sind gezwungen am Prinzip des Kollegiums festzuhalten. Nur müssen wir bedenken: das Kollegium, in dessen Händen die Leitung konzentriert werden soll, muß homogen sein, auf ein Programm eingeschworen und somit aktiönsfähig. In den beratenden und gesetzgebenden Körperschaften müssen ■ alle Richtungen vertreten sein, damit alle Meinungen verteidigt werden können. Die Executive aber ist nicht für Beratungen, sondern für Handlungen da. Und die Handlung wird um so prompter, einheitlicher und konsequenter, je weniger Reibungen ihr vorangehen. Die sogenannten Koalitionsministerien, in denen alle Parteien vertreten sind, geben niemals gute Resultate, wenn sie nicht hinterher von einem Mitglied ganz und gar bbherrscht werden. Also ein homogenes Kollegium; dessen Mitglieder an einem Ort wohnen müssen und die sich ganz und ausschließlich der zionistischen Tätigkeit hingeben. Unter diesen Bedingungen werden auch Leute, die keine Adlernaturen sind, ein aktionsfähiges Zentralkomitee bilden können. Die Mitglieder desselben verteilen untereinander die verschiedenen Tätigkeitsgebiete, so daß jeder auf seinem Gebiete selbständig arbeitet, allerdings unter der Kontrolle des ganzen Kollegiums. Diese Gebiete sind folgende: l)RealeArbeitinPalästiha; 2) Aufklärungsarbeit in der Türkei, resp. Einleitung von Unterhandlungen mit maßgebenden Faktoren inderTürkei; 3) Herstellung von festeren Beziehungen zu anderen jüdischen Kolo n i sati o n sge s e 11 s c h a f te n und Korporationen; 4) Zionistische Propaganda und Agitation, sowie Beziehungen zu den verschiedenen Teilen der zionistischen Organisation und5)Leitung der Finanzen, wobei wir nicht bloß die Schekelsammlungen im Sinne haben, sondern auch alles was mit der Stärkung der Mittel aller unserer finanziellen Institute im Zuhammenhang steht. Also ein Kollegium von 5 Personen, von denen jede sozusagen ein Ministerium leitet und zugleich an der Gesamtleitung teilnimmt. Vor dem Kongreß ist die Gesamtleitung für alle Handlungen ihrer einzelnen Mitglieder verantwortlich. Für jedes Jahr wird ein anderer Ressortleiter zum Präsidenten gewählt. Ungefähr wie es im Schweizerischen Bundesrat geschieht. Nun kommt die Hauptfrage: sind wir imstande diese Einrichtung aus rein finanziellen Rücksichten durchzuführen? Leider können wir auf einen Herzl, der sein ganzes Vermögen der zionistischen Sache gewidmet hat, nicht rechnen. Und ist der Zionismus eine lebendige Bewegung, so darf er gar nicht auf solche außerordentliche Personen rechnen, sondern muß imstande sein, das zu leisten, was jede gesunde Organisation leistet, nämlich: die Leitung zu besolden. Wenn wir ganz bescheiden rechnen, handelt es sich da um eine Ausgabe von mindestens 30.000 Mark (für jedes Mitglied des Kollegiums 6000 Mark). Und da wird man sofort mit dem Einwand kommen, ja wir haben nicht einmal diese 30.000 Mark, was ja am besten durch die diesjährigen Schekeleingänge bewiesen wird. Darauf haben wir nur eine Antwort: wird zionistische Arbeit geleistet werden, so werden sich auch die Mittel finden. Das ist unsere tiefste Ueberzeugung. Unsre Mittel sind jetzt so beschränkt, weil wir eigentlich keine Leitung haben, weil der Glaube nicht bloß bei der großen Masse, sondern bei den