Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 dessen Prüfung beschäftigt sei. Sollte das Memorandum dem Plenum des türkischen Parlamentes vorgelegt und angenommen werden, so würde die ottomanische Regierung* Mesopotamien auf eigene Kosten bewässern. „Doch“, sagten die Deputierten, ridürfe man-von der Türkei vorläufig nichts verlangen, " was einen politischen Charakter an sich trage“. Zum Schlüsse erklärten sie, daß sie in Paris Max Nordaii aufsuchen und mit ihm konferieren werden. Die Aeußcrungen der beiden jüdischen Deputierten, welche jnngtürkisch gesinnt sind und daher wie alle jüdischen Assimilanten von einer jüdischen Nationalität nichts wissen wollen, haben wir wohl registriert, ohne ihnen jedoch eine außerordentliche Bedeutung beizumessen. Erstaunlich ist es bloß, daß die Vollbluttürken Achmed Riza und Riza Tewfik den nationalen Gehalt des Zionismus viel tiefer erfaßt und gewürdigt haben. Die Sozialwissenschaft der „Alliance“. Der Zionismus mitsamt dem Itoisnnis sind tot, mausetot. Die „Alliance“ hat sie zur Strecke gebracht. Aber nicht etwa durch eine neue „Erklärung“ des Herrn Goldberger sondern durch rein wissenschaftliche Methoden. Da gibts kein Widerlegen. Sollte der Zionismus vielleicht behaupten, er lebe noch, so warnen wir hiemit jedermann, es zu glauben. Die Sache kam so: Nachdem die deutsche „ Alliance“, kommandiert von ihrem Chef Herrn Goldberger, eine Attacke gegen den Zionismus geritten hatte, bei der sie mit blutigen Köpfen heimgeschickt wurde, kroch aus dem Büschen des Hinterhaltes die Rückendeckung hervor — die Wiener Alliance. Da sie die Nutzlosigkeit eines Gffenen Kampfes einsah, ließ sie ein Blatt Papier, genannt „Mitteilungen“, in die Welt flattern auf dem zu lesen stand : „Schon aus dieser Zusammenstellung (gemeint ist die von der Alliance gemachte völlig neue Entdeckung, daß die jüdischen Proletarier, die nach Amerika kommen,' zum größten Teil Handwerker und Schneider seien) allein ergibt sich der Irrtum, daß nämlich die Emigration künstlich lenkbar wäre, und daß man sie auf Grund politischer oder menschenfreundlicher altruistischer Erwägungen nach irgend einem besonderen Gebiete dirigieren könnte. Kann man sich vorstellen, daß in irgend ein geschlossenes neu zu kolonisierendes Gebiet in einem Jahre 21.779 Schneider geschickt werden können?“ Man begreift, daß nach diesem erlösenden Gedanken der Zionismus tot ist. Er hatte immer gehofft, jährlich 21-779 zerzausen und zu zerreißen, sich selbst zu zerfleischen und frühzeitig gebrochen, die Lust am Leben zu verlieren. Aber .all das, Unbefriedigtsein und Mißgeschick, Enttäuschurtg und innere Zerrissenheit, ist unausbleibliche Folge, wenn ein Jude sich restlos dem Fremden hingeben will. Denn er verleugnet dabei sein innerstes Wesen, ohne das Fremde restlos aufnehmen zu können. Er muß unglücklich werden und seine Tatkraft im ewigen Ringen mit sich selbst einbüßen. Und wenn die Todesstunde naht, so muß, er, ein vom Leben Besiegter, eingestehen: Vergebens gekämpft, vergebens gelitten! Viele Dichter jüdischen Stammes schreiben für andere Völker. Tausende Namen könnten aufgezählt werden. Viele von ihnen haben helltönenden Klang und durch mancher Werke zieht ein Hauch der Ewigkeit. Welches wird das Schicksal dieser Dichter sein? Werden auch sie so sterben können wie Liliencron? Wenn ich an diese Vielen, Vielzuvielen denke, so wird’s mir sonderbar zu Mut und ein Gefühl des Erbarmens steigt in mir auf. Ich sehe vor mir Heines Matratzengruft, Auerbachs Totenzimmer und Jakobowskis einsames Sterbestübchen. Ich höre einen tränendurchsetzten Witz, eine Klage und einen Seufzer. Dazwischen aber schmettert hell eine fröhliche Stimme: „Ei, das ist schön!“ M. Wald mann. JÜDISCHE ZEITUNG. Schneider nach Palästina zu lenken, jetzt sagt die „Alliance“,daß dies ein Irrtum sei! Liebe „Alliance“, Du bist auf dem Holzweg! Du verstehst noch immer nicht was der Zionismus will. Du weißt nicht, daß er niemals einen Emigrationsslroin „künstlich ablenken“ wollte, denn so gescheit wie Du ist er auch noch. Also merke Dir: Der Zionismus wiildurch geeignete Vorkehrungen Palästina auf eine solche Stufe bringen, daß dieses Land eine immer größere Zahl von Juden aufnehmen kann. Als kardinalstes Problem erscheint ihm dabei, die Methode zu finden, wie städtische Proletarier (auch Schneider) zu Landbauern in Palästina gemacht werden können. Das wäre gesünder für die überzähligen Schneider von Kiew, Kischenew etc. als elend bezahlte und ausgebeutete Konfektionsheimarbeiter in New-York zu werden. Aber das sieht wahrscheinlich die „Alliance“ nicht ein, denn sie findet in der jüdischen Massenemigration nach Amerika „weder etwas ungewöhnliches noch etwas beunruhigendes.“ Als Begründung dafür sagt sie, daß die 114.239 Juden, welche 1908 nach Amerika auswanderten, nur 44 Prozent der Auswanderung aus dem russischen Reiche darstellen. Einen derartigen haarsträubenden Unsinn verzapft die „Alliance“ als Sozialwissenschaft. In Rußland sind von 140 Millionen Einwohnern 5 Millionen Juden. Wenn daher von 100 russischen Emigranten 56 Nichtjuden und 44 Juden sind, so heißt das: Die jüdische Auswanderung aus Rußland ist verhältnismäßig 22-ma 1 s o g r o ß, wie die n i c h t j ii d i s c h e. Das findet die „Alliance“ nicht ungewöhnlich!! Diese zur Schau gestellte krasse Ignoranz im soziologischen Dingen zeigt die „Alliance“ von einer neuen schönen Seite. Bisher hielt man sie nur für untätig und volksfeindlich und das hätte wahrlich genügt. _ Tischo-be-Abc In der Zeit vom 17. Tamus bis zum 9. Avv ist eine Fülle von Unheil über unser Volk gekommen. So sind diese Hochsomniertage zu einer nationalen Trauerzeit geworden, welche ihren End- und Höhenpunkt an dem verhängnisvollsten aller Tage, den 9. Ab, hat. Dieser ist — wir können es mit Genugtuung sagen — für die weitaus überwiegende I Mehrheit uuseres Volkes auch heute noch ein Tag der tiefsten Trauer, des höchsten Jammers, des größten Schmerzes. Der Mann aus dem Volke steht erschüttert vor der unseligen Größe dieses Tages, ist vor ihm von unbeschreiblicher Bangigkeit erfüllt. So ist das Fühlen des großen Teiles von Juda. Jenen kleinen Teil jedoch, dessen Gemüt so erkaltet ist, daß er sich ei haben üben einen „Kultus der Erinnerung“ dünkt und verächtlich auf die „Zionsweiner“ herabsieht, beneiden wir wahrhaftig nicht um seine „Aufgeklärtheit“. Stellen wir aber uns einmal für einen Augenblick auf seinen Standpunkt. „Hinweg mit den Erinnerungen, Traditionen und all dem Gerümpel vergangener Zeiten. Die Jetztzeit fordert ihre Rechte, räumen wir ihr sie ein!“ Ja, glaubt Ihr denn, daß der Fall Zions, den wir am 9. Ab beweinen, bloß Erinnerung ist? Weit gefehlt! Diese entsetzliche Katastrophe lebt heute noch ihr fürchterliches Dasein, sie lebt unter Euch, sie wütet unter Euch, jeder Zweig des jüdischen Volkes in jedem Lande seiner Verbannung ist heute noch ein Stück brennendes Zion. Ihr glaubt es nicht, Ihr schüttelt die Köpfe, Ihr müßt es ja besser wissen — denn Ihr seid in der Aera geboren und erzogen, in welcher die geistigen und geistlichen Spitzen Eures Volkes — Verzeihung, Eurer Glaubensgenossen — die nationalen Stellen aus dem Gebetbuche strichen. Nur schade, daß dann der Antisemitismus das Licht ward, vor dem gehalten, die gestrichenen Stellen gar kräftig durchschimmerten und wieder lesbar wurden. Ihr sträubt Euch dennoch, sie zu lesen und seid lieber fortwährend auf der Suche nach Waffen zur „Bekämpfung des Antisemitismus“. 0, über diesen Kampf mit papierenen Schwertern und spitzen Zungen, über diesen Kampf gegen den Antisemitismus, Seite 5 der dennoch unangefochten weiter schreitet und wie die Hydra zwei neue Köpfe kriegt, wenn man ihr einen abgeschlagen hat! Müht Euch nicht ab in diesem vergeblichen fruchtlosen Kampfe, kämpft vielmehr für die Schaffung von Verhältnissen, die uns das Dasein des Judenhasses gleichgültig machen soll, für die Heilung der Wunde, die der 9. Ab vor zwei Jahrtausenden unserem Volke geschlagen hat, die aber noch so frisch ist als ehemals! Wenn die Mehrheit unseres Volkes in unbeschreiblichem Elend verkommt und unserem ganzen Stamme der Stempel des Zigeunertums, der Unsicherheit und des Gedemütigtseins aufgedrückt ist, wenn unsere Jugend ohne Aussichten verblüht, unser Alter freudlos und hoffnungslos in die Grube fährt — so ist das nichts anderes als der dichte Qualm aus den Flammen Zions, der sich erstickend auf die Lunge ■ unseres Volkes legt, so daß es nicht atmen, nur röcheln und stöhnen kann. Seht Ihr, das sind keine Erinnerungen, kein altes Zeug für die Rumpelkammer der Geschichte, im Gegenteil, das ist Gegenwart, realistische greifbare Gegenwart, das ist Gegenwart, die an Eure eigenen Leiber und Seelen und an die Eurer Kinder und Enkel rührt. Zion, das nationaljüdische Zion, besteht freilich nicht mehr; aber, daß es nicht mehr besteht, das eben ist der Kern unseres Unglücks. Das jüdische Volk braucht nicht das Ende des Judenhasses — ein Ende, das ohnehin nie kommen wird - es braucht nur eine nationale Stätte, wohin die trüben Wogen der Judenfeindschaft nur schwer kommen können, ein Heim, wo es in gesunder natürlicher Arbeit erstarkt. Dieses Heim aber fehlt ihm seit jenem 9. Ab, wo vor 1839 Jahren zum zweitenmal seine Hauptstadt fiel und es hinausgetrieben wurde in alle Welt — Heimatlos, mittelpunktlos, schutzlos. Das Leid Judas wird nicht aufhören, so lange dieser giäßiiche Fluch ewiger Wanderung und Heimatslosigkeit auf ihm lasten wird. Dieser Fluch muß gebrochen werden! Diesen Fluch zu brechen ist das Ziel der zionistischen Bewegung. Sie ruft die ganze Judenheit zu engem Zusammenhalten, denn nur durch Eintracht und Zusammenwirken aller können die höchsten Lebensaufgaben des Volkes erfüllt werden. Und hat der Weckruf die Herzen aller dem Ideal des jüdischen Volkes näher gebracht, dann werden sic auch die Verwirklichung dieser Ideale herbeisehnen. Schon sehen wir von ferne den goldigen Schimmer einer neuen Morgenröte über ein ganzes Volk ausgebreitet als Verkünderin einer glücklichen Zeit der Selbständigkeit. Und so werden auch die Worte unseres unvergeßlichen Führers: „Und wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen!“ zur Wahrheit werden. Der 9. Ab, der Tag der tiefen Betrübnis, soll ein Tag der Erweckung und Erhebung des jüdischen Volkes werden. S. Revue der Presse. „D i e W c 11“, Köhl a. Rhein Nr. 30. — Prof. Warburg spricht über die Finanzierung des mikrobiologischen Institutes in Palästina. Er berechnet die Kosten der Einrichtung nebst Apparaten mit 50.000 Frs., ebensoviel für die Bibliothek. Das Jahresbudget bezifiert er mit 25.0(10 Fr. Somit würden 2U0.0C0 Frs. genügen um das Institut zu errichten und 4 Jahre zu erhalten. Hat es 4 Jahre gearbeitet, so werden gewiß Mittel zur Weitererhaltung einfließen. Als Sitz des Institutes käme nur H a i f f a in Betracht. — Ein Bericht aus Konstantinopel gibt eine Rede wieder, in welcher der jungtürkische Abg. Dr. Risa Tewfik Bey neuerdings u. zw. in Smyrna seine Sympathien für den Zionismus zum Ausdruck brachte. Ferner enthält der Bericht ein Interview mit dem Chacham Baschi Nahum von Konstantinopel, in welchem dieser den Ausstreuungen entgegentritt, nach denen er sich gegen die Ausbreitung der hebräischen Sprache im Schulunterricht ausgesprochen habe. — Ein Bericht aus Palästina meldet einen Konflikt, der zwischen den Inwohnern von Mikweh- Israel und Arabern ausgebrochen ist, weil ein arabischer Wächter der Schule einen arabischen Dieb erschossen hat. „Jüdische Rundschau“, Berlin Nr. 30. — Eine der „Orient Korrespondenz“ entnommene Statistik beziffert die Zahl der Reisenden, welche Palästina besuchten, für 1906/7 mit 4462, 1907/8 mit 6376, 1908 9 mit 5531 Personen. Das Hanptkontingent stellen Amerikaner und Engländer, „Frankfurter Jsraeli tsches Familienblatt“, Frankfurt Nr. 28. — Ein Bericht aus Jerusalem schildert die segensreiche Tätigkeit des Kraukenvereines Lemaan Zion in Jerusalem. Im Juni wurden von den Aerzten desselben 1154 diverse Kranke und 2460 Augenkranke behandelt.