Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISQH& ZEITUNG. Nr.. 32 Marokko. Man schreibt uns aus Paris vom l.cLM.: Es ist noch unvergessen, wie während des Krieges zwischen Abdul Asis und seinem Bruder Muley Hafid und der Wirren in Casablanca, obzwar die Juden sich neutral verhielten, die Anhänger beider Teile gegen sie aufs grausamste vorgingen. Als am August 1907 der französische „Galilee“ den ersten Kanonenschuß gegen Casablanca abgab, stürzten sich die Soldaten des Maghzen gefolgt vom ganzen Mob der Stadt auf das Judenviertel und es gab einen Pogrom, um den die echt russichen Leute die Mauren beneiden konnten. Mord, Totschlag, Plünderung Zerstörung, Raub, Brandstiftung etc. Und als die französischen Seesoldaten die Araber zurückwarfen, rächten sich diese dafür — an den Juden. Pisa, Direktor der Allianceschule in Casablanca, schilderte dieses Intermezzo wie folgt: „Eine wahre Menschenjagd begann. Man versteckte sich in Kellern, unter Schutthaufen in leeren Zisternen. Die Männer wurden mit Knutenhieben und Dolchstichen verjagt, Frauen und Kinder davongeführt. Schreckliche Szenen spielten sich ab. Junge Frauen haben sich das Gesicht mit Vitriol verbrannt, um durch ihre Häßlichkeit Nachstellungen zu entgehen. 30 Tote, 60 Verwundete, 250 junge Frauen und Mädchen entführt. — Tag für Tag wiederholten sich diese Szenen, nicht nur in Casablanca, sondern auch in Settat, wo an einem Tage 40 Juden getötet wurden, in Mzab usw.“ Muley Hafid und sein Vesir Kaid El Glaui haben zwar wiederholt versichert, judenfreundlich zu sein, trotzdem werden den Juden die schrecklichsten Demütigungen auferlegt. Ihre Häuser werden ihnen genommen, sie dürfen die Städte nicht verlassen; unschuldig verhaftet, müssen sie ein enormes Lösegeld für Freilassung zahlen, sie dürfen nicht rauchen, noch Branntwein trinken, sie müssen die Fenster ihrer Häuser, sofern sie auf die Straße gerichtet sind, verkleben, sie dürfen keine weißen Kleider tragen, obzwar diese den einzigen Schutz gegen die qualvolle Sonnenhitze gewähren. Mulay Hafid verbot den Juden seiner Residenz Fes, sich an der Abendkühle auf den Dächern aufzuhalten. Wenn auch der Vesir bemüht ist, allzugroßen Ungerechtigkeiten zu steuern, so ist seine Macht beschränkt und vorübergehend. Ueber die Kabylen vom Riff hat er keine Gewalt, übrigens schwankt die Stellung seines Herrn, Muley Hafid schon bedenklich. Die Kämpfe vor Mellila haben zahlreiche Juden büßen müssen, die von den Kabylenmassakriert wurden. Die Juden in der Stadt selbst’ sind natürlich in der fürchterlichsten Aufregung, denn eine Einnahme Mellilas seitens der Kabylen bedeutet nichts Gutes. Nicht wehrhaft, da sie keine Waffen tragen dürfen, wären alle, die sich nicht auf Schiffe flüchten könnten, dem sicheren Tode ausgesetzt. Es ist kein Zweifel, daß trotz aller diplomatischen Beschwichtigungen, die nächsten Jahre einen französisch-spanischen Eroberungskrieg in Marokko sehen werden. Die Juden würden in einem solchen Kriege dort, wo die Mauren die Macht haben, vernichtet werden. Mit banger Sorge sehen die marokkanischen Juden der weiteren Entwicklung der Dinge zu. Im Anschluß an diesen Bericht müssen wir daran erinnern, daß Zangwill vor nicht zu langer Zeit einen Landstrich im Westen Marokkos für eine jüdische Siedlung ins Auge faßte! J. N. Assimilatorisch-jüdische Blüten. Von Dr. K. Selbst große Völker, mit festgeschlossenen Organisationen, können sich auf die Dauer keine Politik der Ziellosigkeit, genannt „Realpolitik“, von Fall zu Fall gestatten. Nach jedem sogenannten Erfolge kommt gewöhnlich die unerwartete Ueberraschung — eine um so empfindlichere N i ed e r 1 a g e. Das haben die deutschen, slawischen und magyarischen Nationalen, sowie andere Parteien im Reiche erfahren, die nicht anknüpfend an die gegebenen Verhältnisse systematische und intensive politischeAufklärungsarbeit verrichteten. Die Juden, die von so vielen Feinden und falschen Freunden im ganzen Reiche umgeben sind, und heute noch immer einer strammen politischen österreichischen Reichsorganisation entbehren, haben weniger als alle anderen Nationen Ursache, dieses Zerrbild einer Realpolitik zu kultivieren, alles der Entwicklung zu überlassen, sich politische Sommerferien zu gönnen, anstatt sich auf den — Herbst vorzubereiten. Wir gehen sehr ernsten Ereignissen im gesamten Donaureiche entgegen, für die die J u d e n keineswegs vorbereitet sind. Ein deutliches Anzeichen für die Zukunft sind die Strömungen im Polenklub, dessen Mitglieder sich in der „Neuen Freien Presse“ gegenseitig bekämpfen. Auf der einen Seite konstatiert Abgeordneter Stapinski, der Führer der polnischen Volkspartei: „Wenn alle deutschen Parteien sich vereinigen und die sie trennenden Grundsätze beiseite schieben, wenn Baron M o r s e y sich an den Abgeordneten Wolf anschließt, wenn Abgeordneter Drexel sich mit dem Abgeordneten v. Stransky solidarisch fühlt, wenn also auf deutscher Seite der Nationalismus entscheidet, so Schriftsteller auf sozial- und nationalpolitischem Gebiete. Im Jahre 1896 habilitierte er sich als Privatdozent in Berlin, erhielt ebenda schon zwei Jahre später eine neukreierte, außerordentliche Professur für Nationalökonomie und versah sein Lehramt unter starkem Zulauf von Schülern mit viel pädagogischem Geschick. Dieses schnelle Avancement und der Titel eines wirklichen Geheimen Admiralitätsrates waren der Lohn für seine Tätigkeit im Reichsmarineamt, wovonHalle sich durch Ausarbeitung der die Vergrößerung der Flotte betreffenden und vom Reichstag akzeptierten Marinevorlagen des Jahres 1897 ausgezeichnet hatte. Seine Fähigkeiten waren so anerkannt, daß sich auch der Schatzsekretär Sydow Vorjahresfrist veranlaßt sah, von Halle ins Reichsschatzamt zu berufen. Dort verfaßte er die kürzlich dem Parlament mit weniger Glück unterbreitete Denkschrift über die Finanzreform. Als aber die Regierung vor dem „blauschwarzen Block“ kläglich umfiel, wurde von Halle, der in der Finanzkommission einen entschiedenen Ton angeschlagen hatte, kurzerhand zum Danke für seine Aufopferung, allerdings unter offiziellen Anerkennungen und Gnadenbezeugungen über Bord geworfen. Dieser Akt war die erste Verbeugung der Regierung vor der neuen Majorität, für die v o n H a 11 e in jeder Beziehung ein Dorn im Auge war. Denn er galt auch als eifrigster Agitator der als notwendig erkannten schnellen Erledigung der Beamtenbesoldungsvorlagen, galt als Eindringling in die Bureaukratie und war letzerdings doch Jude. Grund genug, ihn bei dieser Gelegenheit für allemal kalt zu stellen. Von Halles Entlassung war für die Oeffentlichkeit Skandal, für den Betroffenen Tragik. Von Halle empfand die Verabschiedung, welche die Regierung in Dementis lau damit begründete, „von Halle habe die ihm gestellte Aufgabe erfüllt“, als Unrecht, schnöde Kränkung und Preisgabe und wies mit letztem Stolze die vom Kaiser bewilligte Ehrenpension von 2400 Mark zurück. Von Halle hatte wohl seine letzte Karte auf eine erfolgreiche Mimikry, auf ein verdienstvolles und anerkanntes Dasein gesetzt. Was Wunder, daß ihn die Aufregungen über die gescheiterten Bemühungen einer schrankenlosen Selbstverleugnung, daß ihn die Enttäuschungen, der unerwartet jähe Fall auf ein Krankenlager warfen, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. So starb er, vorWochen noch in Vollkraft seines Lebens, 41 Jahre alt, nach ärztlichem Befund an Brustfellentzündung — wir urteilen anders. . r. 1. muß dem. auf slawischer Seite eine ähnliche Vereinigung der -nationalen Parteien entsprechen. Wenn keine der deutschen Parteien sich von der nationalen Solidarität lossagen will, so ist es uns Polen n i c h t g e s t a ff et, dasnotwendige slawische Gegengewicht zu schwächen.“ „Es bedarf einer Gruppierung auf Grund eines festgestellten Programmes ökonomischer und sozial er Arb ei ten.“ Darauf gibt es von Seite eines Abgeordneten jüdischer Abstammung nur eine Antwort: Heraus, aus allen fremd nationalen Klubs; Zusammenschluß aller Juden im Sinne der jüdischen Solidarität, einer jüdischen Volkspolitik und einer sozialösterreichischen Reichspolitik. Da haben wir aber auf Schritt und Tritt mit den Hindernissen der unglückseligen Assimilantenpolitik zu kämpfen, als deren Vertreter unter anderem der Abgeordnete Dr. Josef Gold in der „Neuen Freien Presse“, die allpolnische Solidarität, jene allpolnische Solidarität, die sich auch in der Verschmelzung der A11 p o 1 e n mit der christlichsozialen Stojalowsky-Gruppe dokumentiert, gegen den Abgeordneten Stapinski verteidigt und sich als Wortführer des Polenklubs aufspielt, „der, so Gott will, niemals und von niemandem sich wird entmündigen lassen“. Jedenfalls aber auch nicht von Seite des als „polnischen nationaldemokratischen Heiden“ sich aufspielenden Juden Gold, auch dann nicht, wenn die „Neue Freie Presse“ diese Züchterin des Antisemitismus, die immer von neuem das verbrecherische Geschäft der Nationaiitätenhetze kultiviert, ihm die Spalten öffnet für seine — allpolnische Propaganda. Die pseudojüdischen Politiker und die pseudojüdischen Zeitungen, denen die österreichischen Juden nachlaufen, sind ihr größtes Unglück. Da weiß man keine vernünftigere Bekämpfung, als^daß sie nicht genug deutschnational sind und daß sie ihre Siege zum großen Teile den Tschechen verdanken. Wahrlich, die Juden Wiens machen sich vielfach lächerlich, wenn sie „deutscher“ sein wollen als die Christlichsozialen und im Chauvinismus deutscher, magyarischer, polnischer Richtung alle anderen übertrumpfen wollen. Die Juden Wiens haben ebenso Ursache, sich mit den hiesigen Tschechen gut zu verhalten als mit den Deutschen, es kümmert s i e eben so wenig, wenn in Wien tschechische Schulen errichtet werden, als wenn die rumänischen Aerzte aus Demonstration gegen den magyarischen Chauvinismus nicht nach Pest gehen wollen. Wir Juden fordern für uns das gleiche Recht, wir dürfen daher nicht Mithelfer sein, wenn das Recht anderer gebeugt wird. Dank Nordaus an den Abg. Stand. Für die in der Jüdischen Zeitung Nr. 30 enthaltene Huldigung des Abg. Stand dankte Max Nordau diesem mit folgenden Zeilen: 8 rue Henner, Paris 25. Juli 1909. Sehr geehrter Herr Reichsratsabgeordneter, lieber Gesinnungsgenosse! Tiefbewegt von Ihrem offenen Brief in der „Jüdischen Zeitung“ kann ich Ihnen nur die Hand drücken und Ihnen kurz und schlicht sagen: Tausend Dank. Ich weiß, daß „Freundschaft die Kränze flicht, die mein Verdienst mir nicht errungen hätte.“ Wir sehen im Judentum Erscheinungen, die uns mit Verzweiflung erfüllen möchten. Aber dann erblicke ich Erscheinungen wie Sie, sehr geehrter Herr und lieber Gesinnungsgenosse, und schäme mich meiner Kleinmut und bin wieder getrost und zuversichtlich. Ihre Haltung im Reichsrat macht Ihnen und dem jüdischen Volke Ehre. — Max Nordau würdigt dann die parlamentarische Tätigkeit des Abg. Stand und schließt seinen interessanten Brief folgendermaßen: Ihre Reden sind auf das Ruhmesblatt des jüdischen Volkes geschrieben! Ich hatte es auf den Kongressen viel, viel leichter als Sie in Wien. Nochmals Dank und herzliche Zionsgrüße von Ihrem hochachtungsvoll ergebenen Dr. M. Nordau.