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Jüdische Zeitung · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 in Palästina — das ist der wahre Kern des Zionismus. Nichts anderes. Alles übrige ist Zutat zufälliger Natur. Niemals hatte der Zionismus politische Absichten, worauf schon Herzl in seiner- Rede am II. Kongreß hingewiesen hat, als er sagte: „Die Juden sind keine politische Macht und werden nie mehr eine politische Macht sein.“ (Protokoll des ILKongr., S. 7.) Denn Geschichtlich betrachtet hat das Judentum niemals — mit Ausnahme der kurzen Periode des David-Salomonischen Königtums und während zweier Jahrzehnte der Makkabäerepoche — eine politische Rolle gespielt. Und jetzt, im XX.Jahrhundert einen Duodezstaat begründen zu wollen, das könnte keinem Juden einfallen. Denn die Größe Israels liegt auf einem ganz anderen Gebiete — auf dem Gebiete der sozialen und kulturellen Schöpfung. Dazu ist keine politische Autonomie notwendig; dazu brauchen wir einfach allgemein rechtliche Grundlagen, die die Freiheit des Individuums, Sicherheit des Eigentums und Raum für nationale Entwicklung garantieren. Vom wirtschaftlichen und politischen Standpunkte haben wir alles Interesse daran, unter dem Schutze eines starken, großen Reiches zu stehen und ja nicht darauf angewiesen zu sein, uns gegen die Freßlust fremder Großmächte verteidigen zu müssen. Deshalb ist die ganze jetzt geltende Definition des Zionismus, wie sie im Baseler Programm steht — grundfalsch, indem sie im besten Falle nur die zufällige Form und nicht den Inhalt unseres Zieles angibt. Der Zionismus strebt nicht nach einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk“, sondern nach der sozialkulturellen Wiedergeburt des jüdischen Volkes, die unabhängig ist vom öffentlich-rechtlichen Charakter der Heimstätte. Als man in Konstantinopel Herrn Wolfsohn stellte, wie erklärte er die in unserem Programm enthaltenen Worte: „eine öffentlich-rechtliche gesicherte Heimstätte“? Er antwortete: „Es ist ganz natürlich, daß wir unter dem alten Regime bestrebt waren, das Leben und Eigentum unserer Kolonisten in Palästina durch das öffentliche Recht zu garantieren. Aber unter dem neuen Regime sind alle Privilegien überflüssig geworden, da sie vorteilhafterweise durch die Verfassungsbestimmungen ersetzt worden sind, und wir wollen nichts anderes als ruhig den Schutz und die Rechte genießen, die sie allen Bürgern des gemeinsamen Vaterlandes gewähren (Courrier d’Orient, Nr. 85). Wenn auch die Baseler Formel geschichtlich unrichtig ist, heutzutage ist es allen klar geworden, daß wir nicht länger eine falsche Formulierung des Zweckes unserer Bewegung bewahren Verlegenheit, vertauschten keineswegs ihre Federstiele mit Nadel und Schere, um wie andere Menschen Brot in ehrlicher Arbeit zu verdienen. Nein, sie oblagen der Schneiderarbeit ohne Spur einer Verantwortlichkeit auf literarischem Gebiete. Als dessen Ursache ist die betrübende Erscheinung anzusehen, daß eine ernste Lebenshaltung unter den Juden Amerikas zu schwinden begann. Die Theaterdichter erkannten, daß die Auffassung des Maggids als eines Symbols seichter geworden war, daß seine Gestalt an Bedeutung eingebüßt hatte, daß er langweilte und vom Badchen verdrängt wurde. Sie lernten einsehen, daß im Lärmen und Hasten der amerikanischen Lebensführung Stück für Stück die Liebe zum Nachdrücklichen und geistigen Genuß abhanden kam. So strengten sie sich denn nicht an, als Erzieher des Volkes zu wirken. Sie leisteten auf eine ernst zu nehmende Bühne vollständig Verzicht. Sie hatten zu früh die billigen Theaterchen auf der Bowery, einer der traurig-berühmtesten und übelstbeleumdeten Straßen New Yorks, besucht und begriffen schnell, wie man die ungebildete Menge packt. Sie übernahmen von dort die unmöglichsten, grausamsten Melodramen, welche bei den naiven Zuschauern Furcht und Schrecken bis zu den Tränen hervorrufen sollten. Und solche Schaudergeschichten ließen sie an Stelle des ernsten Elementes treten. können. Sie muß geändert werden — auf dem bevorstehenden Kongreß. Damit hängt eine weitere Aenderung zusammen, und zwar jene des vierten Punktes unseres Programmes. Unter den Mitteln zur Erreichung unseres Zieles zählt unser Programm auch folgendes auf: „Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen.“ So lange wir auf das „Oeffentlichrechtliche“ Gewicht legten, was ja eben nur durch die Mitwirkung fremder Regierungen erreicht werden konnte, war diese Bestimmung am Platz. Wohl hat die Erfahrung uns schon gelehrt, daß die fremden Regierungen absolut kein Interesse an der zionistischen Lösung der Judenfrage hatten. Der Antisemitismus ist für sie kein Schrecken und kein Uebel. Er ist ja sogar in mehreren Staaten . . . „hoffähig“. Eher werden wir viel Energie darauf verwenden müssen, um Hindernisse seitens mancher Regierungen auszuschalten. Stellen wir uns auf den praktischen Standpunkt des evolutionären Zionismus, so müssen wir uns sagen: wir brauchen vor allem die Zustimmung einer Regierung: der türkischen. Unsere Hauptarbeit ist und bleibt in Konstantinopel und da handelt es sich zuerst um die Aufklärung der öffentlichen Meinung, denn noch heutzutage, wie ich mich überzeugen konnte, ist der Zionismus am wenigsten — im osmanischen Reich bekannt- Und da handelt es sich um die Aufklärung der türkischen und jüdisch-türkischen öffentlichen Meinung. Und erst später wird die Zeit kommen, wo wir direkt mit staatlichen Faktoren des Türkenreiches verhandeln werden müssen. Ueber die Bedeutung der Nationalisierung der türkischen Juden brauchen wir kein Wort zu verlieren. Wir wollen nur auf eins aufmerksam machen: manche glauben, die Sephardim seien sehr weit von der Assimilation, besonders aber in der Türkei. Das ist ein Irrtum. Ich habe viele Jahre unter ihnen gelebt und erlaube mir über sie eine auf Tatsachen begründete Meinung auszudrücken. Die sephardische Intelligenz ist von dem Geiste der französischen „Alliance“ verpestet. Man kann sich von außen her gar nicht vorstellen, welch zersetzende Wirkung die Tätigkeit der orientalischen Allianz-Schulen auf die Sephardim ausgeübt hat. Und man wird viel, sehr viel Energie, gepaart mit dem feinsten Takt, anwenden müssen, um dem entgegenzuwirken. Ja, nicht durch nutzlose Kämpfe mit den Alliance-Männern, sondern nur durch die Aufklärung, durch das gesprochene und geschriebene Wort und hauptsächlich durch Nun wurde ihre Arbeit noch elender und unjüdischer. Ihre in der Gegenwart spielenden Theaterstücke berühren nicht im entferntesten jüdische Fragen und enthalten nicht einen jüdisch zu nennenden Gedanken. Ihre sogenannte „historischen“ Opern haben mit jüdischer Geschichte nichts zu tun, wie überhaupt nicht mit Geschichte. Es sind einfach Schmierereien gedankenloser, mit einer bis zum Erstaunen armen Phantasie begabter Köpfe. Aber was sage ich! Entschuldigung! Sie haben ja doch einen „jüdischen“ Hauptgedanken, ein „jüdisches“ Hauptthema entdeckt. Sie fingen an, mit den Feinden des Judentums, hauptsächlich den christlichen Geistlichen abzurechnen. Sie tüftelten sich eine Begebenheit zwischen einem Juden und hohem Geistlichen aus, etwa einem Erzbischof, Großinquisitor, sogar Papst, der zu Spott und Schande gemacht wurde, indem er als Auswürfling alles Auswurfs, als Narr aller Narren gezeichnet wurde und natürlich schlecht abschnitt gegenüber dem ehrenhaften, untadeligen Juden, dem Gipfel der Tugend und Gescheitheit. Oder sie ließen einen mit der Seele eines Zaddiks bedachten Priester zum jüdischen Glauben sich bekehren und seine frühere Religion, das Kreuz, mit Füßen treten. Das sind doch gewiß Themata, die „jüdischen“ Gefühle der breiten Masse stark zu kitzeln. Sie breitzutreten, die Schule. Die Arbeit muß von unten an beginnen, vom Kindergarten. Und nun zuletzt noch ein Punkt. Im Programm, das die Mittel zur Verwirklichung des Zionismus aufzählt, fehlt ein Mittel, dessen Bedeutung wir alle fühlen, dessen Formulierung aber in unserem Programm fehlt. Wir meinen den Zusammenschluß aller jüdischen Kolonisationsorganisationen, die in Palästina und der Türkei arbeiten oder arbeiten wollen. Man wird vielleicht einwenden, daß die anderen Gesellschaften mit uns nicht Zusammengehen wollen. Es mag vorläufig richtig sein, aber der Zionismus, dessen Grundvoraussetzung die Einheit des jüdischen Volkes und die Zusammenfassung aller seiner Energie ist, muß in seinem Programm dieser Voraussetzung einen Ausdruck verleihen. Unsere Grundauffassung verlangt es, wenn auch praktisch die Sache nicht ausführbar wäre. Nun glauben wir aber, daß die Sache sich ganz anders verhält und daß ein Zusammengehen der Zionisten mit anderen kolonisatorischen Gesellschaften wohl möglich ist, nicht auf dem Gebiete der Prinzipien, sondern auf dem der praktischen Tätigkeit. Wir müssen die Ersten die Hand ausstrecken, weil uns der schlechteste Jude noch immer Jude ist und weil manche dieser Gesellschaften auf dem Gebiete der praktischen Tätigkeit in Palästina mehr geleistet haben, als wir. Mit einer Gesellschaft können wir unter keiner Bedingung Zusammengehen — mit der Alliance israelite, deren Hauptzweck ist, die Juden in halbe Franzosen zu verwandeln. Alle übrigen jüdischen Organisationen, mögen sie unsere prinzipiellen Gegner sein, sind unsere Bundesgenossen dort, wo es sich um praktische Arbeit handelt. Und die veränderten Umstände in der Türkei haben allen Juden klar gemacht, wie notwendig die Zusammenfassung aller seiner Kräfte ist. Davon hängt der Erfolg unserer ganzen Seele ab. Das zersplitterte Judentum muß zur Lächerlichkeit werden. Wir schlagen somit folgende Veränderungen am Basler Programm: „Der Zionismus erstrebt die soziale und kulturelle Wiedergeburt des Jüdischen Volkes in Palästina und den Nachbarprovinzen des türkischen Reiches.“ „Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Kongreß folgende Mittel in Aussicht: Punkte 1, 2 und 3 bleiben wie vorher, Punkt 4: Die Koordination aller im Judentum organisierten k olonisatorischenGesellschaften auf dem Gebiete der praktischen Arbeit in Palästina. Punkt 5: Aufklärung der öffentlichen hat den Theaterschreibern, die in Amerika respektierte Press- und Meinungsfreiheit wohl gestattet, und sie haben die Möglichkeit dazu bis zum äußersten mißbraucht. Dabei kopierten sie sich selbst, ein und dieselbe Sache wurde vom gleichen Autor unzählige Male variiert und es schien, als ob sich keiner von ihnen an dem fetten, teueren, glücklich gefundenen Bissen sättigen könnt». Sind sie schon in dem ernsten Teil ihrer Stücke unfreiwillig Pojaze gewesen, so haben sie sich im komischen als solche selbst übertroffen. Während Goldfaden Karrikaturen voll Volkshumor geschaffen hat, haben sie sinnlos ausgelassene Schreier auf die Bretter gebracht. Sie haben Goldfaden imitiert, wie ein schlechter Badchen einen guten. Ihre Fröhlichkeit bestand in faulen Clowenwitzen billigster Sorte wie Stolpern, Hinfallen etc., ihr Humor in Zynismen und Zoten, in zwei-, nein in e i n deutigen Redewendungen gemeinsten Kalibers. Und auch hier im lustigen Element sind ihre Machwerke sowohl miserabler als unjüdischer geworden. Denn ihr Humor ist enbenso unreiner Art, wie jener der Vaudeville-Tingeltangel der Bowery-Straße. So ist von denen, welche berufen gewesen wären, Goldfadens Erbe anzutreten und fruchtbar zu machen, einer schlimmer als der andere geworden. Man hat den Eindruck, daß einer den anderen

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