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Jüdische Zeitung · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 31 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 aber ihre eigenen Angelegenheiten durchaus selbst verwalten. Sie entsenden Komitees, denen die Rechtsprechung obliegt; das Vertrauen in dieselben ist heute ein so allgemeines, daß vielfach auch Araber, ganz jenseits derKoloni e ihre Rechtsstreitigkeiten vor djese Komitees bringen, um sie besser und ehrlicher als durch die türkischen Behörden entscheiden zu lassen. AUmählich wenden sich diese Kolonien gewissen landwirtschaftlichen Industrien zu, insbesondere soll in Rischon dieses Jahr eine Weberei errichtet werden, um die im Lande selbst gewonnene Wolle weiter zu verarbeiten. Ebenso besteht in der Kolonie Roschpinah nahe bei Safed ein Unternehmen, das sich der Seidenzucht widmet. In Zichron Jaacob, einer anderen Kolonie bei der Stadt Haifa, wurde eine genossenschaftliche Bank begründet, und landwirtschaftliche Arbeiter erhalten Kredite, um eigene Grundstücke zu erwerben, deren Preis sie in Raten zurückbezahlen. So erwächst ein neuer jüdischer Bauernstand, in europäischer Weise gebildet, auf dem Boden Palästinas. In den Städten zeigen sich ebenfalls Anfänge einer Industrie, besonders Oelraffinerien und Seifenfabriken in Ramleh und Haifa, ferner eine Maschinenfabrik in Jaffa, Webereien und Ton Warenfabriken in andern Städten. In Jaffa wurde eine Tischlergenossenschaft begründet; auch Hausindustrieen bestehen an verschiedenen Orten. Allerdings hat bis vor kurzem die türkische Mißwirtschaft auf alles ihren Meltau gestreut, schwer lasteten auf der jungen Wirtschaft besonders die Durchzugszölle in andere Provinzen; doch wurden diese im Gefolge der Revolution beseitigt und so eine wichtigste Schranke der fortschreitenden Entwicklung niedergerissen. Nachdem er eine moderne fortschrittsfreundliche Proklamation des Gouverneurs zitiert, sagt der Verfasser zum Schluß: „Auch das Selbstbewußtsein seiner Bewohner wird wachsen. Selbstverwaltung wird verlangt und gewährt werden, und so mag in einer ganz anderen Weise, als die Zionisten es meinen, durch die natürliche Entwicklung des Landes, den wachsenden Einstrom jüdischer Kolonisten und ihre Ve rb i n d un g m i t den zah I rei chen schon im Lande ansäßigen jüdischen Bevölkerungselementen eine jüdische Staatsgemeinschaft erstehen, die im Rahmen des türkischen Reiches ihre eigeneKultur auf dem Boden ihrer Väter neu entfaltet.“ Wenn der Verfasser sagt: „in anderer Weise, als die Zionisten es meinen“, so hat . er wahrscheinlich noch die Charterpolitik 1 im Auge. Die Vertreter jener Richtung, die am achten Kongreß gesiegt hat und heute die herrschende im Zionismus ist, stellt sich die Entwicklung des jüdischen Gemeinwesens genau so vor, wie Mr. Hyamson: auf dem Wege natürlicher Evolution. Es ist interessant, daß objektive nichtjüdische Palästinakenner den Gang der Entwicklung genau so beurteilen, wie wir, während die Leuchten der Assimilation nicht hören und nicht sehen wollen. Ein vornehmes Haus. Das ist, wie man sagt, ein vornehmes Haus: Kapazitäten geh’n ein und aus, Kapazitäten, sag’ ich Ihnen, Die mehr als 40 Mille verdienen, Moderne Dichter mit krebsroten Westen, Schauspieler, Sänger (natürlich die Besten), Der Herr bekam den Franz Josefsorden, Der Sohn ist römisch-katholisch geworden, Die Dame hält einen Leutnant aus- Es ist, wie gesagt, ein vornehmes Haus. Die Tochter des Hauses, Marie Madelaine, Läßt prinzipiell nur bei Drecoll näh’n, Hat ein Automobil und ein Doppelkinn Und ist Wagnerianerin. Sie lernte ein blondes Barönchen lieben Und etwas davon ist übrig geblieben; Doch jetzt, da die Seele sich ausgetobt, Ist sie mit dem Prokuristen verlobt, Der ist Philosoph und macht sich nichts d’raus — — Es ist, wie gesagt, ein vornehmes Haus. Der Sohn hingegen, Raoul Ferdinand, Ist allgemein als Sportsman bekannt, Und wo man von Pferden und Hunden spricht, Vergißt man auch seinen Namen nicht — Desgleichen gilt er beim Ekarte, Sowie beim Balletkorps als Koryphe Und sein Verkehr sind nur Graf und Baron — Die sind sehr freundlich und leben davon, Privatim heißt er bei ihnen „Die Laus“ — Es ist, wie gesagt, ein vornehmes Haus. Und wie sich’s geziemt bei Mitteln und Titeln, Gefällt man sich sehr im Antisemitein, Und Ferdinand hält es für sehr verfehlt, Daß man am Kai den Kuranda gewählt, Obwohl dieser Mann, der zwar kein Christ, Im Geist und Charakter katholisch ist. Er ist auch der einzige Israelit, Der je über diese Parquetten glitt. Und stets mit Glückwunsch und Blumenstrauß — Es ist, wie gesagt, ein vornehmes Haus. Beda. . Anerkennung der jüdischen Na- [ tionalitäten im Bukowinaer Landtage. Aus Czern o wi tz 17. d. wird uns telegraphiert: Gestern fand eine Sitzung des Permanenzausschusses des Bukowinaer Landtages statt, in welcher ein Wahlreformentwurf vorgelegt und angenommen wurde, dem zufolge in der Bukowina die Einführung eines nationalen Katasters bevorsteht. Die Juden sind in diesem nationalen Kataster als separate Gruppe berücksichtigt. Zusammen mit den Deutschen sind den Juden von 44 Volksmandaten 13 konzediert worden. Ueber die Aufteilung der den Deutschen und Juden reservierten Mandate müssen beide Gruppen einig werden. Der darauf bezügliche Passus im offiziellen Kommunique lautet: „Die Aufteilung der den Deutschen und Juden reservierten Mandate hat im Einvernehmen der Beteiligten zu erfolgen, so daß nur im Falle voller Uebereinstimmung zwischen ihnen weiter vorgegangen werden kann.“ Im künftigen Landesausschusse, der aus acht Mitgliedern bestehen wird, werden die Juden einen Vertreter haben. Von den den Deutschen und Juden zugestandenen 13 Mandaten werden die Juden eine größere Anzahl als die Deutschen erhalten. Abg. Dr. Straucher hat diese Forderung in der Sitzung des Permanenzausschusses erhoben und der Vertreter der Deutschen erkannte ihre Berechtigung an. Durch die Schaffung einer separaten Kurie für die Juden erscheint die jüdische Nationalität in einer österreichischen Provinz offiziell anerkannt. Diese Tatsache ist ein großer Erfolg der jüdisch-nationalen Bestrebungen. Die Agonie der „Ito“. (Von unserem Korrespondenten.) London, 20. Juli 1909. Die von Ihnen angezeigte Konferenz der „Ito“ fand am 15. und 16. in Essex-Hall statt. Zangw i 11 berichtete über Mesopotamien und andere Territorien, sowie über die Korporation mit anderen Organisationen. Er behauptete, daß nach den Erfahrungen der Zionisten, bei Beschaffung der finanziellen Mittel für Kolonisation das Volk nicht in Betracht käme. Die Konferenz wünschte, daß das Cyrenaicaprojekt wieder aufgenommen werde, wogegen Zangwill aufs heftigste opponierte. Trotzdem wurde eine diesbezügliche Resolution des Professor S1 o u s c h angenommen. Alle anderen Beschlüsse waren wertlose Phrasen. „Die Konferenz hält den Moment für Ausbreitung der „Ito“ für geeignet.“ „Sie begrüßt den Bericht des Präsidenten über Kolonisationsmöglichkeiten in Mesopotamien“ usw biete veröffentlicht hat. Aber der Standpunkt, den sie stets verfochten und noch verficht, hat so manchen Nagel zu dem Sarge der deutschen Judenheit hinzugefügt. Karpeles war sicherlich ein treuer und guter Jude von jeglichem Gesichtspunkte aus betrachtet, er hat das Judentum gewiß voraussetzungslos geliebt, wie man etwa seinem Vater anhänglich ist, er war kein Assimilant, wiewohl er Assimilation predigte. Aber er war befangen in einem Vorurteile, in einer vorgefaßten Meinung und hatte sich einem Judentum, das bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht gekannt war, der Frucht jener niederträchtigsten Lüge, die man „Emanzipation“ getauft hat, verschrieben. Karpeles hat es ehrlich gemeint, sein Wollen, und seine Ueberzeugung waren lauter und rein, aber er hatte sich ganz begreiflich und seiner Zeit entsprechend verrannt. Karpeles war ein Gegner des Zionismus, für den er auch nach der kulturellen Seite hin kein Verständnis besaß. Er war übrigens päpstlicher als der Papst, betonte sein Deutschtum mehr als die deutschen Juden selbst, was wohl auf sein Ausländertum — er hatte sich wiederholt und vergeblich um die Naturalisation beworben — zurückzuführen sein mag. ln den letzten Jahren scheint er selbst über die Entwicklung des deutschen Judentums verbittert gewesen zu sein. Als Mensch war Karpeles liebenswürdig, über die Maßen gefällig uud zuvorkommend, von überaus gütigem Herzen. Eine Anzahl von jungen Leuten hat er gefördert, und wenige hat es wohl gegeben, die seine Türe ohne Erfüllung ihrer Wünsche, soweit es an ihm lag, verließen. Er war ein geistreicher, sehr begabter Mann, ein feinsinniger und angenehmer Plauderer, der sich in rastlosem Eifer und zäher Energie eine beträchtliche Belesenheit und reiche Kenntnisse angeeignet hatte. Jetzt nach seinem Tode werden die einen ihn vielleicht über Gebühr loben, die anderen einen „Vielschreiber“ nennen. Wir haben versucht, in dem „Für und Wider“ jenes objektive Maß zu finden, das auch vor dem dunklen Unbekannten jener Welt nicht haltzumachen braucht. Eine große Persönlichkeit, der mit ein Träger und Repräsentant einer abflauenden Kulturepoche des Judentums gewesen, ist mit Karpeles zu Grabe getragen worden. Was von ihm bleiben wird, das ist — das schöne Wollen und gute Streben eines charaktervollen Menschen. Ueber den literarischen Wert seiner Arbeiten wird die Zukunft ihren endgiltigen Richtsspruch fällen, seine Wirksamkeit als Jude möge mit dazu beigetragen haben, die Liebe und.Begeisterung für die Schätze unserer Literatur zu wecken. Ei, das ist schon! Vor wenigen Tagen hat Deutschland einen seiner größten Dichter verloren. Detlev von Liliencron schlief unter den Klängen eines schwedischen Reitermarsches in die Ewigkeit hinüber. Sein letzter Ausspruch war: „Ei, das ist schön!“ Dieser naive, kindlich-frohe Ausspruch verfolgt mich. Wie kraftvoll und unverbraucht mußte die Seele dieses Mannes sein, wenn er nach Jahrzehnten von Kampf und Arbeit noch einen so reizenden kindlichen Ausruf gebrauchen konnte. Wie fest mußte dieser Dichter mit beiden Füßen im Leben stehen, wenn er einige Minuten vor dem Tode, so urkräftig, so sorgenlos und uneingeschränkt zu bewundern vermochte! Wie geschlossen und ungebrochen mußte sein Empfindungs- und Seelenleben gewesen sein! Wie mußte er sich in seinem Volke, seiner Heimat und in seiner Familie festgewurzelt fühlen! Ein glücklicher Mensch, dieser Liliencron! Ich denke nach: was waren die letzten Worte Heines, Auerbachs, Jakobowskis, die auch große Dichter, schöpferische Naturen und Deutschlands treue Söhne waren? Heine sagte nach einem Leben voller Enttäuschungen und Anfeindungen, nach Jahrzehnten

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