Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NFITIDNFIL-JLEDI5[IHE5 DRERN bbbbsbbbbbbbbtbbbbbbbbbb Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: LJ(., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt— Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K5-, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjityir. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplarer20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 35. Wien, Freitag den 27. August 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Nation alitätenkampf. Jüdische Großindustrielle, die keine Juden anstellen. Der jüdische Kataster. Von Dr. Isaak Kohn. Golusblüten. Probleme der jüdischen Wanderung. Von Maxim A n i n. Zionistische Wochenschau. ■ Sommer. Gedicht von Beda. Feuilleton:Einsames Sterben. Von M.Waldmann. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. Parteinachrichten. Palästina. u'f: Ueberläufer. N ationalitätenkampf. Wie ein roter Faden zieht sich durch das österreichische Verfassungsleben der; Streit der Nationen untereinander und ihr Kampf um den Staat. Diese Kämpfe als bloßen Wahnwitz zu verdammen, wäre ebenso : töricht, wie sie nach Art der Sozialdemokraten einzig und allein auf bürgerliche; Demagogie zurückzuführen. Jedes Indivii duum — und auch eine.. Nation ist ein j solches — -hat den Wüten 'zur Macht, zur 1 Alleinherrschaft.. Diesen Gedanken Nietzsches hat der jüngst verstorbene große Staatsrechtslehrer Gumplowicz, ein Jude, mit Erfolg in die Soziologie eingeführt, und : wir brauchen nur um uns zn blicken, um die Wahrheit dieser Idee zu erkennen. Der Wille zur Macht, der Kampf um die Macht, das sind Aeußerungen. eines gesunden, aii Stärke wachsenden Körpers. Und wenn Oesterreich trotz der Riesenfortschritte, die es in jeder Beziehung in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, durch die Kämpfe seinerNationen vielleicht an noch größerem Fortschritt gehemmt wurde, so haben diese Kämpfe selbst ihren Grund in der wachsenden Kräftigung der einzelnen Nationen. Wir sind aber jetzt so ziemlich an dem Punkte angelangt, wo die Kräfte der gro- Sommer. In brausendem Licht, in jauchzenden Farben. Liegt sommerselig das trunk’ne Land, Wie zitternde Seide leuchten die Garben, Wie flüssiges Silber umspült es den Strand. Ich möchte steh’n mit gebreiteten Armen Tiefmitten im goldigglühenden Grün, Um all den Segen, den wonnigen, warmen Duft-Atem der Reife in mich zu zieh’n! War das ein Stürmen in Frühlingstagen! Wie peitschte der Frost das weinende Land — Sie ließen es stürmen und wetterschlagen Und streuten Samen aus schwieliger Hand. Nun jubelt es nieder von Halm und Aesten, Von Wohnen und Sonnenwogen durchrollt . . . Seht, Jungen, und sät! Den Frühlingsfrösten Entkeimt der Reife tieffunkelndes Gold. Beda. ßen Nationen einander ebenbürtig und die kleinen Nationen so selbstbewußt geworden sind, daß auch sie mit allen gesetzlichen Mitteln — und selbst die Obstruktion ist ein solches — ihre Forderungen durchzusetzen wissen. Der Kampf der Nationen kann heute keiner etwas bringen und keiner etwas nehmen. Daher ist er unfruchtbar, lähmt die Gesetzgebung und droht, den Parlamentarismus in Oesterreich ad absurdum zu führen. Dpr Absolutismus oder zumindest dieDiktatuf von oben steht vor der Tür. Schon die Haltung des Ministeriums Bienerth ist ein Anzeichen dafür. Der Konseilspräsident erklärt fortwährend, daß sein Kabinett kein parlamentarisches ist, daß das Parlament selbst seine Lebensfähigkeit erweisen muß ofler nach Hause geschickt wird, daß er siclj keine Konzessionen abzwingen läßt et?. Das ist die Vorstufe des Absolutismus, yvelcher in dem durch nationale, soziale uncj wirtschaftliche Kämpfe zerklüfteten OesJerreich mehr Chancen hat, als in Westeqropa. Angesichts dieser Gefahr erfordert es das höhere Interesse det;- VöHcer Oesterreichs, einen nationalen GeherafFfieden zu schließen. Ein solcher kann nicht durch Ausgleiche, Konzessionen oder dergleichen Hausmittel aus der gräflich Taaffschen Küche geschaffen werden, sondern nur durch völlige Ausschaltung der nationalen Kämpfe aus dem Zentralparlament und den Landtagen, durch nationale Selbstregierung der Völker — durch die nationale Autonomie. Dieser Gedanke Fischhofs ist in jüngster Zeit namentlich durch sozialdemokratische Publizisten, — Renner und Bauer, — weitergebildet worden, wenn auch die sozialdemokratische Partei, wohl aus Angst vor ihrer tschechischen Fraktion, den Kampf für die nationale Autonomie zurückgestellt hat. Hier einzuspringen, wäre eine historische Aufgabe der Abgeordneten des Jüdischen Klubs. Wenn diese vier Männer den Gedanken der nationalen Autonomie im Parlament leidenschaftlich verfechten, wenn sie mit Energie dieses Postulat in allen GauenOesterreichs vertreten würden, dann müßte sich der zur Verwirklichung reife Gedanke durchsetzen. Die jüdischen Abgeordneten würden dadurch nicht nur dem Staate einen großen Dienst leisten, sie würden auch dem jüdischen Volke in doppelter Beziehung nützen: Moralisch, indem sie zeigen würden, daß das jüdische Volk und seine wahren Vertreter das abscheuliche, völkerverhetzende Treiben der jüdischen Assimilanten nicht mitmachen, sondern im Gegenteil für den nationalen Frieden eintreten, und effektiv, weil mit der nationalen Autonomie auch die j ü d ische Autonomie gegeben wäre, diese Voraussetzung für eine Gesundung des jüdischen Volkes in Oesterreich. Man sage nicht, vier Männer seien keine Macht. Gewiß sind sie das nicht. Aber die Macht liegt in dem Gedanken selb.st. Ein einziger Mann schon-kann UneridfichesTeisten,’wenn er einerfiäftfgeIdee vertritt. Man denke an die exzeptionelle Stellung Fischhofs, an den Kampf Schöffels um den Wienerwald, an alle. Pioniere auf politischem und sozialem Gebiete. Die Zahl waris nicht — der Gedanke warb die Zahl! Man hat den zionistischen Abgeordneten den lächerlichen Vorwurf gemacht, daß sie sich auf das „enge“ Gebiet der rein „jüdischen“ Interessen beschränkten, obzwar das jüdische ihres Programes nur die nationale Differenzierung angibt, ebenso wie „deutsch“-freiheitlich oder „tschechisch “-progressiv. Die jüdischen Abgeordneten sind eine jüdische Freiheitspartei, sie waren ebenso zur Stelle, als der Kampf um die Freiheit der Wissenschaft tobte wie bei der Verteidigung jüdischer Inter» Einsames Sterben. Eine Erinnerung von Moses Waldmann. Seide Horowitz war gestorben. Diese Tatsache stand fest. Er starb drei Tage, nachdem er ins Spital aufgenommen wurde, an einem trüben Vormittage eines Herbstsamstags. Ich war in der Schule und erst als ich um zwölf Uhr nach Hause kam, erzählte man mir davon. Horowitz hatte in einem Zimmer mit mir gewohnt; wir pflegten gemeinsam unsere Mahlzeiten einzunehmen und resigniert die Unordnuug und den Schmutz unserer Wohnung zu ertragen. Nun, da er tot war, traf mich die Nachricht nicht wie eine Trauerbotschaft, sondern mir fielen seine Worte ein, als er mir sein Testament diktiert hatte. Er sagte damals, er sei überzeugt, daß er bald sterben werde und daß ihn nichts vor dem Tode retten könne. Ich hatte dabei gelacht; nur weil ich von Natur aus Vorliebe für romantische Situationen habe, setzte ich mich an den Tisch, nahm einen halben Bogen Papier, schrieb als Ueberschrift „Letzter Wille“ und sagte: „Jetzt kannst Du diktieren“. Er besann sich eine Weile und hub an: „Ich besitze 45 Gulden, einliegend auf den Namen Seide Horowitz. Dieser Betrag möge meinem Onkel, der eine Tochter zu verheiraten hat, übergeben werden. Weiters wünsche ich, daß man meine Kleidungsstücke meinem jüngeren Bruder schicke. Die Uhr schenke ich Dir, als meinem Zimmerkollegen. Meinen älteren Bruder, die Eltern und die Schwestern lasse ich grüßen und bitte den Vater um Verzeihung, daß ich gegen seinen Willen in eine weltliche Schule eingetreten bin und die religiösen Gebote nicht erfüllt habe.“ Nachdem ich das in möglichst deutlicher Schrift niedergeschrieben hatte, verlangte Horowitz, daß ich’s ihm vorlese, worauf er sich mühsam im Bette aufrichtete und das Schriftstück mit vollem Namen unterfertigte. Die Schriftzüge waren undeutlich. Das rührte indes nicht von seiner Schwäche her, sondern von der unbequemen Lage, in welcher er sich beim Schreiben befand. Jetzt erst sagte ich ihm, daß er nicht sterben werde; an Kopfweh sei noch niemand gestorben. Er werde bald gesund werden und dann müsse er erstens die geräucherten Fische, welche wir beim Bayer, einem Delikatessenhändler en gros, im Auslagefenster gesehen, zweitens um eine Krone Tabak kaufen, damit wir nicht immer einzelweise Zigaretten besorgen müßten. „Denn“, fügte ich hinzu, „bedenke;