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Jüdische Zeitung · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 32 aus der Tatsache ersichtlich, daß die jüdischen Abj geordneten separat ein jüdisches Mitglied für den Landesausschuß wählen werden. Auch die jüdischen Großgrundbesitzer werden eine besondere Gruppe bilden, die ihren eigenen Vertreter wählen wird. Im Permanenzausschusse habe ich für die Juden, entsprechend ihrer Steuerleistung acht Mandate verlangt; der Ausschuß hat darauf den Juden acht Mandate zuerkannt“ Dr. Straucher ermächtigte ferner Gg. Frostig zur Erklärung, daß die Juden in den Wahlbezirken abgesondert stimmen weiden, d. h. daß man sie nicht mit einer anderen Nation zusammenwürfeln wird. Auf die Frage, ob die Regierung dem Wahlreformentwurfe die Sanktion erteilen werde, entgegnete Dr. Straucher: „Die Regierung wird dem einmütigen Wunsche aller Parteien Rechnung tragen müssen.“ Ueber die Bedeutung eines besonderen Wahlkatasters für die Juden äußerte sich der Abgeordnete Dr. Straucher folgendermaßen: „Ich würdige die hohe Bedeutung eines separaten jüdischen Wahlkatasters vollkommen. Wenn die Regierung den Versuch unternehmen wollte, die Juden den Deutschen zuzuzählen, so werde ich meinen ganzen politischen Einfluß in die Wagschale werfen, um den einmütigen Beschluß des Permanenzausschusses zum Gesetz werden zu lassen. Die Zuerkennung eines eigenen Katasters bedeutet den ersten Schritt zur offiziellen Anerkennung der jüdischen Nationalität und der besonderen national politischen Rechte der österreichischen Judenheit. Seien sie überzeugt, daß wir nicht ruhen werden, bis wir dieses Ziel erreichen I“ Amerika und die jüdische Einwanderung/ Angesichts der enormen Hindernisse, welche, nach dem Beispiele Englands, nunmehr Amerika der jüdischen Einwanderung entgegensetzt und der vollkommenen Unfähigkeit der jüdisch-assimilatorischen Organisationen die zahlreichen Probleme zu begreifen, welche mit dieser sozialen Erscheinung verflochten sind, mag es angebracht sein, darüber in unserem Blatte ausführlicher, als es die Knappheit des Raumes gestatten würde, einiges zu sagen. Gibt es doch momentan kein Ereignis, das von nachhaltigeren Folgen für die Gesamtheit des jüdischen Volkes sein wird, als jene Absperrung Amerikas. . .. Der Grund der Abwanderung der. jüdischen Massen aus den östlichen Zentren ist hinlänglich bekannt' Der soziafe Druck ist'in Rußland, Rumänien und Galizien ' so stark, daß die Tendenz z u r Ä u sw ander ung selbst bei der größten Erschwerung „auch weiter die ausschlaggebende sein wird. Selbstverständlich ist aber die Höhe des Druckes auch in jenen Ländern nicht immer gleich. Zum Beispiel war er in Rußland zur Zeit der Revolution und noch mehr der Gegenrepressalien, stärker als beute. Das zeigt sich auch sofort in den Emigrationsziffern, die in den Jahren 1906—07 den Höhepunkt erreicht haben. Von 1906—07 auf 1907—08 ist die Einwanderung in die Vereinigten Staaten von 149.182 auf 103.387 gesunken. Nachden Verhältnissen im Auswanderungslande haben jene im Eiriwanderungslande den größten Einfluß' auf die Emigrationsbewegung. Die Lage des Arbeitsmarktes in Amerika war bekanntlich in den Jahren der Hausseperiode 1905—07 eine außerordentlich günstige. Das Jahr 1908 stand unter dem Zeichen einer furchtbaren wirtschaftlichen Krise, zahlreiche Arbeiter wurden brotlos, neue nicht angestellt und die Rückwanderungen nach Europa nahmen große Dimensionen an. Immerhin war die Zahl von 103.387 Juden, die 1907—08 nach Amerika wanderten eine enorme, bei einer Volkszahl von kaum sechs Millionen in Osteuropa, wenn man bedenkt, daß z. B. von 40 Millionen Italienern 135.000 ausgewandert sind. Nachdem die Emigration, aller Völker nach Amerika unter dem Einfluß der wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Landes stehea, so kann man daraus, daß die Juden im Jahre 1907 11*67», im Jahre 1908 aber 16*6°/o der gesamten Einwanderungsbevölkerung aüsmachten, ersehen, daß kein Volk der Erde unter einem solchen Zwang, trotz ungünstigster Perspektiven im Einwanderungsland, dahin auszuwandem, steht, wie das jüdische. Der Grund, welcher dazu geführt hat, daß England und nun auch Amerika ihre Türen zugeschlagen haben, ist keineswegs im Antisemitismus allein zu suchen, wie unsere Assimilanten es glauben, die keine Ahnung von den wirklich treibenden Kräften. im . Völkerleb.en haben. . Die. Maßregelung trifft ja auch Hunderttausende anderer Völker. Der Grund für die Absperrung ist der, daß die Arbeiterschaft Englands und Amerikas, trotz der am Papier stehenden „internationalen Solidarität des Proletariates“, sich deshalb gegen die Einwanderung wendet, weil sie angeblich die „industrielle Reservearmee“ steigert, und damit lohndrückend wirkt.*) Das hat auch schon die „Arbeiter-Zeitung“ (Nr. vom 24. VII. 1908), mit Bedauern zugeben müssen. Die Angst der angelsächsischen Arbeiterschaft wäre menschlich begreiflich, da ihr Lebensstandard und daher ihre Lohnansprüche 5 — 6mal die Bedürfnisse eines russisch-jüdischen oder italienischen Proletariers übersteigen. Es ist auch zu verstehen, daß gerade jetzt, wo die Arbeitslosigkeit infolge der Krise noch immer furchtbar groß ist, dieses Argument zu Repressalien führt. Aber es ist längst nachgewiesen, daß speziell die jüdische Einwanderung nicht nur nicht lohn drückend wirkt, .sondern daß durch die jüdischen Proletarier aus dem Osten in London und New- York ganz neue Industrien geschaffen werden (namentlich die . Konfektionsindustrie), welche ausschließlich der billigen Arbeitskraft und der speziellen Eignung derjuden ihre Existenzmöglich¬ *) Samuel Gompers, Präsident der 2 Millionen Arbeiter umfassenden „American Federation of Labour“ hat sich kürzlich entschieden -gegen die Immigration erklärt. keit verdanken. So schreibt im neuesten Hefte (Nr. 8) der „Zeitschrift für Demographie und Statistik derjuden“ N. W. Goldstein über die jüdischen Einwanderer Londons, was analog auch für jene New-Yorks gilt, auf Grund einer eingehenden Analyse: „Die jüdischen eingewanderten Arbeitskräfte haben sich einen eigenen, von den englischen' Arbeitskräften unabhängigen, Wirkungskreis geschaffen und zwar nicht auf dem Gebiete der Produktion von Produktionsmitteln, sondern von Konsumtionsmitteln. Das jüdische Proletariat hat eine absolute Mehrung und Steigerung der englischen Produktion und dadurch den natiotionalen Wert herbeigeführt.“ Diese Feststellung ist schon längst auch von nichtjüdischen Nationalökonomen gemacht worden. Ebenso ist statistisch erhoben worden, daß die Behauptung, . die. jüdischen. Einwanderer stellten ein hohes Kontingent zu den Nutznießern der Armenpflege, der Verbrecher und der Irren falsch sei. Der Generalkommissär für die Einwanderung in die Vereinigten Staaten für 1903/4 teilt in seinem Bericht mit, daß die Juden durchschnittlich 107« aller Einwanderer ausmachen, während sie in Wohltätigkeitsanstalten 8*27», in Irrenanstalten 57«, in Strafanstalten 6*5% bildeten. Aber alle wissenschaftlichen Feststellungen versagen, wo Volksleidenschaft, Klassenegoismüs und Rassenhaß erwacht sind. Möge in künftigen Jahren, sofern eine günstige, wirtschaftliche Konjunktur wieder Arbeitermangel erzeugt, hie und da aus diesem Grunde die Einwanderung vorübergehend erleichtert werden, der Zug, zur Ausschließung der jüdischen Einwanderer, ist unaufhaltsam. England hat sich schon abgesperrt, weil es von jedem Einwanderer den Nachweis eines Barvermögens von 5 Pfund (120 Kronen) verlangt, Amerika ist gefolgt und. wenn die, von den Einwanderern angerufenen amerikanischen Gerichte die Verfügung des Kommissärs Williams als zu Recht bestehend erklären, dann ist es so gut wie vorbei mit der jüdischen Masseneinwanderung nach Amerika. Brief aus Galizien. Von unserem Korrespondenten. Der galizische Tandesaussphüß ließ in der letzten Zeit in verschiedenen Zeitungen folgendes Kommunique, erscheinen: „Der galizische Landtag : hat noch im März 1907 eine Resolution angenommen, wonach, der Landesausschuß beauftragt wird, die Ursachen der immer mehr sich ausbreitenden Armut unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens zu untersuchen und darüber dem Landtag Bericht zu erstatten und Anträge , zur Sanierung der ökonomischen Lage der Juden zu unterbreiten, jetzt nach Verlauf vonzweieinhalb Jahren .soll endlich in der. zweiten, September- Hälfte zu diesem Zwecke eine Enquete stattfinden, welcher ein. umfangreiches statistisches Material, gesammelt und beart Michael Gordon und Wölwel Zbarser höchst vornehme Gestalten. Diese bildeten aber schon eine-Ausnahme. Denn im allgemeinen vereinigte eben ein Pojaz in sich alle -drei Unterhaltungselemente. Mit rührenden, herzzerreißenden Gedichten, mit ernstem Gesicht und traurigem Tonfall konnten die Badchonim Steine erweichen machen. Mit Witz und Grimasse, mit Gleichnissen und krummen Bewegungen, mit' der' Nachahmung einer alten Judenfrau öder eines Krüppels und Stotterers etc. haben sie die Menge in einem Atem und Lachen gehalten. Oft pflegten sie ganze Stücke aufzuführen wie: „Der Verkauf Josefs“ und „Saloiho der -Weise“. Noch ‘ öfter verlegten sie sich auf Improvisation, verfaßten und spielten etwas Selbsterdachtes. Sie waYen dieVorstufe zum jüdischen Theat'e;r. Insbesondere' gab es einen, der in sich alle Wesenszüge eines Pojaz getragen hat. Daß er eine Rabbirierschule besucht hatte und selbst kurze Zeit Lehrer an einer solchen war, hielt ihn nicht" ab, Badchen1 zu werden. Denn schließlich lief er davon und gründete das jüdische Theater. Es war Abraham Goldfaden. seinen melodischen Gesang ankam, nicht so sehr auf seine Kenntnisse des Hebräischen als auf die Güte _ des „Werkzeugs“, die schöne Stimme. Das Bethaus mit dem tüchtigen Chasan erfreute sich natürlich des stärkeren Besuches. Zu ihm pflegte man gleichsam zu pilgern. Das erste Minjan wurde in dem Bethaus, dem man angehörte, gezeigt, um zum zweiten ins fremde mit dem besseren Vorbeter zu laufen. Die Buß- und Festtage, die an und für sich schon gewichtig sind, erhielten gesteigerte Bedeutung durch die Chasonim und ihre Gesänge. An diesen Tagen gaben sie nämlich neue Melodien zum Besten ' und man wartete darauf wie auf die Öperti- und kbnzertsaison. Mußten sie doch außer guten „Betern“ gute Unterhalter für die Menge sein. Sogar hauptsächlich das Letztere, wodurch ihnen ihre Stelle umso sicherer war. Zur Bußzeit wanderte man von Bethaus zu Bethaus, um die verschiedenen Chasonim zu hören. Sie wurde dadurch weniger schrecklich, das Fasten am Jom-Kippur weniger peinigend, denn die Melodie brachte dem gedrückten Herzen Erleichterung. Die Juden lieben die Musik, aber ebensosehr ein herzhaftes Lachen. Ein Lachen ohne Rücksicht auf Leiden und Golus, auf die Bitterkeiten ewiger | Verfolgungen. Als im neunzehnten Jahrhundert der Zirkus aufkam, gehörten die Juden zu seinen fleißigsten Besuchern. Nicht wegen der Trapeztumer und Kunstreiter, bei denen der fromme Jude mißmutig sein Gesicht verzpg, sondern in erster Linie dem Klown zuliebe, zuliebe dem Pojaz mit seiner komischen Bekleidung, seiner Stolperei und „Fallsucht“, seinem lächerlichen Gang. Sich einmal gut äuslachen können! Bis zur Selbstvergessenheit. Aber der Zirkus war nur ein seltener Gast, dazu noch eine christliche Unternehmung. So hat sich denn jede Gemeinde ihre eigenen jüdischen Pojaz angeschafft, ihre eigenen Spaßvögel, das Volk herzlich lachen zu machen. Sie hießen Purimspiejer und Badchonim, d. h. Fröhlichmacher.. Doch die Badchonim waren mehr als ihr Name besagte. Sie haben in sich alle drei. Unterhaltungselemente der jüdischen Masse vereinigt. Sie mußten, ihr Publikum nicht nur mit Scherzen, auch' mit ernsten Gedanken und Liedern in Stimmung versetzen können. Sie mußten Lachen und Weinen machen. Trotzdem haben einige von ihnen nicht einen Tropfen pojazischen Blutes in sich gehabt, indem sie besonders mit Sentenzen und Gesang zu unterhalten suchten, wie z. B. E1 j a k i m Z u n s e r,

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