Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SSSS NRTJDNRL-JIIDigCHEg DRBflN Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: |X, Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk.3.—. Für das übrige * * *********** *_** ******* Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. ********************** Nr. 32. Wien, Freitag den 6,r August 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Ein Sieg. Amerika und die jüdische Einwanderung. Marokko. Schwechat. Gedicht von BEDA. Assimilatorisch-jüdische Bluten. Brief aus Galizien. Brief aus Deutschland. Feuilleton: DasjüdischeDrama. — Ein Renegatenleben. Aus dem jüdischen Leben. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. s tag die Schaffung eines jüdischen Katastersfür das Landtagswahljrecht durchgesetzt! Der Präsident des jüdischen Klubs, Gg.Dr. Straucher hat ^iasVerdienst, anläßlich der Landtagswahlieform der Bukowina, bei welcher die Anlegung nationaler Wahlkataster innerhalb der bestehenden Kurien beschlossen wurtje, den Versuch, die Juden den Deutschen zuzuzählen, vereitelt und die jüdischen Kataster durchgesetzt zu haben. Was noch in der vor kurzem geschaffenen Landtagswahljprdnung Mährens nicht zu erreichen war, in der Bukowina ist es gelungen. Allerdings ist in keinem anderen Kronlande die pationale Stellung der Juden eine so günstige, wie in der Bukowina, wo Rumänen, Ruthenen, Polen, Deutsche und Juden durc^einandergemischt sind und keine Nation gas Uebergewicht hat. Die Juden machen lf Prozent der Bevölkerung aus. Die Deutschen nur 7, die Polen nur 4. Die Juden lassen sich daher weder von den einen nocfy von den andern ins Schlepptau nehmen pnd führen eine selbstständige Politik. Wenn auch der praktische Erfolg durch l^inSfigeTöftaieTefffä^ wurde," die prinzipielle Bedeutung der Errungenschaft ist eine enorme. 4 Völkerschaften des Reiches, darunter Deutsche und Polen; welche in der Assimilation die Hauptrolle spielen, sowie die Regierung haben den Juden den Nations-Charakter zuerkannt und damit die Lüge der Assimilanten, die Juden seien keine Nation, zerstört Das Prinzip der jüdischnationalen Politik: Schlichtung; des nationalen Streites durch Schaffung nationaler vom Staate anerkannter Verbände zur Besorgung der nationalen Angelegenheiten (Nationale Autonomie), Beilegung der Nationskämpfe bei Wahlen durch nationale Kurien, Anerkennung der Juden als Nation, um ihre Stellung im Reiche zu konsolidieren und sie aus den fremdnationalen Streitigkeiten auszuschalten, hat einen Sieg errungen. Mögen die Assimilanten das eine Absonderungspolitik nennen, wenn sich ein paar Menschen, die zwangsweise in ein Haus zusammengesperrt sind, nicht vertragen und sich jeder Einzelne deshalb ein eigenes Haus baut, eine solche Absonderung dient nur dem Frieden. Wir überlassen es den Assimilanten und ihrem Leiborgan die nationale Hetze zu betreiben und damit dem Antisemitismus nur immer noch mehr zu schüren, wir kämpfen unentwegt für den nationalen Frieden und das eigene Heim, im Interesse Oesterreichs und seiner Völker ebenso, wie im Interesse Ein Sieg. Inraschen. Etappen eilt die jüdischnationale Idee von Sieg zu Sieg. Verkörpert in der jüdisch-nationalen Partei, hat sie erst im Jahre 1907 in das politische Leben Oesterreichs eingegriffen und schon in der ersten Wahlschlacht wurden sieben Reichsratsmandate erobert, von denen allerdings damals noch, drei von den galizischen 'WShlirtatürem eslramdfiert -vswTren ':~Staffis^ lau (Brande), Buczacz-Stadt (Birnbaum), Brzezany (Rappaport). Aber der moralische Sieg ward dadurch nicht gemindert. 33.000 Stimmen waren für die jüdischnationalen Kandidaten abgegeben, die Juden politisch unabhängig und bündnisfähig gemacht worden. Der JüdischeKlubimParlamente wurde gebildet und die 4 Stimmen, über die er'verfügt, sind' infolge der Parteienzerklüftung oft bei wichtigen Abstimmungen (Ausgleich! Ermächtigungsgesetz! etc.) das Zünglein an der Wage. Es folgte die Anerkennung der jüdischen Nation a 1 i t ä t an ■ den Hochschulen, um die 12 Jahre gekämpft worden war, und kurz darauf wurde in einem österreichischen Landder Juden! Dr. Straucher über den jüdischen Kataster. ln den Meldungen >der deutschliberalen Assimilantenblätter hieß es, daß beim neuen Landtagswahlrecht in der Bukowina „Juden und Deutsche“ zusammen 13 Mandate erhalten hätten. Dadurch wurde der Anschein erweckt, als ob1 die Juden wieder in das Schlepptau einer anderen Nation geraten wären. Das entspricht aber nicht fäem Haätmcäe*. &*e j-uAe* werden ändern Wahtreformentwurfe als besondere Nation betrachtet. Da sie aber zusammen mit den Deutschen hauptsächlich die Städte bewohnen, wurden ihnen zusammen dreizehn Mandate zugestanden, über deren Aufteilung sie sich einigen müssen. Infolge dieser unklaren Meldungen interviewte Gg. Frostig vom „Lemberger Tagblatt“ den Gg. Dr. Straucher: Auf die Frage, ob die Juden eine besondere nationale Gruppe bilden werden, antwortete dieser: „Die Juden werden einen besonderen Wahlkataster haben und werden auf diesem gesetzlichen Wege ihre Mandatenzahl gesichert erhalten. Ein jüdischer Wablkataster ist doch eine genügende Sicherstellung! Wir werden eine besondere, offiziell anerkannte Gruppe bilden. Das ist doch schon FEUILLETON. Das jüdische Drama. Ein Ueberblick über seine Entwicklung. Von David Pinski, New-York.*) Autorisierte Uebersetzung von N. Jakari. (Nachdruck verboten.) (Vorbemerkung des Uebersetzers.) Die vorliegende Studie ist zuerst in Fortsetzungen, wie es hier geschehen soll, in dem New- Yorker jüdischem Wochenblatt „Der Arbeiter“ erschienen. Sie bildet den ersten tiefer schürfenden Versuch einer Entwicklungsgeschichte des jüdischen Dramas und hat seinerzeit in der Leserwelt und den Theaterkreisen des [New-Yorker Ghettos viel Aufsehen erregt. Leider kann sie an dieser Stelle wegen des zur Verfügung stehenden Raumes nur gekürzt erscheinen. David P i n s k i muß als der unter den jüdischen Dramatikern am weitesten vorgeschrittene gelten, was Stoffwahl und Beherrschung der dramatischen Technik betrifft. Es dürfte deshalb gerecht- *) Erschienen bei S. Druckermann, New-York, 50 Kanal Street. 1909, Preis 15 Cents. fertigt sein, das nicht jüdisch lesende Publikum mit seiner Stellung zu den Vorgängern und Zeitgenossen, die das jüdische Drama schaffen halfen, bekannt zu machen. I. Kapitel. Jüdische Unterhaltungen — Goldfaden. Dreierlei Unterhaltungen haben Männer und Frauender jüdischen. Masse, Alt und Jung zur Zeit der Gründung des jüdischen Theaters, anfangs der siebziger Jahre des 19. Jahrhundert gekannt. Drei Arten von Zerstreuungen fallen in die allgemeine Eintönigkeit ihres Daseins, in das ewig graue Düster ihres Lebens: Der M ag g i d, der C h a s a n und der Pojaz. Jede jüdische Gemeinde, wenn nicht jedes Bethaus hatte einen Maggid aufzuweisen, der alle Tage oder wenigstens jeden Sabbath zwischen dem Nachmittags- und Abendgebet vor einer großen Zuhörerschar seinen Vortrag hielt. Wenn auch müde, abgearbeitet und versorgt, stand doch das Volk Kopf an Kopf an einandergedrängt, jedem Wort der Straf- und Busepredigten des frommen Maggid mit Aufmerksamkeit zu lauschen. Vergessen waren alle Kümmernisse und Leiden von Haus und Gasse, da mit bangem Zittern die Seele erfüllt war; mit bangen Wunsch nach der innerlichen Reinheit, die Gott von seinen Juden fordert, und nach dem großen Lohn, den er dafür verspricht; mit Beben vor Gottes Zorn und Strafe, wo er Vergeltung übt, an denen, die seine Gebote mißachten. Und von oben, aus den Gitterfenstern der Frauenabteilung guckten die verweinten Gesichter unserer leicht zu'Tränen gerührten Mütter und Großmütter hervor. Sie weinten, auch wenn sie die Worte schlecht vernahmen, die Ausführungen nicht verstanden. Sie weinten, weil sie instinktiv den Inhalt der Maggidsrede voraus empfanden, weil sie nur zu dem Zweck, sich auszuweinen, gekommen waren, sich auf diese Weise zum weiteren Kampf in Elend und Not erleichtert und gestärkt zu fühlen. Der Maggid ist die geistige Unterhaltung der jüdischen Masse gewesen, der Träger ernster Gedanken und der Vertreter von Erbauung und Seelenruhe, die ihnen entströmen; ein geistiger Genuß, noch erhöht, wenn er aus einer anderen Stadt gefahren kam als — Maggid auf Gastrollen. Noch mehr wenn er eine Berühmtheit, sein Ruf ihm vorausgeeilt war, sein Name in aller Mund lag. Sein Auftreten wurde dann als größtes Ereignis der Gemeinde aufgefaßt. Und der Tag seiner Rede mußte ein Feier-, ein Fest-, ein bedeutungsvoller Tag sein, Jedes Bethaus hatte auch seinen Chasan. Je reicher das Bethaus, desto besser der Chasan, wobei es nicht so sehr auf seine Gottesfurcht als