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Jüdische Zeitung · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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m. 32 JÜDISCHE. LEITUNG; Seite 3 beitet von.Dr. Stanislaus Grusinsky, vorgelegt werden soll. An der Enquete werden sich zahlreiche jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten, Vertreter der Handels¬ und .Gewerbekammern, der : Kultusgemeinden etc., beteiligen, und auf Grund ihrer Beratungen soll der Landesausschuß seine, Vorschläge zur Abhilfe ausarbeiten.“ Die Enquete bezweckt in erster Linie, den Moschkos einen Gefallen zu erweisen. Man wird wahrscheinlich papierene Resolutionen fassen, Ratschläge erteilen und Reden halten. Praktischen Erfolg wird diese Enquete nicht haben, denn der Wille des Landesausschusses, den Juden zu helfen, ist nicht ernst. Auch das Gros der polnischen Gesellschaft ist von antisemitischem Geiste durchtränkt. Läge den polnischen Machthabern das Schicksal des galizischen Judentums am Herzen, so würden sie jüdische Beamte und Lehrer anstellen, jüdische Gewerbetreibende beschäftigen, nicht aber die Juden aus allen wirtschaftlichen Positionen zu verdrängen suchen. Solange aber die galizischen Landesämter judenrein sind und die Juden von den polnischen Behörden in unbarmherziger Weise schikaniert werden, so ist die ganze Enquete eine häßliche Farce, bestimmt die jüdische Oeffentlichkeit über die wahren Empfindungen der Herrschenden hinwegzutäuschen. Zu diesem Urteil über die geplante Enquete ist man um so mehr berechtigt, als bereits vor 15 Jahren vom Landesausschuß eine derartige Aktion eingeleitet wurde und die Verhältnisse seit jener Zeit bedeutend ärger geworden sind. Wir können nicht zugeben, daß die jüdische Bevölkerung durch nichtssagende platonische Sympathieerklärungen darüber hinweggetäuscht werde, daß es nur einen Weg zur Verbesserung ihrer Lage gibt: die Selbsthilfe. * * * In welchem Maße die Versprechungen der galizischen Schlachzizen, den Juden zu helfen, ernst zu nehmen sind, belehren folgende Nachrichten über die letztwöchentlichen Verordnungen des Lemberger Magistrates und über die Praxis der galizischen Bahnverwaltungen. Der Lemberger Magistrat hat eine Verordnung erlassen, die sich in erster Reihe gegen jüdische Kaufleute richtet und zahlreiche jüdische Existenzen schwer bedroht. Die städtische Verwaltung ist plötzlich von „ästhetischen Bedenken“ erfaßt worden und will nun das Schönheitsbild der Straßen durch jüdische Ladenschilderaufschriften und Obstwagen nicht beeinträchtigen lassen. In den verkehrsreichen Straßen dürfen keine Obstwagen erscheinen. Davon werden aber ausschließlich die jüdischen Obsthändler betroffen, da ihnen keine Obstbazare verpachtet werden. Die Ein Renegatenleben. Am 28. Juni verschied in Berli.. der Geheimrat Prof. Dr. Ernst von Halle, der zeitig zu Amt und Ehren gekommen war und wunderbarerweise einmal nur L e v y geheisen hat. Wie aus dem simplen „Levy“ ein feudales „von Halle“ wurde, ist interessant genug, um der jüngeren Generation in Erinnerung gebracht zu werden. Der „Levys“ in allen Schreibarten und der „Ernste“ sind bekanntermaßen so viele, daß der höheren Zielen als seine Namensvettern zustrebende junge Ernst Levy sich fürs erste entschloß, seinen Namen Ernst Levy von Halle nicht „aus“ Halle zu schreiben, eine Sprachwidrigkeit, die ihrem Zwecke weislich angepaßt war. Sachte aber rückte das Anhängsel eine Zeile höher, eine löbliche Behörde erkannte die in einer Eingabe dafür angeführten Gründe an und gestattete zur Vorbeugung von Verwechslungen an den Namen obigen Zusatz zu machen. Allmählich fiel jedoch das „Levy“ aus, und als unser Ernst im Jahre 1891 in München zum Doktor promoviert wurde, hatte er sich schon neben dem zu einer Karriere in Deutschland geeigneterem evangelischen Christentum, trotz lautem Protest der Ladenschilder müssen eine Zensur passieren, die bezweckt, keine jüdischen Schilderaufschriftenzuzulassen. Es heißt, daß auch deutsche Schilderaufschriften nicht zugelassen würden. Einerseits werden Enqueten einberufen, andererseits hingegen wird den Juden die Existenzmöglichkeit unterbunden! Direkt und unverhohlen antisemitisch ist das Verhalten der galizischen Eisenbahnverwaltung gegen reisende jüdische Arbeiter. Es werden hierzulande an Arbeiter, die sich als solche durch Bescheinigungen ihrer Meister legitimieren können, Eisenbahnfahrkarten zu halben Preisen ausgegeben. Jüdischen Arbeitern aber wird diese Ermäßigung nicht gewährt; es helfen dabei die besten Dokumente und Legitimationspapiere nichts. „Sie sind ja keine wirklichen Arbeiter“ — mit dieser bündigen Erklärung wird das Ersuchen der jüdischen Arbeiter um Preisermäßigung kurz abgelehnt. Hat es noch weitere Beweise für die „Judenfreundlichkeit“ der polnischen Behörden nötig? Und trotzdem versuchen die polnischen Moschkoblätter uns weiß zu machen, daß der Landesausschuß helfen will und helfen wird! Unwillkürlich kommt da der alte Wunsch auf unsere Lippen: Gott schütze uns vor unseren Freunden! * * * Im 84. Infanterie-Regiment, welches in Grodek Jagiellonski stationiert ist, haben die Fähnriche eine eigene Methode, die jüdischen Soldaten zur Vaterlandsliebe zu erziehen. Das Schicksal eines für zwei Wochen eingerückten jüdischen Ersatzreservisten gibt ein Bild von der, in dem betreffenden Regimente herrschenden antisemitischen Praxis. I. F., das sind die Initialen des jüdischen Reservisten, rückte am 8. Juni d. J. zur Waffenübung ein und wurde der 16. Kompagnie zugeteilt. Er fand indes in den Augen des gestrengen Herrn Fähnrichs keine Gnade und dieser traktierte ihn mit den Kosenamen „Verfluchter Jud“, „Gemeiner Kerl“ üsw. "Derselbe Herr Fähnrich nennt alle jüdischen Soldaten nur „Mojsche“. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Das 99. Infantrieregiment hat noch eine ganze Menge solcher Soldatenerzieher, welche die Juden auf die roheste Weise schikanieren. Den jungen Herren sollte von der Armeeverwaltung das Handwerk gründlich gelegt werden! Schwechat. Ihr staunt, da Ihr den Namen gelesen, Weil es ein Schlesinger wieder gewesen? Was wollt Ihr haben? Die alte Leier: Ein cechisches Fest, eine Erntefeier, Die Garben leuchten, die Arbeit ruht, Der Bauer schmunzelt, der Sommer war gut, Und alle hüpfen mit Flitter und Kranz Zu heller Musik und fröhlichem Tanz — antisemitischen Presse, seinen täuschenden Namen erworben. Täuschend, weil v on Hq^U e keineswegs als nobilitiert zu gelten hatte, sondern nur jener, aus den Küstengebieten stammenden Bürgerschichte zuzuzählen war, die von altersher ohne aristokratische Anwandlungen das Ansehen heischende Wörtchen vor ihrem Familiennamen führt. Ernst von Halle gab sich mit dem Schein der Errungenschaft noch nicht zufrieden und verschwägerte sich wenigstens in Ermanglung eigenen Adels durch Heirat mit der Kaste, in die er vielleicht später doch aufgenommen zu werden hoffte, sollte sich der Satz: „Dem Verdienste seine Kronen“ bewahrheiten. Und wer war der Vater dieses assimilationssüchtigen, zielfesten Mannes wird man zu fragen geneigt sein. Ein Jude alten Schlages; Rechtsanwalt von Beruf, in Mußestunden Liebhaber und Sammler alter hebräischer Drucke, der mit Vorzug lbn Esra las, der ja auch einen Meschumed zum Sohn gehabt hätte. Von Halle stammt demnach gegen Erwarten aus einer gut jüdischen Familie und zwar aus Hamburg, nicht „von“ Halle. Nachdem also von Halle mit seiner Vergangenheit gebrochen, seinen verräterischen Namen, antiquierten Glauben und die fatale Herkunft ab- Doch es sind-C e ch e.if aud hört, welch’ Verbrechen! Sie wollen cechisch singen und sprechen, Weil Mutter und Vater so sprach und sang Beim Klarinett und Sensenklang. Da öffnet sich schnaubend die große Fresse, Der jüdische Deutschböhm, die „freie“ Presse, Und eingeweiht wird der Konflikt Vom deutschen Apostel St. Benedict. Der Cimbre Malik seufzt beklommen: „Der Jud ist uns wieder zuvorgekommen! Da heißt es eben: herunterschlucken Und hinterher erst ins Auge spucken!“ Und Schwechat — welch Name für deutsche Männer, Nachfahren Hermanns undlBierstoffkenner!— Und Schwechat füllt sich in kurzer Frist Zumal die Tamway billig ist! Fünftausend Helden erfüllen Walhallen Um zweihundert Feinde zu überfallen, Und grüngeschnäbelte Knäbulein Beginnen erbittert die „Wacht am Rhein“. Mit einemmal wird alles stumm: Der Redner krallt aufs Podium, Begrüßt die Volksgenossen, die braven Und schüttet Jauche über die Slaven Und wirft die Hände wie Windmühlarme Und mauschelt, daß sich Gott erbarme — Vom Saufen schwer und aufs Raufen geil Brüllen die Mannen „Schlesinger Heil!“ Und dann kommt aas normale Spektakel: Blutige Köpfe, besoffene Lackel, Zerbrochene Sessel, fliegende Ziegel, Zerfetzte Kleider, splitternde Krügel, Und schließlich Malik, an hinterster Tete, Interveniert bei der „Autorität“, Der letzte Stein ins Fenster fliegt- Heil Dir, deutsch Volk! Du hast gesiegt! Am nächsten Morgen berichtet die „Presse“: „Ein cechischer Vorstoß“, „Slaven-Exzesse“, Und „Wien in Gefahr!“ und dergleichen mehr Und Schlesinger findet seinen Homer! Ich glaube, wir könnten schon alles verstehn, Wir haben ja derlei schon oft gesehn, Besonders in Böhmen, im Grenzgebiet Gedeiht noch zahlreich der „daitsche Jüd“, Er lebt zu Paaren, bringt Jüngeln zur Welt, Durch welche Prag sein Deutschtum erhält Und heißt er nicht grade Schlesingerleben, So heißt er Thorsch oder Glesinger eben! Beda. geschworen hatte, begann er als vielseitiger Mann ein lebhaftes Kräftespiel und schritt, patriotisch und regierungsfromm gesinnt, einer glänzenden Laufbahn entgegen. Von Halle konnte als vollendeter Typus eines assimilierten Juden gelten, was Aussehen, Sprache und Auftreten anbelangt. Mancher „Schmiß“ erinnerte an die deutsche Burschenherrlichkeit der Studienjahre, Blondheit hätte ihn als echten Germanen erscheinen lassen und der jeweils lässige oder scharfe Akzent zeugte von der Schneid preussischen Beamtentums, obgleich von Halle seiner Artung nach kein Bureaukrat genannt werden durfte. Seine letze Stellung zum Judentum zeigte sich darin, daß er, ohne die Wimper zu zucken, mit größter Unbefangenheit und in einer Weise über Judentum und Zionismus sich äußern konnte, als ob diese Fragen für ihn niemals problematisch gewesen wären. Immerhin sind seine Begabung, sein Witz, Fleiß und zäher Ehrgeiz als Erbteil seines Volkes anzusprechen, mag er sich dessen bewußt gewesen sein oder nicht. Diese Eigenschaften führten ihn bald zu exponierten Stellungen. Nach Absolvierung der Universität erwies sich von Halle als überaus fruchtbarer, scharfsinniger

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