Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Obstruktion, Ministerstürzen, nationale und antisemitische Verhetzung. Dazu gesellt sich der Umstand, daß die ungarische Krise nur bis zum Herbste vertagt ist und daß sich dann eine sehr ernste Rückwirkung derselben auf Zisleithanien fühlbar machen wird. Wenn die Kossuthistische Mehrheit zum Zwecke der Aufrechterhaltung der magyarischen Gewaltherrschaft die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechtes vereitelt, dagegen auf ihren separatistischen Postulaten in der Bank- und Armeefrage beharrt, dann tritt die u ngarische Krise in ein akutes Stadium, da im österreichischen Abgeordnetenhause auch nur die geringste Konzession an die magyarische Oligarchie bei allen Parteien ausnahmslos auf den heftigsten Widerstand stoßen würde, in erster Linie auf Seite der a n t i dualistisch gesinnten S ü d s 1 a w e n, die immer intensiver auf eine förderalistische Gestaltung des Gesamtreiches hinarbeiten. Auf förderalistischer Basis ist aber ein Zusammenschluß der christlichsozialkonservativen Elemente der verschiedenen Nationalitäten des Reiches immerhin möglich, insbesonders wenn als Preis ein klerikales Koalitionsministerium winkt. Sapienti sat! Der geheime „Ito “-Tag. Am 15. d. wurde in London die Tagung des „ Internationalen Rates der Ito“ eröffnet. Aus Rußland nehmen 14 Delegierte an der Konferenz teil, darunter Dr. Jassinowski und J. L. Goldberg, aus Frankreich 3, darunter Prof. Slousch, aus der Schweiz 1, aus Oesterrreich 1 (Herr M. Schmidt), aus Deutschland 1 und aus Holland 2. Ueber die Konferenz schreibt der gutinformierte Berichterstatter des „Frankfurter israelitischen Familienblattes“ folgendes: Auf der Tagesordnung stehen sehr wichtige Fragen. Prof. Slousch-Paris wird über das Cyrenaica-Projekt referieren, Dr. Jochelmann-Kiew wird über die Galveston-Immigration berichten; ferner wird noch Margolin-Kiew über „Territorialismus und Assimilation“ referieren. Das Cyrenaica-Projekt gewinnt wieder an Interesse und steht als „territorialistische Möglichkeit“ hinter Mesopotamien nicht zurück. Wie ich heute von sehr zuverlässiger Seite erfahre, ist das Cyrenaica-Projekt seinerzeit nur deswegen fallen gelassen worden, „weil die territorialistisch intereessierten Finanziers für dieses Projekt sich nicht erwärmen ließen“. Die in Betracht kommenden Geldgeber wollten die Verantwortung für die eventuelle Realisierung dieses Planes nicht übernehmen, weil man in Cyrenaica mit häufigen Mißjahren wird rechnen müssen, denn der periodische Regen bleibt oft aus. Soviel mir bekannt ist, hat auch das Mesopotamien-Projekt sehr wenig Aussicht auf Verwirklichung, denn die Finanziers wollen auch für die Verwirklichung dieses Planes kein Geld geben. Weh’ dem Volk, dessen Schicksal von „Philantropen“ bestimmt wird . . . Ein anderer Punkt der Tagesordnung betrifft das Verhältnis der Ito zu anderen jüdischen Organisationen. Ueber diese Frage wird ausführlich referiert werden, ebenso über die Möglichkeit einer Kooperation der Ito mit anderen Parteien. Die Konferenz findet bei geschlossenen . Türen statt. Dank meinem guten Verhältnis zu einigen Ito-Führern war es mir möglich, den Inhalt des Programmes zu erfahren. Die jüdische Presse Londons hat mit Recht dagegen protestiert, daß die Konferenz mit Ausschluß der Oeffentlichkeit tagt, aber es scheint, daß Israel Zangwill die Oeffentlichkeit nicht freigeben wird. Der Grund dieser Geheimtuerei dürfte der sein, daß es auf der Konferenz zu Auseinandersetzungen zwischen zwei extremen Richtungen, den Palästinophilen und der ausgesprochenen Antipalästinensern kommen wird. Der Referent über Cyrenaica, Prof. Dr. Slousch ist, ein Freund des Palästina- Gedankens, ebenso Dr. Jochelmann und seine Freunde. Ebenso ist Israel Zangwill kein eigentlicher Gegner des Palästina-Gedankens. Allein es gibt eine radikale antipalästinensische Richtung, die Palästina am liebsten von der Erdfläche verschwinden sehen würde. Und da heute auch Palästina eine territorialistische Möglichkeit ist und von einigen Palästina-Freunden das Land unserer Väter als territorialistisches Arbeitsgebiet empfohlen werden wird, so wird es, wie mir von maßgebender Stelle versichert wird, zu heftigen Auseinandersetzungen kommen. Wie aus den Aeußerungen fast sämtlicher jüdischer Blätter hervorgeht, ist die Entrüstung über die Geheimerklärung der Beratung des „Ito“-Rates eine allgemeine Es heißt allgemein, daß eine Gesellschaft, welche auf die Mithilfe der Oeffentlichkeit reflektiert, dieser auch reinen Wein einschänken muß, sonst geht das Vertrauen verloren. Wir selbst haben keinen Grund, uns zu erhitzen. Wir haben die Ito nie ernst genommen. Wir erwarten von ihr auch diesmal nichts anderes, als was sie bisher immer tat: die von ihr bei einem gläubigen Publikum genährten Hoffnungen selbst aufs grausamste zu enttäuschen und ein Projekt nach dem andern, das sie vorher als einzige Rettung für das jüdische Volk ausposaunt hatte, bankerott zu erklären. Aus dem jüdischen Leben. Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel vor seinen Wählern. Sofort nach dem Parlamentsschlusse begab sich Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel in seinen Wahlkreis, um den Bericht über seine Tätigkeit und über die Haltung des „Jüdischen Klubs“ zu erstatten. Sonntag den 11. Juli fanden in Monasterzyska zwei große — eine allgemeine und eine jüdische — Wählerversammlungen statt. An der allgemeinen Versammlung nahmen ungefähr 2000 Wähler teil. In einer langen, in ruthenischer und polnischer Sprache gehaltenen Rede, besprach Dr. Gabel die politische Haltung des „Jüdischen Klubs“. Im Verlaufe der Rede beleuchtete er das Verhältnis der zionistischen Abgeordneten zu den Ruthenen. „Wir sind“, sagte er, „an keinen formell geschlossenen Vertrag gebunden. Wir führen eine unabhängige oppositionelle Politik und gehen Hand in Hand mit allen oppositionellen Parteien Galiziens“. Die Rede wurde mit großem Beifalle aufgenommen. Nachdem Dr. Gabel noch einige Interpellationen mehrer Wähler zur Zufriedenheit aller Versammelten beantwortet hatte, wurde ihm einstimmig das Vertrauen für seine parlamentarische Tätigkeit votiert. Hierauf fand in der Synagoge eine große jüdische Wählerversammlung statt. Abg. Dr. Gabel erstattete den Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit im Parlamente: „Wir haben“, sagte er, „die Opposition unterstützt, weil wir die Schwächung des antisemitisch-polnischen Blocks, auf den sich die Regierung Bienerth stützt, erstreben. Unsere Opposition hat keine persönlichen Ziele verfolgt, wie manche polnische Blätter berichteten. Sie bezweckt bloß eine Aenderung des Regierungssystems. Die jüdischen Abgeordneten haben sich jedoch davor gehütet, die Obstruktion zu unterstützen. Damit das Parlament seine großen Aufgaben erfülle, muß es gesunden und darum bestreben wir uns, daß das Parlament als das einzige Mittel zur Vernichtung des verdeckten Absolutismus der österreichischen Regierung zu erhalten. Der „jüdische Klub“ war lediglich darauf bedacht, die jüdischen Interessen zu wahren“. Dr. Gabel berichtet hierauf über die Bemühungen des „Jüdischen Klubs“ in der Schenkerfrage. Der Gesetzentwurf, in den Schenken die unbeschränkte Sonntagsruhe einzuführen, ein Produkt des Polenklubs, ist durch die Bemühungen des „Jüdischen Klubs“ von der Tagesordnung abgesetzt worden. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen berichtete Dr. Gabel über die Audienz beim Ministerpräsidenten, über die Schritte, die unternommen wurden, um den jüdischen Kaufleuten die Offenhaltung ihrer Geschäftslokale am Sonntag zu ermöglichen und über die Bemühungen, die jüdischen Mädchenraube gebührend zu ahnden und ihre Zahl einzudämmen. Zum Schlüsse besprach Dr. Gabel die gegewärtige Lage des Zionismus. Die Ausführungen des bei seinen Wählern beliebten Abgeordneten wurden beifällig aufgenommen. Eine von Herrn Baral eingebrachte Resolution, dem Abg. Dr. Gabel für seine Tätigkeit als Abgeordneter im Parlamente und als Vertreter auf dem Wiener Jüdischen Gemeindetage Dank und das vollste Vertrauen auszusprechen, fand begeisterte einstimmige Annahme. Antisemitische Demonstration in einem rumänischen Theater. Das Budapester Blatt „Esti Ujsag“ meldet aus Bukarest: In Tum-Severin gab es gestern eine große antisemitische Demonstration. Die Tura-Seyeriner Theatergesellschaft führte ein Drama unter dem Titel „Manase“ auf. Das vornehuilich aus Juden bestehende Publikum füllte den Saal his aufs letzte Plätzchen. Nach dem ersten Akt begannen ungefähr dreißig Studenten Lärm zu schlagen, johlten, pfiffen, beschimpften die Juden und sangen den rumänischen Hymnus. Die Polizei schritt ein und wollte die randalierenden Studenten aus dem Theatersaal ausweisen. Diese aber, die die Demonstration vorbereitet, hatten, antworteten damit, daß sie faule Eier auf die Bühne warfen und die Polizisten prügelten, von denen mehrere verletzt wurden. Hierauf wurden mehrere der Studenten verhaftet. Die Vorstellung wurde fortgesetzt. Nach deren Beendigung setzte die Demonstration in noch skandalöserer Weise auf der Straße wieder ein. Die Eltern der verhafteten Studenten begaben sich auf die Polizei und forderten die sofortige Freilassung ihrer Söhne. Mit diesen wurde ein Protokoll aufgenommen, worauf man sie entließ. Nun aber stellten sich die aus der Haft entlassenen Studenten an die Spitze des Pöbels, durchzogen die Straßen und demonstrierten überall gegen die Juden. Sie zogen vor das Kafe l’Europe, wo mehrere Juden friedlich beisammen saßen. Die Demonstranten drangen ein, schrien „Nieder mit den Juden!“ und insultierten die Anwesenden. Die Polizei mußte wieder einschreiten und die bedrohten jüdischen Familien nach Hause eskortieren, um sie vor weiteren Tätlichkeiten zu schützen. Die Skandale hielten bis spät in der Nacht an. Die Taufseuche in Rußland. Man schreibt uns aus St. Peterburg: In der letzten Zeit hat sich im Leben der russischen Juden eine neue, bis jetzt unbekannte Erscheinung geltend gemacht. Viele jüdische Studenten, welche infolge der strengen Maßregeln betreffend ihre Aufnahme an russischen Hochschulen, gezwungen waren, auf das Hochschulstudium zu verzichten, lassen sich taufen. In Elisabethgrad sind vor zwei Wochen acht Juden zum Christentum übertreten; wie es verlautet, taten sie das mit Einwilligung ihrer Eltern. In der Zeitschrift „Unser Leben“ in Warschau wird geschrieben, daß viele Eltern ihren Kindern raten, sich taufen zu lassen. Ein Jude hat sogar — was noch nie in jener Gegend geschah — seine unmündigen Kinder, welche eine Handelsschule besuchen, taufen lassen. Einer andern Nachricht zufolge wandten sich 15 jüdische Studenten, welche das Reifezeugnis erhalten haben, an einen evangelischen Pastor mit der Bitte, sie zu taufen. Der Pastor wies sie ab und verlangte, daß die Studenten zuvor ein halbes Jahr evangelischen Religionsunterricht genießen. Diese Verzögerung war aber den jungen Israeliten nicht genehm und sie begaben sich zu einen orthodoxen Prister, der ihre Bitte sofort erfüllte. Die Behörden erklärten darauf den neuen Rechtgläubigen, daß sie nun anstandslos an der Universität Aufnahme finden würden. Eine neue Beschränkung für Emigranten in Nord-Amerika. Aus New-York wird geschrieben : Nach einer neuerlichen Bestimmung des Emigrations-Kommissärs William Williams sollen die Schiffahrtsgesellschaften von jetzt ab nur solche Zwischendeck-Passagiere nach Nordamerika befördern, die mindestens 25Dollar außer den gesamten Reisekosten besitzen. Der Kommissär hat dabei offen erklärt, er wünsche die ärmeren Emigrantenklassen von Amerika fernzuhalten. Die im New Yorker Port eingetroffenen Einwanderer, die von dieser neuen Bestimmung noch keine Kenntnis hatten, sind durch dieselbe in eine verzweifelte Lage geraten. Mit dem „Rindam“ der Hamburg-Amerika- Linie sind über 300 Passagiere der II. Klasse und 800 Zwischendeckpassagiere angekommen. Von den ersteren besaßen 215, von den letzteren etwa 500 keine 25 Dollars. Sie alle sollten nun als „unerwünschte Elemente“ zurückgeschickt werden. Herz zerreißende Szenen spielten sich unter diesen Unglücklichen ab. In den Einwanderer-Logis auf Ellis- Island herrschte eine nie dagewesene Enge und Ueberfüllung. Auf das Flehen und Jammern der Betroffenen erklärte der Kommissär, er werde diesmal noch ausnahmsweise gestatten, daß sie von ihren Verwandten abgeholt werden, wenn diese die Garantie dafür übernehmen, daß die Einwanderer dem Staat „nicht zur Last fallen“ würden. Von der neuesten Beschränkung werden die jüdischen Emigranten am härtesten betroffen, da sie nach den statistischen Feststellungen am wenigsten Barmittel besitzen. Und wenn die neue Bestimmung in der Weise Anwendung finden sollte, daß jeder einzelne Emigrant, nicht jede Familie, 25Dollar besitzen muß, so bleibtNordamerika für die jüdische Massenemigration so gut wie geschlossen!