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Jüdische Zeitung · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Aus dem jüdischen Leben. Das Kruzifix in der Judenschule. Aus Brünn wird berichtet: Ein interessanter Rechtsfall, der die mährischen Schulbehörden seit einigen Monaten beschäftigte, ist jetzt dem Unterrichtsministerium zur Entscheidung vorgelegt worden. Die politische Israelitengemeinde Lomnitz erhält eine Schule, an der bis vor einem Jahre der jetzige Bürgermeister Schiller die Stelle des Oberlehrers bekleidete. Nach seinem Rücktritt wurde ein katholischer Oberlehrer angestellt, da inzwischen die katholischen Schüler die Mehrheit an der Schule erlangten. Im Oktober vorigen Jahres stellte nun das Lomnitzer Pfarramt an den Ortsschulrat der Israelitengemeinde das Verlangen, aus Gemeindemitteln ein Kruzifix anzuschaffen und im Schulzimmer anzubringen. Der Ortsschulrat wies dieses Verlangen in einer motivierten Eingabe an das Lomnitzer Pfarramt zurück, erklärte jedoch, daß gegen die Anbringung eines Kruzifixes während des katholischen Religionsunterrichtes selbstverständlich nichts einzuwenden sei- Das Pfarramt versäumte die Rekursfrist und wendete sich nun an das bischöfliche Ordinariat in Brünri, das der Schule in der Israelitengemeinde Lomnitz ein Kruzifix zum Geschenk machte. Die Schulgemeinde und der Ortsschulrat verweigerten aber die Annahme des Geschenkes, worauf der k. k. Bezirksschulrat Brünn Land die Anbringung des geschenkweise überlassenen Kruzifixes im Schulzimmer für zulässig erklärte und nur die Entfernung während der Stunden des jüdischen Religionsunterrichtes verfügte. Zugleich wurde der Schulleiter angewiesen, diese Verfügung durchzuführen. Gegen die Weisung des Bezirksschulrates wurde nun die Beschwerde erhoben. Der Landesschulrat wies mit Erlaß vom 23. Juni 1. J. die Beschwerde mit der Verschärfung zurück, daß das Kruzifix permanent in der Schule zu belassen sei, gestattete aber auch, daneben ein jüdisches Symbol anzubringen. Gegen diese Entscheidung des Landesschulrates wurde der Rekurs an das Ministerium für Kultus und Unterricht eingebracht. Eine assimilatorische Größe. Aus Budapest wird' uns "geschrieben :. Der mächtigste Mann in Ungarn ist ein getaufter Jude, der Staatssekretär des Handelsministerium Josef Szterenyi (früher Singer), Sohn eines Oberrabbiners von Budapest. Er ist der Spiritus rektor Kossuths und der Unabhängigkeitspartei, ihr geistiger Führer und ihr bestes Talent. Seine hervorragende Begabung findet auch im Ausland Anerkennung. Vor einigen Tagen, am 3. ds. veröffentlichte der Bruder des Szterenyi-Singer, Berthold, im sozialistischen Organ „Nepszava“ eine Erklärung, in der er u. a. sagt, daß der Vater des Staatssekretärs niemals auf seinen Sohn stolz gewesen sei, daß sich Josef ferner niemals seiner Familie anhänglich erwiesen hätte, ja daß er sogar seinen Ursprung, seinen Gott, seine Religion, seinen Bruder, seine Verwandten stets verleugnete. Wenn Singer-Szterenyi darauf mit Dementis antworten sollte, die Tatsache, daß er seinen Ursprung, seinen Gott, seine Religion verleugnet, wird er wohl schwer berichtigen können. Daß der eigene Bruder Namensänderung und Taufe öffentlich stigmatisiert, mag wohl nicht sehr brüderlich gehandelt sein, es ist aber ein Zeichen, daß endlich auch den Angehörigen aufdämmert, daß die Taufe eines Familienmitgliedes und die Aenderung des Namens eine der Familie angetane Schmach ist und einem Verleugnen des eignen Blutes gleichkommt. Juden in der bosnisch-herzegowinischen Handels- und Gewerbekammer. Aus Sarajewo wird der „Zidowska smotra“ geschrieben: Montag den 26. Juli 1. J. wurden hier die ersten Wahlen in die bosnisch-herzegowinische Handels- und Gewerbekammer vorgenommen. Es standen sich zwei Gruppen gegenüber: die vom Direktor der Unionbank Somogyi und die vom Direktor der Landesbank Berkowid geführte Gruppe. Beide Männer, die auf die Präsidentschaft in der Kammer aspirierten, sind Kroaten. Den Sieg hat die Berkovid-Gruppe davongetragen. Mit besonderer Freude und großer Genugtuung können wir Juden auf das bisherige Ergebnis der Wahlen blicken. Von den am Montag gewählten 24 Handelskammerräten sind neun Juden, und zwar die Herren: Jesua D. Sa- JÜDISCHE ZEITUNG. .1 o m, Dr. Moritz Rothkopf, Josef F1 e i s e limann, Moritz Gero, Louis Schloßberger, Richard Hartmann, S. D. Alkalay, Josef Isr a e 1 und Abram Isak P a p o. Bei den am Dienstag und Donnerstag vorzunehmenden Wahlen dürften noch einige Juden gewählt werden. — Das für uns Juden so überaus glänzende Ergebnis der Handelskammerwahlen dokumentiert besser als alle möglichen Petitionen, wie wichtig das jüdische Element für Bosnien und die Herzegowina ist. Man ersieht daraus, daß das Verlangen der hierländischen Judenschaft nach einer eigenen Kurie im bosnischherzegowinischen Landtage begründet ist. Hoffentlich werden die maßgebenden Kreise dies noch im letzten Moment einsehen und uns die primitivsten politischen Rechte nicht vorenthalten. Die Liste der Somogyi-Gruppe hat aus ganz besonderem Entgegenkommen 4 (sage vier) Juden als Kandidaten aufgestellt gehabt. Trotz alledem fanden sich bedauerlicherweise Juden, die eine lebhafte Agitation für diese Gruppe eingeleitet hatten. Mit welchem Erfolge, das beweist am besten das Ergebnis der Wahl. Es kann nie genügend vor solchen Juden gewarnt werden, denen das eigene Interesse näher als das Wohl des Volkes ist. Wir Juden, als Minorität, müssen noch mehr und fester Zusammenhalten als jede andere Nation. — Nachträglich wird der „Z. s.“ telegraphiert: Sarajewo, den 29. Juli. Bis heute wurden insgesamt zwölf Juden zu Kammerräten gewählt. Ein Provinzmandat dürfte uns noch zufallen. Erfolg über alle Erwartungen. M. Die jungtürkischen Deputierten in London. Man schreibt uns aus London: Am 17.Juli gab Gg. Sir Francis Montefiore, Ehrenpräsident der zionistischen Landsmannschaft Englands, ein Bankett zu Ehren der in London anwesenden jungtürkischen Deputierten, unter denen sich bekanntlich auch die Juden Mazliach und Sas-on, sowie der zionistenfreundliche Dr. Riza TewfikBey befinden. Mazliach Effendi betonte in einer Rede, daß es den Juden in der Türkei, wo sie ein fleißiges und intelligentes Element darstellen, stets gut ergangen ist. Eine Einwanderung von Juden, sofern sie nicht auf unpatriotischer oder separatistischer Basis erfolge, werde , der Türkei stets willkommen sein. Für Ansiedlung wäre genug Raum vorhanden. Dr. Riza Tewfik Bey brachte seine große Sympathie für das jüdische Volk zum Ausdruck. Er sympathisiere auch mit dem Zionismus, sofern er die Verbesserung der sozialen Lage des jüdischen Volkes anstrebt. Die politische Aspirationen wären aber im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht angebracht. Um ein Ideal zu erreichen, müsse man Schritt für Schritt Vorgehen. Gg. Greenberg betonte, daß die Zionisten gewiß keine unpatriotischen und separatistischen Ziele verfolge. Sie begnügten sich mit lokaler Selbstverwaltungsrechten in ihrer alten Heimat Palästina. Redner wies auf das Beispiel Englands hin, daß durch Gewährung solcher Rechte die Völkerschaften des Reiches fest an sich gekettet habe. Brief aus Deutschland.* Der Kampf um die jüdischen Handlungsgehilfen. Max Nordau als Theologe. (Von unserem Korrespondenten.) In Deutschland, in diesem Lande der strammen Organisationen und der Vereinsmeierei, hat man am meisten die Vorteile des Grundsatzes „Union fait la force“ begriffen und demzufolge sind alle Gesellschaftsklassen geradezu mustergiltig organisiert. Dies hat zwar einerseits zur Stärkung des Kastengeistes, welcher Deutschland heute in seinem Rachen hält, geführt, andererseits aber den organisierten Ständen zu ihrem guten Rechte verholfen. Insbesondere gelten die Organisationen der Handlungsgehilfen als stark. Bis vor ungefähr zehn Jahren waren die nach Zehntausenden von Mitgliedern zählenden Körperschaften vom antijüdischen Geiste fast gänzlich verschont gewesen. Dies konnte scheinbar dem teutschen Charakter nicht Zusagen und es wurde der „Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband“ ins Leben gerufen. Diese judenreine Vereinigung hat sofort nach ihrem Entstehen einen beispiellosen Siegeszug angetreten und verfügt heute über 130,000 Mitglieder, alle stramm * Wegen Raummangel verspätet. Seite 5 deutschnational und antisemitisch, wie dies im Programm mit deutlicher Klarheit gefordert wird. Vor etwa zwei Jahren suchte sich die drittgrößte deutsche Handlungsgehilfenorganisation, der „Verband deutscher Handlungsgehilfen in Leipzig“ anzubiedern und es wurden zwischen den beiden Körperschaften Verhandlungen eingeleitet, die zur Fusion hätten führen sollen. Nun gab es aber ein unüberwindbares Hindernis, welches in den jüdischen Mitgliedern des Leipziger Verbandes verkörpert war. Als die Nachricht über die geheimen Verhandlungen in die Oeffentlichkeit drang, wurde pro und kontra großer Lärm geschlagen, naturgemäß auf dem Rücken der Herren israelitischen Mitglieder, die sich zu keiner entscheidenden Tat aufzuraffen vermochten und ängstlich der Entscheidung ihres Vereines entgegensahen. Es handelte sich schließlich darum, ob sie noch weiter im Leipziger Verband geduldet oder aber kurzerhand hinausgeworfen werden sollten. Das Unwürdige, RUckgratlose ihres Verhaltens ist keinem der israelitischen Mitglieder bewußt geworden. Kein einziger von ihnen hat dem Verbände den Rücken gewendet. Die Verhandlungen zwischen den beiden Verbänden haben jedoch zu keinem Erfolge geführt Aus welchem Grunde ist nicht recht bekannt. Auf den guten Willen des Leipzigers ist es sicherlich nicht angekommen. Die Israeliten atmeten erleichtert auf: „Nun dürfen wir weiter im Verbände verbleiben!“ Nun haben die Sozialisten, die es übrigens in Deutschland mit dem Antisemiten nicht sehr genau nehmen, versucht, aus dieser Verkehrtheit Nutzen zu ziehen. Anläßlich der Münchener Handelskammerwahlen hat nämlich der sozialdemokratische Zentralverband der Handlungsgehilfen an die jüdischen Mitglieder des Leipziger Verbandes einen Appell gerichtet, worin er mit Hinweis auf die antisemitische Tendenz desselben sie gradwegs aufforderte, für die sozialistische Liste zu stimmen. Dieser Streich veranlaßte den Leipziger Verband zur Veröffentlichung folgenden Aufrufes: „Jüdische Handlungsgehilfen! Der sozialdemokratische Zentralverband der Handlungsgehilfen sucht in unlauterer Weise für seine Liste C Propaganda zu machen, dadurch, daß er die Religion in den Wahlkampf hineinzieht und damit unsere israelitischen Mitglieder (in Flugschriften und Plakaten, angeblich von Mitgliedern des V. D. H. ausgefertigt) aufzuhetzen beabsichtigt. Wir appellieren an die Einsicht unserer Kollegen, diese Machinationen mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen und ohne Ausnahme für unsere Kandidaten und damit für Liste A einzutreten. Im übrigen enthält u. a. die Liste C des Zentralverbandes ausgesprochene Antisemiten. Kreisverein München im Verband deutscher Handlungsgehilfen zu Leipzig.“ Der Aufruf ist entschieden von kulturhistorischem Wert. Er zeigt uns, wie unreif, wie bodenlos dumm die „israelitischen“ Mitglieder sind, die erzglücklich sind, wenn man ihnen gestattet, judenfeindlichen Vereinen anzugehören und nicht die moralische Kraft finden, sich von denselben loszusagen. Denn der sozialdemokratische Verband ist dem Leipziger an Judenfreundlichkeit wohl kaum überlegen. Kommt es aber zur Wahl, so erniedrigen sich die Verbändler und betteln um jüdische Stimmen, um die Patronanz der jüdischen Mitglieder wird ein heftiger Kampf geführt; die Israeliten fühlen sich während des Streites sehr behaglich, sie haben das Gefühl geehrt zu sein. Und sind die Wahlen einmal zu Ende . . . nun da werden die Herren von der Liste A diejenigen von der Liste C nur an Judenhaß zu überbieten bestrebt sein. Dieser wahrlich ekelerregende Zustand hat vor Jahren, anläßlich des erwähnten Fusionsversuches, einige selbstbewußte Juden bewogen, in Berlin einen Jüdischen Handlungsgehilfenverband zu gründen. Der junge Verein — der auch Angriffe seitens einiger Mauschelblätter mit in Kauf nehmen mußte — hatte die Anlagen zu einer ausgebreiteten Organisation, die Stimmung war für denselben äußerst günstig, nun ist seit ungefähr anderthalb Jahren von ihm so viel wie nichts zu hören. Gerade jetzt, wo es dem einfältigsten israelitischen Mitläufer einleuchten muß, welche jämmerliche Rolle ihm in diesen Vereinen zufällt, wäre eine starke, intensive Propaganda für einen jüdischen Handlungsgehilfen- Verband recht am Platze, ein Verband, in welchem

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