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Jüdische Zeitung · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Aber wir sind ja nicht dazu da, um Herrn Dr. Kaniinka Sozialwissenschaft zu lehren. Wir wollen uns mit ihm überhaupt nicht mehr beschäftigen, denn er hat sich durch seinen Ausspruch, daß die jüdische Massenwanderung „weder ungewöhnlich noch beunruhigend“ sei, unsterblich gemacht. Das Wort wird bleiben. Der künftige Historiker wird es als Maßstab für das Unverständnis nehmen, mit welchem anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts die assimilatorischen Größen den nationalen und sozialen Problems der jüdischen Geschichte gegenüber gestanden sind. Viel wichtiger ist es, darauf zu dringen, daß die Kampagne gegen die Alliance und ihre Wiener Zwillingsschwester, die seinerzeit Herzl geführt hat, von der zionistischen Organisation wiederum auf der ganzen Linie aufgenommen werde. In einem nächsten Artikel wollen wir die Vorkommnisse aus jüngster Zeit, die dazu zwingen, Revue passieren lassen. Was uns nottut. Von Dr. K. Der in Gesamtösterreich parallel mit dem Nationalitätenstreit sich geltend machende Antisemitismushatinzahlreichen jüdischen Volkskreisen einen allerdings vorwiegend negativen, die assimilatorische Politik ablehnenden, latenten jüdischen Nationalismus gezeitigt. Die Zahl der zum jüdischen Volksbewußtsein gelangten österreichischen Juden ist gewaltig größer als die Zahl der parteimäßig organisierten; eine Erscheinung, die alle jüdischen Modernen zum Nachdenken anregen sollte. Ein Hauptgrund, warum sehr viele Juden sich noch nicht als Anhänger einer positiven jüdischen Volkspolitik bekennen, ist wohl der, daß sie den jüdischen Nationalismus in eine Reihe mit dem Chauvinismus verschiedener deutscher, slawischer und magyarischer Nationalisten stellen und in ihrem eigenen Denken sowie Fühlen noch zu keiner Synthese zwischen ihrem jüdischen, österreichischen und sozialen Empfinden gelangt sind. Die jungjüdische Aufklärungsarbeit hat daher raschestens bei Juden und Nichtjuden einzusetzen. Denn die Erkämpfung der Gleichberechtigung als Volk und Staatsbürger setzt nicht nur ein modernes Programm, sowie eine den österreichischen Verhältnissen angepaßte Taktik voraus, sondern vor allem eine starke jüdische Volksorganisation, die ebenso zur Verwirklichung des Programmes nötig ist, wie ein Bündnis mit denjenigen andersnationalen Gruppen, die die Juden als gleichberechtigte Nation anerkennen. In den jüdischen Volksmassen muß darüber vollste Klarheit verbreitet werden, daß jede, wo auch immer wohnende Gruppe der Juden unbeschadet ihres alljüdischen Fuhlens und der energischesten Vertretung der Interessen des ganzen jüdischen Volkes, zu gleicher Zeit am politischen sowie sozialen Leben des Landes, in dem sie sich befindet, teilnehmen kann und muß, um sich die vollste Gleichberechtigung in jedweder Hinsicht zu erkämpfen, respektive zu sichern. Was nun speziell Oesterreich betrifft, so besteht keinerlei Gegensatz zwischen dem jüdischen Nationalismus und der neuösterreichischen Staatsidee. Diese kann schon mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in den Balkanländern und der allgemeinen sozialen Entwicklung nur die national-autonomistische und die genossenschaftlich-soziale sein. Oesterreich ist eben kein Nationalstaat mit einer Staatsreligion, sondern in beiden Reichshälften wohnen verschiedene den Nachbarstaaten konnationale Volksstämme, Angehörige der verschiedensten Religionen, die zu schwach sind, um selbständige Staaten zu bilden, zu stark, um sich von den Nachbarstaaten aufsaugen zu lassen. Sie alle benötigen eine Vereinigung, die ihnen die nationale Autonomie, die größtmöglichste politische Freiheit und wirtschaftliche Wohlfahrt sichert. Die Schranken, die das Reich von dieser Erlösuug trennen — in staatsrechtlicher Hinsicht der Dualismus, in politischer der Klerikalismus und in wirtschaftlicher der Kapitalismus — werden und müssen fallen, wenn bei allen Nationen Oesterreichs der soziale moderne Nationalismus über den chauvinistischen, reaktionären Hurranationalismus gesiegt haben wird, der leider noch immer Orgien feiert. Dieser karrikierte Nationalismus, der alle gemischtsprachigen Kronländer in zwei gegnerische Heerlager verwandelt hat, entfacht neuestens wieder in Wien den nationalen Brand ohne jeden berechtigten Grund. Es ist der unverfälscht deutschnationale Judenfresser Mal ik, der im Ageordnetenhause die Schönerianischen Dogmen von den Superioren und inferioren Rassen verkündet und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf die Juden losschlägt. Und dieser antisemitischen Clique (welcher die Christlichsozialen zu wenig antisemitisch sind), sekundiert die „Neue Freie Presse“, sowie die gesamte Judenliberale“ Presse und ihr jüdisch-assimilatorischer Anhang, in derWahnidee begriffen, die Christlichsozialen durch potenzierten deutschnationalen Chauvinismus zu übertrumpfen und aus dem Sattel heben zu können. Die Toren, die noch immer nicht begreifen, daß der Chauvinismus zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Vater des gefährlichsten Antisemitismus, des Rassen antisemitismus ist! Wenn Deutsche und Slawen von portefeuillesüchtigen Parlamentariern, sowie einer korrupten kapitalistischen Presse sich verhetzen lassen, ist es Wahnsinn: wenn aber Juden in der Aera , des Antisemitismus Vor- oder Nachläufer fremdnationationaler chauvinistischer Hetzparteien sind, dann begehen sie direkt ein unverzeihliches Verbrechen am jüdischen Volke. Den käuflichen Verrätern, die wieder durch das alberne Geschrei von der Germanisierung und Slawisierung die Juden betäuben, sie ihren ureigensten Interessen entfremden und sie zu Bütteln' derjenigen machen wollen, die sich der Juden nur erinnern, wenn sie jüdisches Geld und jüdische Stimmen bei den Wahlen brauchen, ist es hoch an der Zeit, ein „Hand weg vom jüdischen Volk!“ in allen Teilen Oesterreichs zuzurufen. Gleichzeitig muß man aber — schon mit Rücksicht auf die Möglichkeit baldiger Reichsratswahlen — im gesamten Reiche unsere jüdische Organisation raschestens ausbauen und die Agitation in den Provinzen einleiten, damit nicht wieder unvorbereitete Wahlen uns die berüchtigten Zwangslagen und die damit verbundenen unangenehmen U e b e rraschungen bringen. Zeitschriften und Bücherschau. Slowo zydowskie, Tarnopol Nr. 25. Tanygolossos bespricht in einem längeren Artikel die letzte Mädchenentführung im Tarnopoler Bezirke, schildert alle Schritte zur Wiedererlangung des entführten Mädchens Süssel Waltuch und kommt zum Schlüsse, daß es durch das energische Eingreifen der zionistischen Organisation in diesem Jahre zum zweitenmal gelungen ist, entführte Mädchen den Klauen der Kirche zu entreißen. Er hebt hervor, daß die entschiedene Haltung der zionistischen Organisation die galizischen Gerichtsbehörden zu vollkommen gerechtem und anerkennenswertem Handeln bewogen hat. In einer Notiz wird von der Gründung einer Tarnopoler Filiale der Lemberger „Kredit-Union“ berichtet. Die Direktoren der Lemberger Filiale sind Herr Jakob Schmierer, Meier Wan der und Dr. Waldmann. „Djilo“, Lemberg, Nr. 172, 7. August, ln einem längeren Artikel wird über die Bedeutung der verschärften Einwanderungsvorschriften in den Vereinigten Staaten für die ruthenischen Auswandere" geschrieben. Hervorgehoben sei eine zitierte Aeußerung des Einwanderungskommissärs Williams. Dieser sagte: „Ich werde die Immigranten sehr streng behandeln; mich kümmert es nicht im geringsten, was man über mich schreiben wird. Ich habe den Auftrag der Regierung, auf das strengste vorzugehen und werde mich an den Auftrag meiner Washingtoner Vorgesetzten halten.“ Lemberger Tagblatt, Nr. 148, 8. August. Im Leitartikel bespricht Herr M. Kleinmann unter dem Titel „Demokratie und Demagogie“ die letzte Ito- Konferenz. Er kommt zum Schlüsse, daß die Ito eine Gesellschaft von philantropischen Demagogen ist, welche die Volkstätigkeit ausschließt und deren Pläne und Arbeiten nichts anderes als hohles Blendwerk sind. In einem Berichte aus Stanislau wird gemeldet, daß sich dort ein Komitee zur Gründung einer galizischen Kolonie in Palästina gebildet hat. Die Kolonie soll 25 Familien umfassen. An der Spitze des Komitees steht Dr. Hillel Sußmann aus Stanislau. Tygodnik, Krakau, Nr. 32, 6. August, schreibt im Leitartikel über jüdische Politik, empfiehlt die Selbsthilfe, regt die Gründung von Volksbanken an und prognostiziert auf Grund günstiger Erfahrungen in Krakau der zionistischen „Kredit-Union“ in Lemberg schöne Erfolge. Wie der Petersburger „Fraind“ meldet, hat die Verwaltung der Ica gegen 50 jüdische Kolonisten aus dem Chersoner Gouvernement, die seit fünf Jahren mit ihren Zahlungen an die lca in Rückstände sind, die Zivilklage überreicht. Die Verhandlung wird in nächster Zeit stattfinden. Man sieht der Gerichtsverhandlung in den beteiligten Kreisen mit großer Spannung entgegen, da der Ausgang für die Haltung der Ica den Kolonisten gegenüber prinzipielle Bedeutung besitzen wird. Jedenfalls werden die bezüglichen Prozeßakten einen historischen Beitrag für das Studium der Almosenpolitik und ihrer traurigsten Konsequenzen bilden. „Jewish Chronicle“, Nr. 2105 vom 6. August 1909, berichtet aus Konstantinopel, daß der Gouverneur von Jerusalem Soubhy Bey dem Großrabbiner Nahum einen Besuch abgestattet habe. Er gab seinen Sympathien mit den Juden Ausdruck und bat den Chacham Banhi ehest nach Jerusalem zu kommen, um dort Maßnahmen zur Regelung der Verwaltung verschiedener Fonds und zur Verbesserung der jüdischen Institutionen daselbst zu treffen. Aus New York berichtet das Blatt von einer großen Rede, die Ja co b H. Sc h i f f in Buffallo zugunsten der „Zerstreuung“ der Juden in Amerika gehalten hat. The Modern View, Saint Louis, Nr. 19, 31. Juli 1909. In diesem vornehmen Assimilantenblatt erhebt der Protestrabbiner J. Leonard Levy aus Pittsburg seine krächzende Stimme gegen den Zionismus. Die von ihm angeführten Argumente, wie „jüdische Mission“, „endgültiger Sieg der Menschlichkeit“ beweisen, daß das salbungsvolle Pfaffentum auch jenseits des Ozeans zum Schaden unseres Volkes gedeiht. * * Unterwegs. (Drama aus dem jüdischen Leben von Heinrich Grünau, Köln und Leipzig 1909, Jüdischer Verlag.) Man kann dem Autor dieses „Drama aus dem jüdischen Leben“ nicht verzeihen, trotzdem sich darin ein jüdischer Assimilant erschießen muß, weil ihm der sattsam bekannte, verkrachte Baron, den er für seine Tochter gekapert hat, mit dem Vermögen durchgeht, trotzdem ein Mädchen auftritt, das bei einem Pogrom geschändet wurde und trotzdem einige junge Leute zum Schlüsse nach Palästina auswandern, „dem Heimatlicht entgegen . . .“ Im Gegenteil. Man muß der naiven Trivialität, die mit Gesinnungstüchtigkeit und Schreibefleiß Dramen bauen zu können glaubt, energisch entgegentreten. Zusammengeleimte Puppen ohne Seele und mit einem Plappermaul voll Gemeinplätzen können nicht von uns und für uns sprechen und es geht nicht an, einen getauften Großkaufmann, seinen zum Judentum zurückgekehrten Sohn, der begeisterter Zionist ist, einen Kultusvorstand, der die Wohltäterschaft gepachtet hat, eine pogromflüchtige Frau, die natürlich die verlassene Geliebte jenes getauften Kaufmannes ist, das alles sinnlos zusammengekoppelt und in eine leere, aber dafür schwülstige Sprache getaucht, deshalb gelten zu lassen, weil der Verfasser ein sehr geschätzter und überzeugungstreuer Zionist ist. A. Dr. G. Hölscher, Die Geschichte der Juden in Palästina. Leipzig, S. C. Hinrichs 1909. 64 S. Dem Verfasser verdanken wir schon eine treffliche kurzgefaßte „Landes- und Volkskunde Palästinas“ (Sammlung Göschen). Die vorliegende Schrift dieses christlichen Theologen ist ein vortrefflicher, vollkommen. objektiver, in knappsten Rahmen gefaßter Abriß der jüdischen Geschichte mit dem Mittelpunkte Palästina. Diese palästinazentrische Gruppierung der jüdischen Geschichte liegt ganz im Geiste des Judentums und des Zionismus. Die Darstellungsweise ist mustergiltig, die Objekiivität, mit der der Verfasser überall urteilt, ist hoch anerkennenswert. Dieser christliche Theolog hebt z. B. den Unterschied zwischen der Duldsamkeit der Mohammedaner gegenüber den Juden und der Intolerauz der Christen, welche er verurteilt, scharf hervor. Wir empfehlen die Schrift aufs wärmste.

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