Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 34 erfahren, was sie alles aus eigener Kraft leisten könnte. Es ist aber nicht zu erwarten, daß die jüdischen Berater des Landesausschusses also sprechen werden. Darum muß sich schon jetzt das bewußte Judentum des ganzen Reiches erheben, — die galizische Judenfrage ist ja überall akut, wohin sie unsere unglücklichen östlichen Brüder tragen — um ihrer Stirn m ung und ihren Wünschen Ausdruck zu geben. Dann wird plötzlich das ganze jüdische Volk im Lemberger Beratungssaale stehen und mit der Macht seines unbeugsamen Willens bewirken, daß die Renegaten, denen es ausgeliefert ist, es zumindest nicht verraten und verschachern! Samuel Gompers über die jüdische Einwanderung hach Amerika. (Ein Interview.) Bekanntlich ist die Erschwerung der Einwanderung nach Amerika hauptsächlich dem Betreiben der „American federation of Labour“, die 2 Millionen Arbeiter umfaßt, zuzuschreiben. Der Präsident dieser Zentralgewerkschaft, Mr. Samuel Gompers, hat sich erst kürzlich in einer Berliner Versammlung gegen die proletarische Einwanderung nach Amerika ausgesprochen. Dieser Tage berührte Mr. Gompers auf seiner europäischen Studienreise auch Wien. Einer unserer Mitarbeiter nahm die Gelegenheit wahr, ihn über seine Haltung zu befragen. Mr. Gompers sagte folgendes: „Von den vielen Arbeitervereinigungen, welche in New-York bestehen, haben sich diejenigen Gewerkschaften, welche in der Mehrheit Juden enthalten, zu einer Zentral-Gewerkschaft in New-York-City vereinigt, während die Einzelvereine, welche innerhalb dieser Vereinigung Platz gefunden haben, außerdem noch ihrer eigenen Heimats-Gewerkschaftsgruppe angehören. Dieses Symptom beweist, daß trotz der engen wirtschaftlichen Interessen das Heimatsgefühl nicht ganz erloschen ist. Immerhin aber spielt das nationale Moment nur eine ganz geringe Rolle. Es handelt sich vor allem . um ökonomische Fragen; konfessionelle Unterschiede treten gänzlich in den Hintergrund. Der in Amerika lebende Arbeiter hat für sich und seine Familie zu kämpfen, arbeitet für den gesamten Staat; er will in erster Linie Amerikaner sein. Sozialisten in unserem Sinne verschlecht gesehen sind. Badchens Humor ist aber Volkes Humor, von dem Goldfadens Karrikaturen soviel in sich haben, daß sie wieder zum Volkseigentum geworden sind. Ueber Kuni-Semel, Schmendrik. Hozmach etc. hat das Volk dermassen gelacht, daß sie unsterblich geworden sind. Sie sind für eine Reihe von Pechvögeln zu Gattungsnamen geworden, mit denen wir gern Menschen unserer Umgebung charakterisieren. Und trotz ihrer Unwahrscheinlichkeit und Lebensunfähigkeit glauben wir sie in unserer nächsten Nähe zu entdecken. DieKarrikaturen sind der bleib en de Teil von Goldfadens Theaterspielerei. In ihnen wird sein Name noch lange fortleben, wie in der Tatsache, daß er der erste jüdische Komödiant gewesen ist und Schule gemacht hat. 2. Kapitel. Goldfadens Schule. Alle auf Goldfaden folgenden Theaterschriftsteller wandeln in seinen Wegen und schaffen nach seinem Pfan und Rezept: Schomer*), Scharkanski, Seifert, Hermelin, Solotarewski, „Professor Jacobi aus Lon- *) Pseudonym für N. M. Schaikowitsch. schwinden in der großen Majorität derjenigen Arbeiter, für welche es nur einen wirtschaftlichen Kampf gibt. Die Gründe, welche die Regierung zum Ergreifen von Maßnahmen gegen die Einwanderung bestimmen, sind so komplizierter Natur, daß sie sich nicht mit einigen Schlagwörtern erklären lassen. Jedenfalls ist die Tendenz keine judenfeindliche, sondern entspricht vor allem wirtschaftlichen und staatspolitischen Erwägungen. Denn das jüdische Element trägt nicht zur Herabsetzung des Lohntarifs bei, sondern schafft durch Einführung europäischer Industriezweige (hauptsächlich Konfektion) neue Erwerbsmöglichkeiten. Die letzten weitausgreifenden Maßnahmen gegen die europäischen Emigranten wurden vom Kongreß der Vereinigten Staaten im Jahre 1907 getroffen.“ Mr. Gompers fügte noch hinzu: „Ich bin gekommen, um zu arbeiten, um die Europäer bei der Arbeit zu sehen. Bei uns gilt nur der Strebsame, der für die Zukunft schaffende.“ Wie man sieht, ließ sich Herr Gompers nicht fassen. Er sprach kein Wort über seine und seiner Gewerkschaft Haltung in der Emigrationsfrage, schien von der neuen Verfügung Williams überhaupt nichts zu wissen — die reine Unschuld. Immerhin mußte er zugeben, daß die jüdischen Arbeiter den amerikanischen keine Konkurrenz machen, sondern neue Industrien schaffen. Ale logische Konsequenz müßte er somit speziell die jüdische Einwanderung für erwünscht erklären. Daß er das nicht tun wird, ist sicher, denn er selbst ist — Jude. Er muß daher, wie jeder Assimilant, unduldsamer gegen Juden sein, als selbst ein Nichtjude, um seine Objektivität zu beweisen. Verschiedene Blätter melden, daß die 4Juden, welche wegen ihrer Zurückweisung an die amerikanischen Gerichte appelliert hatten, durch einen Machtspruch Tafts zur Einwanderuug zugelassen wurden. Ueber das Schicksal der großen Menge von Zurückgewiesenen — an 2000 Menschen — ist nichts beschlossen worden. Die verschiedenen Meldungen widersprechen einander und es muß abgewartet werden, ob die Verfügung Williams aufrecht bleibt. don**), ein ganz geschmackloser Vielschreiber. Auch sie haben die Unterhaltungselemente Ernst, Komik und Gesang gesondert den bei der Aufführung von Melodramen und historischen Opern mitwirkenden Schauspielern zugeteilt. Aber sie haben Goldfadens Erfindung nicht verbessert, sondern verschlechtert. Die Unterhaltungselemente sind bei ihnen vergröbert, erniedrigt und entjüdischt worden. Denn Goldfadens Schüler fingen an, ihren christlichen Kollegen das Handwerk abzugucken, die Eigenart dieses pflegebedürftigen, jüdischen Gärtchens mit fremden Pflanzen zu verunzieren. Anfangs blieben sie noch im ernsten Teil ihrer Schöpfungen ernsthaft. Denn die Haskalahzeit hielt noch. Die Kinder Israels schüttelten erst ein bischen den Staub alter Zeit von sich und rieben ein wenig die verschlafenen Augen, welche bisher nur einen engen Horizont durchmessen hatten. Der **) Ein Pseudonym, das mit dem Vornamen des später zu behandelnden Jacob Gordin große Aehnlichkeit aufweist. Gordin soll die meisten der unter diesem Pseudonym erschienenen Stücke geschrieben haben, eine Nachricht, für die ich mich jedoch nicht verbürgen kann, jedenfalls verbergen sich unter demselben Namen noch verschiedene andere Schmierer. Zum IX. Zionistenkongreß. Von Dr. Daniel Pasmanik. I. In mehreren Artikeln*) versuchten wir einige der nächsten Aufgaben, die der bevorstehende IX. Kongreß lösen muß, zu skizzieren. Wir kamen zu folgenden Schlüs-, sen: der nächste Kongreß muß vor allem einen klaren A rbeitspla n. ausarbeiten,, vor allem einen Kolonisationsplan, wozu die Schaffung eines Agrarfonds, die Konsolidierung der Palestine Land-Development-Company und die Regelung der jüdischen Arbeiterfrage in Palästina notwendig sind. Damit ist aber nur ein Teil der Aufgaben des Kongresses angegeben. Er muß unbedingt die logischen Konsequenzen der veränderten Lage in der Türkei ziehen und dementsprechend das Baseler Programm selbst umändern — nicht um Jemandem zu gefallen, sondern um seinem eigenen Ideal treu zu bleiben, respektive zu werden. Wie der Leser bald einsehen wird, schlagen wir nicht allzu Neues vor, denn noch vor der türkischen Revolution bekämpften wir manche Bestimmungen des Baseler Programms, weil wir sie als unnütz oder gerade schädlich hielten. Aber jetzt sehen es viele ein, sogar Wolfsohn selbst. Von Anfang an bekämpften wir den Charterismus und die Vorstellung, als ob wir den Zionismus durch die Hilfe der fremden Regierungen verwirklichen werden. Ebenso wiesen wir darauf hin, daß eine gegebene Autonomie nur ein papierener Titel ohne Wert ist, für den man keinen Heller geben kann. Jetzt sehen es viele ein: die Territorialisten haben sich jetzt von dem falschen Gedanken losgesagt, daß eine jüdische Massenkolonisation ohne vorher erlangte Autonomie unmöglich sei; die amerikanische Zionistische Federation hat sogar einen Beschluß gefaßt, eine entsprechende Aenderung des Baseler Programmes zu verlangen und in seinem Interview (erschienen im Konstantinopeler „Le Courrier d’Orient“, Nr. 85 vom 28.Juli 1909) hat Wolfsohn schon das Baseler Programm in wesentlichen Punkten abgeändert. Jedenfalls verlangen wir, daß diese Abänderungen in Harmonie mit dem Kern unseres Ideal gebracht werden und nicht vom nackten Opportunismus diktiert werden sollen. Worin besteht denn unser Ideal? Soziale und kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes *) Siehe „Jüdische Zeitung“ Nr. 22, 24 u. 27. Kampf gegen Fanatismus und für Bildung war in Literatur und Leben zur Diskussion erhoben worden. Die Aufklärungsphrase und noch mehr das Gezeter gegen die fanatischen Juden alten Schlages erzielten allenthalben wie durch einen Zauber dröhnenden Beifall. Und Goldfadens Schüler kauten fortwährend das dankbare Thema wieder. Aber wie ihr Meister bildeten sie keine Menschen, Typen oder Individualitäten, sondern eben schillernde, kurzlebige Seifenblasen, in denen unzähligemal wiederholte Gedanken eingeschlossen waren. Auch ihnen drückte nicht Liebe zur Kunst die Feder in die Hand. Sie setzten sich das Amüsement des Volkes zum Ziele, ohne nur nach der Kunst zu schielen, und unterhielten es so lange mit dem Kampf gegen Fanatismus und für Bildung, bis in den Verhältnissen ein nicht gut zu heißender Wendepunkt eintrat. Das junge jüdische Theater wurde von der russischen Regierung verboten und flüchtete nach Amerika. Dort, in einem Verfassungsstaate, wo jeder nach seiner Faqon selig werden kann, verlor natürlich die Haskalahphrase von ihrer Wichtigkeit und Goldfadens Schüler blieben ohne Stoff. Für sie existierten leider keine neuen jüdischen Fragen und bei der Leere ihres Hirnes entdeckten sie auch keine allgemeinen Lebensprobleme. Wider Erwarten gerieten sie beileibe nicht in