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Jüdische Zeitung · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 formung des Landtagswahlrechtes in der Bukowina wurde von der Permanenzkommission des Landtages einmütig bejaht. Es wurde hiebei ausdrücklich vorgesehen, jeder Nation im Lande, also den Ruthenen, Rumänen, Juden, Deutschen und Polen je einen besonderen nationalen Kataster zu gewähren. Nur läßt der Beschluß, soweit er den jüdischen Kataster betrifft, an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Denn es wurden — den nationalen Kataster als Grundlage angenommen—44 Volksmandate vorgesehen, je fünfzehn für Rumänen und Ruthenen, eines für die Polen und dreizehn kumulativ für Juden und Deutsche. Diese Vereinigung könnte den Anschein erwecken, als wären Juden und Deutsche in einem Kataster zu vereinigen. Es wäre daher meiner Ansicht nach richtiger gewesen, ebenso wie bei den anderen Nationen die Mandate für die Juden besonders und für die Deutschen besonders schon in der Permanenzkommission zu bestimmen. Die Frage hat in den Lokalblättern des Landes eine lebhafte Diskussion nach manchen Richtungen entfesselt. Die „Czernowitzer Allgemeine“ brachte zwei Artikel „von besonderer Seite“ (Der Verfasser hat sich bisher nicht genannt), in welchen den Juden das Recht, einen besonderen Kataster zu verlangen, bestritten wurde. Der Verfasser hat vor allem staatsrechtliche Bedenken, indem er hervorhebt, daß der Begriff Nationalität gesetzlich überhaupt nicht feststeht und die Juden als Nationalität überdies noch nicht anerkannt sind, vielmehr nach den geltenden Normen verfassungs- und verwaltungsrechtlich noch immer als Konfession anzusehen seien, Diese Ansicht wurde von jüdisch nationaler Seite im Czernowitzer Tagblatte und der Bukowinaer Post unter anderem auch mit dem trefflichen, Argumente bekämpft, daß das Gesetz überhaupt nicht definiert. Auch ich habe mich in dieser die ganze Judenschaft Oesterreichs bewegenden Frage zu Worte gemeldet, habe aber lediglich die Realisierbarkeit eines jüdischen Katasters in den Kreis meiner Erwägungen gezpgen, weil mir diese Seite der Frage, die praktische, viel wichtiger und der allgemeinen Diskussion bedürftiger schien, als die theoretische. Ich nehme aber keinen Anstand hier zu erklären, daß auch ich den nationalen Kataster dermalen für die einzig richtige Lösung der innerpolitischen Judenfrage halte, da eine bessere und wichtigere Grundlage für die Beteiligung des jüdischen Volkes an der Gesetzgebung nicht möglich ist. Die Ansicht, daß unsere Verfassungs¬ und Verwaltungsnormen lediglich die isramittellos, „wäre es am besten, wenn er ins Spital ginge. Dort würde er gute Behandlung finden,“ Horowitz aber sträubte sich dagegen. Er wollte nicht, ins Spital, um Versuchskaninchen für junge Assistenten zu sein. Ich redete ihm zu, indem ich ihm vorhielt, es sei doch besser in guter Luft, in einem freundlichen Zimmer zu liegen, als in dieser Stube, die feucht und dunkel ist. „Ganz anders ist’s wenn einem gar nichts fehlt, da sucht man die billigste Wohnung; man kann was ertragen; aber wenn man krank ist, tut man gut daran, ins Spital zu gehen“, sagte ich in überzeugendem Tone.' Er ließ sich überreden. Ich holte einen Wagen; Horowitz kleidete sich an, ich führte ihn bis zum Trittbrett, reichte ihm die Hand, wünschte ihm baldige Genesung und sagte scherzend: „Wir werden noch gewiß mitsammen den geräucherten Fisch aus Bayers Auslagefenster essen.“ inzwischen kam auch der Arzt aus dem Hause und fuhr mit dem Kranken davon . . . Nach drei Tagen kam die Nachricht, daß er tot sei und ich erinnerte mich an seine Worte: „Ich muß bald sterben“. Sein Kopf mit der langen Nase, mit dem roten Haarschopf, den tiefliegenden Augen und der hohen blaßen Stirne, stand plötzlich vor meinen Augen. Seine dünnen Lippen waren fest zusammengepreßt, das Gesicht fahl und ohne elitische Konfession kennen und nicht ein jüdisches Volk, ist durchaus nicht einwandfrei. Denn vor allem hat die offizielle Statistik noch zu Ende der 1860 er Jahre die Juden als Konfession und als Volk verzeichnet. Demnach waren auch in dem vom Unterrichtsministerium approbierten und somit offiziellen Lehrbuch der Statistik für Untergymnasien von Neuhauser, welches im Jahre 1867 am Staatsgymnasium in Czernowitz in Gebrauch war, die Juden unter beiden Rubriken angeführt. Das vom galizischen Landtag votierte und vom Kaiser sanktionierte erste Statut der Landeshauptstadt Lemberg enthielt die Verfügung, daß von den Gemeinderäten der vierte Teil Juden sein müssen. (Diese Bestimmung wurde nach Erlassung der Staatsgrundgesetze als mit demselben nicht mehr vereinbarlich eliminiert, wobei ich bemerke, daß seither die Zahl der jüdischen Gemeinderäte in Lemberg trotz des Polentums (richtiger Polentuns) der Juden dieses früher von der Gesetzgebung gewährte Mindestausmaß nie erreicht hat. Wozu denn auch? Da die Juden Polen sind, so bedürfen sie einer besonderen Vertretung in dem ohnehin polnischen Gemeinderate . nicht. Gerade diese Bestimmung läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Juden als „Volk“ und nicht als religiöse Genossenschaft angesehen wurden, weil der Gemeinderat nicht zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten berufen ist. Ist also meines Erachtens die Frage, ob die Juden dort, wo der nationale Kataster eingeführt wird, Anspruch auf einen besonderen nationalen Kataster haben, unbedingt zu bejahen, so bin ich des wichtigeren Teiles der Frage, ob nämlich die Aussichten der Erfüllung dieses jüdischnationalen Postulates dermalen günstige sind, keineswegs sicher! > Denn es läßt sich nicht leugnen, daß die Frage auch eine staatsrechtliche Seite hat, daß also deren Losung von größer reichspolitischer Bedeutung ist und nicht die Bukowina allein angeht. Wird nämlich bei Statuierung eines nationalen Katasters als Grundlage der Landtagswahlreform den Juden ein besonderer Kataster eingeräumt, so sind sie damit implicite als Nation anerkannt, weil der Kataster eben ein nationaler und nicht konfessioneller ist. Ich hege nun leider die Befürchtung, die Regierung werde in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, die ihr die Lösung der Nationalitätenfrage ohnehin bietet, nicht zur Anerkennung der jüdischen Nationalität verstehen wollen. Auch das größte Wohlwollen der Lokalregierung, welches ich als vorhanden an- Sommersprossen. So sah ich ihn im Geiste auf seinem Bette Hegen . . . „Hat man schon seine Eltern benachrichtigt?“ fragte ich meine Hausfrau. „Nein“, sagte sie; „wer soll es übrigens tun? — — Und dann — es ist besser wenn sie’s später erfahren. Zum Leichenbegängnis werden sie doch nicht kommen. Wozu ihnen Schmerz bereiten? Genug wenn sie nachher eine Stunde „Schiwe“sitzen werden.“ — „Und weiß es sein Bruder schon?“ fragte ich weiter. „Ja, der eben hat die Nachricht gebracht.“ — „Und wann ist das Begräbnis?“ — „Morgen um zwei Uhr“. Ich wußte nun alles. „Wollen Sie nicht essen?“ fragte die Wirtin. „Nein! ich werde später kommen“, entgegnete ich und ging in die Stadt. Ich wußte, ich würde dort Fräulein Hendes, welches ich damals liebte, treffen. Fräulein Hendes kannte Horowitz sehr gut und ich wollte ihr die Nachricht bringen. Ich ging über die Liliengasse. Das Trottoir war holprig und an vielen Stellen fehlten ganze Platten. In der Luft hingen Nebelfetzen und der Straßenschmutz war grau und jauchig. Ich schaute zu Boden, um womöglich trocken zu gehen und kam auf den Ringplatz, den ich in der Richtung zur Herrengasse durchquerte. Dort angekommen stampfte ich einigemale mit den Füßen, um den an den Schunehme, wird da nicht viel in Betracht kommen, da das entscheidende Wort der Natur der Sache nach bei der Regierung liegt. Ob nun der Minister gerade die Bukowinaer Landtagswahlreform für den geeigneten Anlaß erachten wird, diese dornige Frage zu lösen, möchte ich wohl wünschen, muß es aber leider bezweifeln. Denn die Reichsregierung muß die Frage aus dem Gesichtswinkel der Reichspolitik ansehen und sich sagen, daß die Anerkennung der jüdischen Nationalität, wenn sie einmal erfolgt, für alle im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder, also auch für Galizien Geltung haben muß. In Galizien aber stößt diese Erledigung der Judenfrage auf ein hartes „Nein“ der Polen. Für die Polen (und in diesem Belange sind alle Schattierungen des Polenklubs einig) gilt das Dogma: „in Galizien gibt es nur zwei Nationen: Polen und Ruthenen, die Juden sind Polen israelitischer Religion“. Dieses Dogma und die offizielle Statistik verhelfen den Polen zum offiziellen Nachweis, daß Galizien eine polnische Mehrheit hat, daher ein polnisches Land ist. Denn nur unter der Voraussetzung (die für uns nationale Juden ja falsch ist), daß die Juden den Polen zuzuzählen sind, hat Galizien 3A> Polen und -k Ruthenen. In der Tat ist aber die Schichtung so: die Landbevölkerung ist in Ostgalizien ruthenisch und in Westgalizien polnisch, die städtische Bevölkerung ist in beiden Landesteilen in überwiegendster Mehrheit jüdisch. Werden nun die achthunderttausend Juden des Landes als Nation anerkannt, so hat Galizien keine polnische Mehrheit und ist die These, es sei polnisches Land, ohne tatsächlichen und rechtlichen Hintergrund. Daß sich nun die Polen dagegen mit aller Macht sträuben werden, unterliegt keinem Zweifel. Und die Macht der Polen, deren Klub sich mit Stolz: „delegacya polska“ nennt, reicht weit. Es besteht dermalen in unserem Parlament keine Vereinigung, deren Einfluß an den des Polenklubs heranreichen würde. Unsere großen Politiker müssen also vorerst das Wohlwollen des Polenklubs zu gewinnen suchen, wenn sie den jüdischen nationalen Kataster durchsetzen wollen. Mit der wegwerfenden Bemerkung eines der Artikel des Czernowitzer Tagblattes „die Moschkojuden werden sich hoffentlich in diese Bukowinaer Angelegenheit nicht einmengen“ ist nach meinen bisherigen Ausführungen unserer Sache wenig geholfen. Denn vor allem wird der Polenklub die Moschkos nicht viel fragen. Es kann und soll aber den jüdischen Politikern der Bukowina nicht schwer fallen hen haftenden Straßenschmutz wegzuschleudem, dann blickte ich nach allen Richtungen, ob ich des Fräulein Hendes nicht gewahr würde. Richtig! da ging sie auf der anderen Seite und blieb vor einzelnen Auslagen stehen. Ich schritt auf sie zu und nachdem ich sie begrüßt hatte, war das das erste, was ich ihr sagte: „Fräulein, wissen Sie schon? . . . Horowitz ist gestorben“! — „Nicht möglich!“ — „Oh, ja, gewiß, heute früh ist er gestorben.“ — „Der Arme!“, sagte Fräulein Hendes. „Wer hätte es gedacht? Diesen Sommer war er noch gesund und schmiedete Pläne. Der Arme! Woran ist er denn gestorben?“ — „Ich glaube an Typhus und zwar an Kopftyphus“, entgegnete ich und versuchte eine traurige Miene aufzusetzen. — „Ja, ja!“ seufzte Fräulein Hendes, „der Tod ist unbarmherzig. Meinen Sie nicht, daß wir Menschen armselig sind?“ Ich konnte nur beipflichten. — „Wollen Sie zum Begräbnis kommen?“ fragte ich „ich würde Sie abholen.“ — „Ich weiß nicht.. was meinen Sie?“ — „Ich glaube wohl,“ sagte ich, „er war hier verlassen, ohne Bekannte, auch sein Bruder kümmerte sich wenig um ihn.“ — „Nein, es geht nicht,“ sagte Fräulein Hendes nachdenkend, „ich bekomme Kopfschmerzen davon und ihm nützt’s nicht. . . Haben Sie von Ihrem Bruder einen Brief erhalten?“ fragte sie unvermittelt.

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