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Jüdische Zeitung · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 31 Aut der Konferenz kam es zu Zusammenstößen zwischen den russischen Mitgliedern der Konferenz und dem Präsidium. Ginsburg warf Zangwill undemokratisches Vorgehen vor. Er unterschätze die Kraft des Volkes. Ginsburg verlangt ein demokratisches Statut Ihn unterstützt Goldberg, Lew und andere; Schmidt (Wien) findet das Statut für genügend. Für Studien über Regulierung der galizischen Emigration sammelte Herr Schmidt unter den Teilnehmern ca. 1500 Kronen. Auf dem Meeting, das nach den Beratungen im Pavillon-Theater stattfand, hielt Zangwill wieder eine große Rede (die dritte in 3 Monaten), in welcher er sich die unerhörte Geschmacklosigkeit leistete, den Zionismus einen „kindischen Traum“ zu nennen, weil — in Palästina Eisen und Kohle nicht Vorkommen. Das Interessanteste aber ist, daß Zangwill in seiner Rede die Idee der Autonomie fallen ließ. Nachdem er in seiner letzten Rede einen Brief an den Präsidenten des türkischen Parlaments vorgelesen hatte, in welchem er mit großer Verve die Gewährung einer Autonomie verlangt, bevor er auch nur einen Juden in Mesopotamien kolonisiert, nachdem dieses Verlangen in der Türkei einen Sturm von Entrüstung hervorgerufen hat, gibt er nun mit 2 Worten diese Kardinalforderung seines Programms wieder preis! Dieses frivole Jonglieren mit ernsten politischen Dingen hat hier große Mißstimmung gegen Zangwill erregt. Nirgends mehr werden er und seine „Ito“ ernst genommen. Wie es heißt, ist er selbst mit dem Verlaufe der Konferenz sehr unzufrieden, in welcher sein diktatorisches Vorgehen und sein unbegründeter Optimismus sehr scharf kritisiert wurden. Aus dem jüdischen Leben. Russisches aus Oesterreich. Von dem Roheitsakt eines Salzburger Wachmannes berichtet Franz Pattermann, Obmann der österreichischen Tabakarbeiterorganisation, der sozialdemokratischen „Salzburger Wacht“: „Als ich heutet Mittwoch Früh in Salzburg angekommen war, war ich Zeuge folgenden Vorfalles: In der Bahnhofrestauration dritter Klasse unterhielt sich ein Mann in Touristenkleidung, anscheinend ein Jude, mit vier Arbeitern. Ein anwesender Feldwebel sowie ein anderer Zivilist begannen den Juden zu hänseln und „Saujud“ zu. schimpfen. Der Jude verbat sich energisch die Beschimpfung, was zur Folge hatte, daß ein ernsterer Wortwechsel entstand. Der Kellner, der ebenfalls den Juden beschimpfte, holte die Polizei. Es erschien der Wachmann Reitmayer, der den Juden arretierte und auf die Wachstube führte. Dort sollte der Verhaftete sein Nationale abgeben, was er jedoch verweigerte. Die Folge der Weigerung war, daß die Wachmänner den Verhafteten in Ketten legten und gefesselt wie einen Raubmörder von der Wachstube in das Rathaus transportierten. Während des Transports bat und flehte der Gefesselte, man möge ihn nicht so vergewaltigen, man möge ihm doch die Fesseln abnehmen. Aber alles half nichts, der Wachmann fuhr in seiner Barbarenart weiter. Ein Arbeiter kam dem Wachmann nachgelaufen und übergab ihm den zurückgebliebenen Stock des Touristen. Infolge der Schmerzen, die der Gefesselte ausstehen mußte, riß er hin und her. Dies veranlaßte dem Wachmann, den Häftling mit dem Stock über den Kopf zu schlagen, so daß der Stock zerbrach. Ein Teil des zerbrochenen Stockes befindet sich in der Redaktion und wird als Trophäe dem Museum zur Hebung des Fremdenverkehrs angeboten werden ..." Das klingt zwar ganz unglaublich, doch da es in einem sozialdemokratischen, also halbantisemitischen Blatt steht, muß man’s wohl glauben. Eine Aufklärung über diesen empörenden Vorfall steht zu erwarten. Das Landtagsmandat von Stryj. Aus Stryj, 26. d., schreibt man uns: Um das durch den Tod des Landtagsabgeordneteri Dr. Fruchtmann erledigte Mandat bewerben sich bis jetzt zwei Kandidaten: der polnische Landsmannminister Dr. Du- 1 e m b a und der sozialdemokratische Reichsratsabgeordnete Dr. L i e b e r m a n n. In der polnischen Presse wird die Tatsache kommentiert, daß die polnisch-sozialdemokratische Partei nicht den Reichsratsabgeordneten von Stryj, Moraczewski, sondern den Juden Liebermann kandidiert. Sie findet die Ursache für diesen Vorgang der polnischsozialdemokratischen Partei darin, daß der überwiegende Teil der jüdischen Wähler jüdischnational ist und daher viel eher für den Juden Liebermann als für Moraczewski stimmen werde. Diese Deutung ist richtig. Die Sozialdemokrctie Galiziens — besonders ihre jüdischen Führer — wollen zwar die jüdische Nationalität nicht anerkennen, wenn sich aber aus dem jüdischnationalen Bewußtsein irgend ein Vorteil herausschlagen läßt, so sind die „internationalen Genossen“ gleich dabei. Auch von der Sozialdemokratie gilt der Satz: Die rechte Hand darf nie erfahren,.!was die linke in frecher Weise stibitzt. Die Juden in Finnland. Aus Heisingfors wird geschrieben: Der finnische Senat hat ein Gesetzesprojekt ausgearbeitet, wonach den in Finnland geborenen oder seit mindestens zehn Jahren wohnhaften Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt werden soll. Dieses Gesetzesprojekt ist aber von der russischen Regierung als zu liberal befunden worden und der hiesige Generalgouverneur hat sich an den finnischen Senat mit der Forderung gewendet, Garantien dafür zu schaffen, daß sich nicht zu viel Juden in Finnland niederlassen! Der Generalgouverneur protestierte auch gegen die Bestimmung, daß sich jeder russische Jude drei Monate in Finnland aufhalten darf. Er verlangt die Beschränkung des Termins auf höchstens einen Monat, da die I Juden in drei Monaten hier irgendwelche geschäft- 1 liehen Betriebe eröffnen könnten, wodurch ihre des Exiles und Jahren der Krankheit, in seiner Todesstunde: „Dieu me pardonnera, c’est son metier“. Sein letztes Wort war witzig-sarkastisch und die Stimmung, die daraus sprach, war ungefähr: „Verpfuschtes Leben; viel geliebt und viel gelitten viel gewollt und viel geleistet, viel Gutes vollbracht und viele Sünden begangen, einsam gewesen und Freunde gehabt, als Deutscher gekämpft und als Jude beschimpft worden, gefürchtet und bewundert, aber immer unzufrieden, immer unbefriedigt und ewig krank gewesen — krank „am Körper, an Armut und am Judentume“. „Gott wird verzeihen, das ist sein Geschäft!“ Fahr’ hin, Leben! Wie starb Auerbach? Krank und verbittert in der französischen Stadt Cannes. Und seine Worte, einige Zeit vor dem Tode waren: „Da hat man sein ganzes Leben als Deutscher gelebt und stirbt als Fremder“. Wo ist die Zufriedenheit eines Liliencron? Die sorglose Kindlichkeit des Poggfred- Dichters? Warum konnte der Jude Auerbach nicht so naiv und sorgenlos bewundern? Hätte ihn ein Reitermarsch in der Todesstunde zu einem lustig hinausgeschmetterten Bewunderungsausruf hinreißen können? War er gleich Liliencron ein Bejaher und mit seinem Lebenswerke zufrieden? Starb Auerbach mit dem Bewußtsein vollbrachter und anerkannter Leistungen? Da warst du dein Lebtag ein Deutscher und starbst als Fremder!.Armer Auerbach! Und Ludwig Jakobowski, der in jungen Jahren Verstorbene! Wie lebte und wie starb er? Ein kleines Verslein von ihm fällt mir ein: „Du deutsches Land, du schlimmes Land, was schenkst du deinem Knaben, zum Leben eine Handvoll Sand und Sand auch zum Begraben.“ Rief Jakobowski einmal in seinem Leben ein natürliches, naiv-kindliches „Ei, das ist schön!“? War sein Leben von Kraft und innerem Sicherheitsgefühl durchbraust, wie das des Liliencron? Und doch war Jakobowski ein herrlicher Mensch, ein genialer Dichter und eine treue ehrliche Seele. Er war kein Literaturmakler, der von den Brosamen der Großen lebt, sondern ein vornehmer Künstler und ein ganzer Mann. Deutschland liebte er über alles und starb doch als Fremder einsam, krank und gebrochen. Deutsches Land, du schlimmes Land, was gabst du deinem Knaben? Warum dieser Unterschied? Warum konnte Liliencron in seiner Todesstunde so heiter und ungebrochen-frisch sein und warum waren Heine, Auerbach und Jakobowski so tieftraurig, verbittert, skeptisch und unbefriedigt? Warum blieb ihnen Deutschland fremd, trotz ihrer glühenden Liebe für dieses Land? Fühlte sich Heine nicht als Deutschen? Sang er nicht: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“? Und doch entfuhr Heine niemals, auch nicht in den Tagen seiner spätere Ausweisung erschwert würde. Wie vorsorglich und weitschauend ein russischer Regierungsvertreter in bezug auf Judenentrechtung sein kann! Das erwähnte Gesetzprojekt gibt ferner jedem finnischen Gouverneur das Recht, fremden Juden den Aufenthalt in seinem Bezirk mit Zustimmung der Ortsverwaltung für ein Jahr zu gestatten. Auch das erscheint dem Generalgouverneur zu „liberal“ oder zu „gefährlich“ und er wünscht auch hier eine Verkürzung der Frist auf sechs Monate. Was wird nun der finnische Senat auf alle diese echt-russischen Forderungen erwidern? Schon das elementarste Gefühl der Selbstachtung gegenüber den russischen Eingriffen müßte ihn bestimmen, sie mit Nachdruck abzulehnen. Aber es handelt sich ja hier „bloß um Juden“! — Die Nationalitätenfrage im osmanischen Reiche. Aus Konstantinopel wird berichtet: In dem Lokale des jungtürkischen Komitees in Saloniki fand eine Versammlung statt zum Zwecke einer Versöhnung der Nationalitäten. Der Vorsitzende Dr. Nasim Beia schildert die Gefährlichkeit der Lage, der gegenüber es angebracht sei, daß sich alle türkischen Völkerschaften verbrüderten. Als aber der Vertreter der Bulgaren auf die Abwesenheit der Rumänen, und die Griechen auf die Abwesenheit der Arnauten aufmerksam machten, wurde die Sitzung vertagt, damit auch die Vertreter der genannten Völkerschaften eingeladen würden. Auf Vorschlag Dr. Nasim Beis wurde der Vorsitz der gemischten Kommission, die gebildet wurde, dem Israeliten Zitalis aus Strumnitza übertragen. Diese Wahl darf als symptomatisch gelten für das Vertrauen, das die rivalisierenden Völker in die Loyalität der „jüdischen Nation“ setzen. Gerade in der Türkei dürfen die Juden dank ihrer eigentümlichen Stellung, die sie vielfach über den Parteien stehen läßt, berufen sein, auf das öffentliche Leben einen bedeutsamen Einfluß zu gewinnen. Daß sie diesen Einfluß nur zum besten des osmanischen Reichsgedankens verwenden werden, läßt sich aus ihren patriotischen Verhalten während der Geburtswehen der jungen türkischen Freiheit mit Sicherheit schliessen. Die türkischen Deputierten in London. Aus London, 23. Juli wird uns geschrieben: Unter den türkischen Deputierten in London befanden sich auch die Juden Nassim Mazliach und S a s s o n Effendi. Diese Deputierten wurden von einem Mitarbeiter einer Londoner Zeitung wegen Palästina und Mesopotamien und wegen der Aeußerung Achmed Rizas interviewt, der die Juden zur Einwanderung in die Türkei eingeladen hat. Die jüdischen Deputierten entgegneten darauf, daß die Türkei die Juden sehr gerne aufnehmen würde, weil sie dem Lande Nutzen bringen werden. Doch mögen sich die Juden in allen Provinzen und nicht bloß in Palästina ansiedeln. Bezüglich des Memorandums betreffend Mesopotamien, antworteten die Deputierten, daß vorläufig eine Kommission mit ersten Liebe und seiner losen Jugendstreiche, ein so helltönender gesunder Ausruf wie „Ei, das ist schön!“ „Keine Lieder wird man singen, keinen Kadosch wird man sagen, nichts gesagt und nicht gesungen wird an meinen Sterbetagen!“ Kein dahinrasendes Lied, keine brausende Kampfesmelodie wie in Liliencrons Sterbestunde. Ist das alles nicht tiefes Symbol! Können wir nicht lustig und kindlich, heiter und naiv sein? Müssen jüdische Dichteraugen immer sehnsüchtig und fragend, todestraurig und altklug ins Leben schauen? Hat Salomon in seinem Hohen Liede nicht natürlich und naiv seiner Empfindung Ausdruck gegeben? Fehlt es in unserer Bibel an Exklamationen, voll Naivetät und unmittelbarer Frische der Empfindung? Sind nicht sogar manche jüdischen Volkslieder der Gegenwart — die wenigen lustigen, welche wir haben und welche buntfarbigen Blumen auf einem weiten trostlosen Steinfelde gleichen — so kräftig und von Skepsis und Traurigkeit ebensoweit entfernt wie ein Trutzlied Liliencrons? An unserer Rasse liegt’s nicht, daß die fremden Dichter unseres Stammes unglücklich werden, daß sie vergebens um Liebe und Anerkennung ringen, daß sie doppelt fremd sind, weil sie ganz heimisch sein möchten. Unsere Seele ist nicht unbedingt skeptisch. Nicht Judeneigenart ist’s, alles zu

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