Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 32 der Jude nicht nur Schätzung, sondern auch Vertretung seiner Interessen finden könnte. * . * Im jüngsten Literaturblatte der „Frankfurter- Zeitung“ wird den vom Zionistischen Aktionskomitee herausgegebenen zionistischen Schriften Max Nordaus Erwähnung getan und zwar wird dieses Werk unter dar Spitzmarke: Theologie, registriert... Es ist in höchstem Maße erstaunlich und wirkt komisch, daß die „F.-Z.“, welche übrigens den zionistischen Bestrebungen freundlich gegenübersteht, der nationaljüdischen Bewegung so wenig Verständnis entgegenbringt. Der alte assimilatorische Grundsatz, welcher nur eine jüdische Religion kennt, scheint bei diesem wahrlich liberalen Blatte noch immer die Oberhand zu haben. Judentum - Religion, jüdische Frage - Religionsfrage. Aus diesem Satze kann dann folgerichtig deduziert werden, daß der Zionismus als Lösung der Judenfrage eine religiöse Idee und die ihn behandelnden Werke theologische Bücher seien. So wird man Theologe — bei allem Freidenken. Dasselbe kann sogar Dr. Oppenheimer mit seinem „religiösen“ Siedlungsprojekte und am Ende gar Kaplansky-„Kaplan“ widerfahren . . . . B-ö. Warum klagt Sokolow nicht? Wie berichtet, hat der Geheime Kommerzienrat Goldberger, Präsident der „Deutschen Konferenzgemeinschaft“ der Alliance eine Erklärung in „Ost und West“ veröffentlicht, in der er mit deutlichem Hinweis auf Nahum Sokolow, den Generalsekretär der zionistischen Organisation und Gg. James Simon, Mannheim, von zionistischen Wortführern sprach, die nur von Unterstellungen und Skandal leben und die man schon als Propagandisten des Antisemitismus totschweigen sollte, da man ihnen andernfalls zu viel Ehre erweist.“ Der Hinweis auf die beiden Genannten mag vielleicht nicht genügend juristische Unterlage für einen Ehrenbeleidigungsprozeß bieten, immerhin würde ein solcher Herrn Goldberger zwingen, zu erklären, er habe mit jener Phrase nicht die beiden Herren gemeint Wie dem auch sei, der Würde der zionistischen Bewegung ist es ihr Generalsekretär schuldig, Herrn Goldberger zur Rechenschaft zu ziehen. Es kann nicht geduldet werden, daß von irgend einer Seite, sei es auch nur von einem Assimilantenhäuptling, eine Beschimpfung ausgesprochen wird, die man nach dem Zusammenhang auf einen Funktionär unserer Organisation beziehen muß. Wir verstehen ganz gut, daß Gg. Simon sich nicht mit Herrn Goldberger herumschlagen will, aber Sokolow ist kein Privatmann, sondern Chefredakteur unseres Zentralorganes und Generalsekretär. Die Organisation hat ein Recht zu verlangen, daß er das im Interesse ihrer Würde, die zu bewahren er berufen ist, Herrn Goldberger zur Revokation zwingt Man muß in dieser intern-jüdischen Sache durchaus nicht die öffentlichen Gerichte anrufen, die hervorragende soziale Stellung des Herrn Goldberger, sowie seine Eigenschaft als Funktionär der Alliance zwingen ihn, Rede zu stehen und eventuell ein Schiedsgericht anzuerkennen. Ob er das nun tut oder nicht, ist schließlich nicht von Belang, denn das Urteil über Sokolow und über Goldberger als jüdische Politiker steht wohl fest. Die Hauptsache ist, daß sich der Generalsekretär der zionistischen Bewegung auch nicht den Schein eines Anwurfes gefallen lassen darf. Er muß von Goldberger Rechenschaft fordern. Gibt dieser keine, so wird sein Charakterbild höchstens einen schönen Zug mehr aufweisen. Die Würde der Organisation wäre aber schon durch diesen Schritt Sokolows gewahrt. Die Sozialwissenschaft der Alliance. Zu dem unter diesem Titel erschienenen Artikel ln der letzten Nummer dieses Blattes erhalten wir vom Sekretär der Wiener „Allianz“ Herr Dr. Armand Kaminka folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Gestatten Sie mir, zu Ihrem Artikel „Die Sozialwissenschaft der Alliance“, der auf einen in den jüngsten „Mitteilungen“ der „Israelitischen Allianz zu Wien“ veröffentlichten Aufsatz über die Emmigrationsverhältnisse Bezug nimmt, einige Bemerkungen zu machen. 1. Die „Israelitische Allianz zu Wien“, (deren Name doch wenigstens von Blättern, die an ihr Kritik üben, richtig angeführt werden sollte) ist ein ganz selbständiger österreichischer Verein, dessen Leitung nur für ihre eigenen Handlungen verantwortlich gemacht werden. Sie steht auch gänzlich fern den Kundgebungen des Herrn Goldberger in Berlin, wenn auch, wie ich hinzufügen muß, der bei weitem größte Teil unserer Mitglieder ganz sicher dem vom Präsidenten der Deutschen Konferenzgemeinschaft entwickelten Programm zustimmen wird. Der Aufsatz über die jüdische Emigration aber, der in unseren „Mitteilungen“ ausdrücklich als aus einen von mir vor einiger Zeit gehaltenen Vortrage stammend bezeichnet wird, steht in gar keinem weder idealen noch sachlichen Zusammenhänge zu den Berliner Kundgebungen. Der Vortrag wurde von mir in Wien beretis vor zwei Jahren gehalten. 2. Im ganzen Aufsatz wird mit keinem Worte des Zionismus gedacht, mit dem die Betrachtungen über die tatsächlichen Auswanderungsverhältnisse absolut nichts zu tun haben. Es müßte doch Ihrer löblichen Redaktion bekannt sein, daß gerade in sehr gut zionistischen ernsten Organen, wie z. B. im hebräischen „Haschiloach“, bereits vor einigen Jahren mit anderen statistischen Daten als den meinigen, aber mit einem ganz umfassenden Material in einer eingehenden ' Studie die Illusion von der Lenkbarkeit der Emigration gründlich zerstört wurde. U. a. wurde auch das Argument angeführt, daß z. B. Deutschland mit einer Ausgabe von Hunderten von Millionen Mark und einer ungeheuren nationalen Propaganda es nicht erreichen kann, daß die Ueberschüsse der Bevölkerung in großen Massen nach Deutsch-Westafrika wandern, wo sie eine neue deutsche Heimat finden und die nationale Macht fördern können, sondern zusehen muß, wie Hunderttausende von Leuten lieber nach englischen Ländern, nach Amerika, ja sogar nach Rußland auswandern, wo sie für den geringsten individuellen Vorteil ihre Nationalität preisgeben und jedenfalls schon in der zweiten Generation -den Deutschen verloren gehen (Die „Kölnische Zeitung hat“, wenn ich nicht irre, erst vor einem Jahre einen Jammerartikel gebracht über die klägliche Fahnenflucht der Deutschen in fernen Ländern). Aus jenen national-ökonomischen Erörterungen wollte man von zionistischer Seite nur beweisen, daß sich vor einer Konfundierung der Augenblicksbedürfnisse und der philantropischen Bestrebungen mit historisch begründeten, hauptsächlich auf geistige nationale Güter gerichteten Aspiration hüten muß und daß das nach der Lage der Dinge in Palästina Erreichbare ein geistiges Zentrum für die Renaissance des jüdischan Stammes wäre. Wenn nun innerhalb Ihrer Organisation eine derartige nüchterne Betrachtung der Auswanderung statthaft ist, so darf doch wohl die weder für noch gegen den Zionismus, sondern lediglich in ihrem eigenen statutarischen Wirkungskreise für das Wohl unserer Glaubensgenossen humanitär tätige „Allianz“ eine statistische Studie publizieren. 3. Sie rennen eine offene Türe ein, wenn sie, indem sie irrtümlich den Aufsatz als gegen den Zionismus gerichtet ansehen, uns die Belehrung erteilen, dieser suche jüdischeProletarier zu Landbauern zu machen und hinzufügen „das wäre gesünder für die überzähligen Schneider von Kiew, Kischenew etc. als elend bezahlte und ausgearbeitete Konfektionsarbeiter in New-York zu werden.“ In der Tat wird jeder dahinzielende Schritt nicht nur von der „Allianz“ in Wien, sondern wie ich sicher weiß, auch von der „Alliance“ in Paris und von der „Deutschen Konferenzgemeinschaft“ mit der größten Sympathie begrüßt. Es ist ihnen ja wohl bekannnt daß die Pariser Alliance als erste die Kolonie „Mikweh Israel“ gründete. Vom Standpunkte der Tatsachen ist eben nur leider bedauerlich, daß die Transformation nur bei einem verschwindend geringen Bruchteil der osteuropäischen Judenheit und auch bei dieser nur mit ungeheueren Kosten künstlich durchgeführt werden kann, während auf natürlichem Wege mit lächerlich geringen Kosten, die, selbst nach den neuesten Erscheinungen der Einwanderung in Amerika und der Erhöhung der Bargeidforderung bei der Landung, noch immer von neun Zehntel der Auswandernden spielend aufgebracht werden, Handwerker nach amerikanischen Städten gehen, sich dort innerhalb weniger Wochen eine Existenz begründen und bald ihre Angehörigen nachkommen lassen können. Jeden Rat, sich statt dessen etwa in Palästina kolonisieren zu lassen, würden sie, selbst wenn die Millionen zur Verfügung ständen, mit Hohn zurückweisen. 4. Von den vielen statistischen Daten, die ich anführe und die doch jeden, der sich mit der Sache ernstlich befassen will, willkommen sein müssen, zitieren sie nur eine ganz nebensächliche, der Kuriosität halber angeführte Zahl, (daß nämlich, sowohl man doch erwarten müßte, daß nichtjüdische Auswanderer im russischen Riesenreiche gar nicht existieren oder nur in verschwindender Zahl Vorkommen, dieselben nach der Statistik doch noch immer zahlreicher als die jüdischen sind), um an der Hand derselben meine Darlegungen kurz abzutun. Es fällt mir aber gar nicht ein zu bestreiten, daß die Juden in unverhältnismäßig höherem Prozentsatz wandern. Diese Wanderung hat für die Kenner der jüdischen Lebensverhältnisse und Berufsarten gar nicht einmal mit den überseeischen Ländern allein in Beziehung gebracht zu werden. Die innereuropäische Wanderung von Osten nach den großen Zentren Westeuropas, ja sogar innerhalb jedes Staates, die Wanderung von den wirtschaftlich schwachen kleinen Orten nach den großen Verkehrsmittelpunkten muß vom volkswirtschaftlichen Standpunkte mitBezug auf diejuden der überseeischen Emigration als Ergänzung hinzugefügt werden, da gerade für die Juden die Grenze zwischen einfacher Uebersiedlung und Emigration eine fiottante ist. Es ist hier nicht der Ort, diesen Punkt eingehend zu erörtern. Ich möchte nur hinzufügen, daß es meines Erachtens doch im Interesse der Ziele, die Sie verfolgen, gut wäre, wenn Sie nicht ganz unnützer Weise und ohne jede Berechtigung überall Feinde und Gegner wittern würden. Mit besten Dank für die freundliche Aufnahme dieser Zeilen und vorzüglicher Hochachtung: Dr. Armand K a r m i n k a. Hierzu haben wir folgendes zu bemerken: Es ist recht lieb von Herrn Dr. Kaminka, daß er uns nochmals bestätigt, was wir behaupteten. Wir haben ja nicht gesagt, daß in den „Mitteilungen der Alliance“ der Zionismus genannt wurde, so offen führt sie den Kampf nicht, sondern daß er mit dem „Irrtum, daß man auf Grund politischer Erwägungen die Emigration nach irgend einen besonderen Gebiete dirigieren konnte“ gemeint wurde. Dies bestätigt obige Einsendung, denn in Punkt 3 derselben polemisiert Herr Dr. Kaminka neuerdings gegen diesen zionistischen „Irrtum“. Was will also Herr Dr. Kaminka? Wir wissen es sehr wohl: Die Gastfreundschaft unseres Blattes benützen, um darin gegen den Zionismus, wie er ihn versteht, loszuziehen. Die klassische Stelle in den von uns besprochenen Mitteilungen der Allianz, daß nämlich d i e jüdische Massenemigration obzwar z. B. jene aus Rußland diederNichtjuden um das 22 fache übersteigt, weder ungewöhnlich noch beunruhigend sei, wagt Herr Dr. Kaminka nicht zu verteidigen. Er macht einen schwachen Versuch, sie als „nebensächlich“ zu bezeichnen. Dabei passiert ihm aber ein neues Malheur. Er sagt, man müsse „erwarten, daß nicht jüdische Auswanderer aus dem russischen Riesenreiche überhaupt gar nicht existieren“.Und ein Mann, der das sagt wirft nur so mit Wissenschaft und Nationalökonomie herum! Er weiß nichts von der furchtbaren Agrarkrise, welche seit 40 Jahren das russische Reich erschüttert, nichts von den permanenten Mißernten, der Ausbreitung des Hungertyphus, nichts von den politischen Verfolgungen, nichts von den administrativen Verschickungen etc., welche alljährlich zehntausende russischer Bauern und ■ Proletarier - übers Meer treiben: •^Wahrscheinlich sind auch jene sozialeu Erscheinungen für ihn „weder ungewöhnlich noch beunruhigend“. Die „Sympathie“ der Alliance samt jener der Allianz für Palästina-Kolonisation, von der Herr Dr. K. schreibt, rührt uns zu Tränen. Sie dokumentiert sich nämlich darin, daß die Alliance die Schüler der Ackerbauschule Mikweh Israel bei Jaffa nach Canadä und Egypten schickt, anstatt sie mit der angebotenen Hilfe der ICA. in Palästina anzusiedeln. Wir können auch gar nicht zugeben, daß uns die statistischen Daten der Allianz willkommen sein „müssen“. Wir kennen nämlich genau die Quellen, aus denen die Allianz schöpft und brauchen ihre Vermittelung nicht, wenn wir sie benützen. Die Belehrung des Herrn Dr. Kaminka, daß wir im Interesse unserer Sache, besser täten, nicht überall Feinde zu wittern, soll wohl richtig heißen: „im Interesse des Ruhebedürfnissesder Allianz“, der es natürlich unangenehm ist, aufgerüttelt zu werden, wenn sie dokumentiert, daß sie ihre Zeit verschlafen hat. Leider wird dieser Appel bei uns taube Ohren finden, vielmehr wird der Kampf gegen die volksfeindliche „Alliance“ von uns auch weiterhin mit aller Schärfe geführt werden. Das versprechen wir ihr. Revue der Presse. „Die Welt“, Köln am Rhein, Nr. 31. — Ein Bericht aus Palästina meldet, daß in Petach-Tikwah ein Streit wegen des Koloniearztes Gg. Dr. Kohan- Bernstein ausgebrochen ist. Die orthodoxe Majorität findet ihn zu fortschrittlich gesinnt, weil er volkstümliche Kurse über naturwissenschaftliche Themen hält. Die jüngeren Elemente halten fest zu ihm. — In Saloniki-Monastir wurde der Todestag Dr. Herzls von den dortigen zionistischen Vereinen festlich begangen. „Unsere Hoffnung“, Wien, Nr. 6, bringt den Abschluß einer interessanten Veröffentlichung Dr. Pasmaniks „Aus den Briefen eines Palästinapionniers“ aus welchen hervorgeht, wie ein junger Jude mit Hilfe derJCA, auf deren Farm Sedjera er ausgebildet wurde, sich zum selbstständigen Landwirt emporarbeitete. Man erfährt aus diesen Briefen auch, daß die JCA die Bewirtschaftung von Sedjera einem Arbeitersyndikat überlassen hat, was sich glänzend bewährte. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden, Nr. 8. Dr. Segall schreibt über Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Berlin 1897—1906 und kommt zu dem Schluß, daß die Juden ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung zu Teil werden lassen und jene Unterrichtsanstalten bevorzugen, die eine abgeschlossene