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Jüdische Zeitung · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 34 Meinung in der Türkei über die wahren Ziele des Zionismus und vorbereitende Schritte zur Erlangung der Zustim m un g der türkischen Regierung, die nötig ist, um das Ziel des Zionismus zu erreichen.“ Wir möchten noch darauf hinweisen, daß für uns diese Veränderung viel mehr durch den inneren Inhalt unseres Ideals, als durch die äußeren Veränderungen, speziell in der Türkei, bedingt sind. Deshalb kann man nicht mit dem Einwand kommen, man müsse die Konsolidierung der eingetretenen Veränderungen abwarten. Eigentlich sollte unser Programm von Anfang an so lauten, wie wir es jetzt Vorschlägen und wie Wolffsohn es nun in seiner Konstantinopeler Unterredung kommentiert hat. Aber den Furchtsamen können wir initteilen, daß laut § 38 unseres Organisationsstatutes die von uns vorgeschlagenen Aenderungen nur dann gütig sind, wenn sie „auf zwei aufeinanderfolgenden ordentlichen Kongressen mit drei Viertel Majorität der zum Kongreß erschienenen Delegierten“ angenommen werden. Melk. Deutsche und Czechen liegen einander in den Haaren. Wer von beiden Nationen Recht hat, sei dahingestellt. Wir sind durch viele traurige Erfahrungen gewitzigt und wissen, daß wir als die Dritten — entgegen dem Sprichworte — Hiebe abbekommen, wenn wir uns in den Kampf der zwei Streitenden mengen. Unsere Assimilanten sind indes anderer Meinung. Würde- und Taktlosigkeit ist eben ihre starke Seite; darum ergreifen sie in wahnwitziger und verbrecherischer Weise Partei und hetzen in der „liberalen Judenpresse“ zu Ueberfall und Aufruhr! In diesem ekelhaften Kesseltreiben tut sich besonders die „Neue Freie“ hervor! Diese alte korrupte Maitresse des drallen Geldsacks benimmt sich einfach unverantwortlich! Und trotzdem sie nichts mit dem jüdischen Volke gemeinsam hat, ja, sogar als der alte Schädling des österreichischen Judentums bezeichnet werden muß, werden ihre Verbrechen dem jüdischen Volke zur Last gelegt. Wohl lachen wir der kindischen und bubenhaft-frechen Pogromdrohungen in der „Reichspost“, aber daß die ohnehin den Juden gehässige Stimmung gesteigert wurde, verschulden die „Neue freie Presse“ und das „israelitische“ Gezücht, das in ihrem Geiste erzogen ist. Es ist nicht nur ein Gebot der Ethik, sondern der Notwehr, wenn wir den Vernichtungskampf gegen Schlesingers, die in an gedankenlosem Geschrei! übertrumpfen wollte. Man könnte an ein Wettrennen der Autoren glauben, das erweisen sollte, wer am schnellsten und besten zur Volksverdummung beiträgt. Anstatt sich zu Kunst und Schönheit durchzuringen, hat das junge jüdische Theater einen beschämenden Krebsgang eingeschlagen, eine für die kulturelle und geistige Entwicklung der jüdischen Volksmassen noch heute wirksame Gefahr. Man müßte wünschen, dergleichen Erzeugnisse hätte das Rampenlicht niemals beschienen. Doch zur selben Zeit ist uns ein Schriltsteller auferstanden, der zwar auch die Methode Golfadens übernommen, aber dennoch das jüdische Drama und Theater auf eine höhere Stufe gehoben hat Das war Jakob Gordin. (Fortsetzung folgt) Allerlei. Die Juden in Indien. Im letzten Bande des Berichtes der englischen Regierung über Indien finden sich auch Aufzeichnungen über die dortigen Juden, die hier wiedergegeben seien: Die Zahl der Juden Indiens ist in den letzten 20 Jahren von 12.000 auf 18.000 angewachsen. Dieser Zuwachs ist jedoch nicht der Einwanderung zuzuschreiben, da Indien mit seinen klugen eingeborenen Kaufleuten und mit seinen niederen Arbeitslöhnen für den Ausländer wenig anziehend ist. In Indien existieren Schwechat „deutschnationale Führer“ spielen und gegen die „Neue Freie“, welche die öffentliche Meinung vergiftet und das jüdische Volk empfindlich schädigt, mit Wucht und Zähigkeit so lange fortführen, bis ihr verderblicher Einfluß gebrochen ist! Nur hämmern muß man, so lange das Eisen glüht. In den Provinzen zittern tausende kleine Juden, um ihr Brot, wenn Moriz Benedikt die schwarz-rot-güldne Fahne entrollt. Sie wissen, daß nunmehr die tschechischen Käufer ihren Laden meiden werden, oder daß ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, wenn sie mit ihrem Hausierkasten im Dorfe anklopfen. Andererseits fühlen sie, daß der Boykott auch bei der christlichsozialen deutschen Landbevölkerung einsetzt, welchen die „Reichspost“ vermittelt, daß die Juden allein den Nationalitätenkampf schüren. Hinaus denn in die Provinz! Unaufhörlich muß man die Landjuden darüber aufklären, daß vor allem die Assimilanten vom Schlage eines Benedikt daran schuldtragen, wennsieschließlichzuBettlern werden, die Scholle verlassen, in den Rachen der judenfeindlichen Residenz flüchten und im Massengrab jenseits der Donau untergehen. Dem jüdischen Mittelstand, für den der Leitartikel der „Neuen Freien“ noch immer das Vademecum ist, muß man unaufhörlich in die Ohren schreien: Benedikt galvanisiert mit deutschnationalem Radau den verkrachten Liberalismus und vernichtet dabei Euere Existenzen, Benedikt degradiert Euch zu Schnorrern, Benedikt ist der ärgste Antisemit! Prager Glossen. (Von unserem Korrespondenten.) Es gibt keine Stadt in Oesterreich, deren jüdische Bevölkerung eine solche Fülle von Beobachtungsmaterial bietet,' wie Prag. Das Alter und die Bedeutung der Prager Kultusgemeinde, ihre ehemals fast vollständige Identität mit dem Prager deutschen Kasino, dem Organisationszentrum des jüdischdeutschen Liberalismus und vor allem die eigenartigen nationalen und sozialen Verhältnisse der Landeshauptstadt des österreichischen Hexenkessels lassen es verständlich erscheinen, wenn der Prager Boden die merkwürdigsten Blüten treibt. Die zionistische Bewegung ist jetzt in Prag über zehn Jahre alt. Die Entwicklung des jungjüdischen Gedankens hat wohl ■ nicht gleichen Schritt mit den Erwartungen der ersten Vorkämpfer gehalten — wie überall. Wir können nicht sagen, daß wir numerisch so gewachsen sind, wie wir es ersehnt haben. Aber blind müßte man sein, wenn man übersehen wollte, wie stark der jüdischnationale Gedanke die jüdische Bevölkerung beherrscht. Das erkennen wir am besten aus den Versuchen der programmäßigen Assimilanten, uns mit Denunziationen, abgestandenen Witzen und abgeschmackten Erklärungen zu bekämpfen, mit chauvinistisch-deutschen und dummdreist-tschechischen Anbiederungszwei gut eingerichtete jüdische Kolonien, die eine in Bombay, die andere in Kochin. Die Entstehungsgeschichte der Kolonie „B n e i I s r a e 1“ in Bombay ist sehr dunkel und wenig aufgeklärt, hingegen sind in Kochin noch zwei Kupfertafeln vorhanden, aus deren Inschrift hervorgeht, daß daselbst schon im achten Jahrhundert eine jüdische Siedlung bestanden hat. Die jüdischen Kolonien bestehen aus einer weißen und einer schwarzen Volksschichte. Die schwarzen Juden haben sich mit den Eingeborenen vermischt, wie auch manche Indier zum Judentum übergetreten sind. In Aden wohnen 3059 Juden. In der Stadt Bombay lebten im Jahre 1901 rund 5360 Juden gegenüber einer Gesamtbevölkerung von rund 3/< Millionen. In Kalkutta wohnten 1889 Juden. In ganz Zentralindien finden sich nicht mehr als 24 Juden, die in den englischen Kolonien und Schutzstationen wohnen. In Kochin betrug im Jahre 1901 die Zahl der Juden 1137 und in Ernaculas 412. Diese Stadt bildet die Endstation der Kochiner Eisenbahn und hat in kurzer Zeit einen großen Aufschwung genommen; ihr Handel befindet sich zum großen Teile in den Händen der Juden. Nicht weit von da liegt die Stadt Mathanchery mit 474 Juden. Interessant ist auch derjenige Teil des Berichtes, der sich mit einer Ortschaft beschäftigt, die den Namen „Jüdische Stadt“ trägt und ausschließlich von weißen und schwarzen Juden bewohnt wird. Die Juden stammen aus Spanien, woher sie nach der Vertreibung im 16. Jahrhundert eingewandert sind und eine große Kolonie gründeten. Mit der Zeit ist diese historisch interessante „jüdische Stadt“ stark zurückgegangen. Von ihrer früheren Blüte sprechen drei alte Synagogen. versuchen an die Deutschen, respektive Tschechen unsere Sympathien bei den wirklich Fortschrittlichen der beiden anderen Nationen zu paralysieren. * * * Das Neue Deutsche Theater hat am 1. August die von Brünn her berüchtigten „Herbstmanöver“ zur Aufführung gebracht. Die Zionisten haben rechtzeitig bei der Behörde und beim Direktor Angelo Neumann die nötigen Schritte unternommen, um jede Verhöhnung des Judentums auf der Bühne hintanzuhalten. Man war der Ansicht, daß man sich eine solche Karrikierung, deren Wirkung auf böswilliger Entstellung beruht, in einem zu 90 */« von Juden besuchten Theater nicht gefallen lassen dürfe. Und was vor zehn Jahren nicht möglich gewesen war, geschah: die offizielle Kultusrepräsentanz nahm in derselben Weise Stellung wie wir. Eine Anzahl angesehener Juden aller Prager Kreise und Organisationen erklärte sich bereit, nötigenfalls an die Oeffentlichkeit heranzutreten. Das gefüllte Haus war besonders auf Wallersteins-Hallersteins Auftreten gespannt. Tatsächlich hat der Darsteller seine Rolle über die gemeine Verhöhnung hinausgehoben. Die Prager Jüdischnationalen und ihr Erfolg finden in allen jüdischen Kreisen Anerkennung. Nur das „Prager Tagblatt“ konnte es nicht verschmerzen, daß nicht genug g e j ü d e 11 worden sei. Es ist nämlich der Ansicht, daß „jene köstliche Selbstironie bisher die beste Waffe des Gedrückten und Mißachteten gewesen ist“. Von diesem Standpunkte aus wird hoffentlich das Tagblatt bald eine Feuilletonserie über den deutsch-israelitischen Zeitungschmock bringen. * *' * Das „Tagblatt“ und die „Bohemia“ veröffentlichen eine „Kundmachung des deutschen Volksrates für Böhmen in Trebnitz“, unter der Spitzmarke „Unbesetzte Professuren“. Darin heißt es: „Für tüchtige, deutsche, arische Bewerber bietet sich hier die Gelegenheit, das Hochschullehramt zu ergreifen.“ Geeignete Fachmänner sollen sich zu Informationszwecken an den erwähnten Volksrat wenden. Der deutsche Volksrat hat demnach diese Stellen zu vergeben. So lange wir es nicht erreicht haben, daß hinter unseren Protesten gegen diese Wirtschaft im Hochschulwesen kräftige jüdischnationale Organisationen stehen, werden alle Entrüstungsrufe wirkungslos verhallen. Nur die bodenlose Korruption der liberalen Presse, die derartige Kundmachungen verbreitet, muß angenagelt werden. Das „Prager Tagblatt“ ist außerdem noch feig und lügnerisch genug, durch Weglassung des Wortes arisch die Juden über den Charakter des deutschen Volksrates, dieses seines Schoßkindes, hinwegzutäuschen. * * * ■ ■ -V Unter deutscher Flagge, verbrämt mit sozialistischem Titel, segelt jetzt auch die von einigen deutschliberalen Israeliten gegründete „Deutschsoziale Lokalorganisation“ in Prag. Sie hat, mit ihrem geistigen Führer Ernst Lustig an der Spitze, sich das Ziel gesteckt, die internationalen deutschen Sozialdemokraten ins deutschnationale Lager zu lotsen. Nur der Eingeweihte erkennt, daß hinter der hetzerischen deutschnationalen Erklärung ein paar Juden stecken. Allerdings bleiben sie, so voll sie auch den Mund mit Phrasen nehmen, so groß auch die Unterstützung der liberalen Presse sein mag, einfluß- und bedeutungslos. Die „Deutschen“ in Böhmen werden ihnen nicht auf den Leim gehen. Die Arbeiter brandmarken sie als Streikbrecherbande. Und wir Juden kennen sie als Mauschels — schon am „treudeutschen Gruß“. Die tschechischen Assimilanten sind im Treibhause der assimilatorischen Blüten diesmal durch das „Credo eines tschechischen Juden“ von Dr. Ottokar Guth in Nr. 217 des „Cas“ vertreten. Dr. Guth vermied es bisher, sich den rüden, hetzerischen Ton seiner Gesinnungsgenossen zu eigen zu machen. Dieses „Credo“ stellt ihm aber ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Es sollte ihm heute doch schon möglich sein, zu erkennen, daß der Antisemitismus nicht bloß eine religiöse Frage der Christen ist. Die tschechischen Juden wollen die Juden Böhmens vollständig assimilieren, von ihnen den Geist der jüdischen Renaissance möglichst fernhalten. Daß sie in ihren Bestrebungen bei dertscheschischen Oeffentlichkeit so wenig Entgegenkommen finden, ist erklärlich. Hat doch der bekannte Universitätsprofessor und Freidenker D r. Fr. Kr e j ci vor kurzem erklärt: „Wie ich jeden Mißbrauch der Assimilationsetikette zu unlauteren egoistischen Zwecken verabscheue, so gehört meine aufrichtige Sympathie denjenigen, die sich treu zu ihrem jüdischen Volk bekennen und insofern dies das Wesen des Zionismus ausmacht, den Zionisten!“ Diese Sympathie werden die Assimilanten durch keine lügnerischen Denunziationen erringen können. Denn es ist eine lügnerische Denunziation, zu behaupten, daß die zionistische Presse sich gegen die Reform des Eherechtes, gegen die Freie Schule, gegen den Freidenkerkongreß ausgesprochen habe. Unsere Presse hat nur gegen den „Mißbrauch der Assimilationsetikette“ Stellung genommen, daß diese an sich uns sympathischen Organisationen und Aktionen von den Assimilanten in diskreditierender, der freiheitlichen Sache nur schädlicher Weise von den israelitischen Assimilanten mißbraucht werden, um unter ihrer Flagge die verächtlichste Renegatenpolitik zu treiben. Die unethische Grundlage jeder

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