Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438256--1379-2440969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 1× ep/1047559
OCR text
Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG.;. Nr.;36 Die Enqüete des gailzischen Eandesausschusses. Eine" Rundfrage. Die „jüdische Zeitung“ hat sich in Sachen der durch ein offiziöses Kommunique angekündigten Enquete des gälizischen Landesausschusses über die Notlage der galizischen Judenheit und über die Mittel zur Sanierung ihres ökonomischen Tiefstandes mit einer Rundfrage an die Mitglieder des jüdischen Klubs im Abgeordnetenhause und an andere nichtjüdische und jüdische führende Persönlichkeiten geverwendet Es wurden insbesondere folgende Fragen gestellt: 1. Welche Bedeutung ist der Aktion des galizischen Landtages überhaupt beizumessen? 2. Welcher Erfolg ist insbesondere von der Enquete zu erwarten? 3. Welche Mittel wären Ihres Erachtens die einzig geeigneten, um der galizischen Judennot entgegenzuwirken? Wir beginnen nunmehr mit der Veröffentlichung der Antworten in der Reihenfolge, in welcher sie bei uns einliefen: L Reichsratsabgeordneter Dr. Eugen Lewickyj: Meine Ansichten über die vom galizischen Landesausschusse angekündigte Enquete betreffend die Not der galizischen Judenheit sind folgende. Ad 1, II und III der Rundfrage: Die Enquete verfolgt bloß politische Ziele und steht in unmittelbarem Zusammenhänge mit demKampfe, welcher seit den letzten Reichsratswahlen zwischen den „Jüdisch-Nationalen“ und den sogenannten Assimilanten entbrannt ist Die Judenheit kommt in Galizien in ihren breitesten Massen immer mehr zum nationalen Bewußtsein und die Folge davon ist daß der politische Einfluß der in Galizien herrschenden Clique — insbesondere in Ost-Galizien 1 — in der jüngsten Zeit sehr schwer erschüttert wurde. Die Enquete verfolgt daher den Zweck, durch die angebliche Sanierungsaktion die Stellung der Assimilanten unter der Judenheit zu stärken, um im Kampfe gegen die Emanzipationsbestrebungen der jüdischen Volksmasse mit Hilfe der „Assimilation“ das bisherige polnische Vergewaltungssystem in Galizien aufrecht erhalten zu können. Die politische Demoralisierung der Juden in Galizien mit verschiedenen kleinlichen Mitteln persönlicher Konzessionen oder administrativer und polizeilicher Verfolgungen der „Unzufriedenen“ hat sich bereits als unzulänglich erwiesen — dieselbe ‘ soll daher jetzt unter dem ‘viel bCsseir äiisschauenden und mehr" verlockenden Aushängeschilde einer groß ' angelegten' Aktion zur „Hebung der materiellen Lage- : der jüdischen Volksmasse“ fortgesetzt werden 1 Die Enquete wird für die Judenheit in Galizien ganz gewiß keinen positiven Erfolg bringen — schon darumnicht, weil eine Sanierung der Not* unter den jüdischen Volksmässen : in Galizien durch den galizischen Landtag, insbesondere bei seiner jetzigen Zusammensetzung, überhaupt u n m ö g 1 i c h i s t Die ifotiage-der Juden in Galizien steht im unmittelbaren, ursächlichen Zusammenhänge mit der allgemeinen Notlage des Landes, mit seiner kulturellen und wirtschaftlichen Zurückgebliebenheit Die Juden befassen sich bei uns meistens mit den Handel, in erster Linie mit dem Kleinhandel. Ihre wirtschaftliche Hebungjbezw. Zurücksetzung bleibt daher im direkten Verhältnisse zurKaufkraft der Bevölkerung. Solange daher die Bevölkerung sich auf einem niedrigen Kulturniveau befindet und auf demselben ab s i c ht 1 i c h vo n den polnischen Machthabern des Landes erhalten wird, solange die Landwirtschaft — die Hauptquelle des Reichstums des Landes — sowie die mit derselben verbundenen Industriezweige fast gänzlich -unentwickelt sind, kann an eine materielle Hebung der Judenmasse in Galizien überhaupt nicht ernst gedacht werden. Die Entwicklung der Fabriksindustrie, welche insbesondere von dem „Altpolen“ als das einzige Heilungsmittel „für alle Leiden“ anempfohlen wird, wird der galizischan Judenheit gleichfalls keine Erlösueg bringen, denn der Großbetrieb, welcher sich dann mit der Entwicklung der Fabriksindustrie auf allen Gebieten des wirtschaftleben einstellen wird, wird einzelnen finanziell kräftigen Industriellen und Kaufleuten zu statten kommen, die ganze Masse der Zwischenhändler aber, die sich eben aus der Judenschaft rekrutieren, überflüssig machen. Uebrigens gehört auch die sogenannte Industrialisierung des Landes zur Unmöglichkeit, solange das in Galizien herrschende politische System äufrechterhaljen bleibt und die ganze Tätigkeit aller Machtfaktoren im Lande bloß auf die nationale Vergewaltigung, sowie kulturelle und wirtschaftliche Unterjochung nicbtpolnischer Elemente gerichtet ist. Die Juden müssen sich durch die Schaffungeigener wirtschaftlicher Hilfsvereine undO rgani sat i o nen, die sie auch national kräftigen werden, einstweilen selbst helfen, dann aber mit allen oppositionellenElementen Hand in Hand gehen, um das jetzt herrschende System, welches dem ganzen Lande den Weg zur kulturellen und materiellen Stellung und zum allgemeinen Fortschritte auf allen Gebieten versperrt, zum Falle zu bringen. II. ■ Reichsratsabgeordneter Dr. : Mahler: i Ihre Anfrage berührt spi tiefgreifende!; und vitale^ ' PröbiemfeV däß ich Käümv die Möglichkeit; sehe;;: die' im Rahmen einer Rundfrage zu beantworten und daher im voraus um! Entschuldigung bitte; wenn ich‘; einzelne Seiten kaum streife. 1. Die Bedeutung der Aktion' des' galizischen Landtages sehe ich vor allem' in dem Umstand^, daß sie mir zu beweisen scheint, in den führenden Geistern des polnischen Volkes in Oesterreich breche sich die Erkenntnis Bahn däß das Land Galizien in in aller intensivster Weise den Wohlstand und Aufblühen der galizischen Judenschaft interessiert ist. — Kein Land der Welt, auch nicht das reichste, vermöchte eine solche Menge von Armut und Elend zu ertragen, wie sie in der galizischen Judenschaft zu finden. sind und als Zeichen dieser beginnenden Erkenntnis möchte ich die Enquete gern begrüßen: 2. Allerdings stehe ich dem zu erwartenden Ergebnis dieses Enquete außerordentlich skeptich gegenüber. — Ich bin nicht sicher, ob man maßgebenden Ortes gesonnen ist, jene Maßregeln wirklich durchzuführen, die notwendig sind, außerdem fürchte ich, daß wie immer bei derartigen von politischen Körperschaften einberufehen Enqueten die Politik eine größere Rolle spielen wird, als es sich mit den Gesetzen der Nationalökonomie verträgt Ich wäre sehr glücklich, wenn mein Pessimismus sich als unrichtig erweisen würde. 3. Die Mittel zur Bekämptung der galizischen Judennot: Ich möchte vorausschicken, daß ich für die vollkommene Bekämpfung der Judennot natürlich die einzige Möglichkeit in unserem zionistischen Programm sehe. Aber als Paliiativmittel in Galizien selbst scheint mir das einzige Sanierungsmittel in der Schaffung von Verhältnissen zu liegen, die schon hier, d. h. in Galizien die möglichste soziale Ausgestaltung des jüdischen Volkes bezüglich seiner Schichtung bewirken. Dies wäre sozusagen die ailgemeine Formel. Gestatten Sie mir einige aufklärende Worte. Heute ist die jüdische Bevölkerung Galiziens fast ausschließlich auf den Kleinhandel, zum sehr geringen Teil auf den größeren Zwischenhandel und eine geringe Anzahl der sogenannten freien Berufe angewiesen. Es fehlen ihr der Bauernstand, die Erwerbe, die die industrielle Arbeit und das Beamtentum bietet. Einen jüdischen Bauernstand in Galizien zu entwickeln halte ich für vollkommen unmöglich. Leidet doch schon das polnische . und ruthenische Volk in traurigster Weise unter Boderimangel und der nntürliche und berechtigte Landhunger des Baueru hat die Bodenpreise zu exorbitanter Höhe emporgetrieben; unter diesen Verhältnissen ist die Agrarisierung der Juden iu Galizien undenkbar. Schon heute vermag der Kleinhandel den Juden nicht mehr zu ernähren und die Stände des Arztes und Advokaten sind überfüllt. So scheint mir die absolut zwingende Notwendigkeit vorhanden westen durch die lieblich-stolze Höhe von Nebi Samwil, welche die angebliche Grabstätte des Propheten Samuel und dazu eine Moschee enthält. Sie wird mit dem alten Mizpeh für identisch gehalten und von Betern aller Konfessionen besucht Eng-lieblicher sind jene Wege, die südwestlich vom Kreuzkloster gegen Bitir hinführen; einzelne Quellen sieht man sprudeln, und nur der Waldschmuck fehlt, um diesen Tälern, deren eines arabisch das Rosental heißt, die heimliche Anmut des Alpenvorlandes zu geben. Aber bei Bitir, dem alten Betar, formen sich wieder die Berge zu gewaltigen Massen, deren kahle Graßheit durch die Vorstellung des Barkochbakrieges noch gesteigert erscheint. Eigentümlich ist der schichtenförmige Aufbau mancher Berge, der wohl von uralter Meeresablagerung herstammt, am merkwürdigsten erscheint wohl in dieser Hinsicht der runde Hügel von ed Dschib, dem alten Gibeon. Sehr häufig sieht man ■aber auch wirkliche Anbauterrassen, entweder Reste aus uralter Zeit oder solche, welche noch jetzt in Verwendung sind und es ermöglichen, dem dürren Gestein sanftes Grün zu entlocken. Bekanntlich besteht der Zweck der Terrasse darin, daß ein Stück abhängenden Bodens eventuell eben gemacht wird, vor allem aber die Umwallung ein zu heftiges Anströmen von Wassergüssen und ein Wegschwemmen der fruchtbaren Bodenschicht zur Zeit heftigen Regens verhindert Insbesondere gilt dies für den Weinbau, der ja im Gebirgslande qualitativ sehr ergiebig ist. Daß die Juden im Altertum dieses Anbausystem in sehr spezifizierterWeise betrieben haben, bezeugt unter anderem eine diesbezüglich schreiende Terminologie und Detailierung in der Mischna. In welcher Weise überhaupt systematische Kultivierung—allerdings mit großen Kapitalsaufwendungen — solches ganz verkarstete Gebiet urbar machen könnte, beweißt u. a. die prächtige Gartenanlage eines deutsch-katholischen Hospizes an der Stelle des alten Emmaus inmitten des kahlen Berglandes angelegt. Und daß diese Gebiete ehemals dicht besiedelt, somit auch bebaut waren, ist durch zahlreiche Städtereste und noch mehr auf diese Gegend zu beziehende Städtenamen zur Genüge belegt. Die für hiesige Begriffe unglaublich klare Luft und der spezielle geographische Bau des Landes bringen es mit sich, daß manche der Höhenpunkte eine prächtig-weite Aussicht bieten, die die Küstenebene bis an ferne Spuren des Meeresstrandes umfaßt. Diese plötzliche Oeffnung der Landschaft bietet aus der Ferne einen ganz merkwürdigen Anblick. Dazu bedenke man, daß Jerusalem mehr als 80 km von Jaffa entfernt ist. Und vom Nebi Samwill aus soll man an lichten Tagen gleichzeitig den Spiegel des Mittelmeeres und des toten Meeres sehen können. Südlich von Jerusalem dehnt sich jenes Plateau, auf welchem die Straße nach Betlehem und Hebron verläuft Dieses Gebiet ist reicher bebaut als das nördliche und westliche. Das Gelände steigt allmählich an, die Straße führt an zahllosen altchristlichen Stätten vorbei, in schönen Aussichten zwischen Betlehem und dem olivenreichen Bet-Gala und seitwärts zu den reichgegliederten Senkungsland, das in seltsamen Formen und Farben aus der Tiefe heraufschimmert. Besonders einer der Berge, der einst eine herodeische Festung trug und seit der Kreuzfahrerzeit Frankenberg genannt wird, fällt durch seine einsam seltsame Gestalt auf, welche einigermaßen an die eines Kamelrückens erinnert. Unweit davon befinden sich auch jene reizenden Talgebilde, wo noch jetzt die großen Salomonischen Teichbassins erhalten sind. Am wechselreichsten ist das Senkungsland gegen den Jordan und das tote Meer zu. Wellige, im Frühling weidenreiche Hügel begleiten vom Oelberg aus die allmählich wiedersteigende Straße von Jericho. An der Grenze ragt gegen das breite Jordantal zu eine imposante Reihe hoher Bergeswände, die sich zum alten Jericho hinziehen. Aber es gibt noch andere Wege, wo sich das Sturzland geradezu als eine Art umgekehrter Hochgebirgslandschaft darstellt. Das gilt für das gewaltig-schöne Tal des Wadi Fara, das unter eintönig todesstarren kolossalen Felswänden, das ganze Jahr hindurch durch seine sprudelnden Quellen den fließenden Bael mit seinem schmalen, grünen Rasenband erquickt. Ein russisches Kloster hängt wie ein Felsennest ganz droben. Wo sich das Tal immer weiter windet und Wadi Kelt genannt wird, weißt es eine