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Jüdische Zeitung · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 35 III. So viel über die bisherige Richtung der jüdischen Auswanderung. Der äußere Anlaß der heutigen Krisis ist uns wohl bekannt. Ihre tieferen Ursachen aber äußern sich in den zahlreichen Symptomen einer nahen Verstopfung derjenigen sozialökonomischen Poren, wo die jüdischen Einwanderer sich bisher betätigen. Es ist klar: die jüdische Auswanderung ist in eine schwere Kollision mit den von ihr selbst geschaffenen Formen der Konzentration geraten und muß nun notwendigerweise ihre bisherige Richtung und ihren Charakter ändern. — Aber wie? Auf diese Frage werden in der Regel zwei grundverschiedene Antworten gegeben. Die eine geht dahin, man müsse nur die Richtung ändern und zwar die einwandernden Massen wie weit möglich über das ganze Gebiet des Einwanderungslandes zerstreuen. Das sei die radikale Lösung der Frage. Es ist jener kleinlich philantropische Standpunkt, der nur das Momentane sieht und nicht im Stande ist, sich zur Erfassung von historischen Perspektiven aufzuschwingen. Und doch sollte es einem jeden bis zur Evidenz klar sein, daß diese „Zerstreuungspolitik“ im besten Falle ein Palliativ darstellt, das die heutigen Leiden des Wanderers — aber keineswegs die historischen Anomalien des Wander Volkes — lindern kann. Allerdings als solches Palliativ ist es nicht zu verwerfen, da es bei der augenblicklichen verzweifelten Lage vielleicht die einzige Aushilfe ist Aber was weiter? Darauf gibt die Philantropie keine Antwort und kann sie ihrem Wesen nach nicht geben. Eine andere radikale Lösung dieses Problems sucht die andere weitaus bedeutendere Strömung im modernen Judentum zu geben, die die Auswanderung nicht als historische Zufälligkeit und nicht als Objekt der „Barmherzigkeit“ und der Hilfe für die „armen Glaubensgenossen“ betrachtet, sondern als großen historisch-verursachten nationalen Prozeß, welcher einerseits seine tiefen wirtschaftlichen Wurzeln in der Struktur des jüdischen Volkes und seiner Situation innerhalb der übrigen Nationen hat und andererseits seine eigenartigen inneren Tendenzen hat und bestimmten Entwicklungszielen zusteuert. Diese aber führen historisch keineswegs zur Zerstreuung der Wanderung, sondern treiben sie im Gegenteil immer intensiver auf den Weg der Konzentration. Denn, abgesehen davon, daß die Zerstreuung früher oder später zur Bildung neuer jüdischer Zentren mit mehr oder weniger ungesunder sozial-ökonomischer und national-kultureller Entwicklung führt, wird die Zahl der Länder, welche die jüdische Einwanderung überhaupt aufnebmen können oder wollen, immer kleiner. Daß die bisherige Form der Konzentration, wie die in den Industriestaaten Amerikas und Europas, weder die Judenfrage als Wanderungsproblem lösen kann, noch überhaupt sich länger vollziehen kann, habe ich bereits nachzuweisen gesucht Und so bleibt noch ein einziger Ausweg übrig: Als eine Aenderung in der Richtung und im Charakter der jüdischen Wanderung, die weder ihre weitere Zerstöberung, noch die Schaffung neuer Ghettos innerhalb des modernen Großstaates darstellen soll, erscheint einzig und allein — die allmähliche Umwandlung des planlosen Hin- und Herwandems der jüdischen Massen in die planmäßig geleitete Kolonisation eines dazu geeigneten unbekannten Territoriums.*) Und obwohl diese Umwandlung nur als ein äußerst schwieriger und langdauernder historischer Prozeß aufgefaßt werden kann, so bildet sie nichtsdestoweniger die Linie des verhältnismäßig kleinsten Widerstandes für den jüdischen Wanderstrom, denn es ist — historisch betrachtet — der einzig mögliche radikale Ausweg aus der Sackgasse, in die die jüdische Wanderung gegenwärtig geraten ist einerseits, und die notwendige Voraussetzung einer endgültigen Lösung der Judenfrage, als eines Problems der allseitigen und ungehemmten Entwicklung der Produktivkräfte der jüdischen Nation andererseits. IV. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, daß die Evolution des gesellschaftlichen Gedankens der verschiedensten sozialen Schichten *) Die Frage, welches dieses Territorium sein soll, will ich hier unberührt lassen. Was uns hier vor allem interessiert, ist die a 11 g e m e i n soziologische Prognose, für welche „d a s“ Territorium von prinzipiell untergeordneter Bedeutung ist. des jüdischen Volkes in den letzten Dezenien von einem fieberhaften Suchen nach einer Synthese von Gegenwarts- und Zukunftsarbeit erfüllt ist. Es waren dies stets zwei gänzlich getrennte Richtlinien der Tätigkeit, oder richtiger der Tätigkeit und der Propaganda, zwischen denen ein unüberbrückbarer Abgrund gähnte. Der Publizität der Tat entsprach das mächtige geistige Ringen nach Einheit, ein Ringen, das so manchen dramatischen Moment in der gesellschaftlichen Evolution der denkenden Elemente des modernen Judentums erzeugt hat Und alle, die wir inmitten dieses geistigen Ringens, sowie außerhalb desselben standen, alle waren wir von diesem Suchen erfaßt, alle verfolgten wir mit gleicher Spannung den Prozeß der Geburt eines einheitlichen Systems der Anschauung und der Tat, welche das Heute mit dem Morgen in einer Harmonie verschmelzen soll. lieh keine Ahnung hatte, wen seine neueste Platte darstellte — zeigte einen Probeabzug im Vertrauen einem anderen russischen Kunden und war nicht wenig erstaunt, als dieser ihn auf die große Rosette hinwies, die der Porträtierte auf der Brust trug, und auf der groß und deutlich die Worte zu lesen waren „Bjej shydow 1“ (Schlagt die Juden tot 1“) Der Photograph wandte sich an die Behörde, um zu erfahren, ob er zur Ausführung der Bestellung verpflichtet sei, was natürlich verneint wurde. Als der Photograph Herrn Purischkewitsch mitteilte, daß er die Bilder nicht liefern werde und ihn fragte, warum er gerade zu einen jüdischen Photographen gegangen sei, erwiderte der große Mann seelenruhig, seine „Devise“ beziehe sich nur auf die russischen Juden, gegen die deutschen Juden habe er nichts! Die deutschen Juden werden sich für diesen neuen Freund bestens bedanken. Unterdessen baute man komplizierte Zukunftspläne, wo alles — theoretisch — schön und am richtigen Orte lag, allein das jüdische Leben mit all seinen Leiden und Freuden, mit seinen inneren objektiven Triebfedern und Potenzen, dieses konkrete Leben hatten die Zukunftsmusiker in der Regel ganz beiseite gelassen. Und so was rächt sich... An Stelle der großen, sehr großen Träume sind bald allerorten und unmittelbar — kleine, sehr kleine Taten getreten. — Niemanden, natürlich, konnte dieser Zustand befriedigen — und eine erschreckende Apathie der großen Massen und der Intelligenz war die unvermeidliche Folge davon. — Die Niederlage der russischen Revolution, die Po-, gromgreueln der Kontrerevolution und das Scheitern der übertriebenen Hoffnungen auf das nahe „goldene Zeitalter“ für die russischen Juden, haben die geschilderten Wirkungen nur zu verstärken, keineswegs aber selbständig zu erzeugen vermocht. Nun sind einige Jahre verflossen, und in dem Maße, wie die Kollision zwischen der Ausstoßungskraft der Emigrationsländer und der Aufnahmefähigkeit der Immigrationszentren aus einer Tendenz zur Realität geworden ist, in demselben Maße hat sich die so lange vergebens angestrengte Synthese von Gegenwart und Zukunft, wenn nicht zu vollziehen, so doch (sich) anzudeuten begonnen. Man scheint endlich zur Erkenntnis zu gelangen, daß wenn die Lösung der Judenfrage im Sinne der territorialen Autonomie überhaupt möglich sein soll, so kann der Weg zu ihr nur durch die Organisati on und Beherrschung der jüdischen Wanderung führen. Nur hier kann die Brücke vom unerfreulichen Heute zu einem lichtvolleren Morgen gebaut werden. Hier ist auch derjenige konkrete Boden, wo die Interessen der verschiedenen sozialen Schichten des jüdischen Volkes sich begegnen und ihr planmäßiges „friedliches“ Zusammenarbeiten möglich ist. Von verschiedenen Ausgangspunkten ausgehend und verschiedenen historischen Endzielen zustrebend, können die verschiedenen sozialen Klassen der jüdischen Nation — ihrem Klasseninteresse treu bleibend, in diesem Punkte — auf dem Boden einer zielbewußten Migrationspolitik ihre Kräfte zur gemeinsamen Tat vereinigen. Und mag die Abschätzung dieser Tätigkeit, ihrer nationalen Bedeutung und historischen Endzielen noch so grundverschieden sein — eins steht außer Zweifel: an diesem Kardinalproblem des heutigen jüdischen Lebens wollen und müssen wir alle Zusammenwirken, denn das verlangt von uns gebieterisch der Ernst des Momentes. Die Philantropie hat ihr Liedchen abgesungen — das Wort hat nun die jüdische Demokratie. Aus dem jüdischen Leben. Ein Freund der deutschen Juden. Aus K i s s i n g e n wird geschrieben: Herr Purischkewitsch, der bekannte Held des Verbandes der echtrussischen Leute, weilt gegenwärtig hier, um seine durch die Vorarbeiten für die nächstjährigen Judenpogrome etwas geschwächte Gesundheit neu zu kräftigen. Er muß wohl meinen, er sehe schon wieder ganz stattlich aus, denn dieser Tage überkam ihn plötzlich das Bedürfnis, sich photographieren zu lassen. Um nun auch allen seinen zahlreichen Freunden im russischen Volksverband ein Konterfei zukommen lassen zu können, bestellte Herr Purischkewitsch eine so große Anzahl von Bildern, daß es dem Photographen auffällig erschien. Der Mann — ein Jude, der abernatür- Die Entwicklung der Lemberger Kredit- Union. Aus Lemberg wird uns berichtet: Der Gebarungsausweis, der am 1. Juli eröffneten zionistisehen Volksbank „Kredit Union“ für den Monat Juli ist folgender: Kassa. K — K 1662-95 Wechsel. n — „ 395.293-41 Zinsen . . n 5.256.65 n — Spareinlagen . . . . n 70.485-91 n — Reeskompt. n 209.486-78 n — Kontokorrent . . . . n — n 15.804-38 Anteile. n 129.170*— n — Reservefond. n 7.655-- n — Administrationskosten n — n 3.095-26 Mobilien. — n 3.596-59 Gründungskosten . . » — n 2.601-75 K 422.054-34 K 422.054-34 Aus obiger Zusammenstellung geht hervor, daß die „Kredit-Union“ in der kurzen Zeit ihres Bestandes große Erfolge aufzuweisen hat. Man muß in Betracht ziehen, daß jetzt morte saison ist und daß die einzelnen Filialen dieser erst vor kurzem gegründeten Volksbank noch nicht eröffnet sind. Es ist zu hoffen, daß die Kredit-Union das Ziel, das sie sich gesteckt, die wirtschaftliche Lage der des galizischen Juden zu verbessern, erreichen wird. Der Kongreß zur Regelung der jüdischen Wanderung. Die vom Petersburger „Fraind“ gebrachte Nachricht, daß für die nächste Zeit die Abhaltung eines Kongresses zur Regelung der jüdischen Wanderung geplant sei, bestätigt sich. Wie man uns mitteilt, wird der Kongreß in den nächsten Monaten in Wien stattfinden. Ein Komitee trifft alle Vorbereitungen für den Kongreß, an welchem sich voraussichtlich alle jüdischen Organisationen beteiligen werden. Die 25 .Dollar Verordnung. Die von mehreren Blättern gebrachte Nachricht, daß die Verordnung des Einwanderungskommissärs Williams, wonach jeder Einwanderer 25 Dollars besitzen müsse, aufgehoben wurde, entspricht nicht den Tatsachen. Das geht aus folgenden Kommunique hervor, welches das Petersburger Informationsbureau der Ica verschickt hat: „In den Zeitungen war die Nachricht äbgedruckt, daß in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die vom Kommissär Williams erlassene Verordnung aufgehoben .sei, wonach jeder Emigrant (ausgenommen Frauen, welche zu ihren Männern, Kinder, die zu ihren Eltern und Eltern die zu ihren Kindern reisen) 25 Dollars besitzen müsse. Wir ersuchen bekanntzugeben, daß diese Nachricht nicht der Wahrheit entspricht; sie ist wenigsten bis zum heutigen Tage nicht bestätigt worden.“ Judenleiden in Sibirien. Aus Irkutsk wird berichtet: Der Gouverneur von Irkutsk erließ vor einigen Tagen folgende Verordnung: „Durch Tagesbefehl vom 9. Juli d. J. habe ich der Irkutsker Stadtpolizei vorgeschrieben, unverzüglich denjenigen Juden, die nicht das Recht haben in Irkutsk zu leben, den Aufenthalt in der Stadt zu verbieten und ihre Abreise zu veranlassen. Aus den an mich gelangenden Korrespondenzen und Bittschriften ersehe ich aber, daß einige Pristaws sowie auch mir unterstellte Beamte diejenigen Umstände, die die Gouvernementsverwaltung zur obenerwähnten Verfügung veranlaßt haben, vollkommen außer acht lassen und sehr langsam und unentschieden handeln. Ich bin daher gezwungen, die Beamten der Stadtpolizei nochmals daran zu erinnern, daß die Aussiedelung der in Irkutsk ungesetzlich lebenden Juden und besonders ihre1

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