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Jüdische Zeitung · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. - - . 35 -—-———-: : - v : ~-r—; ' “^ ~ ~1 ' ■ essen. Als Verfechter der nationalen Autonomie würden sie als Friedensbringer erscheinen und ihr Mandat an ein sehr hohes, allgemein menschliches Ziel wenden. Wir wünschen, daß sie diese Aufgabe erkennen und für sie all ihre Kraft einsetzen mögen. jüdische Großindustrielle - die keine Juden anstellen! ' Unter diesem Titel berichteten wir in Nr. 33 der Jüdischen Zeitung“ von der famosen Judensperre, die seit 10 Jahren in den Werken der Weltfirma Rothschild- Gutmänn eingeführt ist. Eine tabellarische Uebersicht, die wir unseren Ausführungen beifügten, gab über den Prozentsatz der Juden unter den Beamten des WitkowitzerEisenwerkes Aufschluß. Wir erhielten zahlreiche entrüstete Zuschriften, in denen die Zahlen dieser Tabelle einfach für unglaublich erklärt wurden. Vielfach wurde uns auch nahegelegt, genaue Erkundigungen einzuziehen, wie es denn in den anderen Werken Rotschilds und Gutmanns aussehe. Vielleicht — meinte mancher Briefschreiber — sei das krasse Mißverhältnis im Witkowitzer Eisenwerk nur zufällig und nicht beabsichtigt Wir müssen leider den verehrten Einsendern mitteilen, daß es in den anderen Betrieben ebenso — wenn nicht noch ärger — bestellt ist. Die beiden tieferstehenden Tabellen, die zwei andere Unternehmungen der genannten jüdischen Großkapitalisten betreffen, beweisen das nur allzu deutlich. Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft. Eigentümer: Rothschild-Gutmänn. Betrieb Beamten Gesamtzahl Juden Direktion ...... 37 Louisenschacht .... 3 Tiefbau. 4 Karolinen- und Salmanschacht . 4 Theresienschacht. ... 4 Idaschacht . 2 Bettinaschacht .... 3 Eleonöräschacht .... 2 Koksanstalt Karolinenschacht .. 2 Koksanstalt Theresienschacht ...... 2 Koksanstalt Eisenwerk ._1_ 64 7 1 8 Steinkohlenbergbau Orlau^Lazy und ' Porembg. Eigentümer: Gebrüder Gutmann. r a + -; o t. Beamten ts e t r i e o Gesamtzahl Juden Direktion . .... . 16 1 Hauptschacht ..... 4 — Neuschacht. ..... 4 — Sofienzeche ..... 2 — Schacht in Nieder-Suchau 1 — Koksanstalt Lazy . . . 2_1_ "29 12 Wir bemerken aber ausdrücklich, daß sich diese Ziffern nur auf das technische Personal, nicht auch auf das administrative beziehen. Denn unter den administrativen Beamten finden sich im erstgenannten Betriebe nur vier Juden, im zweitangeführten aber gibt es keinen einzigen! Oft schon hat man sich darüber aufgehalten, daß Herr Janotta, der Hort der schlesischen „Israeliten“, der gehätschelte Liebling der Troppauer deutschliberalen Juden, in seiner Zuckerraffinerie prinzipiell keine Juden beschäftigt und daß auch einer zweiten „fortschrittlichen“ Größe Schlesiens, Herrn Miller von und zu Aich holz, als Fabriksherrn die Konfession keineswegs „Nebensache“ ist, — seine 250 Beamten sind Arier unter sich. Jetzt wissen wir, wo sie in die Schule gegangen sind. Vom Rotschild und Gutmann haben sie’s gelernt! Zionistische W ochenschau. Es wird jetzt erst bekannt, daß Prof. Warb u r g in aller Stille am 20. Juli d. J. seinen 50. Geburtstag gefejert hat. Ei entspricht seinem vornehmen, allen lauten Demonstrationen abholden Wesen, daß die Oeffentlichkeit von der Feier nichts erfuhr. Er wird es aber nicht verhindern können, daß seine zionistischen Kampfgenossen 'sich nachträglich mit ihren aus vollstem'Herzen kommenden Glückwünschen einstellen. Es kann heute noch gar nicht ermessen werden, was Warburg für unsere Sache bedeutet. Hat Herzl der ersteh Epoche des Zionismus seinen Stempel aufgedrückt, so wird es immer klarer, daß die zweite „unter dem Zeichen Warburgs steht. Hat Herzl durch seine Impetuosität die Massen begeistert und mitgerissen, so hat Warburg durch stille, stetige, anfangs kaum beachtete Arbeit nach und nach den Palästinismus, d: h. den Gedanken einer Realisierung.des Zionismus durch.Evolution in Palästina zur herrschenden Grundidee des Zionismus von heute gemacht Von Anfang an hat Warburg die Charteridee bekämpft, er hat schon am VII. Kongreß den Territorialismus als „Spuk“ bezeichnet und sich bemüht, trotz der winzigen Mittel, die ihm zu Gebote standen, eine praktische Palästinaarbeit zu inaugurieren. Die großen „Politiker“ spotteten damals über deren ^Kleinlichkeit“, inzwischen aber haben ihre eigenen großen Ideen sich als Utopien erwiesen, indes Warburgs Palästinaarbeit immer wichtigere Probleme löst Eben jetzt hat sie den größten Schritt getan, der für die palästinensische Kolonisation nötig war. Sie hat aus der Development Cy. eine Änsiedlungsgesellschaft geschaffen und damit das Instrument, mit , dem der Zionismus endlich prakti-r sehe Kolonisation im großen Stile und nach modernen Methoden betreiben wird. Der-früher so verspottete „Warburgianismus“ hat auf der ganzen Linie gesiegt. Mit Dankbarkeit und Verehrung sieht das jüdische Volk auf Otto Warburg. Schätzen wir uns glücklich, daß der Zionismus im geeigneten Zeitpunkte wieder den geeigneten Mann gefunden hat. * * * Indes Warburgs Idee einer Evolution in Palästina den vollen Sieg davongetragen hat, leiden wir noch unter dem letzten Erbstück, das uns die selige Charteridee hinterlassen hat. Die Worte im Baseler Programm „öffentlich-rechtlich gesichert“ passen nicht mehr auf die geänderte Situation in der Türkei und machen diese mißtrauisch. Schon vor Jahresfrist verlangten Wiener Zionisten, daß das EAC eine authentische Interpretation des Baseler Programms erlasse. Daß dies nicht geschehen ist, rächt sich jetzt bitter. Auf dem Wege eines Interviews hat Wolffsohn jetzt erst bei seiner Anwesenheit in Konstantinopel der türkischen Oeffentlichkeit erklärt, daß die Worte „öffentlichrechtlich“ keinen Sinn mehr haben. Es wäre aber der Bedeutung der Bewegung entsprechender, wenn diesbezüglich eine offizielle Erklärung öffentlich abgegeben würde. Jedenfalls muß die Frage derAenderung des Baseler Programms den nächsten Kongreß beschäftigen. * * * Ist am-9. Ab in aller-Welt der Fall Jerusalems beklagt worden, so ist in Palästina dieser Tag kein Tag bloßer Trauer mehr. Neues jüdisches Leben sprießt dort allerorts hervor. So ist am 10. Ab dieses Jahres der Grundstein für den Bau des H ebräischen Gymnasiums in Jaffa gelegt worden. Das vom Nationalfpnds gespendete Grundstück bildet einen der schönsten ’ und höchstgeiegenen Plätze des neuen jüdischen Stadtviertels und gewährt einen wunderschönen Ausblick auf das Meer und die Berge Judas. Das Gymnasium wird „Herzlia“ heißen. Es wird ein wichtiges Glied in der Kette der nationalen "kulturellen Unterrichtsanstalten bilden, die in so rascher Folge jetzt auf dem Boden Palästinas entstehen. Der jüdische Kataster.*) Von Dr. Isaak Kohn, Sereth. Die Frage der Notwendigkeit und Nützlichkeit des nationalen Katasters bei Um- *) Wir veröffentlichen diese interessanten Ausführungen des geschätzten Autors, ohne uns mit ihnen in allen Punkten zii indentifizieren. (Anm. d. Red.) Ein Päckchen Tabak um eine Krone liefert zumindest 150 Zigaretten, das Zigarettenpapier hiezu kostet zwei Kreuzer, zusammen also 52 Kreuzer. Um dieses Geld hätten wir beim Einzelkaufe bloß 52 Zigaretten,' die gewiß nicht so gut sind, wie die selbstgemachten.“ Horowitz folgte meinen Ausführungen, nickte einigemal zustimmend mit den Kopfe, lächelte hinterdrein und sagte: „Ich werde gewiß bald sterben und nichts kann mich davor erretten.“ Ich lachte, schalt ihn einen Hasenfuß und sagte ihm, er möge auf Gott vertrauen. Da machte er eine abwehrende Handbewegung und mein.te: „Plage mich nicht mit Deinem Gotte, den kenne ich nicht!“ Ich war an solche Äußerungen aus seinem Munde gewöhnt, entsetzte mich darüber nicht mehr, sondern hielt ihm nur vor, sich der Gnade Gottes zu empfehlen, wenn er wirklich glaube, sterben zu müssen. „Das wäre Feigheit!“ fiel er mir in die Rede, „übrigens, lassen wir das, , ruf lieber die .Quartiersfrau!“ Ich rief die Frau herein. Horowitz bat mich, die Rechnung zusammenzustellen; sie lautete: Quartiergeld für acht Tage zwei Gulden, fünfmal Milch 15 Kreuzer, einmal Nachtmahl 25 Kreuzer, bar 10 Kreuzer, zusammen 2 Gulden 50 Kreuzer. „Eine runde Summe“, meinte die Quartiersfrau grinsend. Horowitz zog seine Geldbörse unter dem Kissen hervor und zahlte der Hausfrau mit einem neuen Fünfkronenstück. Die Wirtin glotzte das Geldstück an, schüttelte aber dann mit dem Kopfe: „Ja, ja,“ sagte'sie, „fünf Kronen sind dritthalb Gulden.“ Horowitz entgegnete nichts, legte die Börse an den ursprünglichen Ort, nahm das von mir geschriebene Schriftstück, faltete es zusammen, tat es unters Kissen und bat mich, ich möge zu seinem älteren Bruder gehen und ihn ersuchen, daß er am Abend komme. Ich nahm meinen grünen Ueberzieher, der über einem Stuhle hing, richtete zuerst das Aermelfutter, das beim Anziehen immer hervorkroch, setzte meinen Hut auf, der schwarz und breitrandig war und den ich noch vor einem Jahre um zweieinhalb Gulden erstanden hatte. Hierauf sagte ich Horowitz, er möge ruhig liegen bleiben, sich gut einhüllen und von der Hausfrau einen Tee mit Zitrone machen lassen. Dadurch würde er ins Schwitzen geraten und sobald er schwitze, so sei er schon geheilt. Dann ging ich., zu seinem Bruder. ins Bureau, richtete Horowitzs Bitte aus und begab mich hernach zu einem Kameraden, mit welchem ich französisch studierte. Am nächsten Morgen klagte Horowitz über ein sonderbares Hämmern im Kopfe. Ich riet ihm, einen Arzt holen zu lassen. Anfangs wollte er davon nichts hören. Die Aerzte verstünden gar nichts, sie lebten von der Dummheit der Menschen, meinte er. Auf mein Zureden willigte er ein und ich ging nun zum Dr. Hönich, einem jungen Arzt, welcher großen Ruf genoß. Dr. Hönich war nicht zu Hause. Der Diener ließ mich die Adresse auf eine schwarze Tafel schreiben. Ich tat das und ging nach Hause. Nach kaum einer Stunde kam der Arzt, ein junger, aber ziemlich behäbiger Mann. Er putzte seinen goldenen Kneifer, rieb sich die Hände, legte den Zylinder mit der flachen Seite auf einen Sessel, hüstelte ein wenig und fragte den Kranken: „Was fehlt ihnen?“ „Kopfschmerzen“, war die Antwort. „Zeigen Sie die Zunge!“ entgegnete der Arzt. „Belegt“, lautete der Bescheid. „Haben Sie vielleicht ein Kaffeelöffelchen?“ wandte er sich dann an mich. Ich holte aus der Küche ein silbernes, ausgewetztes Kaffeelöffelchen. Der Doktor steckte es dem Kranken in den Mund, ließ ihn einigemale „Ah“ sagen und schüttelte mit dem Kopfe. Er legte die Stirn in Falten und blickte angestrengt zu Boden. „Typhus im Anzuge“ sagte er nach einer Weile. Und nun folgten Fragen: was Horowitz sei, ob er sich zu Hause sorgsame Pflege angedeihen lassen könne, wer mit ihm zusammen wohne und ob er schon lange über Kopfschmerzen klage. „Dann“, meinte der Doktor, als ich ihm erzählt hatte, Horowitz sei

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