Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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HE ZEITUNG Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbiahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.-. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5.-, Vierteljahr. Mk.3.-. Für das übrige 45.********************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. ********************** Nr. 31. Wien, Freitag den 30. Juli 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Eine furchtbare Katastrophe. Zionistische Wochenschau. Ein Engländer über die Aussichten des Zionismus. Die Agonie der „Ito“. Die Sozialwissenschaft der „Alliance“. Ein vornehmes Haus. Gedicht von BEDA. Revue der Presse. Feuilleton: Gustav Karpeles. — „Ei, dasistschön!“ Aus dem jüdischen Leben. Palästina. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Eine furchtbare Katastrophe. Mit unheimlicher Folgerichtigkeit durchläuft die jüdische Geschichte einen ewigen Kreislauf: Abwanderung aus Gebieten hohen Druckes in solche besserer Verhältnisse, Anwachsen der Zahl der Juden in den Einwanderungsländern, Repressalien in diesen. Wiederum schließt sich der Kreis: Das letzte große Immigrationsland für die flüchtenden Judenmassen aus Osteuropa, das „freie“ Amerika hat eben seine Tür zugeschlagen. Die Folgen für unser armes Volk sind unabsehbar! . Amerika war das Land, nach welchem sich die Millionen jüdischer Wanderer in den letzten Jahrzehnten wendeten. Auf zwei Millionen wird die Auswanderung von Juden aus den östlichen Zentren in den letzten 30 Jahren von nichtjüdischen Statistikern geschätzt, mehr als 80 Prozent dieser Zahl strömte nach Amerika. In den letzten lljahren alleinbetrugdie Einwanderung von Juden dorthin rund eine Million (genau 976.223). Aber diese Ziffer sagt allein noch nichts. Es muß hinzugefügt werden, daß die Zahl der Einwanderung von Jahr zu Jahr sprunghaft wächst. Im Jahre 1899 betrug sie 37.415 Personen, im Jahre 1907 149.182! In 8 Jahren eine Steigerung aufs Vierfache! Wohl ist die Lage der Juden auch in Amerika eine sehr traurige. Im New-Yorker Ghetto ist eine Million Juden zusammengepfercht, die ökonomisch kaum besser gestellt sind als die „Luftmenschen“ in Osteuropa. Aber sie sind wenigstens frei von politischem Druck, und ist auch der gesellschaftliche Antisemitismus heute in Amerika furchtbarer als selbst in Europa, t so verdichtet er sich doch nicht zu Ausnahmgesetzen und führt nicht zu Pogroms. Die Möglichkeit, wenigstens ökonomisch weiter zu kommen, steht den Juden offen. Im Vergleich zur russischen und rumänischen Hölle erschien Amerika den jüdischen Massen noch als annehmbares Zufluchtsland. Damit ist’s nun vorbei! Der Einwanderungskommissär William Williams hat — natürlich in höherem Auftrag — Ende Juni verfügt, daß jeder Ankömmling, in den Häfen Amerikas zurückgewiesen wird, der nicht mindestens über 25 Dollars, dassind 125 Kronen Bargeld und, sofern nicht New-York sein Ziel ist, außerdem über das erforderliche Reisegeld bis zu seinem Besti m m ugso rt verfügt! 125 Kronen! Das ist ein Vermögen für diese Luftmenschen, das vielleicht dem Einkommen einer ganzen Familie während eines Jahres entspricht. Die Wirkung der Verfügung ist natürlich die, daß Amerika für die wandernden Juden gesperrt ist. In den ersten 10 Tagen nach Inkrafttreten dieser Bestimmung wurde bereits 668 Personen der Eintritt verweigert und sie nach ihrem Herkunftslande zurücktransportiert. Die verzweifelte Gustav Karpeles. Von Dr. Josef Meisl (Berlin.) Mit Dr. Gustav Karpeles, der am 22. Juli in Bad Nauheim an den Folgen eines langjährigen Herzleidens starb, ist eine der markantesten Erscheinungen aus dem literarischen Leben der deutschen Juden geschwunden. Er war ein gefeierter und kenntnisreicher Schriftsteller, ein sympatischer Mensch von großer Herzensgüte und — last not least — ein guter Jude. Darum mögen einige Worte über das Schaffen und die Bedeutung dieses Mannes hier Platz finden. Gustav Karpeles wurde am 11. November 1848 zu Eiwanowitz in Mähren als Sohn des dortigen Rabbiners geboren. Er besuchte die Gymnasien in Nikolsburg und Olmütz und widmete sich sodann dem Studium der Theologie am Breslauer Rabbinerseminar. Daneben betrieb er schon damals germanistische Studien und veröffentlichte im Alter von 20 Jahren seine erste Schrift „Heine und das Judentum“, die zu jener Zeit und auch später viel und gern gelesen wurde. Nicht lange darauf entsagte er der Theologie. Er widmete sich ausschließlich der Germanistik, und erlangte in diesem Fache den philosophischen Doktorgrad an der Breslauer Universität. Vom Beginn der siebziger Jahre angefangen entfaltete Karpeles eine reiche publizistische und schriftstellerische Tätigkeit. Er redigierte verschiedene deutsche Zeitschriften so „Auf der Höhe“, die „Breslauer Nachrichten“, war dann Feuilletonredakteur der „Breslauer Zeitung“ und leitete nach seiner Uebersiedlung nach Berlin im Jahre 1882 in Gemeinschaft mit Friedrich Spielhagen die Westermann’sche Monatschrift, in der er eine Menge literarisch interessanter und bedeutungsvoller Monographieen veröffentlichte. Von seinen Jugendjahren an hatte sich Karpeles der Heineforschung ergeben. Gegenüber der Verlästerung und Herabsetzung'des großen Dichters, die durch den in den siebziger und achtziger Jahren emporkommenden Antisemitismus nur eine Förderung erfuhren, trat Karpeles mit dem Apparate wissenschaftlich-literarischer Forschungen und Kenntnisse vollgerüstet auf. Mit einem Bienenfleiß sammelte er alles, was auf Heines Schaffen Bezug hatte, und seinen Bemühungen ist es zu danken, wenn manch wertvolles Dokument erhalten blieb. Karpeles hatte auf diesem Wege nicht geringe Hindernisse zu bewältigen, und es ist kein Zweifel, daß der Erfolg schließlich auf seiner Seite war. Dem Lage der zurückgewiesenen Ankömmlinge finden eine anschauliche Schilderung in einem Briefe, den einer von diesen an das New-Yorker Jargonblatt „Vorwärts“ gerichtet hat: „Wir, Ihre unglücklichen Brüder, die wir augenblicklich, auf Eilis Island zwecks Deportation zurückgehalten werden, bitten Sie, unseren Brief zu veröffentlichen, damit unsere Brüder in Amerika erfahren, was wir hier zu leiden haben. Es sind hier Leute aller Nationalitäten, die meisten russische Juden. Viele können aus politischen Gründen nicht nach Rußland zurückkehren. Viele Familien haben auch ihr ganzes Hab und Gut in der alten Heimat verkauft, um damit die Ueberfahrt nach den Vereinigten Staaten zu zahlen. Sie sind jetzt ohne Mittel an ihren Gestaden gelandet, in der Erwartung, daß Freunde ihnen helfen würden, das Leben in diesem Lande neu zu beginnen. Niemand weiß besser als der russische Jude, welche Leiden der Einwanderer erdulden muß, bevor er den hiesigen Boden sicher betreten kann. Zunächst muß er sich unter steter Gefahr der Verhaftuug und durch Bestechung über die Grenze schmuggeln. Dann gibt es noch einige Tage Elend in einer Hafenstadt, bevor er an Bord des Schiffes gehen kann. Die Leiden des unbemittelten Zwischendeckpassagiers sind zu bekannt, um einer Schilderung zu bedürfen. Und nun, im Begriffe hier zu landen, sehen wir uns unerwartet folgender Ordre gegenüber: Fünfundzwanzig Dollars in bar oder dahin zurück, woher ihr gekommen! Hätten wir dies vorher gewußt, wir hätten es wohl auf die eine oder andere Weise ermöglichen können, die verlangten fünfundzwanzig Dollars zusammenzuscharen. Die Lage in diesem unseren Gefängnis (auf Eilis Island) zu beschreiben, ist beinahe unmöglich. Aber einzelnes müssen wir Ihnen doch mitteilen. Wir sind alle zusammengepfercht in einem Raume, der bestenfalls zweihundert Menschen faßt. Augenblicklich sind annähernd tausend untergebracht. Es ist so eng, daß wir kaum Platz genug zum Niederlegen haben, um ein Weilchen der Ruhe zu pflegen. Der Fußboden ist feucht, Schmutzig und mit Auswurf bedeckt. Diejenigen, die am längsten hier sind, konnten nicht einmal ihre Wäsche wechseln, weil wir nicht an unser Gepäck herankönnen. Irgendwo in dem Saale hört man fortwährendes Weinen. Das Weinen und Wehklagen der Frauen und Kinder in dem benachbarten Raume können gewöhnliche Nerven Judenfresser und Hauptanführer der Heinehetze in den letzten Jahren Adolf Bartels hat Karpeles eine beträchtliche Summe von Fälschungen, tendenziösen Entstellungen und Unwissenheit unwiderleglich nachgewiesen. Abgesehen von zahllosen Feuilletons über verschiedene Details aus Heines Leben, die in mehreren Tageszeitungen und Revuen erschienen, hat Karpeles eine kritische Gesamtausgabe von Heines Werken, eine Heinebiographie und etliche Schriften, so über Heines Beziehungen zu seinenZeitgenossen, Uber den Rabbi von Bacharach etc. veröffentlicht. Von wissenschaftlicher Seite, insbesondere in den Kreisen der Universitätsprofessoren, werden diese Veröffentlichungen gleich Karpeles’ anderen literarischen Leistungen („Allgemeine Geschichte der Literatur“, Schriften über Börne, Lenau, Moltke, „Göthe in Polen“, Grabbes Don Juan und Faust etc.) mitunter sehr absprechend beurteilt. Mag nun der wissenschaftliche Wert dieser Schriften — das Urteil überlassen wir den Fachleuten — weniger groß sein, soviel steht fest, daß sie abgesehen von der reichen Fülle des Materials, das hier zusammengetragen ist, auch schon dadurch bedeutend sind, daß sie unendlich viel zur Popularisierung Heines in den weitesten Kreisen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung beigetragen haben. Und namentlich muß es freudig begrüßt werden, daß