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Jüdische Zeitung · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 31 kaum austaalten. Definierte Väter können ihre Frauen und Kinder nur aus der Entfernung sehen. Untersteht sich jemand, während der Mahlzeit mit seinen Lieben zu sprechen, so erinnert ihn ein grober Befehl oder noch Schlimmeres, daß er immer noch ziemlich weit vom freien Amerika entfernt ist. Wir hatten am 4. Juli, dem Tage der Feier der Unabhängigkeit Amerikas, einen Tag der Ruhe. Heute, am 5. Juli, werden wieder viele zur Schlachtbank geführt. Und werweiß, wieviele Menschenleben das kosten wird? Eine ganze Anzahl hat offen erklärt, daß sie, sobald sie in sicherer Entfernung vom Lande sein würden, über Bord springen werden. Lieber den Tod auf der See als die Tortur in Rußland!“ Dieser Brief ist unterzeichnet von vielen Einwanderern, die noch die Kraft haben, eine Feder zu führen. Viele sind derartsch wach, daß es beinahe zu schwer für sie ist, ihn zu unterschreiben. Diese Zeilen sind von einem Einwanderer namens Alexander Rudnow geschrieben, einem Studenten der Petersburger Universität „Frauen können den Brief nicht unterschreiben, weil es uns nicht erlaubt ist, sie zu sehen.“ Es folgen dann sechsundneunzig Unterschriften.... Schneller, als selbst wir Zionisten es gedacht ist eingetreten, was wir immer prophezeiten! Die Absperrung Amerikas mußte kommen, das war für jeden, der soziologische Gesetze kennt, mit Händen zu greifen. Auch der kürzlich von uns zitierte Sozialist Maxim Anin sagte es voraus. Nur die philantropischen Juden wollten absolut nicht einsehen, daß die Judenfrage keine Armenfrage, sondern eine nationalsoziale Frage ist Ja, selbst Herr Zangwill, der zum Politiker hinaufgelobte Held der Antizionisten, hat noch in seiner vorletzten Rede mit Emphase betont, er werde der Türkei sagen: Ihr braucht uns mehr als wir euch, denn uns steht das freie Amerika offen. Wahrlich, wenn der Moment nicht so ernst wäre, so könnte man eine Satire über Herrn Zangwill schreiben, jenen Politiker, der wie kein anderer vor ihm, in allen seinen Vorhersagungen sofort von den Tatsachen dementiert wurde. - Der Augenblick ist ernst, ja verzweifelt „Einerseits wächst in steigendem Maße das Emigrationsbedürfnis in den unteren Schichten des osteuropäischen Judentums, andererseits aber wird die Immigrationsmöglichkeit in die bisherigen jüdischen Einwanderungszentren immer beschränkter.“ (Maxim Anin). Wohin mit denjudenm a s s e n? Hätte die zionistische Arbeit in den 30 Jahren, die seit Gründung der ersten Kolonie in Palästina verflossen sind, bei der Mehrzahl der Westjuden statt Hohn und Spott, Unterstützung gefunden, dann wäre heute Palästina schon so vorbereitet, daß es eine große Zahl von Emigranten aufnehmen könnte. Aber wir wollen heute nicht rechten. Die furchtbare Katastrophe, die über das jüdische Volk hereingebrochen ist, mahnt alle; jüdischen Organisationen zur Eintracht und Einigkeit. „JCA“, „Ito“, „Ila“, „Aja“ und yvie sie alle heißen, müssen sich mit der zionistischen Organisation zu einem großen Hilfswerk vereinigen, um das einzige Zufluchtsland, das den Juden noch geblieben ist, die asiatische Türkei und speziell Palästina, zur Aufnahme der wandernden Judenmassen bereit zu machen. Und wenn die Vorstände der jüdischen Organisationen ihre Pflicht nicht begreifen werden, das verzweifelte Volk wird sie ihnen schnell beibringen. Für uns aber, die wir im Sinne der einzigen endgiltigen Lösung der Judenfrage so vieles vorgearbeitet haben, heißt es: Zionisten an die Front! ZionistischeWochenschau. In aller Stille vollzieht sich soeben in Palästina ein Ereignis, das von den wohltätigsten Folgen für die Fortschritte der jüdischen Kolonien sein kann: Einige Arbeiter von Kinereth haben sich mit anderen jüdischen Arbeitern Palästinas zu einer Siedlungsgenossenschaft vereinigt, die vom Nationalfond 1500 Dunam in Umdjuni pachtet. Wie verlautet erhält die Genossenschaft gegen vollständige Sicherstellung auch ein bescheidenes Darlehen vom Nationalfond. Ist der Versuch auch ein kleiner zu nennen, so könnte sein Gelingen dennoch von größtem Werte sein, indem das jüdische Proletariat durch Aussicht auf Selbstständigmachung vermittels einer Siedlungsgenossenschaft den stärksten Anreiz erhielte, sich zur Landarbeit in Palästina zu drängen. Wir sind aus dieser Erwägung heraus für das Projekt einer Siedlungsgenossenschaft in Palästina schon vor dem achten Kongreß aufs wärmste eingetreten und freuen uns, daß endlich aus dem freien Wiljen der Arbeiter selbst eine solche zustande kommt. * * : * Die Palästina Land Development Cy., welche die betreffenden Arbeiter ausgebildet hat, erweist sich nach .kaum einjährigem Bestehen als eine Institutition, die berufen ist, die A n s i e dlung neu er jüdischer Kolonisten in Palästina''durchzuführen. Wenn ihr größere Mittel zur Verfügung stünden, so wäre die schwierige Frage des Bodenkredites in Palästina, welche die soeben in Berlin tagende Agrarkreditkommission beschäftigt, leicht zu lösen. Die P.-L.-D.-C. würde Boden kaufen und vorbereiten und den neuen Kolonisten gegen lange Abzahlung überlassen. Die Sicherheit bestünde darin, daß die P.-L.-D.-C. das Eigentumsrecht auf den Boden bis zur völligen Abzahlung behielte. Woher die Mittel zu beschaffen seien, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die einen wollen, daß der Nationalfond durch größere Darlehen, die ja völlig sicher wären, dieses nationale Kolonisationswerk unterstütze, die andern meinen, daß der Nationalfond nicht dazu helfen soll, private Grundbesitzer zu schaffen, sondern daß er nur für Zwecke der Gesamtheit verwendet werden darf. Dagegen möge ein Agrarfond für Bodenkredit geschaffen werden. Wie verlautet, wird in Rußland auf Anreguug Ussischkins bereits Geld für einen solchen gesammelt In Kurzem wird die Agrarkreditkommission ihre Beschlüsse fassen, welche dem 9. Kongreß vorgelegt werden sollen und dann wird sich Gelegenheit bieten, diese Frage in den Spalten unseres Blattes eingehend zu erörtern. * . * * Der von uns in voriger Nummer reproduzierte Bericht der ICA (Jewish Colonisation Assoziation) ist zwar sehr knapp und dürftig, namentlich in dem Teile der über die Kolonien in Palästina spricht, doch geht aus ihm die erfreuliche Tatsache hervor, daß die ICA die guten Fortschritte der jüdischen Agrarkolonien in aller Welt konstatiert und den Willen äußert, die Kolonisation in Palästina fortzusehen, sowie auch in Mesopotamien Versuche zu machen. Tatsächlich hat die ICA in letzer Zeit vieles für Ausbreitung der Kolonisation in Palästina getan, namentlich durch Ueberlassung von Land an Reflektanten. Vielleicht wird in absehbarer Zeit ein gemeinsames Vorgehen mit ihr möglich sein. Ein Engländer über die Aussichten des Zionismus in Palästina. Im neuesten Hefte (Nr. 6) der internationalen, wissenschaftlichen Revue „Dokumente des Fortschrittes“, die gleichzeitig in deutscher, französischer und englischer Sprache erscheint, spricht Albert M. H y a mson über „die Renaissance Palästinas“. Er sagt, daß die Entwickelung in der Türkei zur Einführung weitgehender Selbstverwaltung führen muß, wodann Palästina als unabhängiges Glied im türkischen Staatenbunde ganz neuer Entwicklungsmöglichkeiten gewärtig sein muß. .Nach Schilderung des bisherigen volksfeindlichen Regimes führt er aus, daß trotz dessen Palästina einen gewaltigen Aufschwung genommen habe. Er zitiert die Ziffern über Import und Export und fährt dann fort: „Im letzten Vierteljahrhundert wurde eine große Anzahl von jüdischenAckerbaukolonien in Palästina begründet und heute sind sie alle in blühendem Zustande und erhalten sich selbst, wieviel Schwierigkeiten ihnen auch anfänglich daraus erwuchsen, daß ihre Mitglieder von so ganz andern Lebensbeschäftigungen herkamen als vom Ackerbau. Stets neue Kolonien werden gegründet und dieselben bilden in gewissem Sinne unabhängige Republiken, die bloß gewisse Steuern an die türkische Regierung zahlen, im übrigen Karpeles als einer der ersten und erfolgreichsten das jüdische Wesen in Heines Seele ergründet und uns den Dichterin diesem Sinne näher gebracht hat. Für gewisse Lebensstufen und Bildungsschichten werden die Resultate von Karpeles Heineforschung bis auf weiteres die einzige und beste Quelle zur Erkenntnis und Ergründung Heines bilden, wenn auch dem kritischen Blicke des Forschers manche Blöße und Einseitigkeit nicht entgehen sollte. Auf dem Gebiete des deutsch-jüdischen Schrifttums hat Karpeles eine reiche Tätigkeit entwickelt. Er besaß im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen eine große Kenntnis der altjüdischen, namentlich aber der mittelalterlichen religions-philosophischen Literatur. Von dem Streben geleitet, die Schätze dieser Literatur weiteren Kreisen in Deutschland zugänglich zu machen, hat Karpeles zahlreiche Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in verschiedenen Städten Deutschlands begründet, die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ organisieren geholfen und regen Anteil an ihr genommen, eine „Jüdische Bibliothek und Lesehalle“ in Berlin mitbegründet, viele Wandervorträge über Themen aus der jüdischen Literatur und Geschichte gehalten etc. etc. Von der gleichen Absicht beseelt, hat Karpeles eine Antologie jüdischer Dichter, für die er selbst mehrere Uebersetzungen schrieb, unter dem Titel „Zionsharfe“ und ferner eine „Geschichte der jüdischen Literatur“ herausgegeben. Durch die beiden Schriften ist er viel mehr als durch die erwähnte organisatorische Arbeit, die er mit viel Geschick, Geschmack und Erfolg betrieben hat, in den weitesten Kreisen der Judenheit bekannt geworden. Insbesondere war es die „Geschichte der jüdischen Literatur“, die einem sehr fühlbaren Mangel abhelfen sollte und darum ziemliche Verbreitung und Uebersetzung in einige Sprachen fand. Bekanntlich besitzen wir in keiner Sprache eine umfassende, wissenschaftlichen Anforderungen genügende jüdische Literaturgeschichte. Das von Winter und Wünsche herausgegebene Werk ist sehr lückenhaft, wohl aber in einzelnen Partien von wissenschaftlicher Gediegenheit. Die Abhandlung Steinschneiders (in der Enzyklopädie von Ersch und Gruber), des einzigen, der vielleicht eine jüdische Literaturgeschichte zu schreiben berufen gewesen wäre, ist zu wenig umfangreich, um allen Erfordernissen zu genügen. Auch Karpeles hat dem Mangel nicht abgeholfen. Seine jüdische Literaturgeschichte umfaßt zwar zwei Bände und enthält sehr viel, wenn auch wenig neues Material, aber sie ist stellenweise sehr oberflächlich und weist kolossale Lücken, insbesondere auf den Gebieten des jüdisch-arabischen und des östlichen (polnisch-lithauischen und russisch-jüdischen) Schrifttums auf. Von der neueren und neuesten Literatur der Juden, insbesondere der neuhebräischen Literatur hatte Karpeles, wie ich mich in Gesprächen mit ihm wiederholt überzeugt habe, keine Ahnung. Nicht mit Unrecht hat ein witziger, in der jüdischen Literatur sehr bewanderter hebräischer Schriftsteller Karpeles’ Buch mit einem „Toilettespiegel“ verglichen. Er wollte damit ausdrücken, daß man in diesem Werke, ebenso wie in einem Toilettenspiegel eine Menge von Flirt und Flitterwetk entdecken könne. Immerhin mag die Tatsache, daß endlich der Anfang zu einer jüdischen Literaturgeschichte gemacht und damit künftiger Tätigkeit auf diesem Gebiete ein Weg vorgezeichnet ist, anerkennend hervorgehoben werden. Damit ist aber Karpeles’ Verdienst nach dieser Richtung hin erschöpft Als Redakteur der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ nahm Karpeles in den letzten Jahren eine führende Stellung in den liberalen Kreisen der deutschen Juden ein, besser gesagt, die Allgemeine Zeitung war das Sprachrohr der liberalen Judenheit Deutschlands. Es ist kein Zweifel, daß diese Zeitung mit viel Geschick, teilweise nicht ohne Geschmack redigiert wurde, und daß gerade sie einen ziemlich beträchtlichen Teil von wertvollem historischen und jüdischem Material auf jüdischem Ge-

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