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Jüdische Zeitung · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Familien noch vor Eintritt des Herbstes und der kalten Jahreszeit erfolgen muß und daß ich bei einer weiteren Verzögerung dieser Angelegenheit seitens ■der Polizei die Schuldigen strengen dienstlichen Strafen unterziehen werde.“ Eine tausendjährige jüdische Gemeinde. Aus Odessa wird geschrieben: Die jüdische Gemeinde von Theodosia hat jüngst das Jubiläum ihres tausendjährigen Bestehens gefeiert. Man hat ziemlich sicheren Anhalt dafür, daß die dortige Synagoge bereits auf eine tausendjährige Vergangenheit znrückblicken kann. Sie ist auf einem Berge gelegen und war lange Zeit unbeachtet und unbenutzt geblieben. Zeitweise war sie durch einen Erdrutsch zu einem unterirdischen Dasein verdammt. „Erst“ vor wenigen Jahrhunderten haben pietätvolle Hände das ehrwürdige Bauwerk ausgegraben und seiner früheren Bestimmung übergeben, der es seither ohne Unterbrechung gedient hat. Wssewolod Abrahamowicz Rubinstein. Wie der „Djilo“ berichtet ist am 4. August in Warschau der bekannte Financier Rubinstein, von Geburt ein Jude, gestorben. Der Verstorbene war einer der wenigen jüdischen Assimilanten, die sich den Ruthenen angeschlossen haben. Er hat für die Hebung des ukrainischen Volkes in Rußland viel .geleistet und hat die ukrainische Freiheitsbewegung unterstützt. Der „Djilo“ hält' ihm einen warmen Nachruf, in welchem er hervorhebt, daß der Verstorbene, wenn auchjvon Geburt ein Fremder, denmoch Herz und Sinn für die Leiden der Ukrainer gehabt und ukrainische Angelegenheiten moralisch und materiell gefördert hat. Wir aber fragen: „Was hat er für die Juden in Rußland getan, denen er kein Fremder war?“ Brief aus Galizien. (Von unserem Korrespondenten.) Lemberg, 23. August 1909. „Eine gewordene Hexe ist ärger denn eine :geborene.“ Dieses jüdische Sprichwort wird durch die Haltung der jüdisch-assimilatorischen Blätter in Galizien bewahrheitet. Wir konnten oft melden, daß das „Slowo polskie“ sich gemeine Ausfälle gegen die Zionisten leistet und sie in geradezu unverschämter Weise verleumdet und beleidigt. Die Perfidien des „Slowo polskie“ werden aber durch die „Jednosc“,1 das ein ausgesprochenes Assimilantenblatt ist und durch den „Dziennik polski“, der von Assimiiantengeld lebt, überboten. Fast jede Nummer dieser schmutzigen Interessen dienenden Blätter bringt neue Verleumdungen und Verdrehungen. Besonders günstigen Anlaß bietet ihnen die Enquete, die von den Zionisten, welche der Ergebnisse der vor fünfzehn Jahren veranstalteten ähnlichen Aktion eingedenk sind, in Anbetracht der enquetefeindlichen Haltung der polnischen Volkspartei, sofort als gewöhnliche Augenauswischerei erkannt wurde. So schreibt der „Dziennik“ in seiner Nummer vom 23. August: „Gegen die depravierende Wirkung dieser Gemeinschaft elender Individuen (der Zionisten) muß man entschieden und rücksichtslos auftreten. Die politische Atmosphäre Galiziens muß von ihnen gereinigt werden. Man muß die Schlange rechtzeitig erdrosseln . . .“ ln diesen lieblichen Ausdrücken geht es weiter Man muß über die Unverfrorenheit der Moschkos staunen und erinnert sich unwillkürlich an die Anekdote vom verfolgten Gauner, welcher „Haltet den Dieb“ ruft. Es naht jedoch der Tag, an welchem die Moschkos ihre Rolle im galizischen Judentum ausgespielt haben werden. Jedes Ereignis im jüdischen Leben beweist, daß die Massen entmündigt sind und zwischen ehrlicher Volksarbeit und egoistischer Moschkowirtschaft zu unterscheiden wissen. Das zeigt sich im Wahlkampfe um das Stryjer Landtagsmandat, das seit 40 Jahren den Juden gehörte und nun von den Polen und ihren Hausjuden für den Minister D u 1 e m b a beansprucht wird. Während die Moschkos beraten und intriguieren, drängen sich die Massen in die nationaljüdischen Versammlungen und die allgemeine Stimmung wendet sich dem jüdischen Kandidaten Dr.L iebermann.zu der, wiewohl in der polnischen Sozialdemokratie stehend, doch noch als der jüdischeste der „mosaisch-polnischen“ Sozialdemokraten bezeichnet werden muß. Volle Aufmerksamkeit verdient die starke palästinensische Strömung unter der jüdischen Jugend. Viele Jünglinge wenden sich an das galizische Zionistische Zentralkomite mit der Bitte, ihnen die Fahrt nach Palästina, wo sie sich der Landwirtschaft zuwenden wollen, zu ermöglichen. Der Leiter der Palästinasektion im galizischen Zentralkomitee, Herr Dr. Hausmann, versucht nun den glücklichen Gedanken, die auswanderungslustigen jungen Leute in Galizien für ihren künftigen Beruf vorzubereiten, durchzuführen. Er wandte sich in einem Aufruf an die jüdischen Gutsbesitzer und Pächter mit der Aufforderung, diese jungen Leute als Volontäre in ihren Betrieb aufzunehmen. Wenn auch die Bedingungen in Palästina anders sind als in Galizien, so wird diese Aktion, die aller Voraussicht nach gelingen wird, erfolgreich wirken. Erfreulich ist auch die Tatsache, daß das j üdische Studentenheim in Lemberg, ein schöner dreistöckiger Bau in der St. Theresiengasse fertiggestellt ist und am 1. Oktober seinem Zwecke zugefiihrt werden wird. Das prachtvolle Gebäude, ein Werk hingebungsvoller, treuer Arbeit der jüdischen Jugend, ist ein stolzes Wahrzeichen der neuen jüdischen Politik der Selbsthilfe. Erwähnt sei noch der Rechenschaftsbericht über das dritte Vereinsjahr eines hervorragenden galizischen Turnvereines, des Tarnopoler „Bethar“, welchen dessen Obmann Dr. J. Waldmann durch hingebungsvolle Arbeit zur jetzigen Höhe gebracht hat. Der „Bethar“ wird — was vereinzelt dasteht — von der Stadtgemeinde mit einem Betrage von 500 und von der israelitischen Kultusgemeinde mit 100 Kronen subventioniert. Sein Stand ist äußerst zufriedenstellend. Es wäre nur zu wünschen, daß auch in anderen galizischen Städten — vorläufig bestehen Turnvereine in Lemberg, Krakau, Stanis- Iau, Tamopol und Brody — das Turnwesen derart gefördert würde wie in Tarnopol. Parteinachrichten. Der „jüdische Nationalverein“ beschloß in den Ferienmonaten eine rege Agitation in Mähren zu entfalten. Als erste Stadt wurde B ise n z ausersehen, gerade jene Stadt, wo die Indifferenz eine feste Heimat hatte, Der Vizepräses des Nationalvereins Gg .Dr. H. K a d i s c h, hielt Samstag, den 21. August in Bisenz eine l1/. ständige Rede vor einer großen Zuhörerschaft, die ihm mit größter Aufmerksamkeit folgte. Er besprach die Gebrechen des Dualismus, die einseitig-chauvinistische Tätigkeit aller Parteien des jungen Parlamentes und verstand es, jenen Zuhörern, die einen Abg. Redlich gewählt hatten, klarzulegen, wie verderblich und entwürdigend jene Politik sei, die da ihr Heil im Nachlaufen verkrachter Parteien suche. Er verstand es auch, die Zuhörer zu der Forderung emporzuführen, daß ein Kulturvolk, wie es die Juden seien, die Kraft und Notwendigkeit besitze, ihre eigene Kultnr auszubauen. Nach ihm sprach noch Gg. med.Th. K o h n; er hielt der Biirgerschraft die Ideale der Studentenschaft vor, die auch eingesehen habe, daß die Organisation das beste Mittel sei, Rechte und Forderungen durchzusetzen. Hierauf erklärten die meisten Teilnehmer ihren Beitritt zum „Jüdischen Nationalverein“. Nach Schluß der Versammlung sammelte sich vor dem Lokal eine größere Anzahl halbwüchsiger cechischer Burschen, die es für ihre wichtigste Pficht hielten, zu demonstrieren und den j ü d i- SchenBürgernFenster einzuschlagen, in der Meinung, es handle sich hier um eine deutschnationale Versammlung. Parteitag der sudslavischen Zionisten. (Originalkorrespondenz der „Jüd. Zeitung.“) Brod a. S., den 23. August. Sonntag, den 22. August fand in Brod a. S. die vom Esseger zionistischen Verein „Theodor Herzl“ einberufene erste Konferenz sämtlicher Zionisten Kroatiens, Slavoniens, Dalmatiens, Bosniens, der Herzegowina undFiumes statt. An den Konferenzberatungen, die im großen, festlich geschmückten Saale des Kasinos stattfanden, nahmen hundertvierzehn Delegierte teil. Die Konferenzteilnehmer rekrutierten sich folgendermaßen: 72 stellte Kroatien-Slavonien, 41 Bosnien-Herzegowina und 1 Dalmatien. Von den 115 Teinehmern waren 16 Damen. Die Beteiligung war also über alles Erwarten imposant und die Konferenz gestaltete sich zu einer erhebenden Manifestation des jüdischen Einheitsgedankens, welcher im Zionismus verkörpert ist. Der Gedanke, daß auch sie durch die geplante Schaffung einer Organisation der Zionisten obgenannter Länder zur Verwirklichung der zionististischen Ideale ihr Scherflein beitragen, verlieh allen Konferenzteilnehmern Würde und Selbstbewußtsein, und hatte zur Folge, daß die Beratungen, wenn auch öfter stürmisch, sich stets auf einem hohen Niveau bewegten. Im nachfolgenden ein kurzer Bericht über den Verlauf der Beratungen: Namens der Broder jüdischen Kultusgemeinde begrüßte Vorsteher Herr Kohn die zur Konferenz Erschienenen. Hierauf sprach Herr Heinrich Schulmann, Präsident des Broder Vereiens „Jehuda Halevy“ einige Begrüßungsworte, sodann Herr J. N. Schulhof, als Präsident des Esseger zionistischen Vereines „Theodor Herzl“, welcher die Konferenz um halb 12 Uhr vormittags als eröffnet erklärte. Lav. Stern (Agram) schlägt vor, folgendes Bureau zu wählen: Vorsitzender J. N. Schulhof, Vizepräsidenten Josef Kraus (Agram), Leon A1 c a 1 a y (Sarajevo) und Max Lederer (Brod), Schriftführern: Dr. A. C o r a 1 n i k (Agram) und Dr. Marko L e i t n e r (Essegg), Beisitzer: Nathan L a.nd a u (Bjelina), Leopold Stein (Vinkovci), Rabbiner Dr. Frankfurter (Daruvar) und Frl. Frieda Kaiser (Djakovai), welcher Antrag per Akklamation angenommen wurde. Dr. Edmund Fischer (Essegg) referierte über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung in Kroatien, Slavonien und Fiume. Das Referat enthielt interessante Daten, welche einen klaren Ueberblick über die rasche Verbreitung des zionistischen Gedankens in diesen Ländern ermöglichen. Heute existieren z. B. folgende Korporationen, die zionistischen Charakter haben: Der Verein „Theodor Herzl“ in Essegg, der Verein „Zion“ in Vinkovci, der Verein „Jehuda Halevy“ in Brod, der Bürgerverein „Achdus“ und der akademische Klub „Judäa“ in Agram, der Mädchenverein „Moriah“ in Djakovor, die Jugendorganisation in Vukovar, die literarischen Vereine in Virovitica und Pozega, sowie der „Jüdische Leseverein in Semlin“. Außerdem ist in jedem Ort, wo keine Vereine bestehen, ein zionistischer Vertrauensmann. Herr Aladar Mekler (Sarajevo) gab einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung des Zionismus in Bosnien, der Herzegowina und Dalmatien. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, daß die bosnisch-herzegowinische Judenschaft in ihrem überwiegenden Teile zionistisch fühle und stets zu großen Opfern für das Judentum bereit sei. Die Nachmittagssitzung wurde mit der Beratung der Landesorganisationstatuten eröffnet. Als Referent fungierte Herr Lav. Stern (Agram.) Hiebei kam es zu stürmischen Debatten, schon bei § 1, weil sich die bosnischen Zionisten zu einer bindenden Zusage bezüglich der Höhe des Landesparteibeitrages nicht entschließen konnten. Nach zweistündiger, äußerst lebhafter Debatte, wurde ein Modus gefunden, welcher alle Konferenzteilnehmer zufriedenstellte. Es wurden sodann alle weiteren Paragraphe beraten und mit kleinen Abänderungen auch angenommen. Hierauf wurden die Wahlen des Landeskomitees, dessen Sitz für das kommende Jahr Essegg sein wird, vorgenommen. Es wurden gewählt: Dr. Hugo Spitzer zum Präsidenten des Landeskomitees und der Landesorganisation, ferner die Herren J. N. Schulhof, Lavoslav Singer, Dr. Edmund Fischer und Erwin Kraus zu Mitgliedern des Landeskomitees. Nachdem noch einige Konferenzteilnehmer das Wort zu Eventualia ergriffen, schloß der Vorsitzende die Konferenz. Abends fand ein Kommers staatt, der einen sehr animierten Verlauf nahm. Längere Reden hielten u. a. Dr. A. Koralnik und Rabbiner Dr. H, E. Kaufmann. Zu erwähnen ist noch, daß die gegenwärtig in Esseg erscheinende, vorzüglich redigierte Halbmonatsschrift „Zidovska smotra“ zum offiziellen Organ der zionistischen Vereinigung für die südslavischen Länder der österr.-ungar. Monarchie erklärt wurde.

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