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Jüdische Zeitung · 1909-09-03 · 36 (3.9.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 den Juden in Galizien der Industriearbeit zuzuführen und ihm eine Anzahl neuer freier Berufe zu eröffnen. Das erstere erscheint schwer, fast unlösbar. Erstens hat Galizien eine nur kaum in den Anfängen befindliche Industrie und zweitens scheint die Sabbatruhe ein unüberwindliches Hindernis. Hier nun könnte-die-Enquete-segenbringend eingreifen, wenn man sich bei uns zu jenem Maße der Freiheit entschlöße, das England und sogar Rußland gewähren. In beiden Ländern können industrielle, rein jüdisch e Betriebe, falls sie die Sabbatruhe streng bewahren, am Sonntag den Betrieb führen. Keine Industrie hält es aus, in der Woche nur 4'/* Tage zu arbeiten. Der galizische Jude hängt mit allen Fasern seines Herzens an der Sabbatheiligung, und es ist ein Verbrechen am freien Geiste der Zeit und an der Menschlichkeit ihm seinen religiösen Glauben rauben zu wollen. Er hat doch jedenfalls das gleiche Recht seinen Sabbat zu feiern, wie der Christ seinen Sonntag und der Moslem seinen Freitag. Wer da souverän erklärt.: „Das ist Unsinn, die galizischen Juden sollen halt Samstag arbeiten,“ beweist, daß er die Freiheit im Munde führt und im Herzen nicht kennt. So scheint mir, daß die gesetzliche Zulassung der Sabbatruhe in rein jüdischen Betrieben an Stelle der Sonntagsruhe ein gewaltiger Schritt zur Bekämpfung der Judennot wäre. Auch für das Land wäre dies ein großer Segen. Es würden, schon aus der eigenen Initiative der galizischen jüdischen Bevölkerung, eine Anzahl anfangs vielleicht kleinere Betriebe entstehen, die einen bedeutenden Schritt zur Industrialisierung des Landes darstellen würden. Die Hausindustrie, die sich im Allgemeinen nur knapp am Existenzminimum hält und wesentlich nur Mädchen Arbeit gibt, kann trotz ihrer segensreichen Wirkung keinen Ersatz bieten. Ferner wäre die Erschließung neuer freier Berufe eine Kardinalforderung. In der Judennot spielt die der sogenannten gebildeten Stände eine besondere Rolle. Leider sehen wir, daß diese Berufe im Gegenteil den Juden immer mehr verschlossen werden und auch hier könnte die Enquete segensreich wirken. Für den Kleinhandel, der heute vielleicht den größten Teil der jüdischen galizischen Bevölkerung allerdings nur sehr schlecht nährt, wäre die Organisation des Kreditwesens von eminentester Wichtigkeit — ein neues Feld für die Enquete. Die Kassen der ICA und die Lemberger Kredit-Union haben hier den Weg gewiesen, der zu gehen wäre, ich brauche mich daher über diese Frage nicht zu verbreiten. Wohin steuern wir? Von Dr. H. Kadi sch. Oesterreich und seine Völker stehen vor einem historischen Wendepunkte: sie stehen vor der Wahl, gemeinsam der Vegetation und kleine Tierwelt von nahezu tropischer Ueppigkeit auf. Wie groß wieder der Gegensatz zur Umgebung des toten Meeres, die noch immer unter der Flucheshand eines Naturverhängnisses verödet ist, ein Stück kahlen, vor Dürre klaffenden Salzbodens, der kaum einen Halm des Lebens trägt. Anders wieder die Jordanufer mit reichem Rohr-Oleander und halbtropischen Gewächsen. Ganz besonders aber wird das Auge von dem großen Fembild des Geländes ergriffen, welches von den Bergen Benjamins bis zur judäischen Steinwüste und wieder bis zu den Bergen Moabs jenseits des Jordans reicht und in seinem ganzen vollen Wellen- und Farbenspiel, in bläulichen Tönen und doch greifbarer Klarheit sich z. B. dem Ausblick vom Oelberg aus bietet, und zu geringem Teile sogar zwischen manchen Plätzen innerhalb Jerusalems hervorschimmert und wieder andere Ausblicke, z.’B. beim alten Anatot, wo das tote Meer und die seltsam verzackten Randberge so lieblich und weich erschimmern, daß wir die Prophetien des Jeremias in ihren Gefühlsuntertönen zu dem Licht- und Farbenbilde seiner Heimat in nahe Beziehung setzen können. Und wie das ewige Widerspiel von Licht und Erde, Berg und Himmel, tauchen täglich jene tiefrosig-violetten Dämmererscheinungen empor, welche morgens und abends den Himmel Jerusalems im Osten umspielen. Freiheit, der materiellen Wohlfahrt und des gesicherten nationalen Besitzstandes teilhaft zu werden oder auf den Trümmern des Parlamentarismus alle diese Güter zu verlieren. Die 42jährige dualistische Tragikomödie des endlosen staatsrechtlich nationalen Haders in und zwischen beiden Reichshälften, der sich immer wiederholenden Minister- und Parlamentskrisen, der stets häufiger auftretenden Obstruktionen und wüsten nationalen Exzesse neigt ihrem Ende zu. Die alten Mittel und Mittelchen versagen; das Reich steht vor der Schicksalswende: Verfassungs s i s ti e r u n g oder Verfassungsrevision. Es wird für das Schicksal der kleinen Völker insbesondere der Juden — ausschlaggebend sein, welche Stellung sie in dem gegenwärtigen bedeutsamen Momente zum österreichischen Problem, das ein europäisches ist, einnehmen werden. Erfassen sie endlich die Existenzbedingungen des modernen Oesterreich, eine föderative Union aller seiner dies- und jenseits der Leitha wohnenden Völker zu werden, eines Staatswesens, dessen politische und wirtschaftliche Zukunftsaufgaben mehr als je am Balkan liegen, schaffen sie sich endlich eine auf nationalsozialer Grundlage fußende jüdisch-österreichische Reichsorganisation, dann werden sie ein von den Regierungen und den modernen Politikern aller Völker umworbener Faktor werden. Setzen sie dagegen jene Politik der Verleugnung der jüdischen Volksindividualität fort und trifft man sie auch fernerhin im Gefolge der Apostel der Völkerverhetzung, dann gehen die Juden Oesterreichs sehr schlimmen Zeiten entgegen. Dann sind sie Mitschuldige an der Verfassungs Sistierung, des Absolutismus. Denn darüber gebe man sich nach dem Scheitern der Verständigungskonferenz und nach der jüngsten Rede des Präsidenten des ungarischen Reichstages, Justh, keiner Täuschung hin. Die gegenwärtige Parlamentskrise in Zis- und Transleithanien kann durch einen Ministerwechsel oder durch Neuwahlen nicht auf längere Dauer gebannt werden. Jedes kommende Ministerium in Wien und Pest wird vor demselben parlamentarischen Chaos stehen wie die Kabinette Bienerth und Wekerle, auch wenn das österreichische Abgeordnetenhaus und der ungarische Reichstag wiederholt aufgelöst werden. Unser faules Parteiwesen basiert eben auf veralteten staatsrechtlich-nationalen Schlagworten, die zwei künstlichen Nährmittel: Nationalitätenhader und Antisemitismus. Was würde aus all den deutschen, tschechischen, polnischen und magyarischen Chauvinisten werden, wenn durch eine national-autonomistischeReichsverfassungsrevision all ihrer Völkerverhetzung und ihren steten staatsrechtlichen Querelen der Boden entzogen würde? Zu lächerlicher Bedeutungslosigkeit müßten sie herabsinken! Insbesondere jene magyarischoligarchische Clique, welche die nichtmagyarische Bevölkerungsmehrheit tyrannisiert, die Massen des magyarischen Volkes ausbeutet und zur Auswanderung zwingt, das Reich von einer Krise in die andere stürzt und jetzt aus Furcht vor der Kaltstellung sich gegen die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes sträubt, würde zerschmettert wertien. Gegenüber diesen Aufgaben der historischen Mission des Staates sinken all die Fragen wegen einiger tschechischer Schulen in Wien oder eines Straßenbummels einzelner deutscher Studenten in Prag etc. zu lokalen Krähwinkeleien herab, welche nur überreizter Cauvinismus und kapitalistische Geschäftspolitiker künstlich aufbauschen. Daß aber hinter diesen chauvinistischen Parasiten des österreichischen Staatskörpers trotz ihres wüsten Geschreies nicht die Massen der österreichischen Bevölkerung stehen, haben mit drastischer Deutlichkeit die totale Niederlage der nur - nationalen und pseudoliberalen Politiker im deutschen, slawischen und italienischen Lager anläßlich der letzten Reichsratswahlen gezeigt. Es würde sich ebenso in Ungarn bei Neuwahlen auf Basis des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlen erweisen. Alle zehn Nationen des Reiches sind des eklen Nationalitätengezänkes müde. Sie haben 100 Christlichsozialen und 89 Sozialdemokraten ins österreichische Abgeordnetenhaus geschickt, weil von diesen Parteien einerseits der Mittelstand andererseits die Arbeiterschaft in erster Linie radikale Sozialreformen erwartete. Sind aber sowohl Christlichsoziale als auch Sozialdemokraten nicht im Stande nationale Ordnung zu schaffen, erweist sich auch in diesen beiden Lagern in Zukunft wie in Vergangenheit der Chauvinismus stärker als das Christentum und der Sozialismus, dann müssen die Massen alle Hoffnung auf wirtschaftliche Verbesserung ihrer Situation auf parlamentarischem Wege verlieren. Da aber der gegenwärtige Parlamentarismus durch diesen Prozeß nach oben und unten haltlos geworden ist, gibt es — man muß es immer wieder sagen — nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Modernen aller Völker einigen sich auf der Plattform: Verfassungsrevision im Sinne der nati on alen Auton omi e und suchen im gegenwärtigen oder in einem zukünftigen Parlament eine diesbezügliche Majorität zu erringen oder sie überlassen einer klerikalen Majorität aus den verschiedenen Nationen, sei es mittels § 14 oder durch eine Kompetenzerweiterung der Landtage, ein neues Experiment mit der geltenden unglückseligen Verfassung zu machen. Aber auch dieses letzte Experiment, welches ja nichts anderes wäre, als eine Verlegung der Nationalitätenkämpfe aus dem Abgeordnetenhause, in die Landtage wird und muß scheitern. Dann folgt naturgemäß — weil kein weiterer Ausweg mehr übrig bleibt, beschleunigt durch die ungarische Krise und die Annexion Bosniens — die Verfassungs s i s ti e ru n g. Darf man die Bedürfnisse der Gesamtheit einem morschen Parlamentarismus, darf man die Reichs- und Volksnotwendigkeiten dem gewissenlos egoistischen österreichischen Parteiwesen opfern? Sollte eine endgültige nationale Ordnung durch freie Vereinbarung der Völker, resp. deren Vertrauensmänner wirklich unmöglich sein? Müssen wir mit vollen Segeln der Reaktion zusteuern, der verhüllten des § 14 oder der unverhüllten des Absolutismus? Seien wir bewußten Juden immer eingedenk, welches unsägliche Unglück über unser Volk mit dieser Wendung zum Allerschlechtesten hereinbräche und halten wir uns immer vor Augen, daß die Sünden der assimilatorischen Juden mit Schuld sind an dieser furchtbaren Krise, Dann werden wir nicht erlahmen, für die Einheit aller Juden überhaupt und für die Einheit des jüdischen Volkes in Oesterreich, auf Grund der Völkerfreiheit insbesonders einzutreten und gegen jeden Chauvinismus, gegen alle Herrschaftstendenzen in nationaler, konfessioneller und ökonomischer Hinsicht zu wirken. Golusblüten. Ein Vorschlag. Wer ist der antisemitelnde Feuilletonist der „Arbeiterzeitung“, der Oblomow d. J. zeichnet? Kein anderer als der Anarchist a. D. Stephan G r o ß m a n n, ein echtes Leopoldstädter Kind. Schnitzle Fs Roman „Der Weg ins Freie“, der gerade wegen seiner jüdischen Note

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