Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 35 den Polenklub wohlwollend zu stimmen, | wenn ihm zu bedenken gegeben wird, daß die Juden in der Bukowina einmütig für das polnische Volksmandat eintreten und den Polen in allen sie betreffenden nationalen Fragen das größte Entgegenkommen erweisen, wenngleich die Gewährung dieses Volksmandates auf manchen Widerspruch im Lande stößt. Es wird nämlich dagegen geltend gemacht, daß die Polen kaum fünf Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes ausmachen und an den fünf Mandaten des armenopolnischen Großgrundbesitzes, welcher streng national ist, eine mehr als hinreichende Vertretung besitzt. Da nun in der Politik ohnehin der Grundsatz gilt: „do ut des“, so haben die Polen allen Grund das Wohlwollen der Juden für ihre nationalen Wünsche mit gleicher Münze zu zahlen. Auch hat speziell der Obmann unseres nationalen Klubs im Reichsrate bei den Polen ein Guthaben. Denn er hat, obgleich er zu seiner Wahl der wenigen hundert polnischen Stimmen durchaus nicht bedurfte, einer polnischen Wählerversammlung das Versprechen gegeben, im Reichsrate nichts gegen die Polen zu unternehmen, und dieses Versprechen auch gehalten. Die Unterstützung der jüdischen Wünsche würde aber auch der erste Schritt zur Anbahnung eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Polen und Nationaljuden auch in Galizien bedeuten, was beiden Nationen nur zugutekommen kann. Denn die Phrase, die Nationaljuden seien Feinde der Polen, ist ohne jeden tatsächlichen Hintergrund. Der Beweis des Gegenteils ist im Reichsrate durch die Haltung des jüdischen Klubs in der Debatte über die famose Polenvorlage in Preußen deutlich erbracht worden. Auch ich, dessen nationale Gesinnung in der Bukowina allbekannt ist, habe diese Vorlage in einem in der in Czemowitz erscheinenden Gazeta Polska veröffentlichten Artikel heftig bekämpft Meine Ausführungen haben den Zweck, die jüdischen Politiker, besonders aber unseren Klub im Reichsrat auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche der Realisierung des sehnlichsten Wunsches der Nationaljuden drohen. Möge der Klub uud besonders sein um die jüdische Sache vielverdienter Obmann Dr. Straucher alles anwenden, um die Sache einem guten Ende zuzuführen! Der arme vielgeplagte Moysa. Aus Zaleszczyki wird uns geschrieben: Am 10. August beehrte uns endlich der R. R. Abg. Moysa mit dem Rechenschaftsberichte über seine bisherige parlamentarische Tätigkeit. Es dürfte noch erinnerlich sein, durch welchen Terrorismus, mit welchen Wahlpraktiken und Schwindeleien Herr Moysa im Jahre 1907 das Mandat unseres 32. Wahlbezirkes erlangte. (Gewählt wurde tatsächlich der Gegenkandidat Dr.Nathan Birnbaum.) Zu dieser Versammlung wurden von der hiesigen Moschkoclique mit dem bekannten Blutreich an der Spitze, sämtliche Propinationsdiener, einige Schänker, Fleischhauer und sonstige Pacholekes, insgesamt 30 an der Zahl, als Claqueure in den Sokolsaal „aufgetrieben“. Es waren noch einige polnische Beamte zugegen, dazu kamen noch hier weilende Mittelschüler und sonstige Bürschchen. An dem Besuche der Versammlung war deutlich zu erkennen, daß die hiesige jüdische Bevölkerung den Herrn Moysa nicht als ihren gewählten Vertreter anerkennt und auch gar kein Verlangen hat, ihn anzuhören. Herr Moysa kennt die Stimmung der Wählerschaft zu gut. Auch merkte er an den Gesichtern der hinkommandierten Pacholekes, mit wem ers zu tun habe. Er spürte die Propinationsluft heraus. Dementsprechend war auch sein Bericht. Lauter Ironie und die reinste Frozzelei 1 Er begann vom Konflikte mit Serbien zu erzählen, von den Unruhen am Balkan, von dem Uebergange des Ministeriums Beck auf Bienert, kurz von Dingen, die man aus den Zeitungen kennt, nur nichts von dem, was er fürs Volk tat. Als Klubmitglied des „Kolo polskie“ war er ja stets auf Seite der Volksfeinde. Es berührte ihn auch höchst unangenehm, als ihm Gg. Herr Abraham Gottfried erwiderte: „Was Sie Herr Abg. erzählen, wissen wir schon längst aus den Zeitungen. Was aber haben S i e getan? ln den Zeitungsberichten war von ihrem Namen nie etwas zu lesen. Wo waren sie als die Resolution Schmid zur Abstimmung gelangte, zumal Sie einen jüdischen Bezirk vertreten? (Bei dieser Frage machte Blutreich die Zwischenbemerkung: „Gehens nach Palästina! 1“) Ihre Versprechungen, die einzigen, die Sie in ihrer Kandidatenrede zusagten, für Einführung eines beschleunigten Personenzuges auf der Strecke Zaleszczyki-Czernowitz, und für die Errichtung eines Gymnasiums in unserer Stadt einzutreten, haben Sie nicht erfüllt; also" was taten sie eigentlich für uns in der ganzen Zeit?“ Herr Moysa, ein alter Armenier, versteht den „Dreh“ großartig. Er schwefelte über alles Mögliche, „drehte“ hin und her, faselte herum, er arbeite seit 35 Jahren nur für Juden und wenn er bei einer Judendebatte nicht anwesend sei, so arbeite er als Abwesender mehr und besser als ein Anwesender. Ueber alles plapperte er, nur nicht über seine Tätigkeit. Schließlich sagte Herr Abg. Moysa: „Ich habe nichts genommen und habe nichts gegeben. (Ein netter Volksvertreter!) Meine Gesundheit kann ich nicht aufopfern, ich bin auch Familienvater und habe noch für so Manches zu sorgen. Schon längst hätte ich mein Mandat niedergelegt, aber" die Wähler lassen mich nicht.“ Die letzten Worte betonte er, ohne dabei zu lachen, wiewohl er vom Gegenteil überzeugt ist. Trotz des eingeheimsten Vertrauensvotums eines Teiles der „bezahlten Claque“, hat Herr Wir gingen nun einigemal die Herrengasse entlang, blieben vor den Auslagefenstern stehen und sprachen von neuen Romanen. Sie las nämlich damals Jakob Wassermanns „Renate Fuchs“. Um zwei Uhr etwa kehrte ich nach Hause zuzück, aß das kalt gewordene Mittagmahl und dachte daran, daß Horowitz nie mehr essen würde. Der Sohn der Hausfrau kam mittlerweile nach Hause. Bei der Nachricht von Horowitz’ Tode schüttelte er einigemal mit dem Kopfe, verschränkte die Arme und sprach ergebungsvoll: „Tja, was läßt sich da machen? . . . Mutter! ich bin hungrig.“- Am nächsten Tag um 2 Uhr waren wir zur Stelle: der Hausherr, die Hausfrau und ich. Der Hausherr hatte das Feiertagsgewarid, die Hausfrau ihre sammtene Pelernie angelegt, die wie sie unterwegs sagte, vom langen Liegen ganz verknittert und modrig sei und nun gelüftet werde. Wir gingen in den Spitalshof, doch fanden wir dort niemand. Als ich einen vorübergehendeil Wärter fragte, ob das Begräbnis nicht um zwei Uhr stattfinde, wußte er vorerst nicht, was ich meine, dann aber erwiderte er eilig: „Aha, Sie meinen den jungen Studenten. Der wurde schon begraben, schon vor einer Stunde.“ — „War Jemand bei seinem Begräbnis?“ — „ Nein, das haben die Aerzte verboten, sogar seine Kleider wurden verbrannt.“ Diese Nachricht erschütterte mich. Ohne Sang, ohne Klang wurde er zu Grabe getragen. . . Kein Freund, kein Bekannter gab ihm das letzte Geleite.. . Einsam, wie er gelebt, so wurde er auch begraben. . . Tränen traten mir in die Augen. Ich weiß nicht warum, aber ich schämte mich dieser Tränen. Ich wandte mich ab und trocknete sie. Dann aber sagte ich: „ Nun, was läßt sich da machen? . . . Geh’n wir nach Hause!“ — Der Hausherr blickte erst zu Boden und verzog das Gesicht, dann raffte er sich zusammen: „Komm!“ sagte er zu seiner Gattin; „schade daß wir gekommen sind.“ — Und schweigsam wateten wir durch den Straßenschmutz nach Hause. . . . Um jene Zeit führte ich ein Tagebuch. Darin notierte ich getreulich: „Gestern früh ist Horowitz gestorben. EigentlicH hat er nie gelebt. Er war ein Träumer und ein guter Junge. Mir war er wohlgesinnt und ich habe manche angenehme Stunde mit ihm verbracht“. Das war der Bericht in meinem Tagebuche. Am nächsten Tag kann Horowitz’ Bruder. Er wollte die Sachen, Kleidungsstücke und Bücher mit- Moysa aus den Worten der Herren A. Gottfried und Prof. Marczynski das Mißtrauensvotum herausgefühlt. Ja! Wir aus dem 32. Wahlkreise wollen einen wahren Volksvertreter, einen Maiin aus dem Volke, der zum Volke gehört, für*s Volk fühlt und die Leiden des Volkes kennt. Herr Moysa vergißt, daß die Zeiten vor 35 Jahren vorüber sind, die Schlachtaherrlichkeit aufhört. Er selbst ist bald der letzte Mohikaner der Armenopolen im Reichsrate, aus dem Parlamente ist ein Volkshaus geworden, und die ostgalizischen Juden sind kein Stimmvieh mehr, sondern Wähler! Möge Herr Moysa nach 35jähriger „ruhmvoller Tätigkeit“ seine Gesundheit schonen, lange seiner Familie erhalten bleiben und probieren, den Wählern ihren freien Willen zu lassen, die Wählerschaft ist lange noch nicht so schlecht, die Gesundheit des Herrn Moysa als Opfer zu verlangen. Wir, gleichviel ob Jud oder Christ, gönnen ihm ein ruhiges Privatleben. Ein Wähler für alle. Gohisblüten. (Der Tag von Trautenau. — Jossel Stern im katholischen Gesellenverein. — „Es is ja nur a Jud“.) Der Tag von Trautenau. Man schreibt uns aus Trautenau unter dem 21. August: ln diesen für die deutsche Jünglingsbrust so bewegtenTagen regnen förmlich die nationalen Schutz- und Trutzteste. Auch in Trautenau fand verflossenen Sonntags ein treudeutsches Fest statt. Der Bürgermeister forderte die Hausherren zur Beflaggung der Häuser auf und tat in seinem Aufrufe der „deutschen Einigkeit“ und „des gemeinsamen Feindes“ Erwähnung. Veranstalter der germanischen Feier war die feuchtfröhliche antisemitische Wiener Verbindung „Hercynia“. Nach des Tages bierehrlicher Mühsal wurde ein Abendbummel veranstaltet, um die „Deutsche Einigkeit“ gegenüber dem „gemeinsamen Feind“ zu beweisen. Wenn aber die Trautenauer Juden die Tschechen für diesen „gemeinsamen Feind“ hielten, so wurden sie sogleich eines besseren belehrt. Die Burschen — — schafter rempelten nämlich nicht die zahlreich promenierenden Tschechen an, sondern sie prügelten weidlich ein schwarzrot-goldenes jüdisches Kouleurbürschchen aus Prag durch, das hochbegeistert für die „völkische“ Sache mitbummelte. Die Prügelei war von den gemeinsten Beschimpfungen begleitet. Natürlich sprang dem „auchdeutschen“ Jüngling niemand bei — auch nicht die sogenannten „Liberalen“ der Stadt. Werden die deutschtümelnden Juden Trau tena u s durch diese ad oculos demonstrierte „deutsche Einigkeit“ gegenüber „dem gemeinsamen Feind“ klüger werden? Jossel Stern im katholischen Gesellenverein. Aus Budapest, 22. August, schreibt man uns: Luegers Augen haben wirklich in den letzten Jahren stark gelitten. Er sieht nicht einmal wie prächtig sich die verhaßten „Judävmagyaren“ geändert haben. Sie werden allmählich alle gut katholisch und christlichsozial. Der Staatssekretär im ungarischen Handelsministerium Josef Szterenyi (recte Jossel Stern), der | nehmen. Die Hefte ließ er mir zum Andenken. Beim Weggehen fragte er die Hausfrau leichthin: „Ist er Ihnen vielleicht etwas schuldig geblieben?“ Die Hausfrau machte ihr dummes Gesicht und sagte dann langsam, als ob sie im Geiste zusammenzähle: „Ich weiß nicht wieviel, ich glaube aber fünf Gulden. In der letzten Zeit habe ich nicht alles notiert.- Ich habe ihn ja wie eine eigene Mutter gepflegt“, schloß sie und fuhr mit dem Schürzenzipfel über die Augen. Ich stand abseits. Die Forderung der Wirtin empörte mich. Doch schnürte mir ein unerklärliches Etwas die Kehle zusammen. Ich sprach kein Wort, wiewohl ich Zeuge gewesen, daß der Verstorbene vier Tage vor seinem Tode die ganze Schuld beglichen hatte. Ich schwieg. Horowitz’ Bruder sagte nach einigem Nachdenken stockend: „Nu, ja, das werde ich begleichen“, und ging fort. Am nächsten Tage sprachen wir noch vom Verstorbenen. Einige Tage hindurch hieß es immer „In jenem Bette hat er geschlafen“ „so pflegte er zu sagen“. Mit der Zeit aber sprachen wir immer weniger von ihm und nach einem Monat war er vollständig vergessen. _■---