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Jüdische Zeitung · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr.-35 getaufte Sohn des Budapester Oberrabbiners Stern, geht mit gutem Beispiele vöran. Jüngst wohnte er einer Feier des katholischen Gesellenvereines in Kalocsa (Krähwinkel ist eine Großstadt dagegen) als Gast bei und betonte feierlichst, daß die Regierung konfessionelle Arbeiterverbände kräftigst fördern werde. Nach seiner Rede wurde ein Begrüßungstelegramm an den — Fürstbischof Gruscha in Wien abgesendet. Lueger bekam nur deshalb keines, weil er auf die Jossel Sterns noch immer schimpft. Den Abschluß der Feierlichkeiten bildete ein Festmahl beim Erzbischof Varosy. Das gut informierte „Neue Budapester Abendblatt“ sandte seinen Spezialberichterstatter Skoiach zu dieser loyalen, gottgefälligen Tafel und erhielt nachstehenden Bericht: (Diner im erzbischöflichen Palais. Exzellenz Szterenyi hat den Ehrenplatz, zur Rechten Sr. erzbischöflichen Gnaden. Ihm gegenüber sitzt der älteste Landpfarrer der Diozöse, ein redseliges, schneeweißes Männchen, dem man die Liebe und Güte aus den Augen liest. Der alte, brave Landpfarrer unterhält sich mit der Industrie-Exzellenz.) Der Pfarrer: . . . ja, gewiß war ich auch in Budapest. Ich habe dort das Priesterseminar absolvirt. Dann hatte ich ein wenig Glück und kam als Kaplan nach Ujpest. Szterenyi (etwas versteift, weil er hierin etwas wie eine Anspielung sieht). So, so... ja, Ujpest... Eine rege Industriestadt. Der Pfarrer (ohne Ahnung): Tja. Sehr rege. Ich habe dort manchen braven Mann gekannt. Exzellenz sind zwar ein guter Lutheraner, aber Sie werden zugeben, daß es auch unter den Anhängern anderer Konfessionen brave Menschen gibt. Szterenyi (lebhaft): Natürlich, natürlich . . . Ich kenne eine ganze Menge höchst achtbarer Katholiken . . . Der Pfarrer: Tja . . . auch Juden. Da kannte ich z. B. in Ujpest den Rabbi Stern, Gott habe ihn selig ... Er war mein bester Freund, ein braver, guter Mensch . . . Szterenyi (peinlich berührt): Hm . . . schon möglich . . . Obwohl ... ein Jude . . . Der Pfarrer: Verzeihen, Exzellenz. Rabbi Stern war ein Ehremann vom Scheitel bis zur Sohle. Ein kluger, offener Kopf, ein redlicher, ehrenhafter Mensch, ein getreuer .Diener seines Gottes .. . Szterenyi: Aber doch nur Jude. Der Pfarrer: Das ist in meinen Augen völlig belanglos. Ob Jude, ob Christ, ob Heide, wenn er nur ein braver Mensch war . . . Und das war er, Gott hab ihn selig. Szterenyi: Mja . . . Möglich. ■ Der Pfarrer: Möglich? Er’war es! Szterenyi (etwas gereizt): Ich weiß nicht, was für Grund Hochwürden haben, mich mit der Apologie eines alten todten Rabbiners zu regalieren ... Was geht mich ein verstorbener Jude an? Ein Diener (auftragend): Fasan mit Koinpot... Szterenyi (der, trotzdem er momentan Lutheraner ist, zum Ehren-Katholen und Ehren-Gesellen gealleweiht wurde, erhebt, sich zum Trinkspruche): Geliebte Brüder in Christo! . . . (Sämtliche geistliche und weltliche Personen unterdrücken ein Schmunzeln). Nach der Rede sandten die katholischen Gesellen Begrüßungsdepeschen an: Wolf Sümegi, Lebele Hedervary, Pinches Lazar, Awrom Somogyi, Aiern Ballagi . . . Es is ja nur a Jud ... Ein Augenzeuge berichtet: Sonntag abends wurde auf dem Praterstern demonstriert. Ungefähr achtzig deutsche Heldenjünglinge zogen johlend vom Nordbahnhof und wo ein cechisches Antlitz sichtbar ward, riefen sie: Jahre sind seither verflossen. Selten gedachte ich des Toten. Da fiel mir vor einigen Tagen mein altes Tagebuch in die Hände. Ich blätterte darin und lächelte .. . Die Blätter waren gelb geworden, ein fauler toter Hauch stieg aus den Zeilen empor. Da stand auf einer Seite, daß ich das Fräulein Grünberg gesehen, dann war ein Waldausflug erwähnt. „Kindereien“, dachte ich und blätterte weiter. Da fiel mein Blick auf die Stelle: „Gestern früh ist Horowitz gestorben . . .“ Anfangs dachte ich nach, wer dieser Horowitz gewesen sein mag. Dann aber stiegen immer deutlicher vor meinen Augen Bilder empor: wie ich ihn zum ersten Mal gesehen, wie wir zusammen durch die Stadt geschlendert, wie er dann mit mir zusammengewohnt; ich sah ihn im Bette liegen und schrieb sein Testament. Alle Einzelheiten standen vor mir so deutlich, als ob alles erst gestern geschehen wäre. Da erinnerte ich mich, daß ich ihm einst das Versprechen gegeben, die Geschichte seines Lebens zu schreiben. Denn wenn es auch alltäglich war, so verlohne es sich der Mühe. Dieses Versprechen fiel mir ein und ich versuchte vorerst, das, was ich von seinem Sterben weiß, zu Papier zu bringen. JÜDISCHE ZEITUNG. „Nieder mit den Cechen!“ und sangen eine Strophe der „Wacht am Rhein“. Urvergnügte Wiener, welche aus dem Prater kamen, blieben erstaunt stehen und verlegten sich aufs Raten, was der Rummel bedeuten möge. Ein biederer Hausmeister meinte: „Dös san d’Sozi“, ein anderer witterte hinter den Demonstranten „lust’ge Heur’genvertilger“, woraus — was die „N. Fr. Pr.“ schon seit Wochen verkündet — sonnenklar hervorgeht, daß die Wiener gespannt den Verlauf des deutsch-cechischen Ringens verfolgen. Hie und da entwickelte sich ein Geplänkel, Messer wurden gezückt, in der Luft geschwungen und verwundet wurde .... ein zwanzigjähriger Lehrling namens Edmund Schönfeld (1). Die deutschen „Massen“ brüllten wütend auf. Der Ruf: „Deutsches Blut ist geflossen!“ entrang sich donnerartig den bierfeuchten Kehlen. Einige barmherzige Samariter führten den Verwundeten in das nächste Kaffeehaus, um ihn dort zu verbinden, indes die Konnationalen draußen stunden und immer wieder in Klagetönen riefen: „Deutsches Blut ist geflossen!“ Mittlerweile wurde der Verwundete verbunden und nach Namen und Stand gefragt. Kaum aber hatte er seinen Namen genannt, als die Samariter vor Schreck zurückfuhren und den draussen Harrenden enttäuscht zuriefen: „Es is ja nur a Jud!“ . . . Darauf lachten die deutschen Mannen hell auf, sangen begeistert die nächste Strophe der „Wacht am Rhein“ und alle Mauschel, die mitgejohlt und „deutsch getan“, machten lange Gesichter . . . Probleme der jüdischen Wanderung. Von Maxim A n i n.*) I. Schon wieder hat das Schicksal einen Dorn in den Märtyrerkranz des jüdischen Volkes eingeflochten. Kaum haben die wilden Schläge der russischen Kontrerevolution etwas nachgegeben, wie die unerbittliche Logik ihrer Geschichte die Juden vor ein neues hartes Problem gestellt hat: Amerika — der letzte Zufluchtsort des Wandervolkes — schließt allmählich für den jüdischen Einwanderer seine bisher gastfreundlich geöffneten Tore. Und für Jeden, der nicht verständnislos den historischen Schicksalen dieser eigenartigen Nation gegenübersteht, konnte das keine Ueberraschung sein. „Alles war schon dagewesen“. . . Mit der Regelmäßigkeit eines Gesetzes wiederholt sich der Kreislauf der jüdischen Geschichte. Denn nicht die inneren Kräfte und Bedürfnisse der jüdischen Nation, sondern die Interessen und Entwicklungslinien der Umgebung haben stets die Geschicke der Juden bestimmt. Solange die Fluktuationen aus den bisherigen Ghettis einen mehr oder weniger freien Abfluß fanden, solange sie in der Peripherie des sozialökonomischen Lebens der übrigen Kulturstaaten — zuerst Europa’s — dann Amerikas — neue Ghettos schaffen konnten, — trat die Judenfrage im allgemeinen nicht aus dem Stadium eines zwar chronischen, aber doch nicht akuten nationalen Problems, das eine sofortige Lösung erheischt, wie dies nun der Fall ist, wo die letzten in Betracht kommenden Immigrationszentren für die Juden geschlossen wurden. — Die Kleinmütigen, die der Wahrheit nicht in die Augen schauen können, die trösten sich: es sei eine blos vorübergehende Maßregel, die nicht den Anschauungen und Wünschen der amerikanischen Mehrheit entspricht. Naive Vogelstraußpolitik! Und die amerikanischen Gewerkschaften, die schon längst den Einwanderern die Aufnahme verweigern und so überhaupt ihnen fast jeden Zutritt zur industriellen Betätigung unmöglich machen? Und die wachsende antisemitische Bewegung? Noch vor wenigen Tagen konnten wir uns überzeugen, wie ungegründet diese Hoffnungen sind: die energische Rede des Abgeordneten Bartold im amerikanischen Parlament, der die Gesetzwidrigkeit der Verordnungen Williams klarlegte, hat nicht die mindeste Unterstützung des Hauses gefunden und nicht einmal eine Debatte hervorgerufen. Die Zeit hat ihren richtigen Mann gefunden. . . Uebrigens legen die zahlreichen Preßstimmen unzweideutig Zeugnis dafür *) Es freut uns, eine Originalarbeit des ausgezeichneten Mitarbeiters der „Sozialistischen Monatshefte“ bringen zu können, wenn auch Maxim Anin nicht Zionist ist, daher in seinen Ansichten von den unseren vielfach abweicht. (Anm. der Red.) Seite 5 ab, daß man sich im Judentum im allgemeinen keine Illusionen mehr über die Sachlage macht — man hat den großen Ernst der Situation eingesehen. Eins bliebe noch zu wünschen übrig: Angesichts der verzweifelt-schweren Situation, welche die verschiedensten Schichten des jüdischen Volkes berührt, sollte man unbefangen und frei von vorgefaßten schablonenhaften Antworten an die Prüfung der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten des Problems herantreten. II. Was nun? Wo ist die Linie des verhältnismäßig geringsten Widerstandes für die fernere Richtung der jüdischen Auswanderung? Diese Fragen stehen bereits wie ein verhängnisvolles memento mori vor einem großeu Teile des jüdischen Volkes überhaupt und seinen arbeitenden Klassen insbsondere. Um diese Entwicklungslinie feststellen zu können, müßten wirvorallem den bisherigen Charakter und dieRichtung der jüdischen Wanderung untersuchen, ihre Wurzeln und Bedürfnisse aufdecken und schließlich alle in Betracht kommenden Möglichkeiten einer genauen Prüfung unterziehen. Eine eingehende Behandlung aller dieser Fragen würde uns aber viel zu weit führen. Wir wollen hier deshalb nur kurz auf die Frage eingehen, warum die jüdische Auswandernng aus den östlichen Ländern bisher — seit etwa den 70.-Jahren des verflossenen Jahrhunderts — vorzugsweise nach solchen industriell sehr hoch entwickelte Länder gerichtet war, wie Nordamerika, England — und nicht etwa nach Oesterreich, Deutschland etc! Die Antwort ist darin zu suchen, daß nur in jenen Ländern, wo das wirtschaftliche Leben der örtlichen Bevölkerung sich bereits auf einem verhältnismäßig sehr hohen Niveau befindet, die Schaffung von gewissermaßen selbständigen „jüdischen Industrien“, wie die Kleiderkonfektion etc. möglich ist. In diese Arbeitszweige, die hauptsächlich die Produktion von Verbrauchsmitteln umfassen, kann die Konkurrenz der Maschinenindustrie schwer eindringen*). Das hohe Lebensniveau der örtlichen Arbeiterschaft macht es ihr eben fast unmöglich, mit den verhältnismäßig anspruchslosen jüdischen Einwanderern auf diesen untersten Stufen der Produktionsleiter zu konkurrieren. So sind gerade in den großindustriellen Staaten bedeutende jüdische Zentren mit einer zusammengepferchten, vorwiegend im sogenannten Schwitzsystem beschäftigten jüdischen Bevölkerung entstanden. Einmal entstanden, ziehen diese Ghettos mit der Auziehungskraft bedeutender nationaler Zentren immer größere Wandermassen an sich. Dagegen fehlte es für die Entstehung derartiger Ghettos in den wenigen fortgeschrittenen Industriestaaten Europas an den erforderlichen sozial-ökonomischen Voraussetzungen. Die jüdische Massenemigration aus Galizien ging eben nicht so stark nach den industriellen Gebieten Oesterreichs, wie nach Amerika. Desgleichen sind die Hoffnnngen, die man hie und da in Rußland hegt, daß mit der Abschaffung des „Ansiedlungsrayons“ die Juden sich über das ganze Zarenreich zerstreuen werden, jedenfalls stark übertrieben. Die zentralen Gebiete Rußlands leiden bekanntlich keineswegs Mangel an Arbeitskräften, sondern Mangel an Kapital und das können ja die jüdischen Emigranten am allerwenigsten mit sich bringen. Infolge des intensiven Zuges vom platten Lande in die Stadt ist bereits heute in Rußland eine ungeheuer große Armee von Arbeitslosen vorhanden. Auch als Kleinhändler haben die Juden mit der zunehmenden Entwicklung des Kooperativ- und Genossenschaftswesens, das oft einen ausgesprochen antisemitischen Charakter trägt,, immer weniger Chancen sich in den zentralen Gebieten Rußlands niederzulassen. Dieselben Ursachen schließen auch eine bedeutendere jüdische Einwanderung in Oesterreich im großen und ganzen aus. Ganz vergebens hat dabei die alldeutsch-antisemitische Presse ein Alarmgeschrei über die angeblichen „Gefahren“ der jüdischen Wanderung für Oesterreich und Deutschland erhoben. Den „europäischen Ariern“ droht keine jüdische Invasion und wegen eines „Uebereinkommens der europäischen Regierungen über diesen Teil der Judenfrage“ können die Herren getrost zuwarten. (Es ist übrigens bekannt, daß nach preußischem Muster, sowohl die österreichische als auch die ungarische Regierung die Pogromflüchtlinge 1906 nicht über die Grenze ließen. Anm. d. Red.) *) Vgl. N. W. Goldstein in d. Ztschr. für jüd. Demographie und Statistik 1909, Nr. 8.

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