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Jüdische Zeitung · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Assimilationspolitik zeigt sich natürlich auch in jedem Credo eines tschechischen Juden. Wir begreifen die Nervosität der tschechischen Juden, die infolge der stetigen Zunahme unserer Anhänger den Boden unter ihren Füßen immer mehr schwinden sehen. Eine christlich-soziale Gemeinbürgschaft. Dr. K. Je mehr wir uns der Herbstsaison nähern, um so intensiver werden die Bestrebungen, das österreichische Abgeordnetenhaus wieder arbeitsfähig zu machen. Mißlingen alle diesbezüglichen Versuche, dann wäre früher oder später die Auflösung des österreichischen Abgeordnetenhauses und die Etablierung eines Regime des § 14 unvermeidlich, ein für unsere Parlamentarier gewiß sehr unerfreuliche Aussicht. Daher rühren die verschiedenen Bestrebungen, eine neue parlamentarische Majorität und eventuell ein neues parlamentarisches Koalitionsministerium zu Stande zu bringen; ein Zweck, der in letzter Linie auch der vom Wortführer des Polenklubs, dem Abg. Dr. Glombinski, veranstalteten Verständigungsk.;nferenz zu Grunde lag. Bei dem Umstande aber, daß es in allen parlamentarischen Klubs kriselt, ist die Bildung einer parlamentarischen Majorität nicht nur durch die Zersplitterung des Abgeordnetenhauses in zahllose Fraktionen, sondern auch durch die innerhalb derselben herrschende Zerklüftung sehr erschwert. Die Stellung der „Polnischen Volkspartei“ im Rahmen des Polenklubs ist ein Schulbeispiel dafür; sie mag nicht in letzter Linie gerade den Abg. Dr. Glombinski zur Einberufung einer Verständigungskonferenz veranlaßt haben, zu der — was für unsere Verhältnisse sehr bezeichnend ist, — der Obmann des „Jüdischen Klubs“ nicht eingeladen wurde. Sollte dies etwa eine Konzession an die Christlichsozialen sein, zu denen der Polenklub sich immer mehr hingezogen fühlt? — Es liegt eben eine christlichsoziale Gemeinbürgschaft der verschiedenenNationaljtäten inder Luft und die verbohrte chauvinistische Politik der „Freisinnigen“ im deutschen, slawischen und magyarischen Lager ebnet einer alle Nationalitäten umfassenden christlichsozialen Parteibildung in Zis- und Transleithanien die Wege. Die Notwendigkeiteinersolchen christlichsozialen Gemeinbürgschaft hat neulich erst die „Freistatt,“ eine in Wien erscheinende christlichsoziale Revue, mit Rücksicht auf dje Notwendigkeit einer österreichischen und SQzialreformatorischen Reichsratsmehrheit in einem sehr bemerkenswerten Leitartikel erörtert. In diesem Artikel wird ausgeführt, daß sowohl im deutschem wie im slawischen Lager zu disparate Elemente zusammengewürfelt seien, die schon mit Rücksicht auf die große Verschiedenheit in ihren politischen und wirtschaftlichen Anschauungen auf die Dauer keinen einheitlichen deutschen oder slawischen Block bilden können. Da überdies derzejt weder eine Majorisierung der Deutschen, noch eine solche der Slawen mehr möglich und auch mit den österreichischen Reichsinteressen unvereinbar sei, so müsse eine neue Mehrheit des Abgeordnetenhauses auf anderen Grundlagen gebildet werden. Eine solche müßte darum in erster Linie die Christlichsozialen der verschiedenen Nationalitäten umfassen, weil diese weder zum Pangermanismus noch zum Panslavismus neigen und die Vorkämpferin einer großzügigen Sozialreform für alle produzierenden Stände — frei vom einseitigen Klassenstandpunkt — seien. Diese Darlegungen sind vom jungjüdischen Standpunkte entsprechend zur Kenntnis zu nehmen. Denn, wenn auch momentan verschiedene nationale Hindernisse der Bildung einer christlich-sozialen österreichischen Gemeinbürgschaft entgegen stehen - die Bildung einer solchen ist doch nur eine Frage der Zeit und wir müssen uns rechtzeitig darauf einrichten. Man überblicke doch nur die politische Situation! Wenn in Oesterreich parlamentarisch regiert werden soll, so muß eine parlamentarische Majorität gebildet werden — wohl gemerkt, keine einseitig nationale, die sofort eine Obstruktion zeitigt — sondern eine Mehrheit, bestehend entweder aus den „Freisinnigen“ oder aus den konservativen Elementen der verschiedenen Nationen. Da nun die „Freisinnigen“ bei Deutschen, Slawen, Romanen und Magyaren infolge ihrer unsinnigen Nationalitätenpolitik zu keiner Einigung gelangen können, so ist die logische Konsequenz: Entweder eine konservativ-christlichsoziale Mehrheit, oder — der vollständige Bankerott des österreichischen Parlamentarismus und derUebergangder latenten Verfassungskrise in eine akute. Traurige Auspizien für die Entwicklung des Staates und für die Juden insbesondere! Umso trauriger, als dies die letzte Konsequenz des Pseudoliberalismus ist, dem das assimilatorische Judentum noch immer Heerfolge leistet, jenes unechten Liberalismus, der in der Residenz den christlichsozialen Antisemitismus großgezogen und neuerlich durch eine chauvinistische Bekämpfung der Tschechen doppelt entfacht hat. Die „Neue freie Presse“ hat den 12. August, den Tag der Uebernahme der Staatsgeschäfte durch Graf Ta affe einen „traurigen Gedenktag“ genannt, „an dem die Wirksamkeit jenes Regierungssystems in Oesterreich begann, an welches sich die traurigsten Erinnerungen der fortschrittlichen Deutschen Oesterreichs knüpft“. Wahrhaftig, die „Neue freie Presse“ täte gut daran, nicht alte Wunden aufzureißen und nicht daran zu erinnern, wie sie mit ihrem assimilatorischen Anhang die Demokratie erdrosselt hat, wie sie mit den infamsten Mitteln die Entstehung einer alle Nationen umfassenden „österreichischen Volkspartei“ entgegenwirkte und die christlichsoziale Bewegung großfütterte. Nicht Taaffe allein trägt Schuld daran, daß die natürliche Entwicklung des österzeichischen Einheitsstaates unterbunden und dem Hurrahnationalismus und der Reaktion Tür und Tor geöffnet wurde. Das ist eine plumpe, historische Fälschung. Die „Deutschfreiheitlichen“ sind seine Mitschuldigen und sie sind die Pionniere der drohenden christlichsozialen Gemeinbürgschaft! Aus dem jüdischen Leben. Antisemitismus in Kurorten. Aus Gräfenberg, 14. d., wird uns geschrieben: „Zu den von Juden meist besuchten Kurorten gehört auch das Bad Gräfenberg in Schlesien. Man sollte meinen, daß in einem solchen Badeorte, dessen Besucher vorwiegend Juden sind, von Antisemitismus nichts zu spüren sei, doch weit gefehlt! Schon im vorigen Jahre sahen sich mehrere Gesinnungsgenossen genötigt, gegen das antisemitische Vorgehen der Kurkommission Stellung zu nehmen, leider scheint diese Mahnung auf die Kommission keine Wirkung geübt zu haben, denn sie setzt ihre antisemitische Politik unbeirrt fort, was auch aus folgendem hervorgeht: Vor einigen Tagen richteten mehrere Gg. an die Kurkommission das Ersuchen, den Kursaal zur Veranstaltung eines jungjüdischen Vortragsabends zu überlassen. Während die Kurkommission sonst den Saal für j e d e Veranstaltung zur Verfügung stellte, verweigerte sie ihn den Zionisten ohne jede Begründung. Darüber sowie über andere antisemitische Stückchen der Kurkommission bezw. des Kurkommissärs herrscht unter den Kurgästen große Erregung. Die beste Antwort an die Herren Antisemiten von Gräfenberg, welche ungeniert ihr judenfeindliches Treiben fortsetzen, wäre der Boykott dieses Kurortes.“ Die Schenkerfrage in Galizien. Aus Lemberg, 16. d., wird uns geschrieben: Bekanntlich erlischt im Jahre 1911 das galizische Propinationsgesetz und alle Schenker müssen um neue Konzessionen ansuchen. An dieser Frage sind die jüdischen Schenker, in deren Händen sich dieses Gewerbe befindet, stark interessiert, ln der letzten Zeit waren Gerüchte verbreitet, daß manche fachlich nicht ausgebildete Protektionskinder von den Behörden Schankkonzessionen erhalten haben, während die Gesuche vieler jüdischer Schenker mit der Begründung, daß sie verfrüht sind, zurückgewiesen wurden. Viele Schenker der Provinz wandten sich daher an die Leitung des Landesschenkerverbandes um Aufklärung und mit der Auffordernng gegen diese Protektionswirtschaft bei den maßgebenden Kreisen Protest zu erheben. Das Präsidium des Verbandes wandte sich an die Lemberger Handelskammer mit der Bitte, sie möge als berufener Faktor zu gunsten der Schenker intervenieren und eine Enquete, die sich mit der Frage der Verteilung der Schenkerkonzessionen zu befassen hätte, einberufen. Der Handelskammerpräsident sicherte die Erfüllung dieser Wünsche zu und beordnete den Sekretär der Handelskammer, die Deputation des Verbandes in die Statthalterei zu führen und dort Aufklärung über diese für tausende jüdische Familien hochbedeutsame Frage zu verlangen. In der Statthalterei wurde der Deputation erklärt, daß vorläufig keine Konzessionen erteilt wurden und daß man den Einreichungstermin für Gesuche um Schenkerkonzessionen rechtzeitig bekannt geben wird. Die Enquete in Angelegenheit der Schenkerkonzessionen wird anfangs September unter Beteiligung der Handelskammer und des Schenkerverbandes stattfinden. Am Tage der Eröffnnng des galizischen Landtages wird in Lemberg ein von allen Orten Galiziens beschickter Schenkertag stattfinden. Von der „Teufelsinsel.“ Aus New York wird geschrieben: Das „Freie“ Amerika hat nun auch seine „Teufelsinsel“. Das ist nämlich der Name, welcher von den armen Immigranten, der dem New Yorker Hafen vorgelagerten Insel Ellis Insel, beigelegt worden ist, auf der die hochnotpeinliche Untersuchung derer vor sich geht, welche an der Pforte der Neuen Welt Einlaß begehren. Die schikanöse Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen über die Abweisung „unerwünschter“ Einwanderer ist gerade in unserer Zeit häufig Gegenstand der öffentlichen Erörterung gewesen und die gerechte Entrüstung aller human Gesinnten hat auch in der freiheitlichen Presse des Auslandes kräftigen Widerhall gefunden. Wie erfinderisch die Not der Aermsten häufig macht, welche, so nah dem Ziele ihrer recht bescheidenen Sehnsucht, erbarmungslos zurückgestoßen werden, das zeigt die immer zunehmende Zahl der „Expreß“-Trauungen, die in den Räumen der Einwandererstation vorgenommen werden, um den nachgekommenen Bräuten die Landung zu ermöglichen. Die Fälle, in denen junge jüdische Burschen sich von der Seite ihrer Bräute reißen, um sich und ihrer Erwählten unter unsäglichen Entbehrungen in der Neuen Welt eine bescheidene Existenz zu gründen, zählen zu den rührendsten Szenen in der gewaltigen Tragödie der jüdischen Wanderung und finden durch dieses neue Produkt des „Amerikanismus“ einen recht prosaischen, unwürdigen Abschluß. Während im allgemeinen die unwirtlichen Einwandererhallen nur Zeugen der profanen, standesamtlichen Trauungen wurden, bildet eine solenne synagogale Trauung die neueste Sensation im Leben der Insaßen von Ellis Island. Ein junger Jude, Sam. Maislik, der vor ein oder zwei Jahren hier landete, war kürzlich in der glücklichen Lage von seinen Ersparnissen so viel zu erübrigen, um seiner Verlobten din Billet für die Ueberfahrt einzusenden. Da sie selbst als alleinstehendes Mädchen nicht genügend Existenz-Mittel aufweisen konnte, wurde sie zunächst von der ihres Amtes mit voller Strenge waltenden Behörde zurückgestellt. Das einzige Mittel, die Landung doch noch durchzusetzen, war die „Not-Trauung“. In aller Eile beschaffte man von der „Ost-Seite“ einen Rabbiner, der, mit allen Zeremonialgeräten versehen, auf Ellis Island erschien, um die Trauung vorzunehmen. Zehn zur Heimfahrt „verurteilte“ Juden

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