Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-09-03 · 36 (3.9.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438256--1378-2440968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ORGAN Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX,, Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nijpht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjäfir. Mk. 10.—, balbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *********** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare pO h. Postsparkassenkonto 104.067. ********’*****"*# Nr. 36. Wien, Freitag den 3. September 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die Bewegung. Die.Enquete des galizischen Landesausschusses, von R. R. Abg. Dr. L e v i c k y i und R. R. .Abg. Dr. Mahler. Gölusblüten. Wohin steuern wir? von Dr. Kadi sch. Zqm IX. Zionistenkongreß. Von Dr. Pasmanik. Brief aus Galizien. Die Ziele der Palestine Land Development Cy. Die landschaftliche Umgebung. Jerusalems. von Ernst Müller, Jaffa. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. Parteinachrichten. Ueberläufer. Der IX. Zionistenkongreß. Wir erhalten die telegraphische Mitteilung, daß der IX. Zionistenko ngreß in der Zeit vom 26. bis 31. Dezember d. J. in Hamburg stattfinden wird. Der Tagung kommt insofern eine ganz besondere Bedeutung zu, als sie zum erstenmal Gelegenheit bieten wird, die Stellungnahme der zionistischen Bewegung gegenüber den veränderten Verhältnissen im Orient vor dem Forum der Gesamtpartei zu besprechen. Weiter werden die Erörterungen über die Schaffung eines ausgedehnten Agrarkredits für Palästina einen breiten Raum im Rahmen dej^Verhandlungen einnehmen. Die Bewegung. Die Partei lebt nicht in uns — wir leben. in der Partei. Jeder, der die Sehnsucht nach Propagierung des Zionismus mit modernen parteitechnischen Mitteln hatte, gab seinen Einzelnwillen her und ließ ihn mit tausend anderen Willenspartikelchen zu dem Gesamtwillen zusammenschweißen, den man „das Programm“ nennt. Was aber in uns, den Parteileuten, lebt und in vielen, vielen anderen, die sich’s nicht eingestehen, in jedem gesondert und vielgestaltet, das ist die Bewegung. Sie verhält sich zur Partei, wie das Werkzeug zur bewegenden Kraft, wie die Pflanze zur zeugenden Sonrje. Die zionistische Bewegung wirkt mit zwingender Notwendigkeit weit über den engen Kreis hinaus, der ^ich freudig zur „Partei“ gebunden hat. Ja, wir Bewußten unjj Organisierten überblicken kaum aus unsejrem, mit Selbstzucht beschränkten Gesichtswinkel, um wie vieles uns die Bewegung vorausgeeilt ist. Nur von Zeit zu Zeit, wenn ein Ereignis der Tagesgeschichte vorüberzieht, gewahren wir, wie mächtig die modern jüdische Bewegung in das lieben der Juden eingreift, wie merkwürdig sie die Physiognomie des Volkes ändert. Die gegenwärtige Nationalitätenhetze zwischen Deutschen und Tschechen gibt Anlaß zu solchen Betrachtungen. Wir dürfen mit Genugtuung konstatieren : Die Juden beteiligen sich gottlob an diesem Kampf der beiden Nationen, der sie gar nichts angeht, fast überhaupt nicht mehr. Wer noch vor vier Jahren den Demonstrationen des „Deutschen Volkstages“ in der Hauptstadt Mährens beiwohnte uhdTfeh" Trutzzag der Deutschen, der so viele jüdische Existenzen begraben hat, an sich vorüberziehen ließ, mußte sich mit Abscheu von der Unzahl deutsch-jüdischer bekappter Studenten, heilrufender Proßnitzerj Gödinger und Olmützer Kasinobrüder und fahnenschwingender Brünner israelitischer Turner fortwenden, sah es aber leider gleich hinter sich im Spalier von begeistert schreienden, mit deutschen Kokarden geschmückten Judenfamilien wimmeln. Die Zeiten sind vorüber. In Wien, Melk und Unter-Themenau war das jüdische Element — wenn man von einigen Geschäftspolitikern und wahnwitzigen Exaltados absieht — nicht mehr vertreten. Die Bewegung wirbt eben unausgesetzt und pocht an jedes jüdisches Herz. Alle müssen sich mit ihr auseinandesetzen und mögen sie auch gegen die Partei wettern — die Bewegung formt sie um und führt sie uns zu. Wir aber haben nun die Pflicht, die Bewegung einzuholen. Das Arbeitsfeld ist abgesteckt, denn wir wissen jetzt: Zwischen uns und der Masse steht nur mehr die papierene Macht der assimilatorischen Presse und ein Klüngel Geldjuden. Sollte es wirklich ganz unmöglich sein, hier die einzige noch nötige Bresche zu schlagen? Und wird man endlich allseits einsehen, daß es hier kein Um-den-Bart-streichen, kein Kompromissein geben kann, daß man sich auf 'diese Gegner mit vollster Kraft werfen, daß man diese Verbrecher mit leidenschaftlicher WHcht bekämpfen muß? Die Juden haben insbesondere in den letzten Jahrzehnten durch den Hader der Nationen so unsäglich gelitten, daß sie schon beim Aufkeimen neuer Zwistigkeiten erzittern. Wer das weiter ansieht und sich nicht zum heftigsten Kampf gegen das Häuflein verbohrter Schädlinge aufrafft, das diese' demorahsreremle, lähmende Angst der breiten jüdischen Schichten um ihre Existenz verursacht, ist blind oder gewissenlos. An den Pranger mit jedem einzelnen, der uns verrät und verkauft! Immer und immer wieder mit den Fingern nach ihnen weisen, ihre schmutzigen Geschäfte aufdecken, ihre käufliche Begeisterung für Dinge, die ihnen fremd sind, annageln, ihre blöde Kriecherei ins grelle Tageslicht schieben! Aufstechen diese Eiterbeule, in den Kot mit dieser nackten Schande des Judentums, auf die man in aller Welt mit Fingern weist! Das wird schon wirken. Die landschaftliche Umgebung Jerusalems. Von Ernst Müller, Jaffa. Es gibt auf alten frommen Wandgemälden eigenartige Abbildungen von Jerusalem: Erstaunlich gleichmäßige Bergeskuppen mit grell herausgeschnittenen Linien und sonderbaren Buchtungen, abgemessen gleichen Oelbaumreihen und ein paar obligaten Kuppeln. Aber wie plump und seltsam auch jene Erzeugnisse der Volksphantasie sein mögen, es steckt doch in ihnen etwas von Stimmungswahrheit, gleichwie auf den alten lieben Haggadabildern mit ihrer Strahlensonne und den zu groß ausgefallenen vier Fragern etwas von der Stimmung Mizraims. Das auffallendste indemAnblfcJc der unmittelbar umgebenden Landschaft igp' allerdings das wechsellos-eintönige Kolorit, indejij dürrer Wuchs mTgleichsam aus der Erde gewachsenem grauem Gestein wechselt — und hie und da erblickt man noch Oelbaumhaine in gleichmäßiger oder zerstreuter Anpflanzung. Bekanntlich ist Jerusalem wie die meisten alten Städte des inneren Palästina auf dem Gebirgsrücken gelagert, und seine Lage zeichnet sich noch dadurch aus, daß seine Anhöhe auf drei Seiten von tiefen Tälern umfurcht ist, deren eines bekanntlich von der Volksphantasie dazu auserkoren wurde,, den Namen für die Hölle abzugeben. Jenseits dieser Täler, des Kidron- und Hinnomtales, erhebt sich im Süden ein mit dem „Berg des bösen Rates“ beginnendes weites Plateaugebiet, im Osten aber die vierkuppige Gruppe des Oelberges. Die eigenartige Lage bringt es mit sich, daß die höchste Anhöhe von manchen Orten Jerusalems nur als ganz niedrige Bodenerhebung sichtbar ist, während sie doch über dem Kidrontal in beträchtlicher Höhe emporsteigt Der Bergabhang Jerusalems ist am steilsten an der Süd- und Südostseite des Zionsberges und ebenso unmittelbar unter dem Tempelplatz, wo das „goldene Tor“ und die Zacken der Stadtmauer mit den großen Kuppeln der Moscheen in majestätischem Ernste zum Oelberg hinüberblicken. Das Bild der alten Festungs- und Krönungsstadt ist nun noch dahin zu vervollständigen, daß ehemals die Taifurchen viel tiefer waren und die Stadt selbst vonzwei Satteltälern durchschnitten, so daß Zions- und Tempelberg und die Neustadt Bezeta wirklich unterschieden waren. Nur nach Norden, wo die Fläche der Stadt nur die Fortsetzung einer Hochebene bildet, die zum „Berge der Soäher“, dem Skopos sich aufwallt, war die Stadt natürlicherweise unbeschützt, was ihr mehr als einmal zum Verhängnis wurde. Das Kolorit Jerusalems beherrscht nun auch dessen weitere Umgebung. Namentlich gegen Norden und Nordwesten hin ist das Bergland stellenweise so dicht mit grauweisem Kalkstein besät, daß in größerer Entfernung die Täuschung entstehen kann, als erblickte man ferne Schneefelder. Dabei sind die meisten der Berge von mäßiger Steilheit, die Formen gerundet und sanft und dennoch mitunterweit und mächtig. Und von einem tiefen, ruhigmelancholischen Ernste wird dieses Bild des Abends, wenn infolge mannigfacher Reflexionen des Lichtes das Kalkgebirge in seltsam violetten Tönen schimmert. Zwischen den Bergen ziehen sich tiefe, uralte Flußbetten darstellende Wadis hin, welche in Bergmulden entspringen und oft in weiten Krümmungen die Berge voneinanderschieben. Gerade unsere Kolonie Moza gehört dem schönsten dieser Landschaft»* kreise an, denn gerade hier steigern s&tkdie Kontraste zwischen dem tiefen Talbett de» Wadi Bet. Chanina und den weiten Bergeshängen zu imposanter und doch lieblicher Erhabenheit. Gegen Süden zu wird dieses Gebiet begrenzt durch jenen Höhenkamm, der sich von Jerusalem bis zur Klosterstadt Ain Kerem erstreckt, im Nord-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.