Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. /Nr.. 33 mit ihren Wagen in den Haufen der versammelten Juden hinein. Viele Kurgäste stürzten zu Boden und wurden verwundet. Indessen rückten von einer anderen Seite mit Sensen und Stangen hewaffnete Goraien heran und machten sich zu einem Angriff auf die Juden bereit. Die Situation war äußerst bedrohlich. Nun erst intervenierte ein uniformierter Regierungskommissär, der die „Jüdchen“ zur Ruhe ermahnte, zum Verlassen des Platzes aufforderte und sie wegen ihres „provozierenden Benehmens“ zurechtwies. Dieser Vorfall entfesselte unter den jüdischen Kurgästen ungeheure Empörung. Da sie noch außerdem erfuhren, daß unter der polnischen Bergbevölkerung in den umliegenden Ortschaften eine Bewegung gegen die Juden im Entstehen begriffen sei, verließen .viele fluchtartig den Badeort. Soweit der Bericht. Auffallend ist die Haltung der polnischen Gesellschaft und der polnischen Presse. Die meisten Zeitungen verschwiegen den Vorfall vollständig. Einige andere hatten die Frechheit, das Ganze als „jüdische Ausschreitung gegen die Polen“ darzustellen. Diese Haltung verdient umsomehr gebrandmarkt zu werden, als die polnische Presse beständig dafür agitiert, daß die Juden heimische, das ist galizische Bäder aufsuchen, andererseits aber nie ein Tadelwort für die Gemeinheiten und Niederträchtigkeiten ihrer Volksgenossen findet, welche die jüdischen Kurgäste in der rohesten Weise verfolgen und beschimpfen. Diese polnischen Herren sind wirklich unverbesserlich! Selbst in den Fällen, wo sie von jüdischem Gelde leben, wie in Szczawnica, das 90°/» jüdische Kurgäste hat, lassen sie ihrem Antisemitismus die Zügeln schießen und jammern hinterher, daß die Juden fremde Kurorte aufsuchen. Ehrung Nordaus in Paris. Am 29. Juli fand in Paris im Saale des Palais Royal eine Feier zur Ehrung Max Nordaus statt. An dieser Feier nahmen außer Pariser Gesinnungsgenossen auch viele Zionisten aus Rußland, Oesterreich und Rumänien teil. Nordau war mit seiner Familie erschienen. Die erste Rede hielt Gg. Alexander Marmorek. Er feierte Nordau als zionistischen Führer und bedeutenden Menschen. Gg. Dr. Jakobson hob Max Nordaus Parteitreue hervor. Zum Schlüsse sagte er: „Hier im Palais Royal, wo in Frankreich zum ersten Male der Ruf nach Freiheit laut wurde, feiern wir den Kämpfer für unsere Freiheit. Alle Völker haben seit der Zeit der großen Revolution ihre Freiheit erlangt, nur das älteste Volk muß noch für ihre Erlangung kämpfen. Angesichts solcher Volkssöhne wie Sie, muß man glauben, daß unser Volk den Sieg erringen wird“! Gg.Dr.G i n sb u rg sprach im Namen der französischen Zionisten. Dann wurden die Begrüßungstelegramme verlesen. Viele bedeutende Zeitungen, fast alle zionistischen Organisationen hatten Glückwunschdepeschen geschickt. Lebhafter Beifall erscholl bei der Verlesung der Telegramme von Wolffsohn, Bialik und der Depesche des einzigen Zionisten aus Portugal. Nach der Verlesung der Depeschen sprach das Mitglied des E. A. C. Gg. Jacobus Kann, der aus Haag gekommen war, um Nordau im Namen des E. A. C. zu beglückwünschen. Hierauf sprach der Direktor der Kolonialbank, Herr N. Katzenelheute zum vornehmsten Seebad von Italien geworden ist. Es ist eine sonderbare Nachbarschaft: die verfallenen Steine mit den hebräischen Inschriften und die Luxushotels, die Ruhe des verlassenen Gottesackers und das heitere moderne Badeleben. Wenige Badegäste wissen überhaupt von der Existenz des alten Friedhofes; achtlos gehen sie an seiner Mauer vorbei. Auf einem verlassenen Wege längs der Lagune, der von der Landungsstätte der Dampfer bei Santa Elisabetha zum Fort Santa Niccolo führt, und der von tauben Gräsern und Sauerampfer eingefaßt ist, gelangt man zu der alten Stätte. Sie bietet nicht mehr das Bild poetischer Verwilderung und Zerstörung; seit etwa 25 Jahren ist der größte/Teil des Friedhofes aufgelassen und die Grabsteine sind auf einem engen Raume neu angeordnet In der Mitte erhebt sich eine aus den ältesten Grabsteinen zusammengesetzte Pyramide, die uns belehrt, daß der Friedhof im Jahre 1389 angelegt worden ist. Damals war Venedig nach der Besiegung Genuas gerade zur Herrin des Mittelmeeres und des Levantehandels geworden. Was hat die Stadt alles seitdem erlebt; wie oft hat seitdem der Friedhof auf der einst verlassenen Düne den traurigen Zug nahen sehen: eine Gondel mit einem rohgezimmerten Brettersarg, über den ein einfaches schwarzes Tuch gebreitet war, ohne Blumen und ohne Kränze, wie es die jüdische Religion vorschreibt, damit wenigstens im Tode die Menschen äußerlich gleich seien. Wie poetisch verwahrlost sah der Friedhof in seiner ursprünglichen Gestalt aus! soh n. Als letzter Redner ergriff Gg. Herr Kreme- < n e t z k y aus Wien das Wort. Er sprach von. der Wichtigkeit des mikrobiologischen Institutes und hob die Mitwirkung der Gemahlin Max Nordaus hervor, welche an den Arbeiten ihres Gatten lebhaften Anteil nimmt. Zum Schlüsse dankte Max Nordau in bewegten Worten für die dargebrachten Huldigungen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Zionismus bald sein Ziel erreichen werde. Mit den Worten: „Wir wollen mutig und energisch vorwärtsschreiten“, schloß er seine Rede, für welche ihm rauschende Ovationen dargebracht wurden. Judeneinwanderung in die Türkei. In der letzten Zeit wurde gemeldet, daß 10.000 russischjüdische Familien •_ ein Gesuch an das türkische Ministerium um Aufnahme in die Türkei gerichtet haben. Wer diese Familien sind, weiß man nicht genau. Doch dürften es Bialystoker Juden sein, welche über Anraten von dortigen Zionisten vor einigen Tagen ein derartiges Gesuch in Konstantinopel überreicht haben. „Unser Leben“ in Warschau erhielt am 5. August folgende auf das Gesuch bezügliche Depesche: „ln der Sitzung des Ministerrates wurde über das Gesuch der 10.000 jüdischen Familien, welche in; die Türkei auswandern wollen, beraten. Der Ministerrat ist zum Entschlüsse gekommen, daß die jüdische Immigration dem ottomanischen Reiche sehr nützlich sei und nahm das Gesuch sehr günstig auf.“ Nähere Details fehlen noch. Die Entscheidung des türkischen Ministerrates ist in Anbetracht der gegenwärtigen strengen Einwanderungspraxis in den Vereinigten Staaten von großer Bedeutung und kann nicht genug gewürdigt werden. Außerdem yernichtet sie das Lügengewebe von einer feindlichen Haltung der türkischen Regierung gegenüber der jüdischen Einwanderung. Der Odessaer Gemeinderat gegen das Wahlrecht der Juden. Der Odessaer Gemeinderat hat in einer außerordentlichen Sitzung den Beschluß gefaßt, eine alleruntertänigste Bitte, zu] überreichen daß man erlaube fürdie nächste Dumaabgeordnetenwahl ein nenes Wahlregister anzulegen, in welchen die Juden, die bisher das Wahlrecht hatten, nicht mehr Platz finden sollen. Der Beschluß des Odessaer Gemeinderates ist 'eitj trauriges Zeichen der wiedererstarkten Reaktion und des überhandnehmenden Antisemitismus. ■ Alliance und Allianz. Die Erklärung, die uns Herr Dr. Kaminka neulich zusandte, verdient niedriger gehängt zu werden, denn sie ist ein Schulbeispiel für die Kühnheit, mit welcher die „Allianzen“ die öffentliche Meinung zu behandeln wagen. Herr Dr. Kaminka stellt an die Spitze seiner Ausführungen die Behauptung, daß die „Allianz“ ein selbständiger Verein sei, und wehrt damit unsere Identifizierung von Alliance und Allianz ab. Wir wollen ihm nicht entgegenhalten, daß er trotzdem in seiner Zuschrift selbst die beiden stets zusammennennt und gemeinsam verteidigt, wir wollen auch nicht darauf hinweisen, daß die „Allianz“ eine Gründung der „Alliance“ ist, daß beide das gleiche Statut haben,, daß ihr Präsident David Ritte«- Die Grabsteine waren von schweren fetten Gräsern, weißblühenden Zwergakazien und wilden Blumen überwuchert. Im Frühling blühten heitere goldene Narzissen und im Sommer trieb die wilde Rose ihre Schößlinge und sternförmigen Blumen über die verwitterten Steine. Insekten schwirrten umher und Vögel sangen. Dicht beim alten liegt der neue Judenkirchhof, der viel Interessantes der langen Geschichte der Juden erzählt. Auch seine Grabsteine gehen bis auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Die ältestem sind mit braunem Moos bewachsen und werden von üppigem Gras mit rot leuchtendem Klatschmohn, dem Sinnbilde blühenden Lebens umstanden. Die Namen, die man auf ihnen liest, erzählen vom Ursprung der Geschlechter: die Hanau und Tedesco sind aus Deutschland zur Zeit der Kreuzzüge gekommen; die Sullam, Ancona, Ravenna, Cesana und Fano haben sich von der Levante aus, wo sie zuerst mit Venezianern in Berührung kamen, an der italienischen Adria angesiedelt, die Errera und Silva de Gomez sind in den Judenverfolgungen des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben worden. Noch heute haben diese verschiedenen Gemeinden, die sich aus Nord und Süd, aus West und Ost in der Weltstadt an der Adria zusammenfanden, ihre eigenen Synagogen im alten Ghetto am Canareggio unfern vom Bahnhofe. Diese Tempel sind stimmungsvolle Orte: der levantinische hat kunstvoll geschmiedetes, dichtes Eisengitterwerk an seinen Fenstern und reiche Skulpturen aus Ebenholz an der Decke und an den Wänden; dieFrauenvon Gutmann dem;Pariser Zentralkomitee angehört und zwischen ihnen eine enge Arbeitsgemeinschaft besteht. Wir haben dies für unsere Beweisführung nicht nötig. Für die von uns behauptete Identität zwischen Alliance und Allianz gibt es einen klassischen Zeugen. .— die Wiener Allianz selbst! Diese schrieb im Oktober 1907 an die Pariser Alliance folgendes: Wir können gleich der AJA nur bestätigen, daß von einer L o s 1 ö s u n g oder gar von einem Abfall von der Pariser organisation bei der Gründung der unsrigen nichtdie Rede sein konnte, daß es sich vielmehr neben der Rücksicht auf die Staatsgesetze darum handelte, größere Mittel für allgemein jüdische Hilfszwecke in unserem Lande aufzubringen, als es für ein Komitee eines auswärts domizilierenden Vereinsmöglich gewesen wäre.“ Diesen Brief, der anläßlich des Streites zwischen Alliance und Prof. Dr. Philippson geschrieben wurde, hat letztere s. Z. in allen jüdischen Blättern publiziert. Herr Dr. Kaminka möge uns also gütigst mit der Fabel von der „Selbständigkeit“ der Allianz verschonen. Sie ist nur eine formelle, der Unterschied gegenüber der Alliance besteht nur darin, daß sie sich mit „z“ statt mit „ce“ schreibt, worauf Herr Dr. K. in seinem Briefe großes Gewicht legt. Dr. K. scheint überhaupt auf eine große Gedächtnisschwäche der Zionisten zu spekulieren. Er glaubt sogar, daß wir am Schlüsse seines Briefes schon den Anfang vergessen haben. Er beklagt sich nämlich am Ende seiner Epistel, daß wir Zionisten in der Allianz „Feinde und Gegner wittern, was nicht im Interesse unserer Ziele wäre“, sagt uns aber am Anfang seines Briefes selbst, daß die Mehrheit der Mitglieder der Allianz sich mit den Kundgebungen Goldbergers einverstanden erklären wird, in welchen bekanntlich wir Zionisten denunziert und unsere Führer geschmäht werden. Wahrscheinlich sollen wir „im Interesse unserer Ziele“ dieses Einverständnis als einen freundlichen Akt ansehen. Bei Herrn Dr. Kaminka versagt auch hier die Soziologie. Er weiß nicht, daß Senilität des Geistes meist in Kreisen gefunden wird, welche der „Allianz“ nahestehen, während bei den Zionisten Jugend, Kraft und Geistesfrische vorherrschen. Mit den „sachlichen“ Ausführungen des Dr. Kaminka haben wir uns schon beschäftigt. Daß er aus einer alte.. Nummer einer zionistischen Zeitschrift einen längst als irrig nachgewiesenen Vergleich zwischen der Ansiedlung von Deutschen in Deutsch-Westafrika mit jener der Juden in Palästina übernimmt, ist nur ein neuer Beweis für seine tiefen soziologischen Kenntnisse. Er weiß offenbar nicht, daß Deutschland keine Menschen mehr exportiert und bei einer Volkszahl von über 60 Millionen im Jahre 1908 nur 10.000 Deutsche ausgewandert sind, während von 6 Millionen Ostjuden jährlich 200.0C0, also verhältnismäßig die 200 fache Zahl, auswandem muß. Daß Deutschland eine mächtige nationale Wirtschaft hat, welche Kolonien braucht, um Rohstoffe zu beziehen und Waren zu exportieren, während die Juden, um zu normalem Leben zu kommen, erst ihre nationale Wirtschaft in Palästina aufbauen müssen, Palästina also für sie keine „Kolonie“, sondern das künftige Mutterland darstellt galerie ist eng und durch eine halbe Jalouisine halb verdeckt, wie es der Stellung der orientalischen Frau entsprach. Die spanische Synagoge ist ein Werk Longhenos, des berühmten Architekten von Santa Maria della Salute. Allmählich sind die deutschen Juden, die Levantiner ued die Spagniolen ganz im Italienertum aufgegangen. Neben der hebräischen Inschrift auf den Grabsteinen tritt eine italienische Erklärung, zuerst schüchtern, dann wagt sie sich breiter hervor, und endlich verdrängt die italienische Inschrift die hebräische ganz. Die demokratische Gleichheit der Grabsteine hört auf, die Denkmäler werden größer und anspruchsvoller und schließlich schmücken die Bilder der Verstorbenen nach lateinischer Sitte die Grabstätte. Auch von der gesellschaftlichen und politischen Befreiuung der Juden in Venedig erzählt dieser Friedhof. Eines der prächtigsten Denkmäler ist dem Senator Isak Pesaro- Maurogonate errichtet, der 1848—1849 Finanzminister der Republik und einer der führenden Männer bei der Verteidigung der Stadt gegen Oesterreich war. Auf vielen Steinen liest man den Namen Luzzatto oder Luzzatti, und man erinnert sich, daß der Staatsminister gleichen Namens ein Venezianer jude ist. Und denkt man endlich daran, daß im vorigen Jahre Kaiser Wilhelm bei seinem Besuch in Venedig durch den Platzkommandanten General Coen begrüßt ^vurde, so sieht man, daß in Italien auch die letzten Reste derZeit geschwunden ist, da die Edlen von Venedig den Juden am Rialto ins Gesicht speien und sie Hunde nennen durften.“